2026, Aktuelles, Bericht, Druck, Im Fokus, Sage & Schreibe Nr. 43

Bibliotheken unter Druck

Von Caroline Süess, stellvertretende Leiterin Medienzentrum

Wer erinnert sich nicht an die Lesestunden mit Anne Frank in der Prinsengracht 263. Wer war nicht überzeugt, die Bildungsstätte Hogwarts habe die eigenen magischen Fähigkeiten verbessert. Zwei Bücher, viele (Jugend-)Erinnerungen. Aber nicht für alle. Denn beide Titel stehen auf der Liste der «Banned Books», die Schulbibliotheken in gewissen Staaten Nordamerikas vorschreibt, wie der Medienbestand auszusehen hat. Doch nicht nur dort, auch andernorts gilt es, (junge) Menschen vor angeblich verstörenden Inhalten zu bewahren. Die Liste umfasst mittlerweile rund 25’000 Titel. Im Blick sind insbesondere Themen wie Queerness, Geschlechtergerechtigkeit oder Sexualität

Bibliotheken und Demokratie
Manche sagen, die Demokratie beginne in den Bibliotheken. Das macht sie zu Orten mit besonderer Verantwortung. Wobei ihre Aufgabe heutzutage weitaus vielfältiger ausfällt als noch vor wenigen Jahren. Bibliotheken jonglieren heute mit vielen Bällen: Medienbestand, Qualitätskriterien, Inklusion, Raumgestaltung, Abhängigkeiten von Leistungsträgern und politischen Strömungen – und nicht zuletzt dem Wunsch aller, sich wohl und aufgehoben zu fühlen.

In Bezug auf den Medienbestand lässt sich sagen: Bücher sind nach wie vor gefragt. Aber sind sie wichtiger als die Lernplätze, die man mit einer gezielten Bestandsreduktion anbieten könnte? Überhaupt – wer will denn noch physische Titel, es gibt heute ja alles digital. Dies ist eine Argumentation, die man immer wieder hört. Fragt man die Nutzerinnen und Nutzer, gibt es keinen klaren Gewinner, denn die Art der Medien ist immer auch abhängig vom Kontext, in dem sie verwendet werden. Zugang, Haptik und Langzeitarchivierung, diese Punkte spielen für Bibliotheken eine Rolle beim Kaufentscheid. Der Druck? Die beste Lösung für die zur Verfügung stehenden Ressourcen und die Nutzenden zu finden. Da spielen immer auch gesellschaftliche Bewegungen eine Rolle. Die immer länger werdende Liste der «Banned Books» etwa ist Ausdruck eines starken konservativ-religiösen Strömung in den USA. So zeigt sich, in welcher Abhängigkeit Bibliotheken von ihren Kostenträgern und den gesellschaftlichen Bewegungen stehen.

Digitale Bestände sind für Bibliotheken also ebenso wichtig wie physische Medien. Ihr Manko: Sie sind weniger sichtbar und müssen deshalb differenziert beworben werden. Was sich beide teilen, sind die Anforderungen an die inhaltliche Qualität.

Als Mediothek der Alten Kanti in einem demokratischen Land sind wir in vieler Hinsicht privilegiert. Der Bestandsaufbau richtet sich nach den Lehrplänen der Schule und den definierten Anforderungen an ein Medienzentrum. Entsprechend dem Leistungsauftrag wird fokussiert eingekauft. Lesende, Nutzende und Lehrpersonen haben durch Rückmeldungen einen Einfluss darauf, was angeboten wird. Bibliothekarinnen und Bibliothekare des Medienzentrums der Alten Kanti stellen sicher, dass möglichst viele Themen ausgewogen abgedeckt sind, kontextorientiert und nicht tendenziös.

Qualität im Fokus
Nicht zuletzt um Qualität also geht es. Die Verlage der Sach- und Fachliteratur sollen wissenschaftlich ausgerichtet und aktuell sein, fundierte Informationen anbieten. Mehr Spielraum gibt es bei der Belletristik. Wobei dort die klassische Maturalektüre und die zeitgenössische Literatur Vorrang haben. Die Unterhaltungsliteratur hat selbstverständlich auch ihren Platz. Was bei allen gilt: Aktualität, rasche Verfügbarkeit und die Legitimation, die begrenzten Ressourcen zu nutzen.

Rund 30’000 physische und digitale Medientitel haben im Medienzentrum der Alten Kanti ein Zuhause. Dazu kommen die Geräte und Spiele. Das alles will ansprechend und nachvollziehbar präsentiert sein. Eine Herausforderung – zumal Lehr- und Arbeitsplätze immer gefragter sind. So ist es nicht einfach, einen guten Mix zwischen Ruhe und Diskussionslautstärke zu finden.

Insgesamt gilt es nicht nur für das Medienzentrum der Alten Kanti, den vielfältigen Bedürfnissen der Benutzerinnen und Benutzer ebenso gerecht zu werden wie den eigenen Ansprüchen an ein medial diverses, vielfältiges, qualitativ hochstehendes, politisch ausgewogenes und aktuelles Angebot.