Gibt es ein Produkt, das die Bezeichnung «alltäglich» zurecht trägt, dann ist das wohl das Toilettenpapier. In diesen unscheinbaren Rollen steckt eine lange, faszinierende Geschichte voller innovativer Prozesse. Die Cartaseta AG in Gretzenbach produziert täglich eine Million dieser Rollen. Geschäftsführer Roberto Todaro gewährte sage&schreibe Einblick in die Herstellung des vielleicht alltäglichsten aller Produkte.
Von Denny Hofmann und Mirco Manco, G23B
Es ist kurz vor Mittag, als wir die Fabrik in Gretzenbach betreten. Ein feiner Duft von Holz und Industrie liegt in der Luft. Unser Gesprächspartner erwartet uns bereits: Roberto Todaro, Geschäftsführer der Cartaseta AG. Ein Mann, der sein Leben der Toilettenpapierherstellung gewidmet hat. Er kennt jeden Winkel dieser Fabrik und strahlt vor Begeisterung, als er uns durch die ersten Räume führt. Er wirkt nicht, als würde er eine Pflicht erfüllen, sondern eher, als würde er uns etwas zeigen, das ihm wirklich am Herzen liegt. Wir gehen durch Labore, Maschinenräume, Büros und schliesslich ins gigantische Lager. Aufbereitetes Altpapier auf Paletten von je 500 Kilogramm und Zellstoff in Ballen von je 250 Kilogramm. Manche Pakete schimmern reinweiss, andere gelblich. Wir fühlen uns sehr klein.
Das Altpapier
Zurück in einem der Maschinenräume. «Für die Herstellung unseres Toilettenpapiers verwenden wir 60 bis 70 Prozent Altpapier», erklärt Todaro und weist auf die Reinigungsmaschinen. Sie sorgen dafür, dass, dass die Altfasern wieder zu einem reinen Rohstoff werden. Und das ist ein komplexer Prozess. Zahlreiche Arbeitsschritte müssen durchlaufen werden, bevor überhaupt an die Produktion von Papier zu denken ist: Metallabscheider, Kunststofffilter, Sortieranlagen. «Nur so ist die von uns angestrebte Nachhaltigkeit gewährleistet.» Er zeigt auf ein paar Beispiele von ausgeschiedenem Material: Druckerschwärze, Heftklammern, Büroklammern. «Altpapier birgt viele Überraschungen», sagt Todaro und schmunzelt. «Aber alles muss raus, denn wir wollen sauberes und hochwertiges Papier.»
Die Papiermaschine
Wir werden zur Papiermaschine geführt. Ein riesiges High-Tech-Konstrukt, das täglich zwischen 75 und 80 Tonnen Papier ausspuckt – das Ausgangsprodukt für die Weiterverarbeitung. Insgesamt verarbeitet Cartaseta nicht weniger als eine Million Rollen pro Tag, sauber, weich, mehrlagig. Diese Zahl wirkt fast absurd, bis man sieht, wie intensiv und produktiv hier gearbeitet wird.
Der Herstellungsprozess ist eine Kunst für sich und Resultat jahrelanger, kontinuierlicher Innovation. Zellstoff- oder Recyclingfasern werden in 98 Prozent Wasser aufgelöst; so entsteht eine breiige Substanz, die über einen Filz durch Walzen transportiert wird, bevor sich die Konsistenz ändert. Von den ersten Walzen wird Wasser mechanisch rausgepresst, bevor der Masse in einem raffinierten, vakuumbasierten Verfahren die Feuchtigkeit entzogen wird. Schliesslich wird das Rohprodukt vollständig getrocknet. «Temperatur, Druck, Feuchtigkeit», erklärt Todaro, «alles muss stimmen. Schon kleine Abweichungen bringen den gesamten Prozess durcheinander. Das Geheimnis liegt in den Details.» Roberto Todaro hebt den Zeigefinger, halb im Scherz, halb im Ernst.
Wir sind jetzt richtig neugierig geworden. Wie viel Langfaser-, wie viel Kurzfasermaterial wird verwendet? Welche Maschineneinstellungen garantieren den Erfolg? Wie genau wird Feuchtigkeit entzogen? Wie schnell wird getrocknet? Todaro winkt ab, und wir verstehen, beim Toilettenpapier ist es nicht anders als bei gewissen Lebensmitteln oder beim Appenzeller Käse: die Rezeptur ist und bleibt Geschäftsgeheimnis. Das gilt natürlich insbesondere für das einzige sechslagige Toilettenpapier der Welt, das auch auf diesen Maschinen produziert wird.
Toilettenpapier und Küchenrolle
Wir erfahren auch den Unterschied zwischen dem Toilettenpapier und dem Papier für Küchenrollen. Ersteres wird absichtlich so produziert, dass es sich leicht auflöst, um keine Abflüsse zu verstopfen. Küchenrollenpapier soll saugfähig und gleichzeitig reissfest sein; deshalb wird in der Produktion Nassfestmittel beigefügt, damit die gewünschte Qualität erreicht wird. Und wo wir schon so tief in den Details sind, fragen wir Roberto Todaro, wie man denn eigentlich Papierrollen richtig verwendet. Soll das Papier über- oder unterhängen? «Überhängen, natürlich!», sagt Todaro und lacht herzhaft.
Science Fiction im Labor
Im Labor treffen wir auf Messgeräte, die ebenso gut Requisiten aus einem Science-Fiction-Film sein könnten: Eine sündhaft teure Waage, die auf vier Dezimalstellen genau wägt, ein Exsikkator, der die Restfeuchtigkeit aus dem Papier zieht, ein Veraschungsofen mit einer Maximaltemperatur von 650 Grad. Alles, so scheint es, wird hier gemessen, kalibriert und überprüft. «Natürlich», sagt Todaro. «Wir machen das seriös hier.» Der Labormitarbeiter ergänzt, genau das mache eben letztlich die Qualität aus, denn jede Stunde werde eine Probe gezogen. So viel Genauigkeit ist auch nötig, zumal auch kleinste Unregelmässigkeiten sich fatal auswirken können. Falls ein Mess- ergebnis ausserhalb der Toleranzen liegt, werden alle Maschinen angehalten. Geschieht dies nicht umgehend, müssen schlimmstenfalls 120 Paletten aussortiert werden.
Präzision und Qualität
Als bedürfte es eines Beweises für die Bedeutung von Präzision und Qualität, erzählt Roberto Todaro von der Corona-Zeit. «2020 sind unsere Auftragsbücher explodiert. Plus 400 Prozent – praktisch von heute auf morgen. Qualität ist auch in der Krise gefragt.» Cartaseta musste umdenken, die Produktionsabläufe und das Sortiment neu strukturieren. «Planwirtschaft statt Marktlogik», sagt Todaro. Drei Schichten, sieben Tage die Woche. Die Produktevielfalt wurde reduziert, man konzentrierte sich auf das Wesentliche und verkaufte zu fairen Konditionen.
Auf dem Rückweg durch die Fabrik schwirren uns noch einmal die Begriffe durch den Kopf, die für die Cartaseta so wichtig sind: Innovation, Recycling, Rezeptur, Nachhaltigkeit, Effizienz, Präzision, Qualitätskontrolle. – Dann der Gedanke, der uns zugleich überrascht und beruhigt: So vieles also muss zusammenkommen für das wohl alltäglichste Produkt. Blatt für Blatt, Rolle für Rolle.

Bild: Navid Fathi
