Von Zahra Ali, G25L
Wenn Menschen an Indien denken, fällt ihnen oft zuerst der Taj Mahal ein. Er ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Indiens, gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und gilt als Symbol der Liebe, da er von Kaiser Shah Jahan für seine Frau Mumtaz Mahal erbaut wurde. Mir kommt jedoch etwas ganz anderes in den Sinn, wenn ich an Indien denke: der ganz gewöhnliche Alltag. Das tägliche Leben in Indien unterscheidet sich stark vom Leben in Europa. Ich bin in Vadodara, das auch Baroda genannt wird, im Bundesstaat Gujarat, geboren und dort aufgewachsen. Baroda ist der frühere Name der Stadt aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft, während Vadodara heute der offizielle Name ist. Im November 2016 bin ich mit meiner Familie erst nach Frankreich und danach im Mai 2021 in die Schweiz gezogen. Der Grund war der Arbeitgeber meines Vaters, der ihn nach Europa versetzte.
Die Menschen stehen in Indien oft sehr früh auf. Der Milchmann kommt bereits zwischen 6:30 und 7:30 Uhr morgens und liefert frische Milch in kleinen Plastikbeuteln direkt vor die Haustür. Das passiert jeden Tag. Auch Obst und Gemüse werden oft nicht im Supermarkt gekauft. Viele Familien kaufen ihre Lebensmittel bei Straßenhändlern. Im Bungalow meiner Grosseltern konnte man morgens und am Nachmittag die Händler hören, die laut die Namen ihres Gemüses riefen. Meine Grossmutter oder mein Grossvater gingen dann hinaus und riefen ihnen zu, was sie kaufen wollten.
Auch der Schulalltag unterscheidet sich von dem in der Schweiz. Ich stand jeden Morgen gegen 6 Uhr auf, duschte, zog meine Schuluniform an und wartete auf den Schulbus. Um 7 Uhr begann die Schule. Jeden Morgen sangen wir die Nationalhymne. Danach wurden wichtige Informationen bekanntgegeben. Ausserdem kontrollierten die Lehrkräfte regelmässig, ob unsere Fingernägel geschnitten waren und ob wir keinen Nagellack trugen. Mädchen mussten ihre Haare zu einem Zopf oder einem Pferdeschwanz binden, und Jungen durften keine langen Haare haben.
Auch nach der Schule war ich sehr beschäftigt. Als ich noch klein war, spürte ich den schulischen Druck zwar nicht so stark, aber viele ältere Schülerinnen und Schüler besuchten nach der Schule zusätzlich Nachhilfeunterricht. Ich kam meistens gegen 14:30 Uhr nach Hause, ass zu Mittag und erledigte meine Hausaufgaben. Danach spielte ich fast jeden Tag mit meiner besten Freundin. Das war der schönste Teil des Tages. Das soziale Leben in Indien ist sehr ausgeprägt. Man begegnet ständig Menschen, und es ist fast unmöglich, wirklich allein zu sein. Meistens sind Nachbarn, Verwandte, Hausangestellte oder andere Besucher in der Nähe. Meine Eltern sagen oft, dass das Leben in Indien anstrengender ist als in Europa. Das liegt nicht nur an den vielen Menschen, sondern auch an der Hitze, den langen Wegen, dem starken Verkehr und daran, dass man das Haus jeden Tag putzen muss. Die Menschen sind dort ausserdem oft gesprächiger und gastfreundlicher. In der Schweiz wirken viele Menschen eher zurückhaltend und weniger extravertiert.
Ich habe meine Zeit in Indien sehr genossen, auch wenn ich die Schule damals nicht besonders mochte. Heute vermisse ich meine Familie und meine Freunde sehr, da ich sie seit meinem Umzug in die Schweiz nur selten sehe. Ich hoffe, dass ich sie bald wieder besuchen kann, um das leckere Essen zu geniessen und alte Erinnerungen aufleben zu lassen. Apropos Essen: Die indische Küche ist so köstlich, dass man ihren Geschmack nie vergisst. Die besten Köchinnen sind natürlich meine Grossmütter und meine Mutter, aber eigentlich kann fast jede Familie in Indien hervorragend kochen.
Meine Muttersprache ist Hindi, aber Indien ist sprachlich sehr vielfältig. Neben Hindi werden viele weitere Sprachen gesprochen, zum Beispiel Gujarati, Bengali, Tamil, Telugu, Marathi oder Punjabi. Welche Sprache Menschen sprechen, hängt oft davon ab, aus welcher Region sie kommen. Diese sprachliche Vielfalt macht Indien zu einem besonders
vielfältigen Land und ist ein wichtiger Teil seiner Kultur.
