2024, Aktuelles, Alte Kanti, Essay, Kultur, Sage & Schreibe Nr. 39

Anna Felder. Eine literarische Würdigung 

Von Ernst Strebel
Im November 2023 ist Anna Felder verstorben. Neben ihrer Lehrtätigkeit an der Alten Kanti schrieb sie ein literarisches Werk, das grosse Beachtung fand und 2018 mit dem Grand Prix Literatur des Bundesamtes für Kultur (BAK) ausgezeichnet wurde.

Als 1975 ihr zweiter Roman, La disdetta («Umzug durch die Katzentür»), im renommierten Einaudi-Verlag erschien, schrieb Bruno Bolliger, Literaturwissenschafter und Lehrer für Deutsch und Philosophie an unserer Schule, in einer Rezension im «Aargauer Tagblatt» von der «Entdeckung einer kleinen, verborgenen, aber in ihrer Stille einzigartigen dichterischen Welt», und er wies auf Eigenheiten von Anna Felders Werk hin, die auch alle ihre späteren Texte kennzeichnen: «Anna Felder hat mit ihrer Katzengeschichte eine literarische Form gefunden, die ihr erlaubt, mit verschiedenen Perspektiven zu spielen, Ernstes auszusprechen ohne das Lachen zu verlieren, ironische Distanz zu halten, ohne das Leben zu verachten.» Dieses Spiel mit Perspektiven gibt den Lesenden immer wieder die Möglichkeit, Vertrautes, Alltägliches in neuen Sinnzusammenhängen zu sehen.

Zwei Erzählungen seien hier besonders empfohlen: «Geschwinde Wehmut» (in No grazie, Limmat 2002; im Original «Veloce mestizia», in Nati complici, Casagrande 1999) und «Ein Kuss in der Dritten» (in Circolare , Limmat 2018; im Original Un bacio in terza, in Liquida, Edizioni Opera Nuova, 2017). In «Geschwinde Wehmut» wird eine Klassenzusammenkunft, zu der auch der Lehrer eingeladen ist, so beschrieben, dass diese rituelle Zusammenkunft in ungewohnter Perspektive erscheint (u.a. ist von den «Dialekthänden» der Ehemaligen die Rede, und der Lehrer fragt sich, «ob jemand das Schweigen des Wassers in sich trüge»). «Ein Kuss in der Dritten» spielt im Neubau der Alten Kantonsschule, dem sogenannten Aquarium; vieles ist denjenigen, die einst den Unterricht darin besuchten (oder es heute tun), vertraut: das Verhalten der Wartenden vor den Lifttüren und vor den Schulzimmern, die Dachterrasse, die Platanen vor dem Gebäude. Aber die Studierenden sind auch Fische, die Schlüssel Sardinen, die Fahrstühle Luftblasen, und vor allem ist da eine Marina, die nach einem Kuss oben auf der Terrasse des Aquariums ganz allein mit dem Lift fahren will, obwohl viele Wartende hereindrängen möchten: nicht das einzig Rätselhafte in dieser an Motivverknüpfungen reichen Erzählung.

Denjenigen, die Anna Felders Texte lesen möchten, sie aber nicht in der Originalsprache lesen können, seien die Übersetzungen und die Originale empfohlen, denn die Texte der Autorin, eigentliche Prosagedichte, sind gekennzeichnet durch tiefgründige Wortspiele und Klangketten, die nur schwer oder nicht übersetzbar sind.

Ernst Strebel war an der Alten Kanti von 1978 -2015 Italienischlehrer im Teilamt.
Julie Courcier Delafontaine: «Atlas. La storia di Pa’ Salt» von Lucinda Riley (auf Deutsch im Goldmann Verlag erschienen.)

AULA präsentiert das Werk von Anna Felde

Anna Felder war auch Mitglied der AULA, der Alumni-Vereinigung der Alten Kanti. Zusammen mit der Società Dante Alighieri wird die AULA am 8. 12. 2024 in der Aula der Alten Kantonsschule eine Matinee ausrichten, in der das literarische Werk von Anna Felder ebenso wie ihr Wirken als Lehrerin an unserer Schule gewürdigt werden.

Bild: Anna Felder | Ladina Bischof | www.ladinabischof.ch