Die Spuren der Vergangenheit sind in unsere Landschaft eingeschrieben. Wer weiss, wohin schauen, erkennt in Landschaftsformen, Gesteinsschichten, Fossilien und archäologischen Funden eine Geschichte, die sich nicht in Jahrhunderten, sondern in Jahrtausenden und Jahrmillionen geschrieben hat. Eine Geschichte, in der sich Landschaften, Klima, Lebewesen und schliesslich Gesellschaften immer wieder verändert haben – und in der manches doch geblieben ist.
Von Joëlle Kämpf, Geografielehrerin
Oft müssen wir gar nicht weit gehen, um Spuren der Erdgeschichte zu begegnen. Manchmal reicht ein Spaziergang durch die eigene Stadt, in meinem Fall die Berner Altstadt.
Beim Betrachten des Berner Münsters mit seinen imposanten Türmen und filigranen Verzierungen denkt man zunächst an Baukunst aus mehreren Jahrhunderten oder an die Geschichte der Stadt Bern. Wenn wir uns aber für die erwähnten Jahrmillionen von Geschichte interessieren, lohnt es sich, näher an die Mauern des Münsters heranzutreten und das Baumaterial genau unter die Lupe zu nehmen. Es fühlt sich rau an, und feinkörnig. Seine Farbe liegt zwischen olivgrün und grau, und wenn es nass wird, scheint der Stein das Wasser förmlich in sich aufzusaugen. Das Berner Münster ist aus dem sogenannten Berner Sandstein gebaut. Damit ist es in Bern in guter Gesellschaft, denn auch der Rest der Altstadt und sogar Teile des Bundeshauses – bestehen aus diesem Gestein, das Bern sein charakteristisches Aussehen verleiht.
Dieser Berner Sandstein führt ganz unerwartet zurück in eine Landschaft, die schon seit Millionen von Jahren nicht mehr existiert. Der graugrüne Sandstein entstand nämlich in der Zeit vor etwa 21 bis 17 Millionen Jahren, als die Meeresspiegel anstiegen und das Mittelland überflutet wurde. Bern lag gewissermassen unter dem Meeresspiegel im Küstenbereich eines tropischen Meeres. Wo heute Spaziergänger und Touristinnen durch die Altstadt bummeln, schwammen damals Haie und Seekühe vorbei. Auch Wale und Fische tummelten sich im warmen Wasser der sogenannten Paratethys, während Seeigel, Schnecken, Muscheln, Krabben und Seesterne am Meeresboden herumkrabbelten und Wassserpflanzen in der Strömung hin- und herwogten. Ihre Spuren haben sie in der Form von Fossilien hinterlassen.
Der Sandstein selbst entstand über den Verlauf von mehreren Millionen Jahren in diesem schmalen tropischen Flachmeer. Aus den wachsenden Alpen entsprangen Flüsse, die in der Nähe von Bern in die Paratethys mündeten. Der feine Sand, den sie aus den Bergen mitbrachten, wurde ins Meer hinausgeschwemmt, durch die Gezeitenströmungen weiter verteilt und zu Sandbänken aufgehäuft. Über die darauffolgenden Jahrmillionen haben sich diese Sandbänke zu den mächtigen Sandsteinschichten der Umgebung Berns verfestigt.
Nach dem Verschwinden des Meeres wurde die Landschaft des Mittellandes durch Gletscher und Flüsse weiter ausgeformt, Wälder breiteten sich aus und schliesslich siedelten sich Menschen an. Und als es dann im 15. Jahrhundert in Bern darum ging, ein Münster zu bauen, bot sich der Sandstein als Baumaterial gleich vor der Haustür an.
Doch nicht nur Seekühe und Meere der Urzeit sind im riesigen Spurenarchiv unserer Umwelt verewigt. Spannend sind auch die Spuren, die wir Menschen seit Beginn unserer Existenz hinterlassen haben. Dabei sind nicht alle Spuren einfach zu entdecken. Insbesondere wenn es um Leben und Zusammenleben unserer frühen Verwandten geht, müssen wir oft sehr genau hinschauen, um mehr zu erfahren.
Ein Beispiel dafür ist der alte Mann von La Chapelle (LCS1), dessen Grab 1908 in der französischen Gemeinde La Chapelle-aux-Saints gefunden wurde. LCS1 war ein Neandertaler, also ein Mensch der Art homo neanderthalensis, der vor 60’000 Jahren lebte. Zum Zeitpunkt seines Todes war er 40 bis 45 Jahre alt, für die damalige Zeit ein beachtliches Alter. LCS1 wurde von seinen Mitmenschen in einer Vertiefung beerdigt und mit Sediment, das sich von der Umgebung unterscheidet, bedeckt. Sein Grab allein war schon eine kleine Sensation: Es zeigte, dass Neandertaler ihre Toten bestatteten. Dass sich die Menschen um ihre Verstorbenen kümmerten und wohl auch um sie trauerten, zeigt, dass wir mit unseren Vorstellungen von grobschlächtigen, «unzivilisierten» Neandertalern falsch lagen.
Doch es sind die Knochen von LCS1 selbst, an denen wir die berührendsten Spuren menschlichen Zusammenlebens finden können: Sein Skelett ist ein Zeugnis menschlicher Fürsorge.
LCS1 hatte kein leichtes Leben, wie seine Knochen auch heute noch eindeutig zeigen. Er litt über längere Zeit an fortgeschrittener Arthritis im Rücken, war fast zahnlos, und hatte eine schwere Entzündung im linken Hüftknochen. Während der letzten 12 Monate seines Lebens konnte er sich wohl kaum noch fortbewegen. Und dennoch lebte er über Monate weiter. Jemand muss ihm Nahrung gebracht, ihn gepflegt und vielleicht sogar getragen haben. Diese Spuren zeigen uns: Empathie, Gemeinschaftssinn und Fürsorge sind nicht etwa moderne Erfindungen, sondern gehören seit Urzeiten zum Menschsein dazu. Diese Erkenntnisse sind für die Wissenschaft ebenso wertvoll wie für unsere Gesellschaft. Denn sie erinnern daran, dass Menschlichkeit nicht erst mit Sesshaftigkeit oder Zivilisation beginnt – sondern tief in unserer Geschichte verwurzelt ist.
Doch während wir in unzähligen Spuren die Geschichten früherer Zeiten lesen können, stimmt das alles auch nachdenklich. Nicht alles, was passiert, hinterlässt Spuren. Nicht alle Spuren überdauern die Jahrtausende und Jahrmillionen. Vieles zerfällt, verwittert oder wird von Neuem überformt. Was bleibt übrig, wenn eine Landschaft erodiert? Was bleibt von einem Tier, das nicht versteinert? Welche Sprachen, Traditionen und Vorstellungen teilten frühe Menschen miteinander? Es gibt Lücken, die wir nie werden schliessen können. Das Gedächtnis unserer Landschaften, Lebewesen und Gesellschaften ist unvollständig.
Seit der Zeit von LCS1 haben wir Menschen unsere Umwelt immer stärker beeinflusst, immer mehr und deutlichere Spuren hinterlassen. Inzwischen ist deshalb sogar vom «Anthropozän» die Rede, also vom neuen Zeitalter der Menschen. Während das Anthropozän bisher nicht als offizielle Epoche gilt, lässt sich nicht leugnen, dass sich die Spuren unserer Tätigkeiten mehr und mehr in unserer Umwelt abzeichnen.
Die Frage ist nicht nur, was von uns übrigbleiben wird, sondern auch: Welche Spuren wollen wir hinter- lassen?»
Inzwischen leben mehr als acht Milliarden Menschen auf der Erde, und wir gestalten sie unseren Bedürfnissen entsprechend um. Dazu tragen wir auf der Suche nach Rohstoffen ganze Landschaften ab, wir stauen Flüsse, roden Wälder und transportieren Tier- und Pflanzenarten um den Globus. Wir setzen Treibhausgase, Pestizide, Kunstdünger und Plastik in die Umwelt frei. In diesem Licht sind Spuren nicht nur Zeugnisse der Vergangenheit, sondern vielleicht auch Weg- weiser für die Zukunft. Die Frage ist nicht nur, was von uns übrigbleiben wird, sondern auch: Welche Spuren wollen wir hinterlassen? Es bleibt zu hoffen, dass in Tausenden oder gar Millionen von Jahren neugierige Geister die Möglichkeit haben werden, die Spuren der heutigen Landschaften mit der gleichen Faszination zu lesen, mit der wir heute vom Berner Münster Rückschlüsse auf die tropischen Meere des Miozäns ziehen können. Und dass sie, wie bei unserem frühen Verwandten LCS1, in unseren Hinterlassenschaften nicht nur die Probleme unserer Zeit finden werden, sondern auch Spuren unserer Fürsorge, Zusammenarbeit und Menschlichkeit.

Bild: Joëlle Kämpf


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