2018, Alte Kanti, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 27, Verabschiedung

«All the world’s a stage, (..) And one woman in her time plays many parts.»

adaptiert von Jaques in Shakespeares «As You Like It»

Erster Akt: Gegen Grau

Als die Fachschaft der Anglisten im Sommer 2017 ein Pub-Quiz austüftelte, mochte sich niemand mehr recht erinnern, wie das gewesen war, als Brigitte Statzer 1991 ihre Lehrtätigkeit an der AKSA aufgenommen hatte. Damals sind die Lehrpersonen mehrheitlich männliche ältere Semester und tragen ehrwürdig den Titel «Professor». Mit Elan, Biss und rotem Lippenstift macht sich Brigitte daran, ein wenig mehr Farbe in diese graue Eminenz zu bringen. Ihre Debattierlust im Lehrerzimmer beeindruckt auch die Skeptiker. Mit der gemächlichen Ruhe auf der Kleinbühne «Lehrerzimmer» ist es zwischenzeitlich vorbei.

Zweiter Akt: Unterrichtskunst

Mit grosser Souveränität tritt Brigitte in den folgenden Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten, nämlich die des Klassenzimmers, auf – und die Vorstellungen sind immer ausverkauft. Mit einem vollen Pensum jongliert sie die Schülerinnen und Schüler, die Koordination der Cambridge Prüfungen und vielseitige Projektwochen in Manchester und der Schweiz. Die Schülerinnen und Schüler im Publikum müssen bei den interaktiven Performances immerzu ihr Bestes geben und freuen sich über die besondere Kostümierung und die Blumen auf dem Tisch, die bei keiner letzten Szene, der mündlichen Matura, fehlen dürfen.

Dritter Akt: Tanztheater

Auf der Fachschaftsbühne beweist Brigitte ihre tänzerischen Fähigkeiten. Gemeinsam mit Andrea Kaltenrieder leitet sie die Fachschaft der Anglisten während neun Jahren mit eleganten Schritten. Sie beherrscht dabei den Walzer im Gleichschritt mit den Schauspielerinnen und Schauspielern der Fachschaft, die Zwischenschritte mit den Regisseuren der Schulleitung und kann dabei mühelos auch einige notwendige Pirouetten drehen.

Vierter Akt: Nebenbühnen

Es ist kaum zu glauben, auf wie vielen Nebenbühnen Brigitte in all den Jahren auftritt. Die Vorstellungsorte sind durchaus international. In Chinesisch, zum Beispiel, erlangt sie das beachtliche Niveau B1. Wie in einem Stück von Shakespeare tauscht sie sich mit den unterschiedlichsten

gesellschaftlichen Gruppen aus, sei es in Englischkursen für Senioren bei Pro Senectute oder Deutschkursen für Asylsuchende. In all diesen mannigfaltigen Produktionen beweist Brigitte ihre grosse Flexibilität und Wandelbarkeit.

Fünfter Akt: Der leere Spielkalender

Zum Schluss des letzten Aktes äussert Brigitte den Wunsch nach einer leeren Agenda. Bei ihrer Liebe zum Theater und zur Oper wissen wir bereits, wie schwierig die Erfüllung dieses Wunsches ist; schliesslich ist der Spielkalender immer voller interessanter Darbietungen. Nun hat Brigitte die absolut freie Qual der Wahl der Bühnen und Rollen. Ihr Abgang von der Kanti-Bühne hinterlässt eine grosse Lücke. Zum Glück aber wissen wir, dass sie nicht wehmütig zurückschaut, sondern sich nach dem Motto «What’s past is prologue» mit gewohnter Leidenschaft Neuem widmet.

Oder, wie es Prospero in Shakespeares «The Tempest» formulieren würde: «Be free, and fare thou well! –The world is thine oyster!»

Von Dina Wild, Englischlehrerin