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Sichere Häfen für Kinder mit Bindungsstörung

Unser Selbstwert hat sehr viel mit Nähe und sicheren Bindungen bereits im Säuglings- und Kindesalter zu tun. Die Tatsache aber, dass 40 bis 50 Prozent der Menschen als Kind eine unsichere Bindung erfahren haben, lässt aufhorchen. Prof. Dr. Guy Bodenmann, ein führender Experte in der klinischen Paar- und Familienpsychologie, gibt im Interview vertiefte Einblicke in die Thematik der Bindung beziehungsweise Bindungsstörung im Kindesalter.

Von Tatjana Gligorevic und Anna Piani, G19A

«Stellen wir uns die Psyche als Haus vor. Der Selbstwert ist das Fundament, und alles andere baut darauf auf. Wenn das Dach langsam löchrig wird, die Ziegel nicht mehr festsitzen, kann es sein, dass ein Sturm ein paar Ziegel wegbläst und schlimmstenfalls das Dach davonfliegt. Das Haus an sich aber steht weiterhin robust da – alles ist nicht so schlimm. Wenn hingegen das Fundament schlecht ist, nimmt das Haus schwerere Schäden.»
Prof. Dr. Guy Bodenmann

sage&schreibe: Welche Bedeutung hat «Nähe» für Kleinkinder?
Guy Bodenmann: Im Bindungsaufbau des Säuglings nimmt Stress eine zentrale Rolle ein. Der Säugling ist auf eine feinfühlige Bezugsperson (in der Regel vor allem in den ersten Wochen und Monaten ein Elternteil) angewiesen, die ihm hilft, mit dem Stresserleben umzugehen. Die Befriedigung von Hunger ist dabei genauso wichtig wie die des Bedürfnisses nach körperlicher Nähe und Zuneigung. Damit eine Bindung entstehen kann, muss sich der Säugling durch das Zeigen von Bindungsverhalten das Fürsorgeverhalten seiner Bezugsperson sichern. Dies geschieht unter anderem mittels Weinen oder anderen Lautäusserungen. Wenn die Bezugsperson dann auf die kindlichen Signale reagiert, gibt sie dem Kind einerseits das Gefühl, geliebt zu werden, andererseits erfährt es Kontrolle. Beides schlägt sich später im Selbstwert nieder. Nähe ist also die Hauptschlüsselgrösse für das Verständnis von Bindung beziehungsweise Bindungsstörungen.

Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen der Erziehung?
Wenn ein Kind Hunger hat, wimmert es zunächst, dann weint es, und am Ende schreit es. Ab dem 9. Monat kommt das «operante Schreien» hinzu. Das Kind lässt beispielsweise wiederholt Spielsachen fallen, bis das Spiel zu einem Machtkampf wird und ihm Grenzen gesetzt werden. Diese Art des Schreiens unterscheidet sich vom «Bindungsschreien». Wenn die Eltern das Kind in die Arme nehmen, wird es damit aufhören und stattdessen lachen – weil es «gewonnen» hat. Erziehung wird erst etwa ab dem ersten Lebensjahr relevant. Dann müssen die Eltern die Situation zu steuern beginnen, dem Kind aber gleichzeitig vermitteln, dass sie das nur für sein Bestes tun. Denn bei der Erziehung kommt es einerseits auf Wärme, Liebe und Unterstützung, andererseits auf Strukturen, Regeln und Grenzen an. Beides braucht das Kind, um sich gesund entwickeln zu können.

Was ist mit Eltern, die 100 Prozent arbeiten? Welche Rolle spielt die Zeit?
Zeit ist eine Grundvariable. Wer sich Zeit nimmt für das Kind, vermittelt ihm, dass es wichtig ist. Ausserdem müssen die Eltern mit dem Kind Zeit verbringen, damit sie lernen, das kindliche Bindungsverhalten zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Fehlt den Eltern diese Zeit, dann sollten sie ein «Stützsystem» organisieren: etwa eine Nanny oder die Grosseltern. Da sich ein Kind an drei bis vier Bezugspersonen binden kann, funktioniert das.

Welche Anzeichen zeigen Kinder mit einer Bindungsstörung?
Hierfür muss man zwischen drei Bindungsstilen unterscheiden. Der desorganisierte Typ ist der problematischste und auch der am häufigsten mit psychischen Störungen einhergehende. Dieser entsteht bei schweren Traumata, beispielsweise wenn die Bezugspersonen gewaltsam oder missbräuchlich gegenüber Kindern werden. Die Schutzperson stellt somit gleichzeitig eine Gefahr dar. Das Kind weiss dann nicht, wie es reagieren soll; daher zeigen Kinder mit diesem Bindungsstil häufiger Verhaltensauffälligkeiten.
Unsicher-ambivalent gebundene Kinder sind stets aufmerksam, sie klammern und reagieren bei Trennung von der Bezugsperson mit Weinen. Dabei empfinden sie Angst und Wut zugleich. Ihre Reaktion rührt daher, dass die Bezugspersonen oft nicht da waren und die Kinder so ambivalente Erfahrungen gemacht haben. Beim dritten Bindungsstil, dem vermeidenden, versuchen die Kinder sich ganz ohne Bezugsperson zu regulieren. Sie sind nicht mehr ärgerlich und haben eingesehen, dass sie nicht das bekommen, was sie brauchen. Alle drei unsicheren Bindungsstile sind nicht mit Bindungsstörungen gleichzusetzen, sie erhöhen jedoch das Risiko für psychische Störungen.

Können sicher gebundene Kinder später auch eine Bindungsstörung entwickeln?
Ein Bindungsstil ist zu 80 Prozent stabil, aber nicht irreversibel. Versteht man die Psyche als Haus, könnte man vereinfachend sagen, je nachdem, wie gut das Haus vom Fundament her gebaut ist, hat es eine andere Beständigkeit bei einem Sturm. Jedoch können Traumata auch später in der Entwicklung eine sichere Bindung in eine unsichere transformieren. Die Situation kann sich aber auch wieder zum Guten wenden. Selbst wenn jemand als Kind eine unsichere Bindung erfahren hat, kann das Vertrauen in einer stabilen, glücklichen Beziehung wieder aufgebaut werden, wobei dies natürlich Zeit braucht.

Was ergeben sich bei diesen Arten von Bindungsstörungen für Folgen bezüglich der Schule?
Insgesamt sind alle drei unsicheren Bindungstypen Risikofaktoren für psychische Krankheiten, vor allem der desorganisierte. Aus dem können sich im jungen Erwachsenenalter oft Borderline-Persönlichkeitsstörungen entwickeln. Allen gemeinsam ist der Einfluss auf das Explorationsverhalten. Während sicher gebundene Kinder beim Spielen einen weiten Explorationsradius aufweisen, umhergehen und Neues ausprobieren, bleiben unsicher gebundene eher in vertrauten Umgebungen. Die Schule ist nichts anderes als ein Setting der Exploration. Explorieren und Neugierde setzen emotionale Sicherheit voraus. Einem Kind, das nicht weiss, ob jemand zu Hause ist, wenn es heimkommt, fehlt diese Sicherheit. Das strahlt auf die Schulleistung ab, da diese nicht nur von der Intelligenz, Lernstrategien und der Motivation abhängt, sondern massgeblich auch vom Selbstwert, der eng mit Bindung zusammenhängt. Ein unsicher gebundenes Kind weist zudem Defizite in der Emotionsregulation (Angst, Ärger, Frustration, Traurigkeit), den Sozialkompetenzen und den Kontrollüberzeugungen auf. Es glaubt nicht daran, dass es durch Lernen seine Leistung beeinflussen kann. Diese Kinder erfahren oft auch Prüfungsangst oder Schulunlust.

Inwiefern kann die Schule unsicher gebundene Kinder unterstützen?
Es gibt eine interessante Resilienzstudie, bei der über 40 Jahre hinweg untersucht wurde, welche Kinder, die in ihrer Kindheit einer hohen Belastung wie z.B. Armut, alkoholsüchtigen oder gewaltsamen Eltern ausgesetzt gewesen waren, psychisch auffällig wurden. Ein Drittel davon wies eine gute Entwicklung auf. Eine «problematische» Kindheit muss also nicht zwingend zu psychischen Problemen oder in die Kriminalität führen. Lehrperson, zu denen die Kinder ein Vertrauensverhältnis aufbauen können, von denen sie sich ernstgenommen und wertgeschätzt fühlen, können ungünstige Erfahrungen zuhause abfedern. Damit sind gerade Lehrpersonen zentrale Figuren für unsicher gebundene Kinder, weil sie negative Effekte auffangen können.

Prof. Dr. Guy Bodenmann ist ordentlicher Professor für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien am Psychologischen Institut der Universität Zürich.
Er ist Ausbildner und Supervisor von Kinder- und Jugendtherapeut/-innen sowie Paartherapeut/-nnen. Er ist Autor verschiedener Bücher, darunter «Was Paare stark macht».

In kleinen Schritten zu einer umweltbewussteren Kanti

Auch 2021 gab es im Rahmen des Projektunterrichts an der Alten Kanti wieder einen Aktionstag rund um die Themen Ernährung, Lebensmittel und Abfall. Genau genommen war es ein Halbtag am 14. September 2021, an dem sich die Abteilungen G19A, G19F und G19H beteiligten und der von Sabrina Aegerter, Fabia Brentano, Lara Dredge und Manuela Knecht geleitet wurde. Ein Erfahrungsbericht. Weiterlesen

Beten und arbeiten in Einsiedeln

Schon seit fast elf Jahrhunderten lebt im Kloster Einsiedeln eine Gemeinschaft der Benediktiner. Sie lebt nach der Regula Benedicti, dem Kodex des heiligen Benedikt. Ein Tag im Kloster ermöglichte uns einen Einblick in die Lebensart und die Gedankenwelt der Einsiedler Mönche.

Von Olivier Schade und Johannes Voss, G19A


[Bild: zVg]

Hoch ragen die beiden Glockentürme über den Hausdächern von Einsiedeln auf, als wir Richtung Kloster gehen. Jedoch wird uns die wahre Grösse des Klosters erst bewusst, als wir auf dem neuen Vorplatz stehen.
Wir sind verabredet mit Frater Clemens an der Klosterpforte. Frater Clemens ist ein Bruder, der die Priesterweihe noch nicht empfangen und somit den Titel des Paters noch nicht bekommen hat. Er begleitet uns durch die weiten Gänge des Klosters, über einen Hintereingang in den unteren Chor der Kirche. Dort stehen bereits einige Patres im Messegewand, um an der täglichen Messe, dem Konventamt, teilzunehmen. Die Wände und Säulen und auch die Decke sind reich geschmückt mit vergoldeten Verzierungen und farbigen Gemälden. Ein bleibender Eindruck. Viel Zeit zum Staunen bleibt uns aber nicht, da die letzten Glockenschläge verstummen und die Messe beginnt.

Festlicher Empfang
Aus der Stille heraus öffnet sich unversehens eine Seitentür: Zwei Novizen und – wie wir später erfahren – zwei Schüler der Stiftsschule kommen in weisse Gewänder gekleidet herein. Der Vorderste schwenkt ein Weihrauchfass, die ihm nachfolgen, tragen eine Kerze in der Hand. Abwechselnd wird nun gebetet und gesungen, zwischendurch werden Bibeltexte rezitiert. Ein Zwischenspiel der Orgel leitet das diesjährige Fest der Kreuzerhöhung ein. Gegen das Ende der Messe gibt uns Frater Clemens ein Zeichen, dass auch wir uns in den Kreis der Mönche um den Altar begeben sollen, um an der heiligen Kommunion teilzunehmen – was wir dann auch tun. Nach dem Vaterunser knien wir uns vor dem Altar nieder und nehmen die Hostie ein.
Während die Messebesucher/-innen die Klosterkirche nach der Kommunion verlassen, dürfen wir von der Empore aus noch die Mittagsmeditation mitverfolgen. Nach fünfzehn Minuten meditativer Ruhe schreiten wir mit den Mönchen in den grossen Saal zum Mittagessen. Ausnahmsweise darf heute während des Essens gesprochen werden, denn der Tag der Kreuzerhöhung ist ein Feiertag.
Im Speisesaal treffen wir Pater Lorenz, den Informationsbeauftragten des Klosters, mit dem wir uns verabredet haben. Er erklärt uns die Regeln beim Essen: Zum Beispiel schöpft sich jeder selbst seine Mahlzeit in den Teller und reicht dann den Topf weiter. «Die Sitzordnung folgt dem Eintrittsalter, nach oben ansteigend», erklärt Pater Lorenz, «dadurch sitzt jeder Bruder immer neben dem gleichen Nachbarn.» Er erzählt uns von der langen Zeit, die er bereits im Kloster verbracht hat. Seit nicht weniger als 60 Jahren nämlich lebt er schon innerhalb der Einsiedler Klostermauern. Und was hat ihn am meisten geprägt? Er überlegt nicht lange: «Das Gebet, das Zusammenleben in der Gemeinschaft. Das hat mich so lange hier gehalten.»

Brüderlicher Alltag
Das Festmahl wird per Tischglocke beendet, und dann gibt es den Mittagskaffee. Der Kaffee wird immer im Stehen eingenommen und dient als Möglichkeit für entspannte Gespräche unter den Brüdern und Gästen. Daraufhin ziehen wir uns mit Pater Lorenz in ein Zimmer für die Fortsetzung unseres Gesprächs zurück. Er schildert uns den Tagesablauf für die Mönche im Kloster: Der Tag beginnt schon früh. Um halb sechs geht es bereits los mit der Mette. «Es ist eine Tradition der Benediktiner, am Morgen bei Dunkelheit das erste Gebet abzuhalten. Überhaupt steht das Gebet im Zentrum unseres Alltags», führt er aus. So folgt dann die erste von sechs über den ganzen Tag verteilten Gebetszeiten. Die wichtigsten Anlässe sind allerdings das Konventamt am Vormittag und die Vesper vor dem Abendbrot. Zwischen den festen Zeiten geht jeder seinen Aufgaben nach – denn neben dem Gebet soll auch gearbeitet werden. Das Leben im Kloster dreht sich um die Gemeinschaft zwischen den Brüdern, das Gott gewidmete Leben und die damit verbundene Leidenschaft für den Glauben. Die Brüder verbringen also die meiste Zeit im Kloster. So ist es auch verständlich, dass sie keinen Broterwerb haben. Ihr Lebensunterhalt wird aus der Klosterkasse finanziert, welche durch Einkünfte aus den Ländereien und aus diversen klostereigenen Handwerksbetrieben stetig wieder aufgefüllt wird. Jeder Mönch lebt höchst bescheiden in einem kleinen, einfach eingerichteten Zimmer auf etwa zwanzig Quadratmetern; private Besitztümer haben die Mönche praktisch keine.

Schätze aus Jahrhunderten
Auf dem Klosterrundgang führt uns Pater Lorenz in die alte Klosterbibliothek. Bücherregale erstrecken sich vom Boden bis an die gewölbte Decke, sie sind gefüllt mit Büchern vom 16. bis 19. Jahrhundert. Dieser prächtige Grosse Barocksaal voller theologischer Schriften versetzt uns in Staunen. Allerdings wird der Bücherschatz im Alltag kaum noch gebraucht, denn auch das Kloster Einsiedeln hat sich dem Zeitgeist angepasst. An Informationen können die Brüder viel leichter über Google auf ihren Smartphones oder persönlichen Computern gelangen.
Weiter geht’s in Richtung der Stiftsschule, in der Schülerinnen und Schüler im Anschluss an die Primarschule bis zur Matura ausgebildet werden. Obwohl die Schule offiziell vom Kloster geführt wird, funktioniert der Lehrbetrieb unabhängig von der Klosterleitung. Es gibt jedoch einzelne Brüder, die dort unterrichten, und verschiedene Formen der Zusammenarbeit, wie zum Beispiel beim Konventamt.

Das Kloster der Zukunft
Das Internet und die Stiftsschule sind zwei wichtige Fenster in die Welt hinaus, und sie verändern in gewisser Hinsicht auch das Denken der Brüder. Die grösste Herausforderung für das Kloster der Zukunft sieht Pater Lorenz denn auch darin, mit der Digitalisierung klug umzugehen und der modernen Denkweise von Novizen Rechnung zu tragen. Auch für die junge Generation soll das Klosterleben in Einsiedeln attraktiv gestaltet werden – ohne in Bezug auf die Regula Benedicti Abstriche zu machen. «Interessanterweise aber», merkt Pater Lorenz an, «wollen junge Brüder den Alltag im Kloster tendenziell wieder konservativer gestalten». Einige von ihnen wünschen sich gewisse alte Regeln zurück. «Da gilt es Kompromisse zu finden», meint Pater Lorenz. Er lehnt sich zurück, faltet die Hände über der Brust. Seine Aussage scheint ihn nachdenklich zu stimmen. Denn natürlich ist der Nachwuchs zentral für die Zukunft des Klosters. Dann schaut er uns an und sagt lauter als vorher: «Aber Sorgen mache ich mir keine. Die Gemeinschaft hat sich über so viele Jahrhunderte bewährt; wir werden gute Lösungen finden.»


[Bild: https://www.freunde-kloster-einsiedeln.ch]

Masken im Schweizer Brauchtum

Wie wichtig sind unsere Bräuche heute noch? Manche geraten in Vergessenheit, andere werden immer noch von ganzen Regionen gelebt. Ganz besonders Bräuche, in denen Masken eine zentrale Rolle spielen, scheinen trotz (oder wegen!) ihrer jahrhundertelangen Geschichte nach wie vor im Trend zu sein. Worin also liegt die Faszination von Masken im Brauchtum? Und was verbirgt sich dahinter? Weiterlesen

Die dritte Hälfte

Von Lukas Wampfler, Mathematiklehrer


[Bild: zVg]

Lieber Peter, vor zwei Jahren fand bereits die erste Hälfte
deiner Verabschiedung statt. Die Schule hat dir für den langjährigen Einsatz als Prorektor gedankt und wir haben uns
auf zwei Jahre gefreut, wo du wieder «nur» unserer Fachschaft angehören würdest. Es ist aber anders gekommen.
Du musstest unverhofft und unfreiwillig noch einmal für
ein paar Monate ins Prorektorat.
Doch du hast auch diese Herausforderung sportlich angenommen und souverän gemeistert. Nun trittst Du also
doch in den Ruhestand – wobei du wahrscheinlich weder
ruhen noch stehen wirst. Dafür gibt es zu viele Strecken, die
erfahren werden können, Gegenden, die erkundet sein wollen. Für deine Projekte, denen du dich in Zukunft intensiver
widmen kannst, wünschen wir dir alles Gute.
Lieber Peter, Du wirst uns fehlen. Deine sachliche und
doch lockere Art sorgt für gute Atmosphäre, sei es an Sitzungen, im persönlichen Gespräch oder an geselligen Anlässen.
Du vermochtest die Schülerinnen und Schüler für dein Fach
zu begeistern und hast deine Begeisterungsfähigkeit auch
mit anderen geteilt. Kolleginnen und Kollegen, ob jung oder
alt, fühlen sich von dir wahr- und ernstgenommen. Neue
schulische Entwicklungen wurden von Dir interessiert begutachtet, kritisch hinterfragt und – wenn für gut befunden
– ins Repertoire aufgenommen.
Deine Gabe, Sachverhalte zu analysieren und deine Meinung prägnant auszudrücken, hat uns immer wieder sehr
beeindruckt. Oftmals hast du mit deinem letzten Votum an
Sitzungen eine Idee präsentiert, bei der allen klar war: So
soll es sein! Einige von dir angedachte Ideen wie die gemeinsame Maturprüfung werden uns noch weiter begleiten – wir
sind froh drum.
Mit dir verlässt ein diskreter Gigant unsere Schule: nicht
nur in der Schulleitung, sondern auch in und für unsere
Fachschaft hast du Grosses geleistet. Dafür danken wir dir.
Deine Erfahrung und deine Kollegialität haben uns unterstützt und geprägt.
Nun wünschen wir dir Rückenwind und nur gute Überraschungen beim Velofahren, Gärtnern, Laufen, Lesen, Skifahren und bei all deinen weiteren Unternehmungen nach
deiner Zeit an der Alten Kanti. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen – irgendwo, irgendwann in der noch unbeschriebenen dritten Hälfte.

«Die Alte Kanti fühlt sich ein bisschen an wie Hogwarts»

Seit 1997 gibt es den Verein für ehemalige Schülerinnen und Schüler der Alten Kanti – kurz: AULA. Ulrich Price, langjähriges Mitglied und aktueller Präsident der Vereinigung gibt im Interview mit sage&schreibe Auskunft über die Zielsetzungen, Aktivitäten und Visionen von AULA.

Von Giada Di Lorenzo, G19A


[Bild: Naima Zürcher]

Was genau ist «AULA»?
Ulrich Price: AULA ist eine Bezeichnung für einen grossen Raum, in dem man sich zusammenfindet und sich austauschen kann. Man kann sich darunter aber auch einen Kochtopf vorstellen, wo alles zusammengemischt wird. Was die Gründer vor 25 Jahren wirklich mit AULA gemeint haben, ist unklar. Wir verstehen uns einfach als die Vereinigung von Ehemaligen der Alten Kanti Aarau, in der ein aktives Gemisch von früheren Schüler(inne)n und Schule entsteht. Oder anders: AULA ist so etwas wie ein Heimathafen.

Wieso braucht es einen Verein für die ehemaligen Schülerinnen und Schüler der Alten Kanti?
Mit AULA wird ein grosser Reichtum weitergegeben: Geschichten, Traditionen und Wissen. So bleibt immer eine direkte Verbindung zur Schule erhalten. Für Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, finanzielle Unterstützung für Projekte zu erhalten – zum Beispiel für die Maturarbeit oder schulische Projekte. Und genau diese Unterstützung bekommen sie von AULA.

Was verbindet Sie persönlich mit der Alten Kanti?
Ich selbst war am damaligen «Handeli», der Wirtschaftsdiplomschule, anschliessend habe ich noch die Wirtschaftsmatur (damals hiess das Typus E) gemacht. In dieser Zeit habe ich viele spannende Leute kennengelernt und unzählige Freundschaften geschlossen, was mich fürs Leben geprägt hat. Es war eine Art Lebensschule, bei der mir ein grosser Rucksack an Wissen mitgegeben wurde, von dem ich bis heute profitieren kann.

Was sind Ihre Visionen für den Verein?
Als Präsident möchte ich nicht nur die Arbeit des Vorstands und die Beziehungen zur Schule koordinieren, sondern unbedingt mehr Aktivität, mehr Engagement, mehr Leben in den Verein bringen. AULA zu führen, bedeutet für mich, den Kontakt mit Alt und Jung zu pflegen, Geschichte und Geschichten weiterzuerzählen und vor allem den Jungen weiterzugeben. So möchte ich Identifikation schaffen. Und ich möchte AULA zu einer Anlaufstelle machen, auf die man sich verlassen und der man vertrauen kann. AULA soll die Beratungsstelle für die Schule sein, wenn Rat und Unterstützung gefragt sind. Anderseits soll der Verein stärker als bisher vom Nachwuchs leben. Mein Ziel ist es, pro Jahrgang ungefähr 50% der Abgängerinnen und Abgänger als Neumitglieder begrüssen zu dürfen.

Wieso sollte man dem Verein beitreten?
AULA ist nicht irgendein Verein. Es ist eine Organisation, bei welcher alle mit Herzblut dabei sind. Sie gibt allen Ehemaligen die Möglichkeit, wie ein einer grossen Familie in allen Lebensbereichen Unterstützung zu finden und zugleich selbst zur Unterstützerin oder zum Unterstützer zu werden. Gerne vergleiche ich es mit Harry Potter. Die Alte Kanti fühlt sich ein bisschen an wie Hogwarts, denn auch Hogwarts ist nicht nur eine Schule, sondern repräsentiert gleichzeitig auch Verbundenheit, Solidarität und Identität.

Die Alte Kanti in Zeiten von Corona – Teil IV

Eine Schule durch eine Pandemie führen ist nicht nur organisatorisch, sondern auch emotional eine Herausforderung – Krisenbewältigung zwischen Hoffen und Bangen. Dies zeigt sich auch im vierten Teil der Corona-Chronologie. Aber vielleicht ist es ja der letzte…!

Von Dr. Andreas Hunziker, Rektor

Nachdem seit Ende Dezember 2021 die extrem ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus dominiert, explodieren die Fallzahlen – in der gesamten Gesellschaft und logischerweise auch bei uns an der Schule. Beim Schulbeginn im neuen Jahr befinden sich über 50 Schulangehörige wegen einer Covid-19-Infektion in Isolation. In den drei Wochen bis zu den Sportferien bleiben die Zahlen konstant hoch. Der Präsenzunterricht läuft weiter, selten weist jedoch eine Abteilung Vollbestand auf; immer wieder werden Schülerinnen und Schüler oder Lehrpersonen per Teams von zu Hause aus zugeschaltet.

Sportferien
«Skilager finden trotz Corona statt.» – so titelt die Aargauer Zeitung am 27. Januar 2022. Und im Lead heisst es reisserisch: «Aargauer Kantonsschulen trotzen der dringlichen Empfehlung des Regierungsrats, momentan auf Lager zu verzichten.» Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: Zum Glück haben wir uns der regierungsrätlichen Empfehlung widersetzt und die beiden Schneesportlager in Flims sowie die Orchesterwoche in Schwanden durchgeführt. Nicht zuletzt dank eines strengen und gut durchdachten Schutzkonzepts verliefen die Wochen ohne Zwischenfälle und waren für alle Beteiligten ein Erfolg.
Absagen mussten wir einzig die Kulturwoche in Barcelona – die Unsicherheiten bei Reisen ins Ausland waren schlicht zu gross.

Und dann fallen die Masken
Am 17. Februar 2022 ist es so weit: Trotz rekordhoher Ansteckungszahlen hebt der Bundesrat fast alle Schutzmassnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus auf. Ein Risiko, das vertretbar scheint, weil die Omikron-Variante insbesondere bei Geimpften und Genesenen weitestgehend milde Verläufe verursacht. So verschwinden von einem Tag auf den anderen unsere Schutzkonzepte in der Schublade, die Masken fallen, wir dürfen wieder in die Gesichter unserer Mitmenschen blicken.
Für viele stellt die Aufhebung der Massnahmen eine riesige Erleichterung dar – nach nahezu zwei Jahren mit erheblichen Einschränkungen scheint plötzlich fast alles wieder möglich zu sein. Einigen kommen die Lockerungen jedoch zu schnell; sie sind verunsichert, tragen weiterhin eine Maske und schützen sich, so gut es geht.

Rückkehr zur Normalität
Ab sofort steht an der Schule die Rückkehr zur Normalität an: Im Frühling finden wieder Studienwochen im In- und Ausland statt, es gibt Konzerte, Ausstellungen, Exkursionen. am 1. März veranstalten wir zum 3. Mal einen gesamtschulischen TecDay, nach 2 Jahren Unterbruch finden die Besuchstage, der Maibummel, die Generalversammlung von AULA, dem Ehemaligenverein der Alten Kanti, endlich wieder statt, ebenso wie der Verbindungstag im Grossratsgebäude, das Maturkonzert und nicht zuletzt der Maienzug inkl. Vorabend. – Es ist grossartig: Meine Agenda ist erfreulicherweise voller denn je.

Die Kunst der Berührung

In vielen Sportarten, aber auch im künstlerischen Bereich ist der Körperkontakt als besondere Form von Nähe zentral. Haut, Schweiss, Atem – wie fühlt sich solch extreme Nähe an? Wir haben den mehrfachen Kickbox-Weltmeister Rocco Cipriano, den «eidgenössischen» Schwinger Nick Alpiger und die Tänzerin und Choreographin Brigitta Luisa Merki getroffen und nach ihren Erfahrungen gefragt.

Von Nick Häusler und Daut Limani, G19A

Im Schwingen ist die Berührung während des Kampfes permanent vorhanden. Damit kennt sich der erfolgreiche Aargauer Schwinger Nick Alpiger bestens aus. Das gegenseitige Berühren beginnt im Schwingen aber bekanntlich schon vor dem Kampf – beim Händedruck, der schon einige Informationen über den Gegner liefert. Nick Alpiger begegnet jedem Gegner gleich, wenn er auch seine Taktik am Schwingstil des Kontrahenten ausrichten muss. Oder an dessen Grösse. Die Nähe im Kampf setzt ziemlich viel Masse in Begegnung, da wirken grosse physikalische Kräfte. Die Verletzungsgefahr schwingt deshalb immer mit. In den Gedanken eines Schwingers darf sie aber keinen grossen Platz einnehmen, denn die Angst vor Verletzungen wirkt sich negativ auf den Kampf aus. Zögerlich angesetzte Schwünge, Passivität führen nie zum Erfolg. «Deshalb schwinge ich immer», sagt Nick Alpiger, «als ob es kein Morgen gäbe. Dabei blende ich alles aus, was nicht mit dem Kampf zu tun hat.»
Im Kontakt mit dem Gegenüber ist beim Schwingen nicht nur der eigentliche Kampf wichtig. Es geht auch um die kleinen Gesten. Der Händedruck nach dem Kampf etwa. Oder dass der Sieger das Sägemehl vom Rücken des Unterlegenen wischt. «Beides hat mit Anstand zu tun. Und mit Respekt vor dem Gegner», sagt Alpiger. Die intensive Nähe im Kampf und der respektvolle Umgang mit dem Gegner machen für Nick Alpiger die Faszination am Schwingsport aus. Und für ihn ist klar: «Wenn du mir das Schwingen nimmst, nimmst du mir einen Teil vom Leben.»

*1996. Kranzgewinn am Eidg. Schwingfest in Estavayer-le-Lac 2016, 7 Kranzfestsiege, darunter Sieg am Innerschweizer Schwingfest 2019, 10 Teilverbandskränze, 11 Bergkränze.


[Bild: zVg]

Berührung und Nähe sind auch im Tanz ein grosses Thema. Für die Tänzerin und Choreographin Brigitta Luisa Merki ist es eine Form der Kommunikation, ein Spiel mit Nähe und Distanz, eine Art des künstlerischen Ausdrucks, der viel mit dem Leben zu tun hat. Auch in ihrer Arbeit spielt der Körper die Hauptrolle. Sie sagt: «Im Tanz lernt man, wie man jemanden berührt, wie man jemanden anfasst.» Sie meint damit auch: Man lernt, wann man jemanden eben nicht berühren soll, im Tanz, aber auch im richtigen Leben.
Beim Erarbeiten einer Produktion proben die Tänzerinnen und Tänzer über mehrere Monate zusammen. Der künstlerischen Leiterin und Choreographin fällt dabei immer wieder auf, wie sehr eine Truppe in dieser Zeit zusammenwächst, wie die Tänzerinnen und Tänzer auch im Alltag eine Nähe zueinander entwickeln. «Dadurch wird Vertrauen aufgebaut», sagt Merki, «was notwendig ist, um gemeinsam tanzen zu können. Denn zusammen tanzen kann man nur, wenn es passt.»
Die Berührung gehört für Merki einfach dazu, auch im Alltag. Sie ist Teil ihrer Sprache. «Für mich war der Corona-Lockdown hart. Es fiel mir schwer, niemanden anfassen zu können. Körperkontakt ist etwas, ohne das wir Menschen nicht existieren können.» Deshalb wünscht sie sich, dass die Jungen sich mehr mit dem Tanz auseinandersetzen. «Im Tanz erleben sich Kinder ganz anders. Der Tanz gibt ihnen neue, andere Möglichkeiten des Ausdrucks und der Interaktion.» Und nicht zuletzt ist Tanz immer auch verbunden mit Freude, mit Spass, mit Leidenschaft. «Man ist Teil einer Gemeinschaft», sagt Brigitta Luisa Merki, «aber dennoch mit sich selbst beschäftigt.»

*1954. Gründerin und Leiterin der Tanzcompagnie Flamencos en route (1984-2020), seit 2007 künstlerische Leiterin Tanz und Kunst Königsfelden. Kulturpreis der AZ-Mediengruppe 1999. Hans-Reinhart-Ring (die bedeutendeste Auszeichnung im Theater- und Tanzschaffen der Schweiz) 2004. .


[Bild: Elin Cattaneo]

Für den Kickbox-Weltmeister bedeutet Nähe in erster Linie den direkten, harten Gegnerkontakt. «Berührung», sagt Rocco Cipriano, «Kontakt sei Dank!» Dieser Kontakt ist immer verbunden mit harten Treffern, denn ohne Fusskicks und Boxhiebe auf den Körper kann der Gegner nicht besiegt werden. Nicht selten gibt es blutige Verletzungen, die aber nicht automatisch zum Ende des Kampfes führen. Da spielen dann auch hygienische Aspekte eine Rolle.
Anders als etwa beim Schwingen, wo die beiden Kontrahenten «zusammengreifen» und danach in ständigem Kontakt bleiben, geht es beim Kickboxen um gezielte Angriffe auf den Körper des Gegners. Die Berührungen sind kurz, und Cipriano erlebt sie nicht bewusst als Nähe. «Die Berührung ist keine Nähe», sagt er, «sie ist ein Treffer.»
Im nichtprofessionellen Bereich hat Kickboxen auch mit Körperbeherrschung und Selbstverteidigung zu tun. Beides bringt Cipriano als Trainer vielen Kindern und Jugendlichen bei. Denn den Körper kennenlernen heisst auch, sich selbst kennenlernen. Gerade bei Jugendlichen ist das zentral.

*1968. Mentalcoach der Schweizerischen Junioren Nationalmannschaft und Sportchef des Schweizerischen Kickboxverbandes. Mehr als 20-facher Schweizermeister in verschiedenen Kampfsportdisziplinen. Mehrfacher Leichtgewicht-Weltmeister im Kickboxen.


[Bild: Daut Limani]

Einst ein No-Go – heute ein Must

Von Daut Limani und Olivier Schade, G19A

Wer heutzutage stylische Sneaker anzieht, trägt dazu meistens weisse Socken, vorausgesetzt, auch der Schuh enthält ein kleines bisschen Weiss. Besonders beliebt sind die weissen Sportsocken von Nike; die werden wie Tennissocken getragen, also bis unter den Wadenmuskel hochgezogen. Die Nike-Socken wurden in den letzten Jahren immer mehr zur Standardsocke von Streetwear-Interessierten. Während weisse Socken unter jungen Leuten längst akzeptiert und sogar trendy sind, gelten sie unter älteren Menschen immer noch als absolutes No-Go und werden als übles Aargauer Klischee abgestempelt. Zu Unrecht! In Wahrheit waren die Aargauer ihrer Zeit einfach voraus, als echte Trendsetter.
Es ist also völlig okay, weisse Socken zu tragen, auch zu komplett weissen Sneakern – aus dem ebenso simplen wie einleuchtenden Grund, dass weisse Socken mit jeder anderen Farbe kombiniert werden können und dabei einfach immer schick aussehen. Klar, kein Mensch kommt auf die Idee, zum Beispiel knallgrüne Socken mit roten Schuhen zu kombinieren, das sieht grauenhaft aus. Doch farbige Schuhe und weisse Socken – das passt. Deshalb, liebe Aargauerinnen und Aargauer: Holt die weissen Socken raus und tragt sie mit Stolz. Denn sie passen garantiert zu eurem Outfit.

Kann man Nähe kaufen?

Der Mensch ist ein soziales Wesen und auf die Nähe zu seinen Mitmenschen angewiesen. Aber was, wenn man diese Nähe in seinem Umfeld nirgends finden kann? Genau diese Zielgruppe spricht «rent a friend» an, das Online-Portal, welches Menschen, die sich einsam fühlen, einen unkomplizierten Weg zu neuen Freundschaften verspricht. Der einzige Haken dabei: Man muss den gemieteten «friend» für die gemeinsam verbrachte Zeit bezahlen. Geniale Geschäftsidee oder schamloses Ausnützen von Einsamkeit? Wir haben den aus Deutschland stammenden Wahl-Basler Leon C. gefragt, einen der potenziellen Friends, die gebucht werden wollen.

Von Naima Zürcher und Anna Lisa Lüthy, G19A

Auf der amerikanischen Website «rent a friend» kann man sich als «friend» ein Profil einrichten, worauf sich Interessierte melden können. Kaffee trinken, spazieren, ins Kino gehen oder sogar zusammen verreisen; auf diesem Portal kann man sich für fast alles einen Freund oder eine Freundin mieten. Eine Freundschaft im Austausch für Geld hört sich erst einmal bizarr an. Doch die Idee von «rent a friend» findet in den Staaten sowie manchen Teilen Asiens bereits seit einiger Zeit grossen Zuspruch, und auch in der Schweiz gibt es laufend neue Registrationen auf dem Portal.
Mehr darüber weiss Leon C. Er bietet selbst Dienstleistungen als Freund an und hat sich unseren Fragen gestellt.

Warum melden sich Leute bei «rent a friend» an?
Zum einen sind das Menschen, die sich selbst als Freund anbieten. Eine Rolle dabei spielt sicherlich das Geld. Man weiss natürlich, dass man ein paar Euro dafür kriegen kann. Aber vielleicht suchen viele Leute auch einfach Kontakt, den Austausch mit anderen, wollen etwas Neues ausprobieren.
Und dann gibt es natürlich diejenigen, die sich einen Freund mieten wollen. Ihre Beweggründe sind wahrscheinlich weitaus komplizierter. So eine Person hat vielleicht Probleme, aus sich herauszukommen, allein unter die Menschen zu gehen – und braucht einfach jemanden, der ihn oder sie an die Hand nimmt.

Was bietet ein gemieteter Freund?
Der bietet eigentlich alles an, was ein normaler Freund auch bieten würde. Eine vernünftige Unterhaltung und gemütliches Beisammensein. Vielleicht geht man auch mal zusammen weg, in eine Disco beispielsweise. Was der Kunde möchte halt – und was ich bereit bin zu geben.

Hat Nähe für dich Grenzen?
Ja, körperliche Nähe. Das geht für mich nicht. Aber auch emotional kann es schwierig werden. Irgendwann gibt es immer ein «Stopp». Eine gewisse Abgrenzung ist dabei, denke ich, sehr wichtig. Ich gebe nicht wirklich viel von mir preis, bleibe gern unverbindlich und eher oberflächlich. Aus Selbstschutz. Und ich glaube auch, dass man sich Nähe tatsächlich nicht kaufen kann. Kann man nie, glaube ich. Die Kundinnen und Kunden sind zwar in der Regel emotional stark engagiert, sie wollen ja einen «friend», wenn auch nur auf Zeit – aber für mich ist es eben in erster Linie ein Job. Komplett unterschiedliche Perspektiven also.

Das Konzept von «rent a friend» ist ziemlich umstritten.
Das Konzept an sich finde ich eigentlich sehr gut und interessant. Aber was in Amerika oder Asien funktioniert, muss nicht zwingend auch bei uns zu einer Erfolgsgeschichte werden. Klar, Freundschaften kaufen, das ist ein heikles Thema, und moralisch gesehen kann man darüber streiten. Das Konzept hat sehr viel mit der Einstellung, Mentalität und Kultur der Menschen zu tun. Deswegen hat das Ganze sicher einige Startschwierigkeiten in gewissen Ländern. Oder es läuft gar nicht. Wer weiss, vielleicht ist das gerade so ein Hype, von dem ich auch profitiere, wird aber langfristig nicht funktionieren. Man wird sehen.


[Bild: Naima Zürcher]

Erdbeeren mit Niveau

Von Fiorenza Larcher, G20F

Also ich kann es jeweils kaum erwarten, die ersten Erdbeeren vom Feld zu pflücken. Die kalten Monate kommen mir ewig vor. Aber jeden Sommer werde ich wieder belohnt: diese vollreifen, süssen, heimischen Erdbeeren – göttlich. Wieso nur gibt es Leute, die im Winter und Frühjahr so teure, geschmacklose Hartgummi-Erdbeeren kaufen? Es ist nicht zu verstehen. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass im sehr trockenen südlichen Spanien, von wo die meisten Hors-Saison-Erdbeeren in den Schweizer Läden stammen, die für die Früchte-Produktion nötigen Wasserressourcen weitestgehend fehlen. Das führt dazu, dass wegen staatlich verordneter Einschränkungen auch illegal Wasser gezapft und Landwirtschaft betrieben wird. Als Schweizer Verkäufer kann man also nie so genau wissen, ob man nun illegal oder legal produzierte Erdbeeren verkauft. Den Winter-Erdbeer-Konsumentinnen ist das einerlei. Sie übersehen die klein gedruckten Ländernamen gerne – oder schauen gar nicht erst hin. Hauptsache: Erdbeeren, anytime.
Ihnen rate ich: Kaufen Sie jetzt Erdbeeren, saisonal und regional, im Supermarkt oder beim Erdbeerbauern – und geniessen Sie! Wenn Sie sich dann in den kalten Monaten bewusst an dieses Geschmackserlebnis erinnern, werden Sie gar nicht auf die Idee kommen, Erdbeeren unter Ihrem Niveau zu konsumieren.

Nähe

Nicht selten zeigt sich erst im Gespräch die wahre Komplexität der Welt – oder wenigstens des vertrauten Begriffs «Nähe». Aber wenn ein Romanist und eine Germanistin zusammen reden, ist auch der Stift nicht weit – und das Flüchtige wird in kondensierter Form fassbar gemacht.

Von Francesco Mugheddu und Jacqueline Seiler

Auf die Frage «Was ist also Nähe?» könnte man analog zu Augustinus’ Konfessionen über die Zeit antworten: «Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiss ich es nicht.»
Tatsächlich ist «Nähe» ein höchst flüchtiger, mehrdeutiger und manchmal paradoxer Begriff. Je nach Kontext ist sie zeitlich, räumlich oder als Gefühl zu deuten, in eigenem bzw. übertragenem Sinn zu verstehen.
Als konstitutiv relationaler Begriff nimmt «Nähe» je nach Beziehungsart (Familien-, Liebes-, Freundschafts-, Gesellschaftsbeziehungen etc.) immer neue spezifische Bedeutungen an. Ein medusischer Begriff, bei dem sich immer auch die Frage nach der «richtigen» Nähe stellt. Das Bild der Schärferegulierung bei Fotokameras verdeutlicht diese Problematik: Zoomen wir zu weit raus, ist der Fokus unklar. Sind wir zu nahe dran, entfällt der Kontext und somit die Relativierung. Inwiefern aber vermag dieses Bild der Komplexität von Nähe als Gefühl gerecht zu werden?

Die richtige Nähe gibt es nicht
Die Frage der «Nähe» wird zur Frage der «richtigen Nähe». Was oder wer bestimmt „richtige Nähe“ beziehungsweise nach welchen Kriterien wird sie definiert? Gibt es in diesem Sinn auch eine richtige Nähe zu uns selbst?
Man könnte meinen, dass wir es bereits wissen, wenn wir davon ausgehen, dass niemand uns näher ist als wir selbst. Wir denken an unser Ich, als ob es ein in uns wohnender Homunculus wäre, der unsere Identität verkörpert. Seit langer Zeit jedoch wissen wir, dass das Ich ein Konstrukt und die Identität eine komplexe und langwierige Konstruktion ist. Es gibt also keine ursprüngliche Nähe zwischen unserem Wir und unserem Wir-Selbst. Nähe bzw. «richtige Nähe» ist keine Gegebenheit, sondern eine permanente (Wieder-)Eroberung.
Was könnte die vollkommene Nähe (Intimität, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Vertrauen) symbolisch besser darstellen als die Verschmelzung zweier sich liebender Körper und Seelen? Die Liebe frisst sich tot, wenn sie nicht gespeist wird, so die Nähe, wenn sie nicht ernährt wird, durch das Wort und durch den Körper, die sich permanent austauschen und bereichern: Das Wort wird zum Körper und dieser zum Wort. Nähe ist Dialektik.

Nähe in Familie und Gesellschaft
Die Familienbande sind keine Garantie für gesunde Nähe, ganz im Gegenteil: Diese blutbedingte Nähe gilt als die stärkste, aber auch dunkelste. Darüber hinaus werden Söhne und Töchter in diese Nähe geworfen: Sie haben sich weder Eltern noch Geschwister ausgesucht. Hier ist Nähe eine Narration.
Den verschiedenen Formen von Nähe in der Gesellschaft ist das Teilen von bestimmten Ideologien, Interessen gemeinsam. Verfassungen, Verhaltenskodizes, Leitbilder etc. sorgen dafür, dass die jeweilige Nähe bzw. Distanz reglementiert wird. Nähe ist eine Wahl, ein Willensakt.
Die verschiedenen «Nähen», in die wir hineingeboren werden, sind eher ein «Zusammensein», die unseren Bedürfnissen als soziale Wesen entstammen. Dieses Bedürfnis nach Nähe, gepaart mit einem ebenso notwendigen Bedürfnis nach Distanz, kommt in der Stachelschweine-Parabel klar zum Tragen: Eine Gruppe von Stachelschweinen friert, das Bedürfnis nach Wärme zwingt sie zu gegenseitiger Nähe. Aber je näher sie sich kommen, desto schmerzhafter spüren sie die Stacheln der Nachbarn. Sich zu entfernen wäre nicht die Lösung ihres Problems. Daher gilt es, den Abstand so zu finden, dass die erträglichste Nähe erreicht wird.
Kann man Nähe ablegen? In der Regel ist Nähe ebenso wenig wie Liebe, Freundschaft und Glauben ablegbar oder wählbar, weil sie keiner rationalen Logik gehorcht. Liebes-, Familien-, Freundschaftsbeziehungen, die enden, zeigen, dass es sich bei der Auflösung einer «Nähe» in den meisten Fällen um langwierige Prozesse handelt. Dafür gibt es kein allgemeines Erklärungsmuster: Zu viele Faktoren, zu viele Variablen. Eines jedoch scheint klar zu sein: Man spricht nicht mehr dieselbe Sprache, die Paradigmen sind inkommensurabel geworden.
Keiner würde heute bezweifeln, dass emotionale Intelligenz im Lernprozess eine entscheidende Rolle spielt. Die Fähigkeit, Lernende zu berühren setzt eine gewisse «Nähe» voraus und schafft gleichzeitig solche. Nach welchen Kriterien wird hier «richtige Nähe» bzw. «richtige Distanz» bestimmt? Nähe ist eine Kompetenz.
Mit der gewaltigen Verbreitung der neuen Medien waren wir noch nie näher in der Ferne und ferner in der Nähe. Was in einer nahen Vergangenheit meistens eine Disjunktion war, ist heute zur Konjunktion geworden: Nicht nah oder fern, sondern gleichzeitig nah und fern. Am Horizont zeichnen sich neue Formen der Nähe ab, von denen es vielleicht gilt, wieder Abstand zu gewinnen. Nähe bleibt ein Streben.

«Nähe ist Nahrung für den Körper»

Assunta Amatucci ist gelernte Sexualbegleiterin und Berührerin für Menschen mit Beeinträchtigung. Wir haben die 55-Jährige in ihrer Praxis in Solothurn besucht, um mehr über diese noch immer weitgehend tabuisierte Arbeit zu erfahren. Wir wollten wissen, wie sie mit ihren Klientinnen und Klienten umgeht und was für sie Nähe bedeutet.

Von Olivier Schade und Johannes Voss, G19A

Was genau ist eine Berührerin?
Grundsätzlich geht eine Berührerin oder ein Berührer auf die individuellen Bedürfnisse des Klienten oder der Klientin ein: eine Hand auf den Rücken legen, eine Hand- oder Fussmassage, es kann den ganzen Körper beinhalten, es kann nackt oder bekleidet stattfinden, es kann aber auch nur ein Gespräch sein. Immer geht es darum, diesen Menschen mit Behinderung oder Senior(inn)en etwas zu geben, was sie nirgendwo sonst bekommen können.


[Bild: Olivier Schade]

Gibt es dafür eine spezifische, anerkannte Ausbildung?
Ja, das ist die Ausbildung als Sexualbegleiter/-in. Berührer/-in können sich alle nennen, nicht aber Berührer/-in nach InSeBe (Initiative SexualBegleitung). InSeBe ist eine von mehreren Organisationen, welche die Ausbildung als Sexualbegleiter/-in anbieten.

Wie haben Sie zu diesem Thema gefunden?
Vor etwa 20 Jahren habe ich ein Interview mit einer Berührerin gehört und bin so aufmerksam geworden auf diesen Beruf. Ich fand die Thematik einfach sehr interessant und wichtig. Ich habe jedoch erst 10 Jahre später die Ausbildung als Sexualbegleiterin absolviert.

Wie ist der Austausch mit den Verbänden für Menschen mit Einschränkungen oder ältere Menschen?
Ich werde oft angefragt von diversen Institutionen, zum Beispiel von der Spitex, von kantonalen Anlaufstellen für Menschen mit Beeinträchtigung oder von Altersheimen. Diese Verbände sind sehr froh, dass ein Angebot für Sexualbegleitung besteht, auf das die Verbände verweisen können, wenn sie darauf angesprochen werden.

Sexualität von beeinträchtigten Menschen ist noch immer ein Tabuthema in der Gesellschaft.
Ich bin sehr offen dem gegenüber, sonst würde ich den Beruf nicht ausüben. Jeder Mensch braucht Nähe. Es gibt Menschen, die sich ausdrücken und ihre Bedürfnisse selbst befriedigen können, aber es gibt eben auch Menschen, die sich gar nicht oder kaum ausdrücken können. Daher ist es richtig und wichtig, dass auch diese Menschen Nähe erfahren dürfen. Dies sollte kein Tabu, sondern eine Selbstverständlichkeit sein. Immerhin stelle ich eine wachsende Offenheit und zunehmendes Verständnis in der Gesellschaft fest.

Wie sieht Ihr Alltag als Berührerin aus?
Ich habe durchschnittlich zwei Klienten pro Tag, mit denen ich jeweils etwa eine Stunde verbringe. Meistens gibt es am Anfang ein Telefonat, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Wenn der Klient dann das Gefühl hat, es stimmt für ihn, dann kommt er für ein Gespräch, je nach dem zusammen mit einer Betreuungsperson, und entscheidet dann spontan, ob er direkt mit dem Berühren anfangen möchte oder ein anderes Mal vorbeikommt.

Stumpft man bei so viel Nähe mit Unbekannten mit der Zeit ab?
Nein, es ist immer anders, denn jeder Mensch ist anders. Ich habe kein striktes Programm, da ich mich jeweils ganz auf den Menschen und dessen Gemütszustand einlasse.

Was bedeutet Nähe für Sie?
Nähe ist Nahrung für den Körper, auch ich brauche Nähe, aber ich darf sie mir natürlich nicht bei meinen Klienten holen, das wäre unprofessionell und ein Missbrauch meiner Funktion. Die Rollenverteilung muss immer klar sein: Ich bin da für den Klienten, und nicht umgekehrt.

Entsteht beim Berühren auch emotionale Nähe?
Auf jeden Fall, vor allem wenn man eine Person über einen längeren Zeitraum begleitet, das gibt eine Verbindung. Man erzählt auch von Privatem und führt, falls möglich, normale Gespräche. Man erzählt von den Ferien – oder die Klienten erzählen, was sie gerade belastet.

Was geben Ihnen die Klienten zurück?
Das ist eine gute Frage. Erfahrung, ich lerne immer etwas Neues. Es ist auch eine Reflexion für mich selbst, und das empfinde ich als sehr wertvoll.

Wo liegen für Sie die Grenzen zwischen Geben und Nehmen?
Die Grenzen definiert man gemeinsam, der Klient sagt, was er will und was er nicht will, und ich mache dasselbe. Geschlechtsverkehr gibt es keinen. Das ist privat.

Wo liegt der Unterschied zwischen einer Berührerin und einer Prostituierten?
In der Sexualbegleitung kann fast alles oder nichts passieren. Die Klienten werden individuell behandelt. Ich biete keine käufliche Dienstleistung im Bereich Sexualität, sondern hinter meiner Arbeit steht ein therapeutischer Ansatz. Deshalb braucht es für die Begleitung ja auch eine Ausbildung.
Im Hinblick auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Sexualbegleitung scheint mir wichtig, dass man über die Thematik spricht. Was heisst Selbstbestimmung des Menschen? Wer hat ein Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit? Wieso sollen geistig oder körperlich behinderte Menschen oder Senior(inn)en kein Recht auf Sexualität haben? Das sind wichtige Fragen, und darüber müssen wir reden. Es ist essenziell, dass man dabei keine Vorurteile hat und das Ganze nicht einfach schubladisiert. Jeder sieht die Welt mit seinen eigenen Augen, aber es ist trotzdem wichtig, dass man offen und mit Interesse an das Thema herangeht.


[Bild: Olivier Schade]

Zertifizierte Sexualbegleiter/-innen oder Berührer/-innen ermöglichen es geistig oder körperlich eingeschränkten Menschen und Senior/-innen, in einem therapeutischen Rahmen ihre Sexualität ausleben zu können. Dahinter steht die in der Gesellschaft noch nicht überall akzeptierte Überzeugung, dass jeder selbstbestimmte Mensch ein Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und damit auch auf Sexualität hat.

«The beauty of polyamory is loving limitlessly»

Desiring or being in multiple romantic relationships at the same time is called polyamory. Orion Toivonen from Scotland was willing to talk openly about polyamory by answering a few questions surrounding themes such as closeness, love or jealousy.

Von Valeria Tomassini und Paynavi Punithakumar, G19A

An unusual situation: Orion is sitting across from us – but via a screen and in Scotland. His partner Jose is listening in the background as we begin the interview.

Orion, currently, you are only in one relationship – with your anchor partner Jose, who is also dating Jaana who has three additional partners. What do the terms closeness, intimacy and love mean to you? How would you distinguish them?
Orion: Love is something that you can feel with everyone: You can feel it with friends, maybe even with a stranger that you pass on the street. It is a feeling of appreciation. Closeness, however, I consider something more reserved to the people nearest to me. Although, I am not only close to people that I am involved with romantically, but also to friends and family. It is something precious and unique that you could not share with a stranger on the street. It is built through trust and sometimes just by being there for each other. Intimacy is a complicated one for a couple of reasons: There are various types of intimacy, such as sexual intimacy and nonsexual intimacy, to name an example. I also feel like I share intimacy, in a nonsexual way, with people that I am not necessarily in a relationship with, but also with family and friends. It is something valuable and unique. Something you do not feel it with every person you are close to, but only with those with whom you have a particularly meaningful relationship or friendship.
The beauty of polyamory is loving limitlessly: you can enjoy love, closeness and intimity to the fullest. For me it is impossible to get everything I want out of one relationship, on the other hand, I cannot be everything that another person wishes for. With multiple partners, this problem is solved, because you’re going to be connected in different ways. With that the intimacy I share with my partners is not necessarily the same. That is what makes defining intimacy so difficult for me.

What are the challenges in a polyamorous relationship? Is jealously one of them?
Communication is definitely one of the challenges of polyamory. If you cannot openly communicate with your partner(s), then you will have a lot of ups and downs in your relationship. Also accepting that you both have emotions. Jealousy is and will forever be a thing you feel. And that is totally normal. You shouldn’t put yourself down because of that. In the first months of our relationship, it was hard for me because whenever Jose would go to his other partner, I felt kind of icky. We solved this by sitting down and talking about our feelings. Another thing we have introduced into our relationship is that whenever either of us goes on a date, we try to meet up as soon as possible afterwards to sort of debrief.

Can closeness be shared in a relationship? And if yes, do you feel closer to one of your partners than to the other(s)?
Jose, who was halfway listening to the interview, suddenly appears on the screen. As Orion only has one partner at the moment, Jose might think: this question is one for me. So, as Orion disappears from the screen, Jose starts to recount closeness in more than one relationship.
Jose: My other partner, Jaana, who is dating four people, including me, which is a lot, is very different from Orion. Our relationship is like a friendship, but we care a lot about each other – we are almost platonic – but in a loving way. I feel the same amount of love for both my partners, but it is very different. It is a different kind of closeness. As to Orion, I practically live with him, so we share a lot of different things, also a lot of intimate things. However, I feel like Jaana is there for me just as much. We are just as close; we just do not spend as much time together. But with either partner I know that we would drop anything to help the other person out. This, too, is a crucial aspect of our polyamorous life.


[Bild: zVg]

Nähe und Distanz im Nanokosmos oder Warum der Kopf nicht durch die Wand geht

Von Dr. Michael Schär, Chemielehrer

Plötzlich waren sie da: Die Abstandsregeln während der Corona-Pandemie. Fast gebetsmühlenartig wurden sie wiederholt: 1.5 Meter zwischen zwei Personen (hierzulande) – mehr Nähe musste vermieden werden. Doch egal, wieviel Nähe erlaubt ist, zuletzt gelten sowieso die ‹Abstandsregeln› des Nanokosmos. Dazu gehört, dass Atome einander nicht durchdringen wollen und zueinander auf Distanz gehen, wenn sie sich nicht verbinden können. Ausschlaggebend dafür sind ihre Hüllen mit Elektronen, welche sich gegenseitig abstossen.

Gecko an der Wand, wer ist der beste Kletterer im Land?
Doch Atome verspüren genauso wie wir Menschen nicht nur Hemmung, sondern auch Attraktion. Und kommen sie sich etwas näher, geschieht manchmal auch Wunderliches. Elektronen bewirken nämlich nicht nur Abstossung, sondern indirekt über Fluktuationen der Ladungsverteilung auch den Zusammenhalt von kleinsten Teilchen: ‹Van-der-Waals-Kräfte› nennt sich dies im Fachjargon. Ohne diese würde sich so manche Kunststoffpackung gleich verflüchtigen. Ihnen verdankt der Gecko, dass er Wände erklimmen kann und selbst bei einer Last von 10 Kilogramm noch an der Decke haftet. Eine ausgeklügelte Nanostruktur am Fuss des Geckos mit Milliarden feiner Haare multipliziert die Oberfläche so dramatisch, dass mit der Nähe zur Wand auch gigantische Anziehungskräfte auftreten. (Abb. 1) Lange liess die passende grosstechnische Umsetzung der Bionik nicht auf sich warten: Das Klebeband nennt sich Gecko-Tape®. Zusammen mit weiteren zwischenmolekularen Kräften zeichnet diese Anziehung auch verantwortlich für die Molekulare Erkennung im Nanokosmos (z.B. Enzym-Substrat-Erkennung) und die Selbstorganisation in der Biologie (z.B. Zusammenhalt der Biomembran).


[Bild: Michael Schär]

Kernfusion
Was aber, wenn das Atom sich aller Elektronen entledigt hat, also sozusagen seine Hülle fallen lässt? Dann verbleibt noch die Kernabstossung. Geht es noch näher? Ein Blick zum Abendhimmel gibt Aufschluss darüber…
Das Licht von Sternen, Supernovas und Roten Riesen, über schier unendliche Weiten des Universums zu uns getragen, beweist es uns tagtäglich: Atomkerne können verschmelzen! Zwei werden zu einer neuen Einheit; dieser lichtbringende Prozess geschieht aber nur, wenn es sehr hitzig zugeht und bei grosser Nähe. Was im Nanokosmos Gravitation und Kernkräfte vollbringen, schafft bei uns Menschen die Liebe – und auch hier entsteht des Öfteren aus zwei Elementen ein neues…


[Bild: Serpil Boz, Universität Basel, und Michael Schär, ETH Zürich]

Geht der Kopf durch die Wand?
Nun zur Titelfrage: Fusioniert also der Kopf mit der Wand, wenn unsereins mal mit dem Kopf durch die Wand will und ihm genügend Energie gibt, um die Kern-Kern-Abstossung zu überwinden? Die Frage ist ziemlich unerheblich – eher stellt sich die Frage, was dann Kopf ist und was Wand? Denn bei Millionen von Grad Celsius ist jeglicher chemische Zusammenhalt dahin. Ein ungeordnetes Allerlei von Atomen innerhalb eines plasmatischen Einheitsbreis – eine groteske, ja geradezu höllische Vorstellung.
Dem arbeitet unter Alltagsbedingungen die gegenseitige Abstossung der Elektronenhüllen der Atome entgegen und stellt so eine natürliche Hemmschwelle dar; solange sie auf Abstand bleiben, können sie sich nicht durchdringen – geschweige denn fusionieren. Wir sprechen hier von kürzesten Distanzen in der Grössenordnung von 10-10 Metern, was in etwa der Summe der betroffenen Atomradien entspricht.

Das Einsperren des Elektrons und der Atomradius
Wenn man dem Begriff ‹Atomradius› auf den Grund geht, findet man sich in einer recht diffusen Situation wieder: Die Unschärferelation von Heisenberg lässt das ‹Einsperren› der Elektronen (bestimmter Energie) innerhalb absoluter Grenzen gar nicht zu. Schon im frühen Erwachsenenalter hat mir dies gehörig Kopfzerbrechen bereitet: Wo ist denn der Rand des Atoms, wenn das quirlige Elektron zwischendurch auch weiter aussen ‹Urlaub› machen kann? Für gebundene Atome kommt es noch bunter: Je nach chemischem Bindungstyp werden unterschiedliche Arten von Atomradien eingesetzt: Metallradien, Ionenradien, Kovalenzradien beziehungsweise Van-der-Waals-Radien. Bei dieser Vielfalt an voneinander abweichenden Grössen war es für mich immerhin tröstlich zu wissen, dass die Elektronen sich mit bestimmter Wahrscheinlichkeit in vorgegebenen Wolken aufhalten – besonders aber beim Bohrschen Radius –, was wenigstens Raum für Näherungsrechnungen gibt.
Auch experimentell lassen sich kürzeste Distanzen zwischen Atomen bestimmen: Beispielsweise in Kristallstrukturen, wo jeweils die beste Raumausfüllung angestrebt wird. Und wenn es mal mit der dichtesten Packung nicht optimal aufgeht? Dann wird gemogelt! So zu sehen auf Abb. 2, wo die Natur noch Lösungsmittelmoleküle in das Gitter des Kristalls eingeschleust hat.

Rastertunnelmikroskop: einmal mit dem Elektron durch die Wand
Mit der Nähe lässt sich noch mehr Merkwürdiges im Nanokosmos entdecken. Nähern sich beispielsweise zwei kleinste Teilchen einander, an die eine Spannung angelegt wird, können Elektronen trotz der Energiebarriere übertragen werden – also sie können gewissermassen mit dem Kopf durch die Wand (des Potentialtopfs) gehen! Die Rede ist vom Tunnelstrom, den sich das moderne Rastertunnelmikroskop (STM) zunutze macht, um Moleküle hochaufgelöst abzubilden. Ein eindrückliches Beispiel ist die Aufnahme eines helix-artig gewundenen Moleküls (Abb. 3), das wie eine Wendeltreppe nach oben verläuft (weil sich die Kohlenstoff-Atome in der Ebene ja nicht durchdringen können). Und genau dort, wo die Spirale aus der Ebene herausragen muss, ist der hellere Kontrast zu sehen. So erlaubt uns die Nähe im Nanokosmos die nähere Untersuchung der kleinsten Teilchen, welche die Biologie und Chemie letztendlich bestimmen.
Die beiden Fachbereiche sind bekanntlich eng miteinander verknüpft – und das nicht nur in Bezug auf das Schwerpunktfach oder die räumliche Nähe im Schulhaus: Stimmt nämlich die Chemie, dann sorgt das ‹Kuschel-Hormon› Oxytocin auch für mehr Nähe in der Biologie.


[Bild: www.ccdc.cam.ac.uk]

Selbstnähe

Von Alexandra Ihle, G19A

Wenn wir von Nähe reden, denken wir meistens an die Nähe zu anderen und fast nie an die Nähe zu uns selbst. Eigentlich merkwürdig, denn wir sind uns doch selbst am nächsten.
Gemäss Duden wird «sich nahestehen» folgendermassen verstanden: «aufgrund einer Eigenart oder bestimmter Merkmale in die Nähe einer Sache gehören, ihr benachbart sein oder zu jemandem in enger Beziehung stehen, zum Beispiel einer Person oder auch einer Partei». Würde diese Definition auf die Nähe zu sich selbst übertragen, könnte diese folgendermassen erklärt werden: Mir selbst nahe bin ich dann, wenn ich mich so gut kenne, dass ich mir meiner Eigenart mit allen Bedürfnissen und Wünschen bewusst bin.
Hand in Hand mit Selbstnähe gehen Selbstakzeptanz und, als Steigerung davon: Selbstliebe. Auch das Vertrauen in sich selbst gehört dazu. – Und in welcher Beziehung stehen diese Begriffe zu einander?
Selbstakzeptanz und Liebe. Die beiden Begriffe sind selbsterklärend, aber ihr Verhältnis ist kompliziert. Denn es ist möglich, sich selbst zu akzeptieren, ohne sich zu lieben. Aber Selbstliebe ohne Selbstakzeptanz – das geht nicht.
Selbstakzeptanz hat zudem viel mit Selbstrespekt zu tun. Akzeptiere dich selbst, und du respektierst dich selbst. Zu dieser Akzeptanz und diesem Respekt gehört, dass die eigenen Eigenschaften, Stärken, Schwächen und insbesondere Fehler erst einmal wahrgenommen werden. Sich Fehler einzugestehen ist wichtig, denn nur so ist Weiterentwicklung möglich. Es ist aber genauso wichtig, für seine persönlichen Bedürfnisse einzustehen. Selbst wenn das bedeutet, auf etwas zu verzichten. Zum Beispiel eben nicht in den Club zu gehen, als Einzige oder Einziger. Einfach weil das Gefühl das sagt und weil dieses Gefühl ernst genommen wird. An diesem Beispiel zeigt sich auch, dass Selbstrespekt stark mit dem sozialen Umfeld und dem damit verbundenen sozialen Druck zu tun hat. Unter diesem Druck, der von allen Seiten auf uns einwirkt, tun wir Dinge, die wir, wenn wir ehrlich sind, aus eigenem Antrieb nicht tun würden. – Nur wenn ich nahe genug bei mir selbst bin, kann ich diesem vielfältigen Druck widerstehen – und bei mir bleiben.
Nähe bedeutet aber immer auch Geborgenheit. Manchmal sehnen wir uns so sehr nach Nähe oder eben Geborgenheit, dass wir die wichtigste Person vergessen, zu der wir Nähe empfinden sollten: uns selbst. Tatsächlich ist Geborgenheit nicht möglich ohne Selbstnähe. Wenn ich mir selbst nicht nahe bin – wie könnte ich mich da einem anderen Menschen nahe fühlen können.

Nähe, Selbstnähe, das ist nicht geschenkt. Sie sind zu erarbeiten in einem langen Prozess des Sichkennenlernens. Einfach ist das nicht. Im Gegenteil. Ohne Selbstvertrauen geht es nicht, doch dieses Selbstvertrauen entsteht ja erst unterwegs. Also braucht es wohl erst einmal einfach Mut. Den Mut, den Weg unter die Füsse zu nehmen, der einen näher zu sich selbst bringt – und den Mut, Rückschritte in Kauf zu nehmen. Anders können wir uns nicht weiterentwickeln und zu der Person werden, die wir sein möchten. Schlimmer noch: Wenn wir die Nähe zu uns selbst nicht aktiv suchen, driften wir immer weiter von uns und unserem Wesenskern weg. Bis wir uns aus den Augen verlieren. Das können wir nicht wollen. Dann doch lieber das letzte bisschen Mut zusammenkratzen und den ersten Schritt tun. Auf uns selbst zu.


[Bild: Alexandra Ihle]

Shiatsu

Eine Hunderasse? Oder vielleicht Kampfsport? Mit beidem hat Shiatsu nichts zu tun. Shiatsu kommt ursprünglich aus der fernöstlichen Medizin und ist eine Therapie- beziehungsweise Massageart. Um mehr über Shiatsu herauszufinden, haben wir Elena Ritmeisters, ausgebildete Shiatsu -Therapeutin, in ihrer Praxis in Aarau besucht.

Von Selina Wick und Ella Jost, G19A

Shiatsu kommt aus Japan und heisst übersetzt «Fingerdruck». Man verwendet dabei also nur die Hände und keine anderen Hilfsmittel wie zum Beispiel Nadeln oder Steine. Shiatsu entspringt der traditionellen chinesischen Medizin und ist so etwas wie die Physiotherapie der fernöstlichen Medizin. Dabei orientiert man sich nicht nur an der äusseren Struktur des Körpers, sondern insbesondere auch an den Energieflüssen. Dazu gehört in erster Linie das Meridiansystem. Dies sind nach der traditionellen chinesischen Medizin energetische Bahnen, in denen die Lebensenergie Qi fliesst. Mit gezielter Behandlung von Akupunkturpunkten, also Punkten auf den Meridianen, soll der Körper in einer ganzheitlichen Balance gehalten werden.

Westliche und östliche Medizin
Oft unterscheiden sich die Therapieformen der östlichen und westlichen Medizin gar nicht so stark voneinander. Der nach westlichen Standards ausgebildete Physiotherapeut spricht vielleicht beispielsweise von einem muskulären Ungleichgewicht. Eine Shiatsu-Therapeutin würde hingegen von einem energetischen Ungleichgewicht sprechen. Im Grunde aber meinen beide dasselbe. Elena Ritmeisters erklärt: «Ich habe manchmal das Gefühl, wir sprechen nicht die gleiche Sprache, aber der Körper funktioniert bei allen gleich.»
In der westlichen Gesellschaft ist die fernöstliche Medizin noch nicht so bekannt; deshalb hat die Shiatsu Gesellschaft Schweiz (SGS) in den letzten Jahren viel in die öffentliche Präsenz investiert – mit Erfolg. Immer häufiger wird Shiatsu heute mit therapeutischer Körperarbeit assoziiert. «Als ich angefangen habe, wurde ich von den Leuten gefragt, ob ich Kampfsport mache oder Hunde züchte», sagt Elena Ritmeisters mit einem Schmunzeln.

Ungewöhnliches Setting
Anders als gewöhnliche Massagen wird Shiatsu nicht auf einem Massagetisch praktiziert, sondern auf dem Boden, auf den eine grosse Matte gelegt wird. Zudem werden die Kleider anbehalten. Beides hat einen kulturellen Hintergrund. In Japan schläft man traditionell auf dem Futon, einer dünnen Matratze. Diese wird auch für das Shiatsu verwendet, was dem Therapeuten oder der Therapeutin mehr Spielraum und Behandlungsmöglichkeiten gibt. Dass man sich nicht auszieht, hat viel mit der japanischen Lebensweise zu tun, in der Freizügigkeit oder Nacktheit keine Selbstverständlichkeit sind. Elena Ritmeisters sieht hier vor allem den Vorteil, dass es Menschen gibt, die sich ausgezogen nicht wohlfühlen und so nie in eine Massage gehen würden. «Die Kleidung gibt einen gewissen Schutz, da man nicht ganz exponiert ist. Das hilft ganz vielen Menschen, sich zu öffnen.»

Gezielte Berührungen
Wenn wir berührt werden, passiert in unserem Körper sehr viel. Berührungen werden ganz unterschiedlich wahrgenommen, dabei ist von Zärtlichkeit bis zur Gewalt alles möglich. «Sicher ist», sagt Ritmeisters, «Berührungen machen immer etwas mit uns. In der Shiatsu-Massage wird deshalb viel mit Körperwahrnehmung gearbeitet.» Tatsächlich nehmen wir viele Emotionen über unseren Körper wahr. Klientinnen oder Klienten lernen in der Massage, auf ihren Körper zu hören. Beim Shiatsu beginnt die Behandlung aber erst einmal beim Gespräch – um herauszufinden, ob Lebensumstände oder Alltagssituationen zu den beschriebenen Beschwerden geführt haben und in diesen Bereichen eventuell eine Anpassung notwendig ist.
Zweifellos gibt es im medizinischen Bereich viele unterschiedliche Herangehensweisen und Ansichten und Therapien; unbestritten ist jedoch, dass Körperarbeit in vielen Bereichen hilft. Und Elena Ritmeisters bringt es auf den Punkt: «Unseren Körper haben wir schliesslich immer dabei.»

Elena Ritmeisters
Praxis für Shiatsu, Aarau
aaraushiatsu.ch


[Bild: Chiara Audia]

Studentenfutter

Die Seite für Ratsuchende, Ideenlose, Sparfüchse und Neugierige. Hier gibt es zwar kein Trockenobst mit Nüssen, aber immerhin eine genussvolle, leichtverdauliche Mischung aus allerlei Wissenswertem rund um die Alte Kanti.

Von Regina Knüsel, G19A

Alte Kanti Unexplored
Orte, von denen man (vielleicht) noch nichts weiss

Auf dem Dachboden des Einsteinhauses befindet sich ein kleiner L-förmiger Raum, der den Namen «Albertas Ruheraum» trägt. Der Zusammenhang zu «Albertas Lounge» auf dem Dach des Aquariums liegt auf der Hand.
Der L-Raum dient als Ruheraum für Lehrpersonen, wohl damit sie sich in Zwischenstunden von den anstrengenden Schülerinnen und Schülern erholen können.
Tritt man durch die Tür, kommt man in einen engen, lichtdurchfluteten Raum. Es gibt drei Betten, die jeweils hinter einer dünnen Holzwand stehen und von einem Vorhang verdeckt werden. Die Betten sind mit weissen Laken bezogen, und es hat sogar Kissen. So richtig einladend wirken die Betten allerdings nicht, da sie nicht ordentlich gemacht sind und das Laken nicht besonders frisch aussieht. Auf dem Infozettel an der Tür steht zwar die Aufforderung, eine eigene Unterlage mitzubringen; ob dies auch gemacht wird – wir werden es nie erfahren…

Life Hacks
Wissenswertes rund um das Leben an der Alten Kanti

Um der Müdigkeit, die wohl alle Kantischüler/-innen kennen, entgegenzuwirken, gibt es eine gute Methode: Kaffee. Damit ihr wisst, wo es den besten Kaffee gibt, haben wir dies für euch getestet. Wir waren in der Mensa, beim Starbucks Automaten im Haeny Gebäude und durften den Kaffee aus dem Lehrerzimmer wie auch den aus der Kapselmaschine im Zimmer 26 degustieren.
Der Kaffee aus der Mensa ist überraschend gut. Er putscht zuverlässig und effektiv auf und ist dabei noch lecker. Was an diesem Kaffee nicht so überzeugt, ist seine bescheidene Grösse. Der XL-Kaffee füllt den dafür vorgesehenen Becher nur gut bis zur Hälfte. Preislich ist er in Ordnung, auch wenn ihr die Prix-Garantie-Kaffees aus dem Coop am Bahnhof natürlich günstiger bekommt.
Der Kaffee aus dem Starbucks-Automaten überzeugt mit gutem Geschmack und einer angemessenen Füllmenge. Der Becher ist, wie man sich das wünscht, bis zum Rand gefüllt. Das Manko dieses Kaffees ist eindeutig der Preis. Um den täglichen Koffeinkick damit zu finanzieren, müsste man wahrscheinlich eine Bank ausrauben…
Der Kaffee aus dem Lehrerzimmer ist vieles, aber nicht geniessbar. Der Kaffee ist viel zu bitter, einfach weit von einem guten Kaffee entfernt. – Während wir auf den Kaffee aus dem Lehrerzimmer im Einstein-Gebäude warteten, wurde uns von einem Lehrer (Name der Redaktion bekannt) das Angebot gemacht, doch besser den Kaffee aus seiner privaten Kaffeemaschine im Zimmer 26 zu probieren, was wir dann auch taten. Zwischen diesen zwei Kaffees liegen Welten, denn der Kaffee aus der privaten Maschine kann geschmacklich wirklich überzeugen. Er ist angenehm im Geschmack und überhaupt nicht bitter.

Update Alumni
Brandaktuelles aus dem Schulalltag für alle Ehemaligen

Es ist schon etwas her, aber die damit verbundene Veränderung ist so gross, dass diese Neuigkeit auch vier Monate später noch erwähnenswert ist. Am 17.02.2022 wurde die Maskenpflicht an der Alten Kanti und an allen anderen Aargauer Mittelschulen abgeschafft.
Es ist noch immer ein ungewohntes Gefühl, ohne Maske das Schulhaus zu betreten und diese nicht nach unten schieben zu müssen, um einen Schluck zu trinken. Etwa gleich komisch fühlt es sich an, plötzlich so viele Gesichter wieder ganz zu sehen. Gewisse Leute kannte man nur mit Maske, und jetzt merkt man erst, dass das Gesicht darunter so gar nicht dem entspricht, was man sich vorgestellt hat.
Zugegeben, jetzt, da die Masken gefallen sind, kann man im Unterricht nicht mehr ungehemmt Grimassen schneiden, und wenn einem mal wieder ein Lied nachläuft, kann man es nicht mehr unbemerkt tonlos vor sich hin singen.

«Wenn ich massiere, bin ich einfach locker»

Insbesondere Menschen mit Downsyndrom wird ein offener und herzlicher Umgang mit ihren Mitmenschen zugeschrieben. Der Aargauer Simon Federer ist da keine Ausnahme. Was ihn aber besonders macht: Als Masseur hat er eine besondere Art von Nähe zu seinem Beruf gemacht.

Von Rahel Furrer und Regina Knüsel, G19A


[Bild: Rahel Furrer]

Um einen Interviewtermin mit Simon Federer zu vereinbaren, riefen wir ihn an und erhielten nach unserer Anfrage eine Einladung zu ihm nach Hause. Erfreut über diese unerwartete Gastfreundlichkeit, erkundigten wir uns nach der genauen Adresse, doch er bot uns an, uns direkt beim Bahnhof abzuholen. So erwartete uns in Turgi ein klein gewachsener Herr in schwarzem Mantel, der uns herzlich in Empfang nahm. Anschliessend führte er uns in seine Wohnung, in der er bereits seit einiger Zeit allein wohnt. Wir kamen sofort ins Gespräch und waren beeindruckt von seiner klaren Ausdrucksweise. An Formalitäten hielten wir uns nicht lange, schon bald wechselten wir zum Du, so dass das Gefühl aufkam, einander schon länger zu kennen.

Simon Federers Wohnung zeugt von dem, was er in seinem Leben schon alles erreicht hat. Vieles ist vor allem seiner Ausdauer und Lernbegeisterung zuzuschreiben.
Vor seinem Beruf als Masseur arbeitete er als Tierpfleger. Heute hilft er neben dem Massieren regelmässig in einer Bar aus und arbeitet im Briefzentrum in Härkingen. In der einen Ecke des Wohnzimmers steht ein Saxophon, auf dem er regelmässig übt. Neben der Musik spielt in seinem Leben vor allem Sport eine wichtige Rolle. Regelmässig geht er joggen – für Menschen mit Trisomie 21 eine eher unübliche Sportart –, und entgegen aller Vorurteile gegenüber Menschen mit Downsyndrom ist er schon mehrere ganze sowie halbe Marathons gelaufen. Stolz zeigt er uns schliesslich auch seine Küche: kochen und essen tut er fürs Leben gern.
Während des Gesprächs tasten wir uns vorsichtig an das Thema «Nähe» heran. Ein schwieriger Begriff, finden wir alle, ist es doch etwas Ungreifbares, etwas, das zwischen Menschen stattfindet und doch nicht sichtbar ist. Auch durch seinen Beruf als Masseur hat er schon einige Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt, weshalb wir zuerst darauf zu sprechen kommen.

Kräftige Hände
Zum Massieren kam er durch eine Anfrage. Simon Federer wurde einige Jahre vom Schweizer Fernsehen SRF begleitet, wodurch eine Doku über seinen Werdegang entstand. So wurde er quasi «entdeckt». Jemandem fielen nämlich Simons kräftige Hände auf, welche sich zum Massieren perfekt eignen. Zuerst wusste er nicht so recht, was er von der Sache halten sollte. Schlussendlich überzeugte ihn ein Punkt, der ganz besonders in seinem Interesse lag: «Erst als mir der zukünftige Chef gesagt hat, dass ich auch den Fitnessraum benutzen darf, habe ich geleuchtet.» So durfte er also, ganz zu seinem Vergnügen, während der Ausbildung diverse Sportgeräte nutzen. Nach einigen Probemassagen hatte er bereits eigene Kunden, lernte fleissig ganz viele lateinische Begriffe und erlangte schliesslich seinen Ausweis, mit dem er nun offiziell als Masseur arbeiten kann. Mittlerweile ist er selbständig und hat in der Altstadt von Baden einen eigenen Praxisraum, wo er Freunde, ehemalige Lehrer, Schüler und Schülerinnen der Tagesschule «drive» und all jene, die einen Termin buchen, massiert. Diese Arbeit bereitet ihm viel Freude. «Wenn ich massiere», sagt er, «bin ich einfach locker.» Genauer beschreiben kann er dieses Gefühl nicht. Beim Massieren müsse er einfach darauf achten, dass er sich konzentriere und seinen Kopf beieinander habe, denn nur dann könnten seine Kunden die Massage geniessen, erzählt uns Simon Federer. «Manchmal bin ich auch etwas müde vom Massieren. Das merke ich ab und zu – aber ich habe ja eine Kaffeemaschine, und dann mache ich mir einen Kaffee.» Und wenn auch das nichts hilft, dann fällt die nächste Massage halt aus – denn halbe Sachen gibt es bei Simon Federer nicht.

Vertrauen als Basis
An seinem Beruf gefällt ihm besonders der Umgang mit Menschen. Er freut sich vor allem, wenn jemand in die Massage kommt, den er oder sie auch privat kennt. Zu den Freunden sei das Vertrauen grösser, daher komme man sich auch viel näher als im Kontakt mit Fremden. Bei diesen muss zuerst eine Vertrauensbasis geschaffen werden: Er fragt sie nach ihrem Namen, und zu wissen, was sie beruflich und in ihrer Freizeit machen, findet er auch wichtig.
Über sich selbst sagt Simon Federer, er sei offen und ehrlich, so wolle er auch sein. Er denkt im Gespräch mit anderen Menschen viel mit und überlegt sich immer, was er antwortet. Simon lebt ganz nach der Überzeugung: «Eine Antwort muss immer gut sein.» Im ÖV und allgemein in der Öffentlichkeit werde er oft angesprochen, dadurch komme er ins Gespräch mit Fremden, was ihn sehr freue. Doch mit Leuten, denen er anmerkt, dass sie etwas gegen ihn haben oder gedanklich irgendwo anders sind, rede er eigentlich nicht. «Ich rede mit denen, die Antworten geben wollen, wenn ich etwas erzähle.»

Downsyndrom
Beim Thema Trisomie 21 ist er Fremden gegenüber eher etwas zurückhaltend. «Ich gehe die Leute nicht gerne verschrecken mit dem Downsyndrom.» Auch wir kommen erst gegen Ende unseres Gesprächs darauf zu sprechen. Viel lieber erzählt Simon Federer von dem, was er im Leben schon alles erreicht hat. Wenn die Leute aber fragen, gibt er Auskunft darüber und fügt oft die Erklärung dazu: «Ich schaffe Dinge einfach etwas langsamer.» Er weiss ganz genau, was er will und was nicht. Er spricht aus, was in ihm vorgeht, und hat einen besonderen Sinn dafür, zu spüren, wie es seinen Mitmenschen geht. «Ich merke das gut, wenn jemand traurig ist», sagt er, und auch wir merken: Bei Simon Federer, dem Marathonläufer, Masseur und Menschenkenner ist man in guten Händen.

Nach dem Interview machten wir noch einige Fotos von Simon. Im Gegensatz zu uns hatte er das voll im Griff. Noch bevor die Kamera richtig eingestellt war, hatte er seine Pose eingenommen und erzählte von den Englischkursen, die er besuchen wolle, um sich auf Reisen verständigen zu können. Dann waren die Fotos auch schon im Kasten – und wir nach einem eindrücklichen Nachmittag um eine ganze Menge Inspiration reicher.

Zwischen Leben und Tod

Einen ganz besonderen Beruf hat das Luzerner Medium Maria Piazza. Sie sieht sich als mediale Lebensberaterin, als Vermittlerin zwischen der geistigen und der materiellen Welt und hat daher eine eher ungewöhnliche Nähe zu Verstorbenen. Im Interview gibt sie Einblick in ihre Arbeit, ihre besonderen Fähigkeiten und ihre Beziehung zum Reich der Toten.

Von Amina Colombo und Elin Cattaneo, G19A

Was ist ein Medium?
Ein Medium stellt sich als Kanal zwischen der geistigen und der materiellen Welt zur Verfügung. Auf diese Weise erhalte ich Informationen aus dem Jenseits. Meine Fähigkeiten erlauben es mir also, mit Toten zu kommunizieren. Ich verständige mich mit Engeln und verstorbenen Seelen sowie Geistführern, ich sehe und spüre sie. In spirituellen Sitzungen kann ich meinen Klientinnen und Klienten Zugang zu wichtigen Informationen ermöglichen. Dadurch entsteht für sie eine Möglichkeit, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, womit seelische Blockaden und Probleme gelöst werden können.

Kann man sich eine Verbindung zum Jenseits antrainieren oder wird man mit so einer Fähigkeit geboren?
Ich spürte bereits als junges Mädchen, dass bei mir etwas anders war. Ich begann Dinge vorauszuahnen und konnte die Energie von Menschen wahrnehmen. Später kam es dann immer öfter vor, dass mir wildfremde Menschen plötzlich ihre Lebensgeschichten erzählten und sich von mir einen Ratschlag erhofften. Irgendwann empfahl mir ein guter Freund diverse Kurse, wo ich schliesslich lernte, diese Fähigkeiten zu nutzen.

Wie erhalten Sie Botschaften von Toten? Hören Sie Stimmen, sehen Sie konkrete Gesichter oder wie kann man sich das vorstellen?
Ich habe die Gabe der Hellsichtigkeit, Hellfühligkeit und Hellhörigkeit; deshalb erhalte Botschaften auf die unterschiedlichsten Arten. Entweder in Form von Bildern, als Lied oder als Stimme, die einen Satz besonders laut sagt. Lauter als alles andere. Manchmal ist es aber auch mehr wie ein Gefühl. Wenn ich von jemandem eine Botschaft erhalte, sehe ich diese Person vor mir und kann sie auch beschreiben.

Empfinden Sie diese Nähe zu Verstorbenen auch körperlich?
Wenn ich mich in die Energie der jeweiligen Person einfühle, empfange ich seine oder ihre Gefühle. Diese Nähe aber erfahre ich nicht körperlich, sie beschränkt sich ausschliesslich auf die geistige Ebene.

Was erwartet uns nach dem Tod?
Aus meiner Arbeit als Sterbebegleiterin weiss ich, dass wir an einen wunderschönen, friedlichen Ort kommen, denn alle, die ich bisher in den Tod begleitet habe, sind mit einem Lächeln gegangen. Ich kann jeweils dabei zusehen, wie sie von Engeln und bereits verstorbenen Angehörigen abgeholt werden; so brauchen sie diesen Weg nicht allein zu gehen und müssen keine Angst haben.
Einige Seele bleiben aber in dieser Welt, bis sie bereit sind zu reinkarnieren. Wieder andere Seelen, die in der irdischen Welt alles erledigt haben, steigen weiter auf und reinkarnieren nicht mehr. Für sie ist nun eine höhere Aufgabe vorgesehen.

Man könnte sagen, Sie schlagen Profit aus dem Schmerz von denen, die einen lieben Menschen verloren haben. Sehen Sie da keinen ethischen Konflikt?
Würde ich einen ethischen Widerspruch oder Konflikt sehen, könnte ich meine Tätigkeit nicht mehr ausüben. Mein Herz wäre dann nicht rein und frei, ich bekäme also keine Botschaften mehr. Ich bin jedoch im festen Glauben und habe volles Vertrauen, dass Gott mir diese Gabe gegeben hat, um in dieser Welt Gutes zu tun.


[Bild: Amina Colombo]

Schund

Von Reinhold Bruder*

«Schund!», het de Tüütschleerer krääit, mit der äinte Hand es John-Kling-Heftli gschwänkt und mit der anderen em Fränzu äis putzt. «Wi mängisch mues is no sääge? Dir sind Bezirksschüeler. Und Bezirksschüeler lääsen Aaspruchsvous. I der Schueubibliothek gits gueti Jugetbüecher, Saage und Sachbüecher. Settige Mischt wott i i mim Zimmer nie me gsee.» Er het s Heftli no äinisch i d Luft ghaa und denn verrisse. De Fränzu het e rooti Baggen überchoo und de zum Ürsu überegscheechet und gmützeret. Beed händ i de Mappe no mee Fueter ghaa; der äint Jim Strong, der ander Micky Maus. Am Schluss vo der Stund – aui händs gsee – isch de Leerer zum Roland ggange und het em e Band griechischi Saage änegstreckt.

Wider äinisch het de Grosvatter Roland zäme mit siner Fräu Rosa e Psuech bi de Grooschind gmacht, bim zääjeerige Georg und bim achtjeerige Gregor, der äint e groosse Lääser, der ander het no nie freiwiuig es Buech i d Hand gnoo. Im Gepäck händ d Groseutere zwöi Büecher ghaa. Daas Moou nüüt Wärtvous. D Rosa het sech nämlech duregsetzt. Für e Georg «Tom Gates» und für e Gregor «Böse Jungs», beedes Comic-Romään. De Georg het sech sofort derhinder gmacht, de Gregor het numen e chli pletteret. Am andere Morge sind si de Groseutere enggägegrönnt und händ luut grüeft: «Mir sind scho fertig.» De Gregor isch de gliich grooss Lääser woorde wi de Georg. Wo de Roland äinisch i de «Böse Jungs» gschnöigget het, het er zu der Rosa gmäint: «S isch zwaar scho chli Schund, aber miraa.»

*Deutschlehrer von 1966-2004. Aula-Mitglied seit 1997.

Interview Corina Eichenberger

Corina Eichenberger
Rechtsanwältin und Politikerin (ehem. Grossrätin und Nationalrätin)
Matura: 1974


[Bild: zVg]

Fassen Sie Ihre Kantizeit in einem Satz zusammen.
Ich denke gerne an diese schönen und unbeschwerten Kantijahre zurück.

Wie sieht Ihr bisheriger Karriereweg aus?Welches sind die wichtigsten Eigenschaften in Ihrem Beruf?
Als Rechtsanwältin ist die Fähigkeit zentral, sich in die Gegenpartei (und als Mediatorin in die Streitparteien) einzudenken und manchmal auch einzufühlen, um gute Lösungen und Argumente beziehungsweise Gegenargumente zu finden. Diese Fähigkeit ist auch in der Politik sehr nützlich.

Weshalb sind Sie Mitglied im Ehemaligen-Verein der Alten Kanti?
Nostalgische Gründe und Erinnerungen an die Schulzeit haben mich motiviert, dem Ehemaligen-Verein beizutreten. Schöne Erinnerungen wecken positive Gefühle, und die tun gut.

Sechsundvierzig Minuten

Von Jakob Schildhauer, G20F

Bremsen quietschen. Menschen strömen mir entgegen, als ich versuche, aus der Unterführung auf den Bahnsteig zu gelangen. Ich renne die letzten Meter zum Zug, springe hinein und höre das Fiepen der sich hinter mir schliessenden Türen. Die Atmosphäre eines Schulhofes begrüsst mich, als ich in den Gang des Waggons trete. Den Reservationszetteln an den Fensterscheiben entnehme ich, dass es sich bei den durcheinanderschreienden Kindern um die Klasse 3b handelt, die wie ich bis nach Basel fährt. Schnell laufe ich einige Meter weiter, hinaus aus dem Getümmel. Ich lege meine Tasche auf den nächstbesten Platz in sicherer Entfernung, kämpfe mich aus meiner dicken Winterjacke, die mich nicht loslassen will, schaffe es schliesslich und verstaue sie über den Sitzen. Unterdessen hat sich mein Rucksack verselbstständigt und ist auf den Boden gefallen. Ich hebe ihn auf, setze mich. Heute will auch gar nichts klappen. Erst jetzt fällt mein Blick auf mein Gegenüber. Es ist der Weihnachtsmann.
Zumindest ist das mein heimlicher Name für den Herrn vor mir. Wenn es einen Menschen gibt, dem ich zutrauen würde, Millionen von Geschenken in nur einer Nacht zu verteilen und dabei trotzdem eine Ruhe auszustrahlen, als meditiere er, dann ist es dieser Mann. Selbst beim Zeitunglesen wirkt er so bedacht, so beruhigend, dass ich beinahe etwas ehrfürchtig werde. War ich denn auch artig? Eigentlich fehlt der Vollständigkeit halber nur der rote Mantel. Alles andere wirkt bereits, als sei es einer Kindergeschichte entsprungen. Die dunkelbraunen, kleinen Augen hinter der schmalen Brille mit dünnem Gestell und der lange, weisse Bart, der auf allen Seiten hinter der Zeitung hervorschaut. Öfter liest er Kriminalromane. Wir kennen uns schon länger. Eigentlich ist das falsch gesagt. Ich kenne ihn nicht, sehe ihn nur auf dem Weg zur Uni, wenn ich, meistens keuchend und in letzter Sekunde, in den Zug einsteige. Genau sechsundvierzig Minuten, so lange dauert die Fahrt nach Basel. Und doch ist mir, als sei der Weihnachtsmann mein Freund, ein alter Bekannter, dem ich alles anvertrauen kann. Nur unterhalten haben wir uns nie. Seine Bücher mag ich jedenfalls, habe selbst einige davon schon gelesen. Donna Leon zum Beispiel. Ob er die Wendung am Ende vom vierten Band, den er letzte Woche dabeihatte, erwartet hat? Wahrscheinlich schon, der Weihnachtsmann weiss schliesslich alles. Ich muss schmunzeln.
Dann blicke ich aus dem Fenster und folge dem Verlauf des Rheins neben der Strecke. Links, dann wieder rechts, Häuser und Bäume stören gelegentlich die Sicht. Und plötzlich, plötzlich bremst der Zug schon. Und ich schaue nach vorne, doch der Weihnachtsmann ist weg. Ich entdecke ihn im Gang. Der Zug hält, die Kolonne setzt sich in Bewegung. Ich zwänge mich in meine Jacke, nehme meinen Rucksack und versuche, so schnell wie möglich aus dem Zug zu gelangen. Doch die Klasse 3b hat dasselbe Ziel wie ich, und es dauert einige Momente, bis alle Kinder sicher auf dem Bahnsteig stehen. Denn hier herrscht reinstes Chaos. Menschen rennen kreuz und quer zu den Zügen, Leute stolpern über Koffer und dazu verkündet eine automatische Stimme den Ausfall der S29. Wunderbar.
Aber da vorne ist er, ich sehe ihn noch gerade. Ich beeile mich, verliere den Mann immer wieder kurz aus den Augen, hole ihn aber langsam ein. Ich tippe ihm auf die Schulter, er dreht sich um. Endlich.
«Guten Tag, ich seh’ Sie ganz oft im Zug und wollte Ihnen einfach mal Hallo sagen …», doch meine Stimme verstummt langsam. Der Weihnachtsmann wirkt nun gar nicht mehr so lieb. Überrascht stammle ich etwas und höre ihn sagen, er wolle nichts unterschreiben. Einen schönen Tag. Vielleicht ist eine sechsundvierzigminütige Zugfahrt einfach nicht genug, um jemanden kennenzulernen. Enttäuscht gehe ich weiter zur Rolltreppe. Oben angekommen, tippt mir plötzlich jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um, es ist eine junge Frau. Sie wirkt etwas nervös. «Hi! Ich hab’ dich im Zug gesehen …».

Schreibwettbewerb 2022
1. Platz in der Kategorie 1./2. Klassen

In der sechsundvierzigsten Minute

Von Adriana Catanese, G19K

Das Leben auf dem Land, Früchte und Blumen in allen Farben verwelken mit der Zeit. Zusammen leben wir in einem alten Haus. Meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. Seitdem ich sechzehn Jahre alt bin, gehe ich nicht mehr zur Schule. Ich helfe unserer Mutter bei der Arbeit, denn sie wurde ihrer Gesundheit beraubt. Sie ist Schneiderin mit jahrelanger Erfahrung. Seit drei Jahren bin ich es auch.
Mein Bruder ist sechs Jahre alt. Wichtig ist er mir, so wichtig wie Mutter mir auch ist. Der Tag, an dem er geboren wurde, zählt zu den schönsten meines Lebens. Neues Leben. Gesundes Leben. Neun Jahre vor der Geburt meines Bruders brachte Mutter in der sechsundvierzigsten Minute der sechsten Morgenstunde ein für immer schlummerndes Kind zur Welt. Ihr Grab befindet sich in unserem Garten. Damals war ich zehn Jahre alt. Wie ungerecht war es, dass meine Mutter ihr geliebtes Kind nie lebendig in die Arme nehmen durfte. Wie ungerecht war es, nie auf die Welt kommen zu dürfen. Wie grausam war der Tod. Und doch schlief sie so friedlich. Dieses Gefühl damals verstand ich nicht, aber es war schrecklich. Ich spürte Mutters Trauer und ich trauerte mit ihr.
Als ich dreizehn Jahre alt war, kurz nach der Geburt meines Bruders, wurde Mutter krank. Sie war kreidebleich, abmagert und stumm. Was anfangs wie eine normale Grippe aussah, entwickelte sich zur langen Krankheit, wovon sich Mutter nie vollständig erholt hat. Seither bereitet mir jedes Räuspern und Hüsteln Unmengen an Sorgen. Es war auch in jenem Jahr, dass uns Vater verliess.
Seitdem bekam ich ihn nie wieder zu Gesicht.
Das Arbeitszimmer ist mit Garn und Stoff in allen Farben des Regenbogens ausgerüstet. Das grosse Fenster dient als traumhafte Lichtquelle zu jeder Jahreszeit. Pflanzen in allerlei Grüntönen schmücken den Raum. Ein grosser Tisch, mit den angefangenen Arbeiten dieser Woche, steht in der Mitte des Raumes. Mutter war diesen Morgen ausser Haus, um ein Kleid für das Nachbarskind auszuliefern. Über die Jahre habe ich, ohne es zu merken, ein Auge entwickelt, mit dem ich Mutter stets analysiere. Doch weiss ich oftmals nicht, ob mich meine eigenen Ängste täuschen. Als würde ein Schleier meine Augen bedecken, trügt mich meine eigene Wahrnehmung. War sie gestern langsamer im Nähen der Hosentaschen? Hatte sie weniger Appetit? War sie erschöpfter als sonst? Womöglich war alles wie immer. Wäre dem nicht so, würde sie selbst es jedoch nie zugeben. Was aber, wenn dem nicht so wäre? Wie könnte ich mir solch Unachtsamkeit meinerseits jemals verzeihen? Ich frage mich, ob ich in der Lage wäre, allein auf meinen Bruder aufzupassen. Schleichend merke ich, wie mich die Panik ergreift. Wie sie in mir aufsteigt, wie das Wasser in einer Badewanne. Wie sie überläuft und in mir in der Form von Tränen unkontrolliert rausströmt. Ich höre etwas krachen. Aus dem Zimmer sehe ich Mutter und Bruder draussen vor dem Fenster der Küche. Ich hatte ihre Rückkehr wohl nicht bemerkt. Das Schlimmste ahnend, eile ich in ihre Richtung. Ein regloser Vogel auf dem Boden ist der Grund unserer Versammlung. «Der arme Vogel ist in das Fenster geflogen», sagt Mutter. Mein Blick wandert zum Vogel. «Er rührt sich leider kein bisschen», sagt sie. Mir dreht sich der Magen um. Ein Kichern bricht die soeben entstandene Stille. War es Wut, die da in mir aufstieg? Wie konnte mein Bruder bloss lachen? Ein Lebewesen, welches kürzlich noch bei uns war, war von einem Moment auf den anderen von uns gegangen. Ewig schlummernd in einer Welt, von der wir nichts wissen. Wie grausam war der Tod. In der sechsundvierzigsten Minute der sechsten Morgenstunde, wovon mein Bruder nichts verstand. Wie grausam war der Tod. Und trotzdem sieht er nun so friedlich aus, ruhend auf dem Boden.
Wir haben den Vogel bei uns im Garten vergraben. Wie es wohl sein wird in dieser Welt, von der wir nichts wissen? Ewig schlummernd wie das Kind und der Vogel. Ich unterbreche meine Arbeit und blicke zu ihr. Behutsam näht Mutter eine feine Stoffblume an den Rock eines Kleides. Ich sehe in ihr schmal gewordenes Gesicht und betrachte ihr grau werdendes Haar. Ich spüre, wie das Wasser in der Badewanne aufsteigt. Dennoch tröstet mich der Anblick, denn selbst die schönsten Früchte und Blumen verwelken mit der Zeit.

Schreibwettbewerb 2022
2. Platz in der Kategorie 2./3. Klassen

1938

Von Nadina Schärer

Kalte Abendluft peitscht mir entgegen. Vom Himmel fallen ein paar verirrte Schneeflocken. Die Strassen Berlins sind leer. Ich renne quer über den sonst so vollen Potsdamer Platz. Normalerweise versteht man hier unter dem Verkehrslärm und den schnatternden Menschen sein eigenes Wort nicht. Jetzt könnte man eine Stecknadel fallen hören. Geradezu unheimlich. Es liegt etwas in der Luft. Als hätten die Häuser und Bäume, an denen ich vorbeiziehe, auch dieses flaue Gefühl einer dunklen Vorahnung. Mein Gefühl beruht allerdings nicht auf Vermutungen, sondern auf einer bitteren Erkenntnis. Ich kann ihn nicht retten. Wie auch? Mein Bruder hat es mir vorhin selbst gesagt: «Du immer mit deinem Janosch! Aber warte nur, dieses Mal wird er nicht so einfach davonkommen! Es ist eine Schande, dass du dich überhaupt mit einem Drecksjuden wie ihm abgibst!» Bei diesem Wort ist es mir kalt den Rücken hinuntergelaufen. Aber habe ich etwas gesagt? Natürlich nicht. «Eine Deutsche sollte sich nicht so beschmutzen! Aber keine Sorge, nach heute Abend wird er kein Problem mehr für uns sein!» «Was soll das heissen, Michi?», fragte ich erschrocken über seine hasserfüllten Worte, «du willst ihm doch nicht etwas antun, oder?» Sein breiter werdendes Grinsen bereitete mir grosses Unbehagen. «Sagen wir, er wird bekommen, was ihm zusteht. Er, sein Gesindel und jeder, der sich uns in den Weg stellt.» Mit diesen kryptischen Worten verliess er das Zimmer und mich mit einem sehr schlechten Gefühl im Magen.
Um 19:30 Uhr soll es losgehen. Das weiss ich von Mama. «Michi hat etwas von einer Säuberung geredet», sagte sie und lachte. Mein Bauch sagte mir, dass er nicht mit seinen Kollegen die Gehsteige von Müll befreien möchte. Mir wird schlecht. Mein Blick ist verschwommen. Nicht nur von den Tränen, die mir heiss die Wange runterlaufen. Geräusche dringen wie durch Watte zu meinen Ohren. Meine Beine, die mich seit fast einer halben Stunde durch die Stadt tragen, schmerzen schrecklich. Aber das ist mir egal. Ich habe fast keine Zeit mehr. Von Michis Hassrede bis zur Vollstreckung seines Plans sind von den ursprünglichen 45 Minuten keine 15 mehr übrig. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Immer wieder höre ich einzelne Fetzen dieses Gesprächs. Die Stimme meines Bruders hallt wie ein Echo in meinem Kopf. Fast keine Zeit mehr. Wieso habe ich nichts gesagt? Wieso konnte ich mich nicht bewegen? Wieso bin ich einfach dagestanden und habe ihn auf mich einreden lassen? Und wieso habe ich Janosch nicht verteidigt …?
Endlich verlangsamen sich meine Schritte. Ein paar Häuser weiter liegt der Laden von Janoschs Eltern. «JIDDISCHE FEINKOST» steht in Grossbuchstaben über der Tür. Eine dicke Farbschicht. Das Wort «JIDDISCH» scheint besonders oft übermalt geworden zu sein.
Ich hole tief Luft. Beruhige dich! Nur keine vorschnelle Entscheidung treffen. Werde ich gerade beobachtet? Wahrscheinlich. Die Vordertür ist also keine gute Idee. Um diese Uhrzeit ist sie sowieso abgeschlossen. Die Hintertür könnte aber noch offen sein. Ich muss es versuchen!
Janoschs Vater hat vor einer knappen halben Stunde den Laden dichtgemacht. In der Küche brennt aber noch Licht. Als ich vorsichtig die Hintertüre öffne, höre ich etwas. Aus der Vorratskammer kommen gedämpfte Geräusche. «Janosch?», rufe ich. Meine Stimme ist bedrückt und zittrig. Ein Rumpeln, ein dumpfer Knall und ein lautes: «Au!», gefolgt von wildem Gefluche. Das ist nicht Janosch. Herr Goldberg kommt, sich den Hinterkopf mit der linken Hand reibend und einem Gurkenglas in der rechten, aus dem kleinen Raum. «Marie?», fragt er verdutzt, lässt den erhobenen Arm sinken und lacht. «Was machst du denn hier? Du hast mich fast zu Tode erschreckt!» Mir bleibt das Lachen im Halse stecken. «Es ist … es wird etwas passieren, Herr Goldberg. Etwas Schlimmes! Sie müssen sofort hier weg! Sie werden kommen, nein, sie sind schon da!» Herr Goldberg sieht mich nun besorgt an: «Ganz langsam, Marie, wovon sprichst du? Wer kommt?» «Nein, jetzt! Wo ist Janosch? Wir haben keine Zeit! Um halb acht geht es los!», meine Stimme bricht fast. Wieder schaue ich auf die Uhr. Es ist eine Minute vor halb acht. Helle Panik steigt in mir auf. Verdammt, verdammt, verdammt! Ich habe wieder nichts erreicht! Gleich wird es geschehen und ich kann es nicht aufhalten. «Marie», Herrn Goldbergs Stimme ist jetzt ernst, «sprichst du von den Nazis? Haben sie etwas geplant? Weiss dein Bruder etwas?» Doch ich antworte ihm nicht. Es ist Punkt 19:30 Uhr.
Ich bereite mich vor. Auf Lärm, Tumult, Gewalt. Doch nichts geschieht. Eine lange, peinigende Minute vergeht. Wir beide halten den Atem an, doch es herrscht weiterhin absolute Stille. «Hör mal», sagt Herr Goldberg langsam mit zittriger Stimme, «wenn das ein schlechter Scherz sein soll, dann ist das wirklich unpassend, Marie! Du weisst doch, was wir durch sie alles erdulden mussten!» Hoffnung steigt in mir auf. Vielleicht war das alles nur ein grausamer, geschmackloser Scherz seitens meines Bruders. Vielleicht wird alles gut. Vielleicht… «BOOM.» Glas zerbricht. Holz splittert. Regale fallen in sich zusammen. Das ganze Haus vibriert. Herr Goldberg stürzt aus der Küche in den Laden. Ich folge ihm bis zur Tür. Das Schaufenster und die komplette vordere Hälfte des Ladens sind vollkommen zerstört. Leberpastete vermischt sich mit Hummus auf dem Parkett zu einem dunklen Brei. Absolutes Chaos. Rufe von draussen. Wie in Trance sehe ich Männer in Uniformen den Laden stürmen. Mit Knüppeln schlagen sie Einmachgläser, Flaschen und Kisten kaputt. Mit ihren Stiefeln treten und zerstören sie all das, wofür sich Janoschs Eltern jahrelang mühselig abgearbeitet haben. Eine ganze Existenz mit einem Mal weg. Ich will sie anschreien, aufhalten. O diese Ungerechtigkeit. Ich kann mich nicht bewegen. Schon wieder. In Schock stehe ich da. Aus dem Augenwinkel sehe ich Herrn Goldberg. Bestürzung und Verlust stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Einer der Männer geht auf ihn zu. Er zieht seinen Knüppel. Er will ihn schlagen. Nein! «Nein!» Unkontrolliert kommt es aus meinem Mund. Gleissend heisse Wut erlöst mich aus meiner Starre. Ich stürze mich auf den Kerl, will ihm das Gesicht zerkratzen, ihn für seine Gräueltaten bezahlen lassen. Wir beide fallen auf den Boden. Aus dieser Distanz sehe ich sein Gesicht. Ich starre ihn an. Mein Bruder starrt zurück. Die Verblüfftheit in seinem Blick wird kurz darauf von Traurigkeit abgelöst. Er wird wohl sein Wort halten müssen.
Alles schwarz. Au, mein Kopf! Was ist mit mir?
«Marie?»
Wer ist das? Ich kenne diese Stimme. Wieso klingt sie so traurig?
«Marie, wach auf.»
Ich öffne meine Augen. Über mir ist ein Gesicht. Janoschs Gesicht. Endlich! Ich grinse verklärt. Er lächelt auch, doch seine Augen lächeln nicht mit. Eine einzelne Träne rollt seine rechte Wange runter. Ich verstehe nicht. Ich bin so müde. Ich kann nichts dagegen tun. Langsam schliessen sich meine Augen. Alles wird wieder dunkel. Das Letzte, was ich vernehme, ist das Rattern eines Zuges.

46 Minuten

Von Caroline Ritter, G20F

Als ich die Türe öffne, schlägt mir die kalte Luft ins Gesicht. Hinter mir höre ich die laute Discomusik. Doch kaum schliesse ich die Tür, ist es ruhig. Ich blicke mich in der Gasse um, in die ich gerade getreten bin. Die Sonne ist schon untergegangen, und das kleine Licht, das an der einen Gebäudewand hängt, erfüllt kaum seinen Zweck. Mit zitternden Händen krame ich in meiner Tasche nach dem Handy. Als ich es endlich gefunden habe, tippe ich schnell die Nummer meines Vaters ein. Die dunkle Gasse ist mir ein wenig unheimlich, und ich möchte so bald wie möglich wieder zurück in die Wärme.
«Hallo Papa! Ich bin’s», sage ich, während ich von einem Bein auf das andere wippe.
«Ja, Daria. Ist alles okay? Ich dachte, du wärst mit Maya zusammen im Club», antwortet er gewohnt freundlich.
«Ja, bin ich auch. Ich wollte dich nur fragen, ob du uns abholen könntest? Meine Füsse tun unglaublich weh, und der Club ist komplett überfüllt. Ausserdem sind wir beide langsam müde, und wir wollen nur noch nach Hause.»
«Kein Problem. Wo soll ich euch abholen?»
«Vielleicht beim Parkplatz vor dem grosse Einkaufszentrum?»
«Okay, das ist machbar. Ich bin in 45 Minuten bei euch. Bis bald.»
«Okay, bye.»
Ich lege auf und verstaue das Handy in meiner Tasche. Als ich mich noch einmal in der Gasse umsehe, erschrecke ich. Nur wenige Meter von mir entfernt lehnt eine grosse männliche Gestalt an einer Mauer und pfeift mir zu.
Schnell drehe ich mich um und laufe zurück in den Club. Was für ein Creep! Ich muss so schnell wie möglich Maya finden, damit wir endlich von hier wegkommen. Wer weiss, was sonst noch für Typen auftauchen. Mit schnellen Schritten laufe ich in die Richtung, von wo die laute Musik dröhnt, zwänge mich an mehreren Menschen vorbei, die mitten im Gang herumstehen, biege um die Ecke und gelange in einen grossen, fensterlosen Raum, der voller tanzender Menschen ist. Die Musik scherbelt unerträglich laut, und die Luft ist durch den künstlichen Nebel stickig und kaum auszuhalten.
Schnell suche ich den Raum nach Maya ab und erblicke sie schliesslich, wie sie an der Bar sitzt. Als ich auf sie zulaufe, bemerke ich, dass noch jemand bei ihr ist. Er flüstert ihr etwas ins Ohr. Maya scheint zu versuchen, ihn wegzustossen. Es ist ihr sichtlich unwohl wie nahe der Typ an ihr klebt. Ihm scheint es jedoch egal zu sein, denn er belästigt sie weiterhin. Wut kocht in mir auf, und ich merke, wie mein Gesicht rot anläuft. Mithilfe meiner Ellbogen bahne ich mir einen Weg durch die tanzende Menschenmenge. Der Fakt, dass keiner dieser Menschen auch nur auf die Idee kommt, ihr zu helfen, macht mich noch wütender. Als ich endlich an der Bar ankomme, greife ich nach der Schulter dieses widerlichen Typen und reisse ihn von meiner Freundin weg. Als ich ihm klarmache, dass ich die Polizei informiere, wenn er nicht sofort verschwindet, macht er sich aus dem Staub. Dann wende ich mich wieder meiner Freundin zu.
«Alles okay?», frage ich schreiend, damit sie mich trotz der lauten Musik hören kann.
Sie nickt. Ich blicke auf mein Handy, um sicherzustellen, dass wir noch genügend Zeit haben.
«Ich habe meinen Dad angerufen. Er holt uns in 35 Minuten vor dem Einkaufszentrum ab», sage ich, aber sie scheint es nicht wirklich zu realisieren.
«Daria. Mir ist ganz schwindlig. Und…und schlecht. Als ob ich in Watte gepackt wäre», sagt sie mit weinerlicher, leiser Stimme, sodass ich mich zu ihr vorlehnen muss, um sie besser verstehen zu können.
Ich runzle die Stirn. «Was? So viel Alkohol hast du doch gar nicht getrunken. Bestimmt ist es nur die schlechte Luft. Wir können ja nach draussen gehen und…», schlage ich vor und stocke plötzlich, als ich den Drink in ihrer Hand bemerke. Einen Drink, den sie noch nicht hatte, als ich nach draussen zum Telefonieren ging.
«Maya, wo hast du dieses Glas her?», frage ich sie schon fast panisch.
«Von Mark», stottert sie, während sie auf den Boden starrt.
Mark? Ich kenne gar keinen Mark. Plötzlich schwirren mir all die Geschichten durch den Kopf. Geschichten von Frauen, die in einer Bar von einem Fremden ein Getränk mit K.O.- Tropfen verabreicht bekommen und dann verschleppt werden. Reflexartig drehe ich mich um und suche den Raum nach dem ekelhaften Typen von vorhin ab, sehe ihn jedoch nirgends. Dann wende ich mich dem Barmann zu.
«He! Hast du ihr den Drink gegeben?», frage ich ihn.
Er schüttelt den Kopf.
Mir wird schlecht. OH Gott! Was wenn der Typ von vorhin ihr wirklich K.O Tropfen verabreicht hat? Ich war doch keine 10 Minuten weg. Wie konnte das nur passieren? Was mach ich jetzt? Dem Barmann Bescheid sagen? Der Polizei telefonieren? Oder doch lieber der Sanität? Woher soll ich überhaupt wissen, dass er Maya wirklich Drogen gegeben hat?
Als ich bemerke, dass Maya einen weiteren Schluck aus dem Glas nehmen möchte, reisse ich es ihr aus der Hand und stelle es auf der Theke ab. Bei solchen Dingen kann man nie vorsichtig genug sein.
«Komm Maya, wir gehen nach draussen an die frische Luft», insistiere ich und greife sie am Arm, um sie durch die Menschenmenge nach draussen zu führen.
Draussen angekommen, blicke ich kurz auf mein Handy. Wir haben noch 23 Minuten, bevor Dad kommt.
«Ist dir immer noch schwindlig?», frage ich sie mit besorgter Stimme.
Sie nickt.
«Lass uns schon mal zum Einkaufszentrum gehen. Mein Dad wird bald dort sein», sage ich und greife ihr unter den Arm, damit sie sich beim Torkeln abstützen kann.
Der Weg vom Club zum Einkaufzentrum dauert zu Fuss eigentlich keine 8 Minuten. Jedoch muss ich Maya praktisch dorthin tragen, da sie es kaum schafft, sich auf den Beinen zu halten. Dazu kommt noch, dass ich diese bescheuerten Schuhe mit diesen mörderisch hohen Absätzen anhabe, welche die ganze Sache nicht gerade vereinfachen. Als wir dann endlich ankommen, sind ganze 15 Minuten vergangen. Maya scheint es noch schlechter zu gehen.
Der Parkplatz vor dem Einkaufszentrum ist menschenleer. Niemand ist zu sehen, nicht einmal ein Auto. Durch das gelbe Licht der Strassenampeln wirkt die Situation beinahe gespenstisch.
Ich setze Maya auf die Bank neben dem Gehweg und krame mein Handy aus der Tasche, um meinen Vater anzurufen. Doch kaum habe ich seine Nummer eingegeben, stürzt mein Handy ab. Mist, kein Akku mehr! Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als zu warten, denn Mayas Handy scheint irgendwo im Club liegen geblieben zu sein.
Nach einer gefühlten Ewigkeit höre ich, wie ein Auto auf den Parkplatz fährt. Ich blicke auf und stelle erleichtert fest, dass es das Auto meines Vaters ist. Schnell helfe ich Maya auf und schwanke mit ihr auf ihn zu.
«Wo warst du? Wir haben eine gefühlte Ewigkeit auf dich gewartet. Du hast versprochen, du wärst in einer Dreiviertelstunde hier», werfe ich ihm vor.
«45 und 46 Minuten sind ja fast dasselbe. Es hat euch ja kaum geschadet, eine Minute länger zu warten», witzelt er. Doch sein Grinsen verschwindet blitzartig, als er Maya erblickt.
« Was ist passiert?»
«Erzähl ich dir später. Wir müssen Maya so schnell wie möglich in ein Krankenhaus bringen.»

Schreibwettbewerb 2022
2. Platz in der Kategorie 1./2. Klassen

46 Minuten

Von Florian Brenner, G19K

Diese Idylle ist völlig absurd, wenn sich solch eine Situation als idyllisch beschreiben lässt. Es mag absurd wirken, wie man in solch einer Situation noch so etwas wie Harmonie und Einklang verspüren kann. Doch die Blase ist geplatzt. Ich bin wieder ich und nicht der, der ich einmal war.

Es sind Serpentinen, welche die karge Küstenlandschaft zieren. Sie führen hinaus ins Nichts, in die abgeschiedenen Provinzen des Landes. In einem Reiseführer würde diese Ecke Schottlands als authentisch angepriesen werden. Mehr als winzige Fischerdörfchen mit einer überalterten Bevökerung, in dessen Häfen ein mieser Geruch von Rost, Salz und Fisch in der Luft liegt, hat diese überkommene Gegend jedoch nicht zu bieten. Dieser beissenden Meeresluft ist hier nur schwer zu entkommen, denn der Wind trägt sie noch weit ins Landesinnere. Die Häfen zählen meist exakt so viele Schiffe wie das Dorf Einwohner, wovon beide am Zahn der Zeit nagen.
Das Einzige, was solchen heruntergekommenen Dörfchen etwas Leben verleiht, sind die zahlreichen Pubs. Jedes noch so kleine Provinznest hat sein eigenes «Inn», wie sie in diesen Orten genannt werden. Diese Gaststuben sind die Pulsandern dieser trostlosen Gegend. Hier trifft sich Hinz und Kunz und jeder kennt sich. Ob man sich mag, ist eine andere Frage, doch man kommt miteinander aus und freut sich über die Anwesenheit der anderen, um nicht komplett zu vereinsamen. Genau in solch einem Pub bin auch ich heute anzutreffen, wie so oft. So mancher hat hier schon zu tief ins Glas geschaut und auch ich muss mich schamlos zu denen bekennen.

«46 Minuten bis zum Zielort», erklingt es aus dem Navigationsgerät, welches ich mit Klebeband an die Frontscheibe gepflastert hatte. Von Gebrauch war das Navigationsgerät eigentlich noch nie. Den Weg nach Hause kenne ich in- und auswendig und sich in dieser Gegend zu verirren, ist nun wahrlich ein Kunststück. Doch trennen konnte ich mich auch noch nicht von ihm. Es ist wie ein zuverlässiger Freund. Ein Freund welcher mich auf meinen Reisen, auch wenn es nur der Weg zur Arbeit ist, begleitet. Dem Menschen gegenüber hat das Navigationsgerät jedoch einen grossen Vorteil… bei Bedarf kann es ausgeschalten werden. Doch heute ist mir die eingesprochene Stimme willkommen, gar einsam fühle ich mich.
Der Motor heult doppelt auf, als ich ihn anlaufen lasse. Es ist wahrlich nicht der jüngste Wagen, doch es ist mein stolzer Besitz seit so manchen Jahren. Erworben habe ich ihn in meinen jungen Jahren und seither begleitet er mich auf Lebzeiten. Eine Reminiszenz an meine Jugendjahre.

Ich lasse den Motor erneut aufheulen und lenke den Wagen auf die von den Scheinwerfern erleuchtete Strasse. Ich bin bestimmt drei Bier über der Promille-Grenze und die Müdigkeit steht mir ins Gesicht geschrieben, doch irgendwie muss ich noch nach Hause kommen. Die Beschleunigung drückt mich in den Sitz, denn Power hat das Baby noch immer. Ich erinnere mich an die Sammlung an Klassikern, welche im Handschuhfach verstaut sind und sich schon Autofahrt für Autofahrt bewährt haben. Wahllos wühle ich in der Box herum und schmeisse eine der Scheiben ein. «80’s Rock Anthems» und direkt bin ich in der Zeit zurückversetzt. Die Erinnerungen ziehen mich in ihren Bann und alles Erlebte fühlt sich wieder so nahe an, so real, so greifbar.

« In the midnight hour she cried more, more, more.
With a rebel yell she cried more, more, more.
In the midnight hour babe, more, more, more.
With a rebel yell more, more, more. »

…schrie Billy Idol aus den Lautsprechern. Und ich gab ihr mehr! Liess die Drehzahl hochschnellen, liess den Fuss nicht vom Gaspedal, liess mich in das Leder pressen bis der Sternenhimmel nur noch glühende Linien am Himmel war und die dunklen Silhouetten der Bäume wie im Zeitraffer an mir vorbeirasten.

«46 Minuten bis zum Zielort», hatte es geheissen. Und nun liege ich schon seit geraumen 46 Minuten in diesem Schottergraben. Würde ein renommierter Photograph diese Szenerie festhalten, wäre sie einer Doppelseite in einem Magazin würdig. Das helle Mondlicht erleuchtet wie ein Scheinwerfer den Schauplatz dieser Tragödie. Dramaturgisch liegt der blutende Hirsch auf der Fahrbahn. Ein so majestätisches Tier, so galant und doch so machtlos gegenüber den Pferdestärken, welche unter der Fahrzeughaube meines Mustangs schlummern. Doch um die Karre steht es auch nicht besser. Nur noch zu erahnen ist, um welch edles Fahrzeug es sich mal gehandelt hat. Seitlich liegt das, was einst ein Prunkstück war, im Graben. Die Schnauze zog eine Furche durch die Erde um kam dann zum Stillstand.

Es dauert bis sich der Nebel aus meinem Kopf verzieht und ich wieder klar denken kann. Ich benötige einige Momente, um zu begreifen, dass dies gerade mir passiert ist, dass alles um mich real ist.
Und so sitze ich nun in einem demolierten Wagen, um mich Totenstille, nur gebrochen durch das alarmierende Piepsen eines Sicherheitsmechanismus und das schwere Atmen eines sterbenden Wildtieres. Wind zieht durch die zersplitterten Fenster und lässt mich am ganzen Körper frösteln.
Man könnte nun meinen, ich stünde unter Schock, doch von jeglicher Panik und Verzweiflung ist hier Fehlanzeige.
Ich sitze verkrümmt und verdrückt im deformierten Mustang, die Airbags im Gesicht und bin die Ruhe selbst. Ich sitze hier und um mich ist alles so idyllisch, ist alles so friedlich, ist alles im Einklang. Es ist als hätte mich dieser Vorfall aus der verschwommenen Pseudorealität, aus einer Gedankenblase, wieder ins Hier und Jetzt katapultiert. Ich war so beschäftigt mit dem, was mal war und vergass dabei, dass ich noch existiere.
Den materiellen Schaden am Mustang liesse sich ersetzen. Doch nicht zu ersetzen ist das Leben, welches ich so fahrlässig in Kauf genommen habe. Ich habe nicht alle meine Jugendjahre so impulsiv und exzessiv gelebt, um nun so früh von der Welt zu scheiden.
Es soll mir ein Mahnmal sein, ein Mahnmal an die Endlichkeit des Lebens. Und ein Mahnmal daran, nicht nur von Erinnerungen zu zehren, sondern mein Leben in der Gegenwart wieder lieben zu lernen, wieder neue Erinnerungen zu schaffen.
Die Blase ist geplatzt. Ich bin wieder ich und nicht der, der ich einmal war.

Schreibwettbewerb 2022
2. Platz in der Kategorie 2./3. Klassen

Mehr Empathie!

Von Piotr Kwiatkowski, G19E

Wenn ich auf die Welt schaue, bedauere ich sehr, wie viele Gräuel zu sehen sind. Damit soll nicht nur das abstrakte Boshafte aus Zeitungen und auf Bildschirmen gemeint sein, sondern auch der Schrecken des Alltags. Ich finde es frustrierend, wie wir Menschen miteinander umgehen, erst recht, wenn man bedenkt, wie fortgeschritten unsere Spezies doch eigentlich ist. Trotz massiver technologischer Innovationen von mikroskopisch kleinen Prozessoren bis zu Raketen hat sich der Umgang von uns Menschen über die Jahrhunderte nur wenig verändert; es scheint, als müsse die gesellschaftliche Umgestaltung warten – wie der Einwechselspieler auf der Bank. Unabhängig davon, ob man in einem Holzboot aus dem 13. Jahrhundert dahintreibt oder in einer Boeing den Himmel erkundet, noch immer wird diskriminiert, verspottet und verletzt. Ich halte es für eine absolute soziale Notwendigkeit, dass sich hier etwas verändert. Deshalb benütze ich hier die Gelegenheit, an alle zu appellieren – für mehr Akzeptanz, Respekt und Liebe, sodass das menschliche Empathievermögen sich nicht nur in Büchern, sondern auch in unserem Alltag bestätigen lässt. Schaffen wir es, dieses Ziel zu verwirklichen, dann erreichen wir als Spezies individuelle und gesellschaftliche Höhen, die unsere Raketen nie erreichen werden.

Ichigo ichie (Japanisch)

Von Kokone Shigemitsu*

「一期一会」これは日本に古くから伝わることわざである。意味を簡単に説明すれば、世の中は一生に一度限りの出会いで溢れているということだ。これからあなたが出会う人、今まで出会った人。彼らとはもう2度と会うことがないかもしれない。だから、どんな出会いも大切にしなさい、という教えである。


[Bild: rietberg.ch]

この言葉は茶道を通して伝えられた。あなたの今、目の前にある貴重な茶碗を見るのは最後になるかもしれない。同席している他のお客さんと出会うことはもうないかもしれない。現代のわたしたちからすれば大袈裟に聞こえるかもしれないが「どんな長い人生を生きても、同じ日は一度たりともない」ということをこの言葉からひしひしと感じる。

私がこの言葉に自分なりの意味を持たせるとすれば、「出会いと別れは簡単にやってきてしまうのだから、それらを見逃さないように」となるだろうか。さよならを突然言わなければならないことなんて、とても稀だけど、私には忘れられない別れがある。あれは2020年の春だった。世界的なパンデミックにより、私のスイスでの留学生活が急に終わりを告げた。クラスメイトや先生方に、直接お礼もお別れの言葉も言えないまま、私はスイスという国を後にすることになった。もうあれから2年が経った。今でも時々、スイスにいた日々を思い出すことがある。出会った人々や景色を懐かしむこともある。今振り返ってみると、私にとっての留学は「人生でまたとないほど貴重な経験」だったし、本当に大きな意義のあるものだった。

21世紀になった今日でも、出会いも別れも知らない間に訪れることはある。簡単に連絡が取れる時代だけど、だからこそ再会できることはとても特別だ。「周りの人を大切にするということ」古くから伝わる「一期一会」という言葉がそれを忘れるな、といつも私に語りかけている。

* Kokone Shigemitsu war 2020 Austauschschülerin in der damaligen Abteilung G1A. Sie lebt und studiert heute in Tokio.

Ichigo ichie (Deutsch)

Von Kokone Shigemitsu*

Ichigo Ichie. Diesen Spruch gibt es in Japan schon lange. Wörtlich übersetzt bedeutet es, dass man eine bestimmte Person beziehungsweise einen bestimmten Gegenstand nur einmal in seinem ganzen Leben trifft.


[Bild: rietberg.ch]

Das Sprichwort ging aus den Teezeremonien hervor. Es könnte das erste und auch das letzte Mal sein, dass man die Teeschale sieht, die vor einem steht, vielleicht wird man nie wieder Gäste einladen und die Zeit mit ihnen teilen. Es mag zu ernst und extrem klingen, im 21. Jahrhundert so zu denken, aber dieser Satz lehrt uns, jeden Moment so zu leben, als gäbe es keine zweite Chance.
Ich persönlich interpretiere diesen Satz so: Hallo und auf Wiedersehen können sehr leicht kommen und gehen, also versuchen Sie, einander nicht zu verpassen.
Plötzliche Trennungen passieren sehr selten, aber es gibt da einen Moment, an den ich mich immer erinnern werde. Es war das Frühjahr 2020, als mein Austauschjahr wegen der globalen Pandemie plötzlich zu Ende ging. Ohne mich persönlich von meinen Mitschülern und Lehrerinnen verabschieden und mich bei ihnen bedanken zu können, musste ich die Schweiz verlassen. Seit dem Tag sind zwei Jahre vergangen. Ich denke an die Tage im Aargau, ich vermisse die Menschen, die Luft und die Landschaft der Schweiz. Mein Austauschjahr hat mir sehr viel bedeutet, es war für mich sicher eine «once in a lifetime experience».
Auch im 21. Jahrhundert können Begegnung und Abschied plötzlich sein, jedes Wiedersehen ist kostbar. Ichigo Ichie erinnert mich immer daran, wie wichtig die alten Lehren auch heute noch sein können.

*Kokone Shigemitsu war 2020 Austauschschülerin in der damaligen Abteilung G1A.

Begegnung erleben

Am 8. und 9. März 2022 hatten die Schülerinnen und Schüler aller 2. Klassen der Alten Kanti die Gelegenheit, im Rahmen von massgeschneiderten Modulen spannende Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft kennenzulernen.
Die sage&schreibe-Redaktorinnen Amina Colombo, Alexandra Ihle, Ella Jost, Paynavi Punithakumar, Valeria Tomassini und Selina Wick
haben ausgewählte Module besucht und berichten hier von ihren Erfahrungen und Eindrücken.

Modul Psychische Krankheiten

Das Thema «psychische Krankheiten» ist aktueller denn je. Die Kliniken sind voll, die Warteschlangen lang. Vor allem mit der Pandemie und der damit verbundenen Isolation ist das Thema «Gesundheit» und eben auch die «psychische Gesundheit» mehr in den Fokus gerückt. Früher ein Tabuthema, wird heute immer mehr offen darüber gesprochen. Dadurch fällt es Jugendlichen, die übrigens besonders stark betroffen sind, leichter, sich über ihr psychisches Befinden zu äussern.
Das sagt auch Lukas Bösiger, Psychologe, den wir Anfang März im ask! zusammen mit der G20H im Rahmen des Projekthalbtages «Begegnungen» getroffen haben. In diesem Modul, dass sich rund um psychische Krankheiten und mentale Gesundheit drehte, durften wir einen vertieften Einblick in den Fachbereich der Psychologie erhalten.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde tauchten wir tiefer in die Welt der Psychologie ein. Anhand von verschiedenen theoretischen Aspekten sowie anschaulichen Beispielen gab uns Lukas Bösiger einen Einblick in die Funktionsweise der menschlichen Psyche. Mithilfe eines Filmausschnittes wurde uns aufgezeigt, wie eine psychische Krankheit aussehen kann. Auch erfuhren wir Wissenswertes über ein in der Psychologie essenzielles Modell: das sogenannte Bio-Psycho-Soziale Modell. Laut diesem Modell gibt es unterschiedlichste Einflüsse, welche eine psychische Erkrankung auslösen können. So kommen entweder unsere Denkweise und Wesensrt, unsere Genetik oder unser Umfeld als Krankheitsauslöser infrage. Dazu lernten wir mehr über unterschiedliche Ansätze, wie eine mentale Krankheit behandelt werden kann. Auch über die Tätigkeiten des asks! und die des Psychologischen Dienstes erfuhren wir einiges. Über Letzteren kann man auf der Website des asks! weitere Informationen und nötigenfalls Hilfe finden: Standorte und Öffnungszeiten | ask! – Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf.

Von Amina Colombo und Alexandra Ihle, G19A

Modul Sucht

Das Modul Sucht leiteten die Sozialarbeiterin Salome Widmer-Nikol von der Klinik im Hasel und ein abstinent Süchtiger, der dort in Therapie war. Eine süchtige Person wird ihr ganzes Leben lang suchtgefährdet bleiben, obwohl sie nicht mehr aktiv ihrer Sucht nachgeht. Daher bezeichnet man Menschen, welche eigentlich clean sind, nicht als geheilt, sondern als abstinent Süchtige. Wichtig zu sagen ist, dass die Sucht zwar eine behandelbare Krankheit ist, aber dennoch oft tödlich endet. Viele Süchtige kommen erst sehr spät in die Behandlung, zu spät, um abstinent zu werden. Das und viele weitere Grundinformationen wurden uns von Salome vermittelt. Zusammengefasst ist Sucht eine chronische psychische Krankheit. Eine Sucht entwickelt sich aus Gewohnheitsritualen, und man spricht von Sucht, sobald das Stillen des Verlangens wichtiger ist als alles andere. Das war auch der Fall bei dem Suchtbetroffenen, der das Modul mitleitete. Er erzählte uns von seinen Erfahrungen mit der Sucht, was sehr eindrücklich, aber auch beunruhigend war.

Gegen Ende des Moduls erhielten wir die Möglichkeit, dem Betroffen Fragen zu stellen, und ein respektvoller und angeregter Austausch entstand. Das Modul zeigte uns eindrücklich, was für eine schlimme Krankheit Sucht ist und dass es jeden treffen kann.
Weitere Informationen und auch eine Liste von Anlaufstellen sind unter www.suchtschweiz.ch zu finden.

Von Ella Jost und Selina Wick, G19A

Modul Sehbehinderung

Chantal Cavin erzählte uns sehr offen von dem Zeitpunkt, als sie mit 14 Jahren erblindete und inwiefern sich dadurch ihr Leben veränderte. Wir erfuhren auch von ihren zahlreichen Erfolgen, denn Chantal war mehrmals Weltmeisterin im Para-Schwimmen und auch Weltrekordhelterin. Wir waren erstaunt, denn wir realisierten, dass nicht einfach eine blinde Frau, sondern ein Sportstar vor uns stand. Heute ist Chantal Cavinkeine Profischwimmerin mehr, aber immer noch sehr sportlich. Sie läuft Marathons und absolvierte bereits mehrere Ironmans, was die meisten Sehenden nie schaffen würden. Um an solchen Wettkämpfen teilnehmen zu können, braucht Chantal sogenannte Guides, die sie begleiten. Zu zweit zu laufen, ist nicht zu unterschätzen, denn man ist nur so schnell, wie der Schwächere: dies durften wir selbst ausprobieren. Während des Laufens waren die zwei Personen über eine Schnur in der Hand miteinander verbunden.
Schliesslich durften wir erfahren,, wie es ist, nichts zu sehen. Jeder bekam eine Augenklappe, und anschliessend erkundeten wir in Zweierteams das Sportareal der Telli auf eine ganz neue Weise. Ohne zu sehen die Orientierung zu behalten, ist gar nicht so einfach. Auch das Treppensteigen, etwas Alltägliches, wird auf einmal zur Herausforderung, ganz zu schweigen von einer Partie Blinden-Fussball, an der wir uns zum Schluss versuchen konnten.

Es war ein sehr spannender, lehrreicher Morgen. Die direkte Begegnung mit Betroffenen, mit ihnen zu sprechen und sich auszutauschen, war etwas Spezielles und Einmaliges. Auch für einen kurzen Moment am eigenen Leib zu erfahren, welche Hindernisse das Leben einer blinden Person beeinflussen, war sehr interessant und hinterliess einen bleibenden Eindruck.

Von Ella Jost und Selina Wick, G19A

Modul Armut in der Schweiz

Zusammen mit der Sportklasse G20S der Alten Kanti verbrachten wir einen ganzen Vormittag bei der Caritas Aargau. Wir lernten, wie versteckt Armut sein kann und dass Alltagssituationen, wie auswärts Essengehen oder Kindergeburtstage zu einer finanziellen Challenge werden können.
Mithilfe eines Rollenspiels, um die weltweite Armutsverteilung zu veranschaulichen, startete der Halbtag. So lancierte die Caritas Aargau einen spannenden Morgen zum Thema Armut.
Der Einstieg in das Thema «Armut in der Welt» wurde durch einige Fakten angereichert. Einer davon war, dass 1% der Menschheit gleich viel Geld hat wie die restlichen 99% zusammen. Damit wir die verschiedenen Formen von Armut verstehen konnten, wurden uns die Definitionen aufgezeigt, welche für das Verständnis des Themas essenziell waren und sind.
Denn «Armut ist nicht gleich Armut!» Das war die Hauptmassage des Halbtages.
Eine der Armut-Arten ist die «extreme» Armut, bei welcher die betroffenen Menschen sich nicht mehr ihre Grundbedürfnisse leisten können. Diese Art nennt man auch die absolute Armut. Laut der Weltbank ist man absolut arm, wenn man weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung hat. Dies betrifft mehr als 750 Mio. Menschen auf der Welt.
Jedoch kann Armut genauso gut in unsichtbarer Form auftreten. Diese wird dann als relative Armut bezeichnet. Die Definition orientiert sich am sozialen Umfeld der Menschen und gilt dann, wenn man ein kleineres Einkommen besitzt als der Durchschnitt der Gesellschaft. In der Schweiz gibt es laut Statistiken keine absolute Armut, jedoch sind viele von der relativen Armut betroffen. Viele verheimlichen dies und schämen sich dafür. Da man es diesen Menschen oft nicht ansieht, ist es für sie schon eine grosse Hilfe, wenn man aufmerksam bleibt und Verständnis zeigt.
Um denjenigen, die von Armut betroffen sind, zu helfen, muss man nicht immer spenden. Vorzuschlagen einmal bei jemandem zuhause zu kochen, statt auswärts essen zu gehen, kann manchen Betroffenen schon Vieles bringen. Es zeigt, dass man ihre Lage versteht und eine für sie unangenehme Situation, in der sie das Essen absagen müssten, da sie sich es nicht leisten können, vermeidet.
Die beiden Referenten gaben uns verschiedene Szenarien vor, in die wir uns hineinversetzen mussten. So sollten wir als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern unseren Monatslohn so aufteilen, dass er bis zum Monatsende reichte. Wir durften immer zwischen verschiedenen Budgetposten wählen. Und immer mussten wir uns die Frage stellen: Will oder muss ich dafür wirklich Geld ausgeben?, Es war eindrücklich zu erfahren, wie schwierig es ist, solche Entscheidungen zu treffen. Es ist wirklich eine richtige Challenge, dass am Ende des Monats noch Geld übrigbleibt. Doch so ergeht es vielen Familien, auch in der Schweiz.
Caritas Schweiz hilft mit vielen Projekten und Engagements. Eines davon ist die «KulturLegi». Mit diesem Ausweis erhalten Armutsbetroffene bis zu 70% Rabatt auf Eintrittspreise und Kurskosten von Kultur-, Bildungs- und Sportinstitutionen. Damit man jedoch diese Legitimationskarte erhält, muss man nachweisen können, dass man unter oder am Existenzminimum lebt. Der lehrreiche und spannende Halbtag endete mit dem Besuch des Caritas- Secondhand-Ladens in Aarau, welcher ein Teil der «KulturLegi» ist.

Von Paynavi Punithakumar und Valeria Tomassini, G19A


[Bild: zVg]

Schreibwettbewerb 2022 – Jurybericht

Nach einer einjährigen Coronapause fand 2022 wieder der traditionelle Schreibwettbewerb der Alten Kanti statt. «46 Minuten» hiess das Thema, das Schreiberinnen und Schreiber aus insgesamt 5 Abteilungen herausforderte.

Von Andreas Neeser, Deutschlehrer und Jurymitglied

In der gut gefüllten Aula wurden am 16. März 2022 nicht weniger als 5 prämierte Texte von den Autorinnen und Autoren vorgelesen. Ein eindrücklicher Lesereigen, was nicht zuletzt dem Vorlese-Coaching von Theaterregisseurin Andrea Santschi geschuldet war.

Zahlreiche fein ausgearbeitete Texte hatten es der Jury – bestehend aus den Deutschlehrern Christoph Neidhart, Andreas Neeser, Peter Sutter und Lukas Tonetto – nicht leicht gemacht, das vom Ehemaligen-Verein AULA gespendete Preisgeld von 600 Franken gerecht zu verteilen.
In der Kategorie 1./2. Klassen schwang schliesslich Jakob Schildhauer (G20F) obenaus. Der geteilte 2. Platz ging an Caroline Ritter (G20F) und an Nadina Schaerer (G20B).

In der Kategorie 3./4. Klassen wurden zwei 2. Plätze vergeben – und zwar an Florian Brenner (G19K) und Adriana Catanese (G19K).

Hier gibt es die Siegertexte zum Nachlesen:

Jakob Schildhauer, Sechsundvierzig Minuten
Caroline Ritter, 46 Minuten
Nadina Schaerer, 1938

Florian Brenner, 46 Minuten
Adriana Catanese, In der sechsundvierzigsten Minute

«Die Schönheit der Polyamorie besteht in der grenzenlosen Liebe»

Mehrere romantische Beziehungen zur gleichen Zeit leben wird als Polyamorie bezeichnet. Genau in so einer Beziehung lebt der Schotte Orion Toivonen, welcher bereit war einige Fragen zur Polyamorie zu beantworten. Dabei werden Themen wie Nähe, Liebe oder Eifersucht in polyamorösen Beziehungen behandelt.

Von Valeria Tomassini und Paynavi Punithakumar, G19A

Eine ungewöhnliche Situation für ein Interview: Orion sitzt uns gegenüber, jedoch nicht an einem Tisch, sondern mehrere Kilometer entfernt, in Schottland. Über den Smartphonescreen sehen wir Orion in seinem Zimmer, seine Beziehungsperson Jose sitzt im Hintergrund und hört uns zu.

Orion, du bist momentan in nur einer Beziehung. Deine Beziehungsperson Jose hat aber selbst noch drei weitere Partner. Was bedeuten die Begriffe «Nähe», «Intimität» und «Liebe» für dich? Wie würdest du die Unterschiede beschreiben?
Orion: Ich glaube, Liebe ist etwas, das man bei jedem Menschen spüren kann: bei Freunden und in der Familie, vielleicht sogar bei einem Fremden, den man auf der Strasse trifft. Für mich ist es ein Gefühl der Wertschätzung. Nähe hingegen halte ich eher für etwas, das denjenigen Menschen vorbehalten ist, die mir am nächsten stehen. Dabei spüre ich die Nähe jedoch nicht nur für die Beziehungspersonen, mit denen ich eine Liebesbeziehung habe, sondern auch für Freunde und die Familie. Solche Nähe ist etwas Wertvolles und Einzigartiges, welches man nicht mit einer fremden Person auf der Strasse teilen könnte. Sie wird durch Vertrauen und manchmal bloss durch das Füreinander-Dasein aufgebaut. Intimität dagegen finde ich aus mehreren Gründen schwer zu definieren. Intimität ist etwas Einzigartiges. Etwas, das man nicht bei jeder nahestehenden Person spürt, sondern nur zu den Menschen, mit denen man eine besonders bedeutungsvolle Beziehung oder Freundschaft führt.
Die Schönheit der Polyamorie besteht in der grenzenlosen Liebe, darin, dass man die Liebe in vollen Zügen geniessen kann. Lasst mich das erklären: Ich kann von einer Person nicht alles bekommen, was ich suche, und gleichzeitig kann ich nicht alles sein, was eine Person sich wünscht. Mit verschiedenen Partnern gibt es dieses Problem nicht mehr. Man ist immer auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden und damit wird die Intimität zwischen allen Beziehungen auch eine andere sein. Das macht die Definition von Intimität schwierig. Was ebenfalls zur Definition beiträgt, sind die verschiedenen love languages*, die es gibt. Die Tatsache, dass Menschen unterschiedliche love languages ‹sprechen›, trägt stark zur geteilten Intimität bei. Wenn jemand zum Beispiel eine andere love language hat als seine Beziehungsperson, kann das zu Schwierigkeiten führen. Und damit wird die Intimität, die man mit dieser Person teilt, beeinträchtigt.

*love language:«Liebessprache». Beschreibt die Art und Weise, wie eine Person in einer Liebesbeziehung Liebe empfängt und ausdrückt. Dabei unterscheidet man allgemein 5 Gruppen: Worte der Anerkennung und des Lobes, Geschenke, Hilfsbereitschaft und Taten, gemeinsame Zeit und Zärtlichkeit.

Was sind die Herausforderungen in einer polyamoröseren Beziehung? Spielt Eifersucht eine grosse Rolle?
Kommunikation! Kommunikation ist definitiv eine der Herausforderungen der Polyamorie! Wenn man nicht offen mit seiner Beziehungsperson kommunizieren kann, dann wird es in der Beziehung viele Höhen und Tiefen geben. Ich würde sagen, dass Kommunikation, aber auch das Akzeptieren von Gefühlen das Wichtigste ist.
Eifersucht ist und wird immer präsent sein. Und das ist völlig normal, man sollte sich deswegen nicht niedermachen. Als meine Beziehungsperson zu Beginn unserer Beziehung mit anderen auf Dates ging, war das für mich ziemlich schwierig und ungewohnt. Also haben wir uns zusammengesetzt und über unsere Gefühle gesprochen. Dabei haben wir eingeführt, dass wir uns jedes Mal, nachdem einer von uns auf einem Date war, so schnell wie möglich treffen, um auf den neusten Stand zu kommen.

Kann Nähe in einer Beziehung geteilt werden? Und wenn ja, fühlst du dich einem deiner Partner näher als dem/den anderen?
Jose hörte uns anfangs nur halbwegs zu, doch jetzt ist er plötzlich ganz Ohr. Da Orion momentan nur eine Beziehungsperson hat, ist diese Frage passender für Jose. Orion gibt das Smartphone weiter an Jose. Somit beginnt Jose, uns von der Vielfalt der Nähe in mehreren Beziehungen zu erzählen.

Jose: Meine Partnerin Jaana ist ganz anders als Orion. Jaana selbst hat weitere drei Partner. Unsere Beziehung ist so, als wären wir Freunde, die viel füreinander empfinden. Man könnte sagen, dass es fast schon auf eine liebevolle Art und Weise platonisch ist. Ich empfinde für meine beiden Partner die gleiche Liebe, auch wenn sie sehr unterschiedlich ist. Es ist, als wäre es eine andere Art von Nähe, die ich mit ihnen teile. Mit Orion lebe ich so gut wie zusammen, daher teilen wir sehr viele Sachen, insbesondere intime Dinge. Ich würde sagen, dass mir Orion genau gleich nahe steht wie Jaana. Unterschiedlich ist nur, dass ich mit ihr weniger Zeit verbringe. Aber bei beiden Partnern weiss ich, dass wir im Notfall alles stehen und liegen lassen würden, um zu helfen.

Sprachlicher Umgang mit non-binären Menschen
Orions Beziehungsperson, Jose, ist non-binär. Non-Binärität ist eine Geschlechtsidentität, welche Menschen tragen, die sich nicht als männlich oder weiblich identifizieren. Dabei handelt es sich um einen Sammelbegriff, welcher in weitere Unterkategorien wie genderfluid, agender und polygender unterteilt werden kann.
Genderfluid bezeichnet eine Person, die ihr soziales Geschlecht über die Zeit immer wieder ändert. Hingegen fühlen sich Personen, welche agender sind, zu keinem Geschlecht zugehörig. Das komplette Gegenteil dazu ist polygender, hier fühlt man sich mehreren Geschlechtern zugehörig. Die hier genannten sind nur wenige der verschiedenen Geschlechtsidentitäten, die unter den Begriff non-binär fallen.
In der deutschen Sprache ist es sehr schwierig, über solche Personen zu schreiben. Schon nur bei den Pronomen drängt man sie mit «er» oder «sie» direkt in eine Geschlechtsidentität. Obwohl die Sprache etwas ist, das sich immer weiterentwickelt, gibt es für non-binäre Menschen noch keine wirkliche Schreibweise. Genau dies stellten wir auch beim Schreiben von «The Beauty of Polyamory is Loving Limitlessly» fest.
Eine bekannte Möglichkeit, bei deutschsprachigen Texten non-binäre Personen einzubeziehen, ist das typografische Mittel des Gendersterns. Dabei wird die männliche Form eines Wortes mit der weiblichen kombiniert und dazwischen der Genderstern gesetzt (z.B. Partner*in). Der Stern steht für alle anderen Geschlechteridentitäten.
Da der Genderstern noch sehr kontrovers diskutiert wird, wird er in den meisten Printmedien nicht oder nicht konsequent verwendet. Im Aargau beispielsweise ist es kantonalen Institutionen nicht erlaubt, den Genderstern in ihren Publikationen zu verwenden, da sich der Kanton an die Weisungen der Schweizerischen Bundeskanzlei hält.
Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, non-binäre Menschen anzusprechen. Einige wollen, dass man sie nur mit ihrem Namen anspricht, andere wollen anstatt «er» oder «sie» mit «sier» angesprochen werden. Jedoch ist auch dies in der deutschen Sprache noch nicht geläufig. Im Vergleich dazu wird im Englischen das Pronomen «they» für non-binäre Menschen schon sehr oft genutzt.
Damit wir Jose in unserem Artikel gendergerecht ansprechen, haben wir geschlechtsneutrale Begriffe wie «Beziehungsperson» genutzt.
Wer unsicher ist, wie eine non-binäre Person anzusprechen ist, fragt am besten direkt bei ihr nach, wie sie am liebsten angesprochen wird. Oft wird heutzutage die Anrede auch direkt ins Social-Media-Profil geschrieben, oder die non-binären Menschen sagen schon beim Vorstellen, wie sie gerne angesprochen werden.
Uns ist es wichtig, dass non-binäre Menschen in allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft normalisiert werden. Wir hoffen, mit diesen Ergänzungen das Themenfeld der Non-Binarität etwas verständlicher gemacht und näher gebracht zu haben, damit auch Sie in Zukunft zu einer Veränderung beitragen können.


[Bild: zVg]

Nur ein Wimpernschlag

Von Skyla Rossi


[Bild: Sanne Keller]

I
Ich reisse die Arme hoch, halte sie vor das Gesicht, um mich vor dem nächsten Schlag zu schützen. Seine Knöchel sind bereits blutig, die Haut ist dort aufgeplatzt, wo seine Faust jeweils mein Gesicht fand. Er ist über mir, kniet auf meinen Oberarmen. Abwechselnd mit der linken und rechten Faust schleudert er meinen Kopf wie einen Ball hin und her.
Sein dichtes, russfarbenes Haar ist zerzaust, das Gesicht widerlich verzerrt. Schweiss mischt sich auf seinen Wangen mit dem Blut, das von den wenigen Treffern, die ich landen konnte, aus kleinen Rissen sickert. Seine Augen sind glasig. Obwohl sie keinen Fokus zu finden scheinen, fühlt es sich an, als bohrten sie sich in mich hinein.
Ich bin taub, aber ich sehe seinen Schrei, sehe, wie er den Mund aufreisst, wie der Speichel zwischen Ober- und Unterlippe Fäden zieht.
Seine Faust kommt näher.
Mein Blick verschwimmt. Es wird dunkel. Und wieder hell. Seine Faust ist bereits so nahe an meinem Gesicht, dass ich das Blut auf seinen Knöcheln rieche.
Die Umrisse seiner Fratze werden wieder schärfer. Kantige Wut und Verachtung. Schweiss tropft, brennt auf meinem Gesicht. Mir ist heiss. Und kalt. Liegt Schnee? Im Sommer? Diese Kälte ist so unerträglich heiss.
In dem Moment, da ich seine raue Hand auf dem Gesicht spüre, wird mein Kopf zur Seite geworfen. Ich höre ein knackendes. schwarzes. Geräusch.

II
Ich reisse meine Arme nach vorne im verzweifelten Versuch, etwas zu finden, woran ich mich festhalten könnte – doch ich greife ins Nichts und die Füsse verlieren den Halt auf dem Flachdach.
Die Gestalt, die mir einen Stoss gegeben hat, fällt aus meinem Blickfeld. Die Hochhäuser rund um mich herum werden höher und mächtiger. Paläste aus Glas, gefüllt mit Menschen, die nicht wertschätzen, dass sie dort sein dürfen. Jetzt kippen auch die Wolkenkratzer aus meinem Blickfeld und ich halte mich fest an den weissen Wolken, die den graublauen Himmel durchschwimmen. Nichts als Wolken und Himmel. Wolken. Und Himmel.
Ich spüre, wie ich mich entspanne. Beinahe angenehm, wäre nur nicht dieser eisige Luftzug, der an mir vorbeipfeift.
Dann ein Schrei. Oder sind es mehrere?
Mein Blick verschwimmt. Es wird dunkel. Ich sehe sein Gesicht. Die zu einem schiefen Lachen verzerrte Miene brennt sich ein.
Trotzdem fühle ich mich leicht. Unglaublich leicht.

III
Ich will etwas sagen, doch anstelle von Worten kommen nur warme Luft und ein Röcheln zwischen meinen Lippen hervor.
Ich packe seine Hände hinter mir, reisse, zerre, doch sein Griff lockert sich nicht. Ich kratze seine Haut auf, bis ich etwas Warmes, Feuchtes spüre – doch die Klammer löst sich nicht. Also greife ich an meinen eigenen Hals, versuche die raue, kalte Drahtschlinge zu fassen, die sich dadurch nur noch enger zusammenzieht. Die Haut brennt, da, wo sie aufgerissen ist, spüre ich Blut. Es mischt sich mit dem seinen, das unter meinen Nägeln klebt.
Ich bilde mir ein, die Lungenbläschen platzen zu hören, zu fühlen, wie die Speiseröhre langsam eingedrückt wird.
Der Kopf hämmert. Wie lange geht das nun schon? Mein Blick verschwimmt. Es wird dunkel. Doch es gelingt mir, die tränenden Augen wieder einen Spalt zu öffnen. Das Wohnzimmer sieht aus, als stünde es unter Wasser. Die strengen Muster der zugezogenen Vorhänge sind verwischt, und das Licht der Stehlampe daneben wirft einen schimmernden Nebel über das düstere Zimmer.
Meine Glieder werden müde. Die Beine spüre ich schon gar nicht mehr. Die Finger gleiten kraftlos von meinem Hals. Ich versuche noch einmal zu sprechen, zu bitten, zu betteln, doch es kommt nichts aus mir heraus. Ein dunkler Schatten schleicht sich in mein Sichtfeld. Von mir aus. Ich habe nicht mehr die Kraft, gegen die Ziele anderer anzukämpfen. Ich entspanne mich, und für einen kurzen Augenblick fühlt es sich an, als würde der Druck um meinen Hals gelockert. Dann wird mein Kopf mit einer fast schon unanständigen Sorgfalt auf den kalten Boden gelegt.

Portraits der Mitarbeitenden

Ein Beitrag zur Umsetzung unserer Leitsätze

Unsere Mitarbeitenden: Ins Unterrichtsgeschehen sind sie nicht direkt invol- viert, doch im Hintergrund stellen sie Tag für Tag das reibungslose Funktio- nieren der Alten Kanti sicher. Ob im Sekretariat, im Park oder in den Kata- komben der Telli, ob in Labors, in Büros oder in unseren weitläufigen Gän- gen, ob in der Mediothek, in Dachstöcken oder in Haustechnikräumen: über- all wird geschaut, geplant, gelöst und umgesetzt. Handfest und konkret. Oft im Stillen und unbemerkt.

Der Umsetzungsgruppe Leitsätze ist es ein Anliegen, allen Schulangehörigen einen Einblick in das Wirken unserer Mitarbeitenden zu bieten. Denn: Diese tragen wesentlich dazu bei, dass die Alte Kanti als nachhaltige, attraktive, verantwortungsbewusste und professionelle Schule wahrgenommen wird.

Erfreulicherweise waren viele Mitarbeitende bereit, sich portraitieren zu lassen. Die Schülerinnen und Schüler der Abteilung G21A begleiteten sie bei der Arbeit und erfuhren im Gespräch mehr über ihre Tätigkeit an der Alten Kanti. Im Rahmen des Deutschunterrichts bei Simone Leuenberger entstand diese «Portraitgalerie». Herzlichen Dank an alle Beteiligten!

Machen Sie sich selbst ein Bild von der Vielseitigkeit und vom enormen En- gagement unserer Mitarbeitenden!

Für Portraits der Mitarbeitenden klicken Sie hier

3 Gedichte mit Audio

Sterbender Sommer
Bernsteinbraune Augen
verlieren sich
in der weiten Menge
der warme Wind wirbelt
in meinem Haar
und roten Blättern
an der Ecke zum Park

Die Schönheit der Welt
liegt in den Zyklen
Geburt und Vergehen
und alles ein Anfang

Denn ich bin verliebt
in den Jungen
der im Café sein Buch liest
in die Mädchen an der Kreuzung
in die alte Dame am Zeitungskiosk

Und vielleicht
ist das Liebe auf Zeit.

—————-
Schwarzer Schnee
Du tanzt barfuss im Schnee
unter tintenschwarzer Nacht
unsere Atemwolken schimmern
im blassen Fensterlicht
wann bist du so schön geworden?

Jubelnde Silvestergäste
hier draussen hören wir sie nicht
zu zweit allein
jung und frei
du tanzt, ich sehe dich –
doch du

—————–
Graffito
I’m sorry I fell for you during a pandemic
steht oben geschrieben
an der düstergrauen Wand

Warum sind es immer fremde Menschen
die mir am vertrautesten sind?

Von Tabea Geissmann

Ein Quöllfrisch – und ab nach La Spezia

Ende November trafen sich drei weisse verheiratete Männer, mittleren Alters im Zimmer15 und diskutierten zwei Stunden lang mehr oder weniger erfolgreich über den BegriffLifestyle. Getrunken haben sie dazu ein Appenzeller Quellfrösch, welche einer der dreiaus einer weissen 5-Rappen-Plastik-Tüte des nahen Grossverteiler gezaubert hatte.

Von Michael Bouvard, Simon Scholl und Michael Schraner

Michael B.: Eigentlich weiss ich gar nicht so recht, was das heisst Lifestyle.Michael Sch.: Übersetzt heisst es ja Lebensstil und be-schreibt eine Lebensweise. Man definiert sich über die Zu-gehörigkeit zu einer Peergruppe und über Materielles.

Simon: Im Sport definieren sich Fussballer über Frisuren und Tattoos, Snowboarder und Skifahrer über bestimmte Kleidermarken und Skater über ein bestimmtes Outfit und eine eigene Sprache.

Michael Sch.: Bei uns in der Kanti gab es die Buntfalten-hosenfraktion und diejenigen welche die Hosen tief trugen und Hip-Hop hörten. Zweimal dürft ihr raten, zu welchen ich gehört habe.

Michael B.: Also gehört alles dazu, was das Leben ausmacht, Musik, Kleider, Film, Vorbilder. Aber auch alles was man von sich weist, von was man sich abgrenzt und wasman nicht sein will.

Michael Sch.: Ja, genau. Auch Antimaterielles, Einstellung, Haltung und Werte gehören zu einem Lifestyle.

Michael B.: Dabei stellt sich aber immer auch die Frage: bin ich das wirklich, oder will ich das nur sein?

Simon: Du meinst, um dazu zugehören oder weil dieserLifestyle gerade cool und angesagt ist?

Michael B.: Ja, genau! Und eine gewisse Beharrlichkeit und Kontinuität gehört meiner Meinung nach zu einem echten Lifestyle. Man kann nicht nach zwei Monaten bereits kein Surfer mehr sein.

Michael Sch.: Aber die Rollenspieloptionen der sozialen Plattformen sind viel flexibler, als dies unsere analoge Jugend vor 30 Jahren war. Der Lifestyle unserer Kinder besteht doch gerade daraus, an verschieden virtuellen Orten in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.

Simon: Diese Rollen geben wohl auch Halt und helfen einem sich zu definieren, zu finden und auszuprobieren.

Michael B.: Durch vorgefertigte Rollen wird vieles einfacher und klarer. Viele Fragen stellen sich gar nicht.

Anschliessend wurde länger darüber debatiert, ob Lifestyle sich auf die Freizeit beschränkt, bzw. ob die Realität als Kantilehrer oder das Eltern sein auch Lifestyle sind und ob man als Einzelner verschiedene Lifestyles hat oder ob ein Lifestyle aus verschiedenen Welten bestehen kann. Dabei wurde auch ein Banker erwähnt, der in seiner Freizeit leidenschaftlich Origami faltet und über Leute gesprochen, deren äusseres Bild nicht zum Inneren passt(punkige Schale um einen konservativen Kern).

Simon: Jugendliche habe heute Mühe, sich von den Erwachsenen abzugrenzen und leben gesundheitsbewusster und ökologischer als unsere Generation.

Michael B: Man könnte darüber spekulieren, ob damit auch die Lifestylevielfalt abgenommen hat?

Michael Sch.: Vermutlich ja. Und die Jugendlichen sind perspektiveloser. Eine Art Biedermaier reloaded. Mit dem einzigen Ziel, einmal eine Familie zu gründen und sich ein Haus zu leisten.

Michael B.: So, wie wir drei ; – ).

Im Weiteren Verlauf wurde darüber gesprochen, ob Lifestyle ein Phänomen unserer Zeit ist oder ob es im Mittelalter auch schon einen Lifestyle gegeben hat. Einig wurde man sich darüber, dass Lifestyle ein gesellschaftlich-kulturelles Luxusproblem ist und ein Rollenswitch und der Fokus auf sportlich-kulturelle Äusserlichkeiten und Produkte immer extremere Formen annimmt(der Energy Drink vom Hip Hop Star). Eigenartigerweise wurde dabei auch der barocke Begriff des Gesamtkunstwerks ins Feld geführt.

Michael B.: Es stellt sich die Frage, ob es in der heutigen alghorithmisch gelenkten Welt noch die Möglichkeit gibt, einen echten, ehrlichen, intrinsich motivierten Lifestyle zu leben?

Simon: Man dreht sich beim Suchen im Internet im Kreis, es findet keine Entwicklung statt.

Michael Sch.: Die echte Wahl gab es doch nie. Als Skaterlebt man auch in einer Bubbel und wenn man auf dem Landaufgewachsen ist, hatte man auch keine echte Wahl.

Simon: Entscheidend ist doch, dass es sich für einen echt anfühlt. Egal ob früher oder heute ob KI determiniert oder real existierend.

Im Weiteren Verlauf des Gesprächs drehen sich die drei Herren mehrfach im Kreis, ohne weitere Aspekte herauszuschälen. Der Begriff der Authentizität wurde dabei mehrfach bemüht. Die Echtheit bestimmter Lebensphasen und Ideen wurden diskutiert und die Relevanz von Vorbildfiguren betont.

Michael B: Wie ernst war etwas? War ich damals ein Fake?

Simon: Im Moment war es ernst und damit ist es ok.

Michael Sch.: Wir tun immer so, wenn wir immer freie Wahl hätten. Doch das stimmt einfach nicht.

Michael B: Je älter man wird, umso breiter ist der Lebensfächer, früher konnte man noch viel fokusierterter agieren.

Michael Sch.: Der sentimentale Blick zurück gehört aufjeden Fall auch zu unserem Lifestyle.

Michael B.: Ein Lifestyle ist immer auch ein Filter für die Welt, die uns umgibt.

Je länger das Gespräch dauert – wir sind hier erst bei Minute 44 der Aufzeichnung – umso mehr wird es zu einem intensiven Gespräch unter guten Freunden. Dem Lifestyle der drei Familienväter tut es offenbar gut, einmal wieder einfach Zeit zu haben, bzw. sich Zeit zu nehmen. Die wichtigsten Themen werden anschliessend in der schulnahen Pizzeria besprochen. Das Aufnahmegerät blieb dabei ausgeschaltet.

Biryani Rezept

Von Paynavi Punithakumar, G19A

Reis:
2 Tassen Basmatireis -Reis waschen
3 Tassen Wasser
2TL Salz
1 kleines Stück Butter -Wasser, Salz, Butter und Safran aufkochen
2 Msp. Safran -Reis dazu geben
-Evtl. übrig gebliebenes Wasser vom Reis abgiessen

3 Karotten -Kartoffeln und Karotten in kleine Würfel schneiden und
2 Kartoffeln -mit Salz und Chillipulver gut durchmischen
1 TL Salz
Chillipulver (Menge je nach Schärfe)
Öl – In einer Pfanne zuerst Karotten frittieren, danach die Kartoffeln
50g Erbsen -Erbsen anbraten
Am Schluss den fertigen Reis mit dem Gemüse gut durchmischen.

Poulet-Curry:
2 grosse Zwiebeln -Zwiebeln in kleine Stücke schneiden und in einer Pfanne auf mittlerer Stufe anbraten
500 g Poulet Fleisch -Das Fleisch in mittelgrosse Stücke schneiden und wenn die Zwiebeln goldbraun sind, in die Pfanne geben.
1 ½ TL Salz -Nach etwa einer Minute mit Salz und rotem Curry würzen und Wasser dazugeben, anschliessend aufkochen lassen
Rotes Curry (nach Schärfe anpassen)
100 ml Wasser -Etwa zehn Minuten auf niedriger Stufe weiterkochen lassen
1/2 Zitrone oder Limette -Vom Herd nehmen und Saft der Zitrone oder Limette dazu pressen und gut umrühren. Reis mit dem Curry und mit gekochten Eiern servieren.

«Du kannst du sein»

Mark alias Kira Lafleur hat in der Kunst, in Drag zu performen, das Glück gefunden. Wir haben die 21-Jährige Aargauerin, eine Grösse in der Zürcher Drag-Szene, über Zoom zu ihrer nicht alltäglichen Kunst befragt und einen jungen Menschen kennengelernt, dem es ein Anliegen ist, seine Leidenschaft mit anderen Menschen zu teilen, aber auch Missverständnisse zu klären und mit Vorurteilen aufzuräumen.

Von Amina Colombo und Elin Cattaneo, G19A


[Bild: zVg]

sage&schreibe:Wann hast du mit Drag-Performances begonnen und wie bist du darauf gekommen?
Kira Lafleur:
Angefangen hat alles, als ich mit 12 Jahren das erste Mal Videos von Dragqueens gesehen habe. Da war ich noch etwas skeptisch, aber als ich dann auf eine Casting-Show für Dragqueens gestossen bin, war ich immer faszinierter. Ich dachte mir, da ich gerne singe, tanze und performe, kann ich das auch machen. Also fing ich an, mich zu schminken, und übte, auf High Heels zu tanzen.

Woher kommt dein Künstlername Kira Lafleur?
In der Schule war mein Spitzname Kiba. Da ich mich mit dem Namen sehr wohl fühle, wollte ich diesen teilweise beibehalten, so entstand Kira. Im Nachhinein erfuhr ich, dass «kira kira» auf Japanisch «funkelnd» heisst, was dem Namen einen schönen Touch gibt. Lafleur ist der Nachname einer Freundin, und da es der schönste Nachname ist, den ich je gehört habe, musste ich ihn einfach übernehmen. Er ist auch insofern passend, als ich gerne mit Blumen und Bouquets bastle und diese auch als Kopfschmuck trage.

Sind deine Verwandlungen nur «for fun» oder geht es dir um ein Statement?
Anfangs war es vor allem der Spass am Kostüm, dem Schminken und Tanzen, der mich vorangetrieben hat. Es war auch ein wichtiger Teil meiner Selbstfindungsphase. Drag half mir, aus dem Binären System herauszutreten. Drag ist etwas Rebellisches, das mich aus diesem Schubladendenken befreit hat und mir etwas gezeigt hat, was ich vorher noch nicht kannte. Mittlerweile ist es daher mehr ein Statement, rauszugehen und nicht der Norm zu entsprechen. Auch jüngeren Generationen möchte ich so zeigen: Du kannst du sein.

Was hast du für ein Verhältnis zu den Begriffen «männlich» und «weiblich»?
Grundsätzlich mag ich die Wörter nicht, denn was ist schon männlich und was weiblich? Wenn Menschen den Begriff «männlich» benutzen, meinen sie oft breit, muskulös, dominant. Ich höre lieber solche Begriffe als das Wort «männlich», denn auch Frauen können breit, muskulös und dominant sein. Ich würde jedoch lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Bezeichnungen männlich und weiblich nie benutze, dafür sind sie in unserem alltäglichen Sprachgebrauch zu fest verankert.

Die Begriffe «trans» und «transgender» sind heute sehr präsent. – Hat eine Dragqueen etwas damit zu tun?
Es hat insofern etwas damit zu tun, dass es auch Transgender Drag-Performer gibt und es für viele ein Weg ist, sich in Bezug auf sein gefühltes Geschlecht selbst zu finden. Jedoch ist es wichtig zu betonen, dass trans/transgender ein soziales Geschlecht ist. Drag hingegen ist eine Kunstform, du schlüpfst in eine Rolle. Wenn eine Person transgender ist, hat das hat nichts mit einer Rolle zu tun.

Wie gehst du mit Unverständnis um?
Ich persönlich werde nicht oft mit verschlossenen Menschen konfrontiert, denn wenn ich in Drag bin, befinde ich mich immer in einem aufgeschlossenen Umfeld. In komplettem Performance Outfit in meiner Nachbarschaft herumzulaufen, traue ich mich aber bis heute nicht.
Es kommt schon vor, dass mich Menschen verwirrt anschauen, aber ich mag das. So werden sie mit etwas konfrontiert, was sie noch nicht kennen und was noch immer ein Tabuthema ist. Wenn wir uns aber zeigen, bleiben wir nicht ungesehen. Wichtig ist mir, dass es die Leute zum Nachdenken anregt.
Interessierten Personen erkläre ich auf humor- und respektvolle Art, was Drag ist. Ich kann mir vorstellen, dass man in gewissen Kreisen und Freundesgruppen nie über dieses Thema redet, deshalb will ich niemanden verurteilen und gebe mir Mühe, möglichst verständnisvoll zu sein.

Worin besteht die Faszination, als Mann in Frauenkleidern aufzutreten?
Was sind Frauenkleider? Wer sagt denn, dass Röcke und High Heels Frauen vorbehalten sind? Wenn man in der Geschichte zurückgeht, merkt man, dass hohe Schuhe ursprünglich für Männer gedacht waren. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Louis XIV. Vor geraumer Zeit durften Frauen keine Hosen tragen – und mittlerweile ist es komplett normal. Kleider sind nur Stoff; warum also sollten wir Menschen aufgrund ihres Geschlechtes vorschreiben, was sie zu tragen haben? Für mich geht es darum, einen zentralen Aspekt meiner Persönlichkeit auszuleben und dabei anzuziehen, was ich möchte.

Bist du auf der Bühne eine Frau oder ein verkleideter Mann?
Ich bin nicht-binär, bezeichne mich also weder als Mann noch als Frau – unabhängig von der Bühne. Ich kann mir aber vorstellen, dass es viele Männer gibt, die Drag machen und ihre Rolle auf der Bühne als Frau bezeichnen würden. Ich selbst bin sowohl auf als auch neben der Bühne einfach ich. Abgesehen vom Make-up und den hohen Schuhen gibt es keinen Unterschied zwischen Mark und Kira. Viele trennen ihre Rolle aber ganz klar. Auf der Bühne sind sie eine Kunstfigur, vor- und nachher wieder sie selbst.

Wie ist der Umgang in der Szene? Ist man befreundet oder herrscht grosse Konkurrenz?
Weil wir in der Schweiz eine verhältnismässig kleine Szene haben, unterstützen wir einander gegenseitig. Wir schätzen es, andere Drag-Künstler kennenzulernen. Eine gewisse Konkurrenz gibt es in Bezug auf die Auftrittsmöglichkeiten. Wir wollen ja alle auftreten – so oft wie möglich.

Können alle Personen Drag machen?
Ja unbedingt! Alle können Drag machen, egal welches Geschlecht oder welche Sexualität. Sobald du dich wohl fühlst dich in Drag zu präsentieren und zu performen, tu es! Denn es wäre etwas paradox, wenn wir in der Drag Community Personen ausschliessen würden, obwohl wir ja für Gleichberechtigung kämpfen. Drag macht Spass, jeder, der Lust hat, soll es tun.

Kira Lafleur auf Instagram kiralafleuur

Drag/Dragqueen Eine Dragqueen performt (übertriebene) Weiblichkeit im Kontext einer Performance. Dragqueens sind oft, aber nicht immer, Cis-Männer, denn grundsätzlich handelt es sich bei Drag um eine Performance, die unabhängig vom Geschlecht der Person ist.
Nicht-binär: Oberbegriff für Personen, die sich nicht in das zweigeteilte Geschlechtersystem einordnen können oder wollen, sich also nicht ausschliesslich als männlich oder weiblich identifizieren. Solche Personen möchten sich auch nicht auf ein Personalpronomen reduzieren lassen. Sie verwenden wahlweise er/ihm oder sie/ihr.

Trans/transgender: Als transgender bezeichnet man Personen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Die Alte Kanti in Zeiten von Corona – Teil III

Seit seinem Amtsantritt im Sommer 2020 ist Rektor Dr. Andreas Hunziker mit seinem Team vor allem als Krisenmanager an der Corona-Massnahmen-Front gefragt. – A never ending story? Teil III seiner Aufzeichnungen jedenfalls lässt noch nicht wirklich auf eine nachhaltige Entspannung der Situation schliessen.

Von Dr. Andreas Hunziker, Rektor

Schulbeginn im August – ohne Masken
Eher unerwartet für alle entscheidet die Kantonsregierung, dass das Maskentragen zum Schulstart im August trotz steigender Fallzahlen freiwillig ist. Eine Massnahme, die von vielen mit Freude und Erleichterung aufgenommen wird – sieht man doch endlich wieder Gesichter statt Verhüllungen –, die aber auch bei zahlreichen Lehrpersonen Unverständnis hervorruft. Und tatsächlich: Nachdem wir vor den Sommerferien fast keine positiven Fälle mehr hatten, sieht die Situation im August wieder anders aus. Etliche Schüler/-innen werden nach den Ferien positiv getestet, mehrere Abteilungen wechseln für eine Woche in den Fernunterricht – eine bewährte schulorganisatorische Massnahme, die für mehr Ruhe sorgt.
Da die Fallzahlen seit Schulbeginn exponentiell zunehmen, führt die Regierung drei Wochen nach dem Schulstart die Maskenpflicht wieder ein. Ob ein Start mit Masken nicht doch vernünftiger gewesen wäre?

Repetitive Tests / Impfen
Da beim Schulstart keine Tests zur Verfügung stehen – die vorhandenen Spucktestlösungen sind mit Keimen verunreinigt und daher unbrauchbar –, können wir das repetitive Testen erst in der 2. Woche wieder aufnehmen – mit einer sehr kleinen Beteiligung, was nicht erstaunt, wird den doppelt Geimpften und den Genesenen doch von der Teilnahme abgeraten.
Im August und September steht jeweils für drei Tage eine mobile Impfstation des Kantons auf dem Areal. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler nutzen das niederschwellige Angebot und lassen sich piksen. Die Impfkampagne an den Schulen bringt aber auch die Impfgegner aufs Parkett, ja sogar aufs Areal der Alten Kanti, wo sie mit einer Flyer-Aktion auf sich aufmerksam machen. Ich staune über die gelassenen, differenzierten und souveränen Reaktionen unserer Schülerschaft. Während der Impfaktion ist auch das Medieninteresse riesig, zudem wird das Areal von mehreren Polizisten in Zivil überwacht. Die Impftage verlaufen aber störungsfrei.

Projekt, Abteilungs- und Schwerpunktfachwochen – Ausflüge mit Zertifikat
Im September sind die ersten Abteilungs-, Projekt- und Schwerpunktfachwochen geplant. Bald stellt sich heraus, dass so eine Woche, selbst wenn sie in der Schweiz stattfindet, nicht mehr so einfach durchführbar ist wie früher. Für die meisten externen Aktivitäten brauchen wir ein 3G-Zertifikat: geimpft, genesen oder getestet. Schliesslich können unsere Projekte – Schulreisen, Studienwochen in der Westschweiz, Sozialeinsätze, Exkursionen und vieles mehr – erfreulicherweise regulär durchgeführt werden.
Die Zertifikatspflicht verändert auch den Umgang bei Veranstaltungen mit externem Publikum. Neu müssen alle Anwesenden ein Zertifikat vorweisen – eine Schutzmassnahme, die von einer grossen Mehrheit getragen wird. Für die geplanten Auslandsreisen im Frühjahr 2022 verlangen wir 2G – was bedeutet, dass nur ins Ausland mitreisen darf, wer geimpft oder genesen ist. Auch hier stellen wir fest, dass diese Massnahme mehrheitlich verstanden und begrüsst wird, nicht zuletzt wegen der sehr hohen Impfquote an der Schule.

Gleichzeitig hoffe ich aber, dass wir uns bald wieder (zertifikats-)frei bewegen können, dass wir keine Diskussionen mehr führen müssen mit Massnahmenkritikern und Impfgegnerinnen, dass unsere Gesellschaft nicht noch mehr gespalten wird, dass nicht noch mehr Freundschaften in Brüche gehen.

Die Alte Kanti in der grossen weiten Welt

Im Zeitalter der Digitalisierung ist es selbstverständlich, dass auch eine so alte und ehrwürdige Institution wie die Alte Kanti sich die Vielzahl von digitalen Möglichkeiten zu Nutze macht. sage&schreibe bietet hier eine Übersicht über die verschiedenen Arten, wie die Alte Kanti in der grossen weiten Welt auf sich aufmerksam macht. Weiterlesen

«Das Leben ist kurz, deshalb darf es auch intensiv sein»

Ein Künstler-Atelier, ausgestattet mit verschiedensten Werkzeugen. An den Wänden hängen nebst Tiergeweihen Fotos von Landschaften und unendlichen Weiten – aus Grönland oder Patagonien. Eines ist darauf immer zu erkennen: ein Mann, der sich ein Ziel gesetzt hat. Sei es als Expeditionsführer in der Arktis oder als Gleitschirmpilot mit einer Gämse als Passagier im Arm – seine Lebensart bedeutet Risiko. – Wir befinden uns im Büro von Thomas Ulrich. Und was für uns auf den ersten Blick nach Risiko aussieht, ist in Wahrheit detaillierte Planung.

Von Tatjana Gligorevic, Nick Häusler und Anna Piani, G19A


[Bild: zVg]

Es sind Selbständigkeit und Freiraum, die seinen Beruf ausmachen. Wie er sein Leben zu leben hat – das ist allein seine Sache. Ein ewiger Einzelgänger, der dafür sowohl Zuspruch als auch Kritik erntet. Thomas Ulrich tippt auf seine Uhr: «Ich wollte etwas finden, bei dem ich nicht ständig nachsehen muss, wann denn endlich Feierabend ist.»
Der Vierundfünfzigjährige schloss eine Lehre als Zimmermann ab, die ihn aber nicht erfüllte. Er entdeckte seine Leidenschaft für die Fotografie und schlug damit den Weg zum weltweit anerkannten Abenteuerfotograf ein. Erstmals finanziell abgesichert, machte er dann weitere Ausbildungen, etwa als Bergführer oder Gleitschirmpilot. So gesehen folgte sein Weg zur Berufung einem aufbauenden Prozess.
In grossen Figuren wie Sir Ernest Shackleton findet er Ideen für seine Projekte. So hat der legendäre Polarforscher die kommende Expedition, die für November dieses Jahres ansteht, inspiriert: «Quer durch Südgeorgien».

Die Angst, der Freund und Helfer
Thomas Ulrich – ein Abenteurer, der sich selbst als «ängstlich» bezeichnet und seine Expeditionen immer akribisch vorausplant. Es ist die Angst, die ihn am Leben hält; Als dreifacher Familienvater darf er es sich nicht leisten, fahrlässig zu handeln. Daher hält er sich von Extremsportarten wie Base-Jumping fern, diese seien zu wenig greif- und kalkulierbar.
Denn nicht alle Abenteuer enden gut. Tragische Geschichten von Freunden aber waren bisher kein Beweggrund, dem Abenteuer fernzubleiben. «Anders wäre es, wenn ich meine Kinder in Gefahr brächte. Deshalb bin ich sehr froh, dass sie nicht in meine Fussstapfen getreten sind!», fügt er schmunzelnd hinzu. Denn erst als er selbst Vater wurde, merkte er, welcher Sorge er seine eigenen Eltern aussetzte. Trotz allem hinderten die elterlichen Bedenken und Ängste ihn nicht daran, seine Träume und Ziele zu verwirklichen.

Ein Traum, der zum Albtraum wurde
2006 setzte sich der Abenteurer das Ziel, den arktischen Ozean von Sibirien nach Kanada zu durchqueren – allein. Doch das Scheitern gehört selbst bei genauster Planung dazu. Seine Reise endete damit, dass er vier Tage lang auf einer Eisscholle festsass. Nach seiner international vielbeachteten Rettung fand er sich in einem tiefen Loch wieder, aus dem er es lange Zeit nicht herausschaffte. Die Vorwürfe gingen tief, am meisten aber setzten ihm die Selbstvorwürfe zu. «Da habe ich schon auch am Sinn gezweifelt von dem, was ich tue.» Letztlich aber waren es diese intensiven Momente, die ihn Ruhe und Gelassenheit lehrten.

In der Natur sind wir alle gleich
Auf Gruppentouren sind es oft wohlhabende Leute in Führungspositionen, die bis zu 65’000 Franken zahlen, um ihn zu begleiten. Die Arktis aber, sagt Ulrich, lasse die Wichtigkeit von Positionen oder von Geld verblassen. Denn dort fänden sich alle auf derselben Ebene wieder. «Auf dem Eis kommt man sich näher. Solche existenziellen Erfahrungen prägen die Menschen auf eine einzigartige Weise. Das Leben ist kurz, deshalb darf es auch intensiv sein. – Ein bequemes Leben ist nichts für mich!»

Monatelang zu zweit unterwegs
Die Belastung bei Reisen, die Thomas Ulrich nicht als Leiter einer Gruppe antritt, sei deutlich geringer. Abenteuer mit Freunden kann er gelassener angehen und dabei lediglich die Verantwortung für sein eigenes Handeln und das der Begleitperson tragen. Selbstverständlich könne es schwierig sein, monatelang mit derselben Person und der Einsamkeit konfrontiert zu sein, sagt er, doch man sei zu beschäftigt mit den wirklich grossen Problemen, um sich darüber auch nur Gedanken zu machen.

Kein Vegetarier, dafür Jäger
Während einer weiteren Expedition nagte der Hunger an Ulrich und seinem Freund; die Nahrung war ihnen ausgegangen, der einzige Ausweg war das Erlegen eines Seehundes.
Aus dieser Begegnung, die letztlich sein Überleben gesichert hatte, entwickelte sich eine Leidenschaft: Heute ist Ulrich passionierter Jäger. Davon zeugen auch Hirschgeweihe und unterschiedliche Fotos in seinem Büro. Seinen Aussagen zufolge ist die Jagd für ihn so etwas wie das Gegenstück zur Massentierhaltung – eine gerechte Art des Fleischkonsums: «Wäre ich kein Jäger, so wäre ich wohl Vegetarier!» Auf der Jagd werde der Mensch auf seine natürlichen Eigenschaften reduziert. Insbesondere die Konfrontation mit sich selbst, der eigenen Persönlichkeit, ist auf der Jagd allgegenwärtig. In solchen Augenblicken, führt Ulrich aus, scheine die Zivilisation um einen herum zu verschwinden. Die Natur und die eigenen Sinne nutzen zu müssen, das sei etwas, was heutzutage nur sehr selten von uns verlangt werde.

«Haltet an euren Träumen fest!»
Thomas Ulrich lebt nun schon länger nach dem Prinzip, dass es jene Momente sind, von denen man nicht weiss, wohin sie führen, die das Leben spannend machen und einem Kraft geben. Deshalb wird er nicht aufhören, diese Momente immer aufs Neue zu suchen. – Und dann schliesst er energisch: «Eine erste Schwierigkeit ist kein Grund, sich geschlagen zu geben, denn es gibt nicht nur einen Weg, das Leben zu bestreiten. Haltet an euren Träumen fest! Die Welt steht einem offen, wenn man es zulässt!»


[Bild: zVg]

Studentenfutter

Die Seite für Ratsuchende, Ideenlose, Sparfüchse und Neugierige. Hier gibt es zwar kein Trockenobst mit Nüssen, aber immerhin eine genussvolle, leichtverdauliche Mischung aus allerlei Wissenswertem rund um die Alte Kanti. 

Von Regina Knüsel und Alessandro Landolfo, G19A

Life Hacks
Wissenswertes rund um das Leben an der Alten Kanti

Bekannt ist, dass man in der Mensa seine leeren körperlichen Energiespeicher nach einem stressigen Tag durch das Mampfen von Cookies & Co. auffüllen kann. Ein Stockwerk über der Cookie-Station, im Medienzentrum, gibt es allerdings auch eine Ladestation für unseren geliebten Begleiter, das Handy.
Wer kennt es nicht? Der Akku ist leer, dabei braucht man seinen treuen Begleiter doch unbedingt noch. Sei es, um auf dem Nachhauseweg Musik zu hören, um in der Pause die neusten Instaposts zu checken oder um noch kurz ein Simpleclub-Video vor der Prüfung reinzuziehen. Was also tun, wenn der Akku kurz vor dem Ende steht? Wir haben die Lösung für euch. Nachdem ihr in der Mensa eure eigenen Batterien aufgefüllt habt, geht ihr beschwingt die Treppe rauf direkt ins Medienzentrum. Dort gibt es in der gemütlichen Sitzecke neben Sofas auch eine grosszügige Handyladestation. Ein echter Lifesafer, wenn man mal wieder das Ladekabel zu Hause hat liegen lassen…

Alte Kanti Unexplored
Orte, von denen man (vielleicht) noch nichts weiss

Der Teich der Alten Kanti. Allle kennen ihn, doch die meisten Schülerinnen und Schüler wissen kaum etwas darüber. Deswegen haben wir uns Insiderwissen über den Teich und seine nächste Umgebung geholt.
Zum Beispiel gibt es da diese zwei kleinen Entenhäuser. Früher lebte hier einmal ein Schwan, der von der Stadt aufgesammelt und hier ausgesetzt worden war. Mit dem Schwan teilten sich vor einiger Zeit auch Enten dieses kleine Zuhause, sie hatten sich diesen Wohnort (mindestens teilweise) selbst ausgesucht. Jetzt aber leben in den Häuschen nur noch unzählige Spinnen. Nach Auskunft von Dani Meier, dem Alte-Kanti-Gärtner, ist geplant, in einem der Häuschen eine Pumpe zu installieren, die das Wasser aufbereitet, damit der Teich nicht mehr ein Durchlauf ist, der die Wasserrechnung der Schule in astronomische Höhen treibt. Staying on a budget!
Mit seinen 1.4m Tiefe ist der Teich durchaus tief genug, um darin zu schwimmen. Deswegen schlagen wir vor, dass man den Schwimmunterricht vom Telli-Hallenbad in den schönen Frei-Luft-Teich verlagert. Das Turmspringen dürfte etwas schwierig werden, aber das KSA ist ja nicht weit von hier. Und wenn es also im Sommer wieder einmal besonders heiss wird, wisst ihr nun, wo ihr euch eine kleine Abkühlung holen könnt. 🙂

Update Alumni
Brandaktuelles aus dem Schulalltag für alle Ehemaligen

Seit August wird die Mensa von CICO und nicht mehr vom SV-Service geführt. Wir haben ausgiebig getestet, fassen hier die Änderungen zusammen und geben auch gleich unseren Senf dazu.
Eine grossartige Veränderung ist, dass es nun jeden Tag eine Tagespizza wie auch Pizza Margherita gibt. Die neuen Pizzen haben wir speziell unter die Lupe genommen und einiges Interessantes herausgefunden.
Pro Tag werden ca. 25-30 Pizzen verkauft, die in der Mensaküche vom Pizzaiolo selbst vorbereitet werden. Fertig gebacken werden sie dann, wenn sie bestellt werden. Im Pizzaofen haben bis zu acht Pizzen Platz. Schmecken tun die Pizzen ausgezeichnet, und der Teig ist schön knusprig.
Eine weitere Änderung ist, dass es wieder ein «ungesundes» Menü gibt, und was sich zu unserer Freude kaum geändert hat, ist das Snackangebot. Hat man Lust auf Cookies, Waffeln & Co., kann man diese wie eh und je in der Mensa kaufen. 🙂 Was wir auch sehr cool finden, ist, dass es jede Woche einen Anti-Foodwaste-Tag gibt.
Fazit: Wir sind bereits einige Male in der «neuen Kantine» essen gegangen und haben immer gut gegessen. Wir können die neue Mensa also mit gutem Gewissen weiterempfehlen.

Fremd und doch zuhause

Viktoria Dzhamgarova, Armenierin aus der Ukraine, und Suthasini Punithakumar, aus Sri Lanka, sind beide in die Schweiz ausgewandert. Sie erzählen, wie sie die Kultur ihrer Heimatländer hier leben und weitergeben.

Von Paynavi Punithakumar und Valeria Tomassini, G19A


[Bild: Paynavi Punithakumar & Valeria Tomassini]

«Ich fühle mich zu 100 Prozent armenisch»
Ich bin in Aserbaidschan geboren. Doch schon als ich vier Jahre alt war, musste ich mit meiner Familie in die Ukraine fliehen, da der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan ausbrach. Viele Menschen flüchteten in die Ukraine, unter anderem auch viele meiner Verwandten.

Meine Ururgrosseltern kamen aus Armenien. Ihnen war ihre Herkunft und ihre Kultur sehr wichtig und sie gaben sie ihren Kindern weiter. Auch diese gaben die armenische Lebensart weiter, und so machten es auch meine Eltern. Obwohl wir in der Ukraine lebten, erzählten mir meine Eltern viel über die armenische Kultur. Wie die Menschen in Armenien zu allen, auch Fremden, offen sind und sie an ihre Tische einladen. Sie kochten mit mir armenische Gerichte, die immer mit vielen Kräutern gewürzt sind, und sie erzählten mir viel über die armenische Geschichte. Schon immer liebte ich die armenische Kultur, und obwohl ich nie in Armenien gelebt habe: Ich fühle mich zu 100% armenisch und würde sogar sagen, dass Armenien meine erste Heimat ist.

Mit 29 Jahren zog ich in die Schweiz. Seither lebe ich hier mit meinem Mann. Ich wusste schon immer, dass die Ukraine nicht mein Land ist. Ich liebe Struktur und Ordnung, weswegen die Schweiz perfekt ist für mich, obwohl ich teilweise noch Mühe habe mit der Sprache. Wegen der räumlichen Distanz habe ich jedoch weniger Kontakt mit meinen Freunden und meiner Familie in der Ukraine. Das finde ich sehr schade, denn für mich ist das auch ein Verlust meiner Kultur. Die Menschen, mit denen man seine Kultur teilt, machen nämlich die Kultur aus. So würde ich behaupten, dass ich die armenische Kultur besser in der Ukraine ausleben konnte als in der Schweiz, da ich dort mehr Menschen hatte, mit denen ich sie teilen konnte.
Auch hier in der Schweiz habe ich Freundinnen aus Armenien, welche ich ab und zu treffe. Gemeinsam kochen wir armenische Gerichte und tanzen zu armenischer Musik. Zwar gibt es hier auch Vereine, in denen man gemeinsam seine Kultur pflegen kann, doch dafür fehlt mir die Zeit.

Wäre ich noch in der Ukraine, würden auch meine Kinder mehr von der armenischen Kultur lernen. Hier erleben sie ja nur meine Erziehung und lernen die Kultur nur durch mich kennen. Aber die Mischkultur hat auch Vorteile. So habe ich hier viel von anderen Müttern gelernt. Die Art, wie sie mit den Kindern umgehen, ist ziemlich anders. Sie schenken ihnen viel mehr Vertrauen.
Für mich hat meine Lebensart viel mit meiner eigenen Identität zu tun, und deshalb finde ich es auch wichtig, dass man sie mit anderen Menschen teilen kann – überall.

«Meine Kinder sollen wissen, wo ihre Wurzeln liegen»
Ich bin in Sri Lanka geboren, genauer gesagt im Norden von Sri Lanka, in Jaffna. In Sri Lanka gab es lange Zeit einen Bürgerkrieg, der das Land in tamilische und singhalesische Orte teilte. Der Norden gehört zum tamilischen Teil, daher bin ich Tamilin. Aufgrund dieses Krieges flüchteten viele ins Ausland, denn dort erhoffte man sich Chancen und Möglichkeiten für ein besseres Leben.
Mit 26 Jahren bin ich in die Schweiz gekommen, doch viele Familienmitglieder sind in Sri Lanka geblieben. Trotzdem trage ich auch in der Schweiz die Geschichte meiner Familie und meiner Vorfahren in mir.
Würde ich die Kultur nicht pflegen, würde ein Teil dieser Geschichte verloren gehen. Besonders die religiösen Traditionen verstärken die Verbindung zu meiner Familie. So fühle ich mich meiner Familie nahe, obwohl ich geographisch weit weg von ihnen bin.

Wie ich lebe, hat viel mit dem zu tun, wer ich als Person bin. Es hat einen grossen Einfluss auf meine eigene Identität. Daher ist es mir sehr wichtig, meine Kultur meinen Kindern weiterzugeben; sie sollen wissen, wo ihre Wurzeln liegen.
Mein Mann und ich erzählen ihnen viele Geschichten. Wir essen viele tamilische Gerichte, pflegen kulturelle Traditionen, gehen gemeinsam an tamilische Feste und halten den Kontakt mit unserer Familie in Sri Lanka.
Ich denke, die tamilische Kultur ist sehr wichtig für meine Kinder, da sie von klein auf sehr viel mit ihr zu tun hatten. Sie werden sicher auch ihren Kindern vieles aus der tamilischen Kultur beibringen. So bleibt unsere Kultur in gewisser Hinsicht immer am Leben.

Es ist schwierig, eine fremde Kultur in einem anderen Land vollständig auszuleben, obwohl es mir viel bedeutet. Es ist wichtig, offen zu sein für Anpassungen, da man vieles aus der neuen Kultur lernen und übernehmen kann. So ist durch das Leben in der Schweiz in meiner Familie eine spannende Mischkultur entstanden.
Während in Sri Lanka meistens traditionelle Kleidung getragen wird, ist dies in der Schweiz so nicht möglich, deshalb ziehe ich diese hier nur an tamilischen Festen an. Auch die religiösen Fastenzeiten sind hier nur schwierig einzuhalten. So habe ich mich insofern angepasst, als ich während der Fastenzeit nur auf Fleisch und Eierprodukte verzichte. Doch Feste wie Todestage von Bekannten und traditionelle Hochzeiten werden auch hier in der Schweiz gleich gefeiert wie in meinem Heimatland.
In meiner Heimat gibt es viele religiöse Traditionen, die mir ans Herz gewachsen sind. So hat beispielsweise jedes Haus in Sri Lanka ein Gebetszimmer, in dem die Menschen beten können. Deshalb ist es mir wichtig, dass ich auch hier in der Schweiz ein Gebetszimmer habe.
Ein Verlust, der sich leider nicht ersetzen lässt, ist das Gefühl der Gemeinschaft. In einem Dorf in Sri Lanka kennen sich alle, Feste werden meistens mit dem ganzen Dorf gefeiert. Eine solch starke Verbindung mit seinen Mitmenschen gibt es in der Schweiz nicht. Und genau dieses Gefühl der Gemeinschaft vermisse ich.


[Bild: Paynavi Punithakumar]

Hypebeasts – einfach lächerlich!

Von Daut Limani und Olivier Schade, G19A

Vor allem bei jungen Leuten, die nicht wissen, was sie mit dem Geld der Eltern oder dem Lehrlingslohn anfangen sollen, ist oft zu beobachten, dass sie sich teure Markenkleider anschaffen. Dies gibt dem Ego einen Boost, und ausserdem ist man bei seinen Freunden besser angesehen, wenn man die neusten und teuersten Markenkleider trägt. Das glauben sie wenigstens. Denn es ist natürlich ein grosser Quatsch! Und zudem ökonomisch höchst fragwürdig. Durch starke Limitation der Stückzahl wird der Preis nämlich künstlich hochgetrieben. Da spielt es dann keine Rolle, ob die Kleider gut aussehen oder nicht. Für die sogenannten Hypebeasts, die auf diese Masche hereinfallen, zählt einzig, dass sie etwas aus der neusten Kollektion der angesagten Marken besitzen. Es geht also nicht um eine Frage des Styles, sondern einfach darum zu zeigen, dass man viel Geld ausgeben kann für wenig Mode. Reine Protzerei. Die erworbenen Kleider werden zudem oft wild durcheinander kombiniert – und teilweise wird das Preisschild mit dem Markenlabel bewusst nicht entfernt.
Nichts gegen das Tragen von Markenkleidern, aber wer seinen Selbstwert mit Geldverschwendung und hoffnungslos überteuerten Trendklamotten aufpeppt, ist doch ziemlich arm dran. Anders gesagt: Wenn Hypebeasts cool sein sollen, dann gute Nacht Jugend. Klar machen Kleider Leute, aber wenn man sich nur über Kleider definieren kann, vergisst man, worauf es bei Menschen wirklich ankommt. Hypebeasts könnten sich die Wörter «Charakter» oder «Eigenständigkeit» an den 300-Franken-Hoodie hängen. Aber vermutlich müsste man ihnen erst erklären, was diese Begriffe bedeuten.

Lernen für das Klima

Es war das Buch «The Magic of Tidying-up», das Carla Opetnik den Anstoss für ihre besondere Lebensweise bot. Heute ist es Carla selbst, die ihre Mitmenschen «mit einer Prise Ungeduld» und grossem Engagement zum Nachdenken bewegen will, um die Welt ein Stück offener – grüner – zu machen. Ihre Leidenschaft vermittelt die Zürcher Studentin in zahlreichen Projekten wie «bonnieversum» oder «minimalwastezurich». Im Web-Interview bietet sie uns einen Einblick in eine alternative Welt –eine, welche die Bedeutung von Konsumverzicht thematisiert und den Begriff der «Nachhaltigkeit» in ein neues Licht rückt.

Von Tatjana Gligorevic, Nick Häusler und Anna Piani, G19A


[Bild: zVg]

Carla Opetniks Tag beginnt mit einer Dusche. Dann die Velofahrt zum Take-Away, einkaufen, Mittagessen in der Mensa. Wenn sie unterwegs ist, trägt sie stets wiederverwendbare Becher und Taschen bei sich, besucht Unverpacktläden, die Lebensmittel zum Abfüllen anbieten, verwendet Badeartikel in Seifenform und besitzt ein Gemüse-Abo für günstiges Gemüse, dem der Kompost droht. Carla Opetnik lebt «Zero Waste». Und das seit nunmehr vier Jahren.
Anfangs war sie knallhart mit sich selbst, wollte alles richtig und nachhaltig angehen – und verlor dabei das eigentliche Ziel aus den Augen. Nachhaltig zu leben ist schliesslich ein Lernprozess. Sie schmunzelt, als sie uns berichtet, wie sie sich mit grossen Glasbehältern und Baumwollsäcken ins Abenteuer stürzte. Heute geht sie deutlich gelassener mit der Sache um. Auch mit dem anfänglichen Unverständnis der Eltern gegenüber ihrer Lebensweise hat sie umzugehen gelernt – und mittlerweile lässt sich ihre Mutter sogar gelegentlich von der Tochter inspirieren. «Das Wichtigste dabei», sagt Opetnik augenzwinkernd, «sie versucht es.»
Es sind nämlich die kleinen Dinge, Entscheidungen und Intentionen, die den Unterschied ausmachen. Für sich selbst beispielsweise hat Carla herausgefunden, dass sie auf das Reisen nicht komplett verzichten will. Also überlegte sie sich eine Strategie: Wenn sie nicht ums Fliegen herumkommt, soll ihr Aufenthalt in Wochen mindestens der Anzahl Flugstunden entsprechen. Wer so denkt, stellt zwangsläufig den Verzicht über die spontane Befriedigung von Bedürfnissen.
Carla Opetnik erzählt uns eine Geschichte, die ihr besonders naheging, und muss dabei breit grinsen: Im Engadin wurde sie neulich trotz Brille und Schal beim Snowboarden erkannt und angesprochen, was für sie im ersten Moment «total absurd» war. «Aber da habe ich gemerkt: Hey! Ich mache das nicht nur für mich – Es inspiriert auch andere!»
Obwohl die Studentin für ihre Lebensweise öfter Lob und Zuspruch erntet, sitzen Aussagen wie die, dass sie allein ohnehin nichts verändern könne, meist tiefer. «Menschen mögen Veränderungen oft nicht», erklärt sie. Doch jede und jeder sollten so ehrlich sein, sich ab und zu die richtigen Fragen zu stellen. «Es ist unangenehm, sich mit den Problemen unserer Erde auseinanderzusetzen», sagt sie. Aber man müsse unangenehm sein. Auch mit sich selbst. Schliesslich gehe Widerstand immer von unangenehmen Minderheiten aus, und ohne Widerstand gebe es keine Bewegung – und schon gar keine Veränderung.
Was also können wir nun tun, um nachhaltiger zu sein? – Nachhaltigkeit, sagt Opetnik, sei nicht auf einen Punkt begrenzt: deshalb geht es darum, sich mit dem eigenen Konsumverhalten eingehender zu beschäftigen und herauszufinden, was man sich gönnen und der Umwelt zumuten wolle – eben ein langer, individueller Lernprozess. Ihrer Meinung nach ist es schon ein Schritt in die richtige Richtung, dass über Klimaschutz auch in der Politik gestrittenwird. «Vor zehn Jahren wäre eine Abstimmung über ein Klimagesetz undenkbar gewesen. – Deshalb», sagt sie mit Nachdruck, «fangt an, euch Gedanken zu machen – mit Freude. Wir alle haben eine grosse Bewegungsmacht, derer wir uns bewusst werden müssen.» Sie schaut in die Kamera und lächelt. Natürlich meint sie uns. Aber längst nicht nur.


[Bild: zVg]

Wir helfen dort, wo es uns braucht

Schon seit vielen Jahren gibt es an der Alten Kanti Aarau eine Schulkommission. Genau. Nur, was tut so ein Gremium? Und braucht es so was überhaupt? – sage&schreibe hat bei Dr. Ruedi Bürgi, ehemaliger Oberrichter und Präsident der Schulkommission, nachgefragt – und überraschende Einblicke in die Arbeit hinter den Kulissen unserer Schule bekommen.

Von Giada Di Lorenzo und Alexandra Ihle, G19A


[Bild: Naima Zürcher]

sage&schreibe: Was genau ist die Schulkommission und was sind ihre Aufgaben?
Ruedi Bürgi:
Eine Schulkommission gibt es an jeder Mittelschule im Aargau. Früher hatte die Kommission eine Aufsichtsfunktion. Heute aber dient sie als beratende und unterstützende Organisation; somit ist sie selbst nicht tätig an der Schule, arbeitet aber eng mit dem Rektor und auch mit der Schulleitung als Ganzem zusammen. Unsere Aufgabe besteht darin, übergeordnete wie auch aktuelle Fragen und Probleme zur Schule und deren Entwicklung zu diskutieren und Lösungsansätze zu finden oder Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Die Kommission kann auch als Ombudsstelle Beanstandungen von Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern oder deren Eltern behandeln und wird zudem bei Personalauswahl der Schulleitung beigezogen. Als Präsident der Kommission stehe ich in nahem Kontakt mit dem Rektor Dr. Andreas Hunziker. Gemeinsam schlagen wir jeweils die Traktanden vor, die an unseren Sitzungen behandelt werden.

Wer bestimmt die Mitglieder der Schulkommission?
Das Departement für Bildung, Kultur und Sport (BKS) wählt für eine Amtszeit von 4 Jahren eine Schulkommission von fünf bis sieben Mitgliedern und deren Präsidenten. Es gibt für die Besetzung der Stellen keine öffentliche Ausschreibung. Die Wahlvorschläge werden vom Präsidenten, von der Kommission und vom Rektor gemacht. Wir versuchen in der Schulkommission verschiedene Bereiche der Gesellschaft (Wirtschaft, Kultur, Volks- und Hochschulen) abzudecken, um mit breit gefächerten Kompetenzen eine möglichst differenzierte Auseinandersetzung mit den sich stellenden Fragen zu gewährleisten.

Aus welcher Motivation ist die Schulkommission entstanden?
Zu Beginn wurde unsere Arbeit innerhalb des BKS erledigt. Die Verwaltung erkannte aber, dass sie relativ weit weg vom schulischen Alltag war. Somit gründete man eine separate Organisation, die näher bei den Bedürfnissen der Gymnasien war und dabei auch Aufsichtsfunktionen übernahm, die dann aber später, wie erwähnt, in eine Beratungs- und Begleitfunktion umgewandelt wurde.

Was würde passieren, wenn es keine Schulkommission gäbe?
Die Schulleitung hätte dann keine Anlaufstelle mehr, um sich einen Rat einzuholen. Die Erfahrung zeigt, dass sie froh ist um ergänzende Einschätzungen aus anderen Blickwinkeln der Gesellschaft und der Berufswelt. Die Welt am Gymnasium würde sich jedoch auch ohne uns geordnet weiterdrehen, denn die Schulen sind organisatorisch und fachlich sehr gut aufgestellt. Ich könnte mir im Übrigen durchaus vorstellen, dass die Schulkommissionen der Gymnasien – wenn man sie beibehalten will – zu einem einzigen kantonalen Schulberatungsgremium mit dann leicht geändertem Aufgabenprofil zusammengeführt würden.

Warum weiss praktisch niemand, dass es eine Schulkommission gibt?
Wenn das so ist, dann ist das wunderbar! Denn das bedeutet, dass an der Alten Kanti alles rund läuft. Wir arbeiten im Hintergrund, und wir helfen dort, wo es uns braucht.

Wir haben die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte

Die Jenischen, oft auch «Fahrende» genannt, gehören zu einer Minderheit in der Schweiz, der von der Gesellschaft wegen ihrer Lebensart nicht selten mit Zurückhaltung, Misstrauen oder gar offener Ablehnung begegnet wird. Wir wollten genauer wissen, was das für ein Leben ist, wenn man während der Sommermonate mit der ganzen Familie von Ort zu Ort zieht. Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft Zürich und heute «sesshaft», hat sich unseren Fragen gestellt.

Von Naima Zürcher und Anna Lisa Lüthy, G19A

sage&schreibe: Sie waren lange Jahre mit Ihrer Familie unterwegs. In welcher Beziehung stehen Sie zur jenischen Lebensweise?
Daniel Huber: Grundsätzlich sind ja nicht alle Jenischen unterwegs, und wer auf die Reise geht, tut es nur während der warmen Monate. Ich zum Beispiel war nicht von klein auf auf der Reise. Aufgewachsen bin ich im Helmetschloo, in einer jenisch geprägten Strasse von Zürich, wo ich mit meinem Vater in einer kleinen Wohnung lebte. Mein Vater war ein sogenanntes Kind der Landstrasse. Zur Erklärung: 1926 begann die schweizerische Stiftung «Pro Juventute» den Fahrenden, insbesondere den Jenischen und Sinti, ihre Kinder wegzunehmen. Die Intention dieses Projektes war es, die sogenannte «Vagantität», also alles Nichtsesshafte, zu bekämpfen. Zu dieser Zeit wurden bis zu 700 Kinder unrechtmässig von ihren Familien getrennt.
Als Kind ging ich am Wochenende mit meinem Vater auf einen Platz, wo sich jenische Bekannte aufhielten. So hatte ich bereits in meiner Kindheit engen Kontakt mit der jenischen Kultur. Erst im Alter von 15 Jahren verkündete mir mein Vater dann, dass es jetzt ab auf die Reise geht. Anschliessend war ich dann fast 20 Jahre lang auf der Reise. Of d Reis gah, da isch öppis ganz Speziells. Während dieser Zeit habe ich meine heutige Ex-Frau kennengelernt und bin später mit meinen Kindern umhergereist. Seit einigen Jahren bin ich aber aufgrund meines Amts als Präsident der Radgenossenschaft sesshaft geworden. Natürlich gefällt mir auch das sogenannt sesshafte Leben, aber im Frühling würde ich schon manchmal gern wieder losziehen.

Auf der Reise sein – wie müssen wir uns das vorstellen?
Auf der Reise sein, bedeutet eine ganz andere Art von Freiheit. Me isch spontan wie de Wind. Im Sommer über reisen wir immer wieder an neue Orte, und im Winter rasten wir auf festen Halteplätzen, dadurch sind wir das ganze Jahr zusammen. Der Zusammenhalt ist stark. Man arbeitet im Team, sitzt gemeinsam am Feuer oder geht zusammen in die Ferien. Ja, auch wir gehen nämlich in die Ferien. (Lacht.)

Inwiefern beeinflusst die jenische Lebensweise die Kinder?
Die Kinder von Jenischen, Roma oder Sinti sind wie alle anderen Kinder. Vielleicht sind sie etwas wilder, aber dafür werden sie schon viel früher selbstständig. Anders als «normale» Kinder werden sie im Sommer zu Hause unterrichtet und sind im Winter stets in einer anderen Schule untergebracht. Mit jedem neuen Standplatz ändert sich somit auch die Schule. Dementsprechend müssen sich die Kinder immer wieder neu einleben, wovon sie in ihrer Entwicklung jedoch auch profitieren können.

Wir verstehen unter dem Begriff «zuhause» einen festen Ort, einen Ort, an dem wir aufgewachsen sind. Was bedeutet Heimat für euch?
Für uns Reisende ist zu Hause kein fester Ort oder ein Gebäude, es sind vielmehr schöne Erinnerungen, die man auf der Reise erleben darf. Daneben sehen wir natürlich die Schweiz als unsere Heimat – und die kennen wir wahrscheinlich besser als viele sesshafte Einheimische. Heimat ist aber auch ein Gefühl, dass wir zum Beispiel spüren, wenn wir an einem der wenigen Durchgangsplätze halten dürfen. Dann schätzen wir das sehr, dann ist das für uns auch Heimat.

Welches sind die unschönen Seiten an Ihrer Lebensart?
Es ist teilweise auch eine sehr schwierige Lebensart. Du weisst ja nie, was morgen ist. Du weisst oft nicht, wie viel du am nächsten Tag verdienst, ob du überhaupt etwas reinholst für das Überleben. Bei uns ist vieles unvorhersehbar. Dies ist sicher auch ein Grund, weshalb die Behörden unsere Lebensweise eher argwöhnisch betrachten: Man kann uns nicht wirklich fassen. Dabei entstehen Vorurteile.
Gerade auch während Corona war es schwierig. Die Plätze wurden dichtgemacht. – Aber ohne diese Plätze sind wir verloren. So wird eine Minderheit kaputt gemacht. Man nimmt ihr den Lebensraum. Wir brauchen diese Plätze, und wir zahlen ja auch dafür. Aber gut, Corona war und ist für alle schwierig. Jedenfalls sind wir wohl die am besten kontrollierten Menschen in der Schweiz. Ich sage auch immer: Wir haben die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte. Auch wenn viele das Gegenteil behaupten: Wir wollen nicht mehr Rechte als andere. Wir wollen das gleiche Recht.

Womit haben denn die vielen Vorurteile gegenüber den Fahrenden zu tun?
Das ist schwierig zu erklären. Diese Frage müsste ich eigentlich umkehren. Sie müssten mir eigentlich erklären, woher diese Vorurteile stammen. – Aber wenn du eine Minderheit bist, hast du einfach einen Stempel. Wir haben nun mal einen anderen Lebensstil. Die Sesshaften verbinden unseren Lebensstil oft mit Campieren. Aber wir campieren nicht, wir wohnen. Wir haben ja kein Haus, kein Land. Vielleicht ist da auch ein gewisser Neid. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese grosse Freiheit auch eine gewisse Eifersucht bei den Sesshaften auslöst.
Ich denke auch ein Problem ist, dass man alle in den gleichen Sack wirft. Es wird nicht einzeln gewertet, wie bei den Sesshaften. Dazu kommen natürlich auch die Medien, die negativ über uns berichten.

Was sollte sich denn ändern?
Stand- und Durchfahrtsplätze zu schaffen, das ist unglaublich wichtig. Ohne diese Plätze können wir unsere Kultur nicht leben. Es gibt viele Orte, wo man solche Plätze schaffen könnte. Ich frage mich dann immer: Warum macht man das nicht?
Auch bezüglich der Schule gibt es einen Bedarf an Verbesserung. Unsere Kinder bekommen kein normales Zeugnis, weil sie nur im Winter in die Schule gehen und die restliche Zeit Aufgaben erhalten. Aber wenn du kein Papier hast, bist du ein Niemand. Wir brauchen die gleichen Chancen wie Sesshafte.
Oder die Älteren. Sie waren ihr Leben lang unterwegs, und wenn sie nicht mehr können, müssen sie ins Heim, wo sie vereinsamen. Deshalb: Ein Standplatz für die Alten, das fände ich sehr schön.

Was können wir Sesshafte von den Reisenden lernen?
Vielseitigkeit. Jenische haben nie Gewissheit, müssen immer improvisieren. Sie sind Vielseitigkeitskünstler. Überlebenskünstler. Das haben viele Sesshafte ein bisschen verlernt. Sie sind fixiert auf den eingeschlagenen Weg und bei Abzweigungen schnell überfordert.
Das andere ist das Zusammengehörigkeitsgefühl. Uns ist die sehr wichtig. Da rede ich von Familie.
Grundsätzlich finde ich die Begegnung zwischen Jenischen und Sesshaften zentral. Du müsste man viel mehr tun. Wir können nämlich alle voneinander lernen.

Rennen ist ein Teil von mir

Valentina Rosamilia besucht die Sportabteilung der Alten Kanti Aarau und kann über 800m mit der Leichtathletik-Weltklasse mithalten. Wir haben darüber gesprochen, was es bedeutet, so viel Zeit und Leidenschaft in den Sport zu investieren und worauf es bei einem Wettkampf ankommt.

Von Rahel Furrer, G19A


[Bild: zVg]

Valentina macht Sport, seit sie klein ist; damals trainierte sie neben Leichtathletik auch noch Eishockey und Triathlon. Wirklich festgelegt auf die Leichtathletik hat sie sich erst im Herbst letzten Jahres, und dies mit Erfolg: Im Sommer 2021 lief sie über 800m auf den dritten Platz bei der U20 EM und auf den zweiten Platz bei der U20 WM.

Die richtige mentale Einstellung
Es erfordert viel, einen solchen Wettkampf erfolgreich zu meistern. Nicht nur die körperliche Kondition, sondern auch die mentale Einstellung ist entscheidend. «Bei einem guten Wettkampf denke ich während dem Laufen an gar nichts», meint sie. Kommen nämlich Gedanken hoch wie ‹ich bin müde› oder ‹meine Beine brennen›, ist es unmöglich, sein volles Potential auszuschöpfen. «Ich bin überzeugt, dass der Kopf vor allem beim Sprung zwischen Mittelfeld und den top drei viel ausmachen kann. Ob du sagst, ‹ich schaffe das noch!› oder ‹ich kann nicht mehr›, das ist entscheidend.» Mentales Training macht sie jedoch keines. Sie sagt: «Wenn man oft solche Momente erlebt, wo es um alles geht, kommt die richtige Einstellung mit der Zeit von allein.»
Vor einem Wettkampf fühle sie sich zwar nie gut, die Nervosität sei einfach zu gross. Manchmal stimmen auch die Umstände nicht zu hundert Prozent, vielleicht ist es zu heiss, vielleicht schmerzt es irgendwo. Und trotzdem muss sie in diesem Moment ihr Bestes geben können. Valentina versucht schon vor dem Start, jeglichen Einfluss von aussen auszublenden und sich nur auf sich selbst zu fokussieren, um die erwähnte Nervosität so gut wie möglich in Schach zu halten. Sie mag es gar nicht, wenn ihr schon dann erste Zuschauer zujubeln. «Denn ob es während eines Rennens gut oder schlecht läuft, das kann nur ich bestimmen und niemand anderes», sagt Valentina. Zusätzlich helfen ihr die Routine und ein klarer Ablauf vor dem Wettkampf, mit dem grossen, auch selbst auferlegten Leistungsdruck umzugehen.

Spitzensport bedeutet Verzicht
Neben der mentalen Einstellung ist richtiges Training essenziell, um Topzeiten zu laufen. Valentina trainiert 15 bis16 Stunden in der Woche, geführte Trainings wechseln sich mit selbständigen Einheiten ab. Viel Zeit für Hobbies bleibt da nicht, trotzdem pflegt Valentina als kontaktfreudige und offene Person unter anderem gerne ihre Freundeskreise, die nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Rom anzutreffen sind, wo sie neulich ein halbes Jahr verbrachte. Anfang 2020 reiste sie nach Italien, um mit ihrem Team zu trainieren. Wegen Corona konnte sie aber insgesamt nur vier Monate lang geführte Trainings absolvieren. Zeitweise durfte sie die Wohnung ihrer Gastfamilie nicht verlassen. Für eine Spitzensportlerin eine harte Zeit, denn Trainings werden nach einem bestimmten Zeitplan absolviert, und Corona pfuschte da kräftig rein. Glücklicherweise hatte dies jedoch, wie schon bekannt, keine negativen Auswirkungen auf die späteren Erfolge von Valentina.
Spitzensport bedeutet viel Verzicht, ist für Valentina jedoch eine enorme Bereicherung in ihrem Leben. «Rennen verbinde ich mit so vielen glücklichen Erfahrungen, auch aus meiner Kindheit», erzählt sie. «Wenn es mal nicht so gut läuft, sollte man daran denken, wofür man es eigentlich tut und wie weit man schon gekommen ist.» Da erinnert sie sich beispielsweise an die Situation, wenn ihr nach einem erfolgreichen Wettkampf die Zuschauer zujubeln und sie eine Medaille umgehängt bekommt. Laufen ist etwas, worauf sie vertrauen kann. «Ohne Rennen würde es eigentlich gar nicht gehen. Rennen ist ein Teil von mir», sagt sie mit leuchtenden Augen.


[Bild: zVg]

Lifestyle

Beim Wort Lifestyle handelt es sich wortgeschichtlich um eine doppelte Entlehnung:
Zuerst übernahm das Englische den Begriff aus dem Deutschen, dann kam er als Rückentlehnung wieder ins Deutsche zurück.
Das Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache zeichnet den Weg des Wortes sehr präzise nach. Demgemäss wird der Begriff Lebensstil des Individualpsychologen Alfred Adler im Jahr 1929 auf Englisch mit «life-style» (mit Bindestrich) wiedergegeben. Erst ab 1946 erscheint lifestyle als eigener Eintrag im Oxford English Dictionary mit der Bedeutung «style or way of living». Das neue englische Wort verbreitet sich anschliessend über den Bereich der Individualpsychologie hinaus in den der Soziologie: Der Begriff Lebensführung von Max Weber wird 1958 mit «style of life» übersetzt, und Louis Wirth gibt seinem Aufsatz den Titel Urbanism as a Way of Life, deutsch: «Urbanität als Lebensform». Aus der Soziologie wird der Begriff lifestyle in die entstehende Konsum- und Werbeforschung übernommen und Ende der Achtzigerjahre zurück ins Deutsche entlehnt. Allerdings verengt sich dabei die Bedeutung: Im Englischen heisst lifestyle dasselbe wie das deutsche «Lebensstil», im Deutschen dagegen ist lifestyle ein Unterbegriff von «Lebensstil». Es bezeichnet einen «Lebensstil, der dem Zeitgeist entspricht und der der sozialen Distinktion dient». Lifestyle feiert das pulsierende Lebensgefühl der Stadtbevölkerung, die Mode und Design, Fitness und Wellness und ganz allgemein hochwertige, erlesene Konsumangebote schätzt.

Von Peter Sutter, Lehrer für Deutsch und Geschichte

Lebensstile: Abgrenzung und Anpassung
Der Lebensstil entspricht den Vorlieben und typischen Verhaltensweisen einer Person. Gemäss Dorsch. Lexikon der Psychologie verraten Kleidung, Statussymbole, Aktivitäten (Freizeit- und Konsumverhalten), Interessen und Meinungen die soziale Identität. Mit dem Lebensstil ist es möglich, sich von der Gesamtgesellschaft zu differenzieren und zu etwas Besonderem zu werden, wie das bespielsweise die Dandys, die Hippies oder die Punks schon rein äusserlich durch ihre Selbststilisierung vorgemacht haben. Der Unterschied kann aber auch auf Verzicht beruhen wie beim Minimalismus oder beim Veganismus. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bedeutet gleichzeitig eine Abgrenzung von allen anderen Gruppen oder stellt den Versuch dar, andere von der Zugehörigkeit auszuschliessen.
Sowohl gesellschaftlich wie auch unter Staaten hat der Lebensstil des Überlegenen eine Vorbildwirkung: Beispielsweise versuchte das Bürgertum im Deutschen Reich den Stil des Adels zu imitieren, oder im Kalten Krieg richteten sich beide Lager nach ihrer Vormacht aus. Mit der Übernahme des American Way of Life anerkannte Westeuropa die symbolische Macht der USA.
Eine ähnliche Vorbildwirkung hat die Mode. Bereits 1905 zeigt Georg Simmel in seinem Aufsatz Philosophie der Mode, dass Vorreiter und Trendsetter, die sich von der Masse abheben wollen und offen für Neues sind, eine neue Kleidermode oder neue Verhaltens- und Denkmuster lancieren. Je mehr sich die Neuerung in der Öffentlichkeit manifestiert, desto mehr diffundiert sie in weniger innovative und experimentierfreudige Bevölkerungsgruppen, bis schliesslich auch konservative und traditionelle Milieus die Neuerung übernehmen, dies allerdings aus konformistischen Beweggründen. Spätestens jetzt verlieren die innovativen Individualisten das Interesse an der Neuerung und befriedigen ihr Bedürfnis nach Distinktion auf andere Art.
Am Beispiel der Mode werden zwei Dinge deutlich:
– Lebensstile sind etwas sehr Dynamisches: Sie unterliegen einem steten Wandel.
– Der Lebensstil ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, indem er für Konsum und damit für Wachstum sorgt.

Zielgruppen in der Werbung
Das Konzept des Lebensstils wurde in die Marktpsychologie aufgenommen. Man analysierte, welche Verhaltensmuster mit welchem Kaufverhalten korrelierten. Auf diese Weise sollten laut Gabler Wirtschaftslexikon möglichst homogene Zielgruppen definiert werden, deren Konsumneigungen vorhersagbar waren.
Ein Beispiel dafür sind die Sinus-Milieus des unabhängigen Instituts für Markt- und Sozialforschung SINUS, gemäss Werbung eines der wirkungsvollsten Zielgruppenmodelle, da nicht nur nach Geschlecht, Alter, Bildung, Beruf und Einkommen unterschieden wird. Diese Typologie gruppiert Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln, gemäss den zwei Dimensionen „soziale Lage“ (Unter-, Mittel- oder Oberschicht) und „Grundorientierung“ („Tradition“, „Modernisierung / Individualisierung“ und „Neuorientierung“). Je weiter oben ein Milieu in dieser Grafik erscheint, desto gehobener sind Bildung, berufliche Stellung und Einkommen. Je weiter rechts es angeordnet ist, desto offener ist es für Neues. Die Überlappungen stehen für fliessende Übergänge zwischen den Milieus.


[Bild: www.cybersystems.ch]

Als Beispiele seien die SINUS-Charakterisierungen von zwei dieser Milieus angeführt:
Adaptiv-Pragmatische: Die moderne junge Mitte; 6%
– Ausgeprägter Lebenspragmatismus, Realismus und Nützlichkeitsdenken
– Leistungs- und anpassungsbereit, aber auch Wunsch nach Spass und Unterhaltung
– Zielstrebig, flexibel, aufgeschlossen – gleichzeitig starkes Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit
Digitale Kosmopoliten: Die experimentierfreudige, weltoffene, digital geprägte Avantgarde; 8%
– Urbaner Styler: jung, hip, nonkonformistisch; online und offline vernetzt
– Globale Mobilität: mental, kulturell, sozial, geografisch
– Leistungsorientiert – aber kein klassisches Karrieredenken; auf der Suche nach neuen Grenzen und neuen Lösungen
Wer sich im Detail informieren möchte, kann bei SINUS ein Konsum & Lifestyle-Paket bestellen, das für jedes der zehn Sinus-Milieus grundlegende Informationen zu 22 Items wie Lebensstile, Freizeitaktivitäten und Konsumverhalten enthält. Das Paket kostet 1‘550 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer.

Wenn man die Worthäufigkeit von Zielgruppe untersucht, stellt man gemäss Der deutsche Wortschatz DWDS fest, dass der Begriff Mitte der 1960er Jahre aufkommt, etwa mit dem Gauloises-Typ, und seine Verwendung ab Mitte der 1980er Jahre steil ansteigt, bis sie 2007 die Spitze erreicht und nachher auf hohem Niveau stagniert.
Heute stösst die Einteilung der Menschen in homogene Gruppen an ihre Grenzen, weil der Trend zur Individualisierung immer mächtiger wird. Aktuelle Forschungsergebnisse von SINUS zeigen unmissverständlich: Jede einzelne Kundin und jeder einzelne Kunde möchte ein auf sie oder ihn persönlich zugeschnittenes Angebot erhalten. Dieses Bedürfnis verlangt nach individualisiertem Marketing.
In ihrem höchst lesenwerten Aufsatz «Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt» legen Hannes Grassegger und Mikael Krogerus eindrücklich dar, dass die neue Methode, Kunden oder Wähler anzusprechen, Big Data ist – wie es die Brexit-Anhänger 2016 oder Donald Trump in seinem Wahlkampf zum US-Präsidenten erfolgreich genutzt haben. Das neue Modell kann eine Person anhand von nur zehn Facebook-Likes besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege, mit 70 Likes ihr Verhalten eindeutiger voraussagen als ein Freund. Mit psychologischem Targeting, also auf sie abgestimmte persönliche Werbung, lässt sich sehr gut beeinflussen, welche Produkte diese Person kaufen beziehungsweise wen sie wählen wird. Denn die Botschaft des Unternehmens oder der Partei wird mit dem kombiniert, worauf diese Person anspricht. Diese Entwicklung wird die Bedeutung von Werbekonzepten, die sich mit der gleichen Nachricht an Grossgruppen wenden, drastisch mindern.

Der Konsumzyklus

Von Lena Tschannen, G20F

Bald ist es wieder so weit. Diese grelle, blendende Zeit im Jahr, wo die Geschäfte bereits Anfang November ihr gesamtes Weihnachtssortiment herausholen und die perfekten Geschenke im Schaufenster stolz positionieren. In dieser Zeit ist dem Weihnachtswahn nicht zu entkommen. Wohin man auch geht, die grellen Weihnachtsgirlanden, Samichläuse und Engel werden folgen. Weihnachten, das Fest des Gebens und Nehmens.
Was war noch mal der Ursprung dieses Festes? Ah, ein Geburtstag! Da ist es nur logisch, dass man sich beschenkt – stellvertretend für das Geburtstagskind, das leider längst verstorben ist. Wer war das noch mal? Weiss das noch jemand?
Zweifellos ist der Ursprung von Weihnachten in der heutigen Konsumgesellschaft längst untergegangen. Jedes Jahr wird er aufs Neue begraben unter einem Haufen Weihnachtsguetzli und Geschenke. Das Fest der Liebe. Eine Sünde! Da hilft auch nicht der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes, mit dem ohnehin nur für eine Stunde die innere Leere gefüllt wird.
Aber bald ist ja Ostern. Dann kann wieder sorgenfrei die Schokolade weggegessen werden. Hauptsache, ein weiteres Datum im Konsumkalender unserer Gesellschaft.

Im Kreis

Ziehen im Oberschenkel, Schmerzen im linken Knie. Toxische Männlichkeit, zumindest in Bezug auf den
Säurehaushalt der Beinmuskulatur. Dranbleiben! Dem Typen hinter mir gestehe ich so kurz vor der
Passhöhe kein Überholmanöver mehr zu. Die Lippen sind trocken, der Atem geht stossweise, das
Merinotrikot nimmt den Schweiss zuverlässig auf. Vorfreude auf die obligate Cola Zero auf einer
Scheitelhöhe von 2239 Metern.
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Treffpunkt Text 2021

Sie ist da – die zweite illustrierte Anthologie mit Texten von aktuellen und ehemaligen Schreibtalenten der Alten Kanti. – Ein Buch, das definitiv ins Regal aller Freunde von guter Literatur gehört.

Von Andreas Neeser, Redaktionsleitung

Der zweite Band der Reihe «Treffpunkt Text» enthält Geschichten und Gedichte von 14 Autorinnen:

Caroline Buck, Lena Franke, Tabea Geissmann, Tatjana Gligorevic, Hannah Hermann, Sarah Hunziker, Sophie Kuse, Anja Obrist, Skyla Rossi, Sofiya Schweizer, Priska Steinebrunner, Anna Sophia Stöckli, Olivia Studer, Sara Katarina Trailovic.

Künstlerisch bereichert wird die Textsammlung von der eigenständigen, ausdrucksstarken Bilderspur von Sebastian Samek.

Das Buch in englischer Broschur wurde in einer Auflage von 350 Exemplaren gedruckt und kann zum Preis von CHF 20 (CHF 10 für Schülerinnen und Schüler) auf dem Sekretariat erworben werden: info@altekanti.ch.

Weitere Texte von Schreibtalenten sind zu finden auf der Website von «Treffpunkt Text»: www.treffpunkttext.ch.

Zorro und die Panzerknacker

Ein Treffen ohne Maske in Zeiten von Corona? Schwierig. Es sei denn, man trifft sich im virtuellen Raum. Immerhin eine der wenigen Möglichkeiten, wieder mal ganze Gesichter zu sehen. Genau das haben eine Geografin und eine Sprachlehrerin der Alten Kanti getan. Dass der im Chatraum Microsoft Teams geführte Wortwechsel dann ausgerechnet um das Thema Masken kreist – wen wunderts! Weiterlesen

Die Alte Kanti in Zeiten von Corona II

Als Rektor Dr. Andreas Hunziker Ende 2020 für sage&schreibe eine «Chronologie der Ereignisse» rund um die Corona-Pandemie skizzierte, zeichnete sich bereits ab, dass eine Fortsetzung unumgänglich sein würde. So präsentieren wir ein halbes Jahr später also Teil II dieser Chronologie, die zeigt, wie herausfordernd Corona-Management auch an der Alten Kanti ist. Weiterlesen

«Ich empfinde den Niqab für mich persönlich nicht als nötig»

Das Thema Verschleierung war schon immer Brennstoff für angeregte Auseinandersetzungen, und gerade seit der Abstimmung über das Verhüllungsverbot im März 2021 steht insbesondere der Niqab im Mittelpunkt der Diskussion. Maske? Erniedrigende Verhüllung? Oder religiöses Bekenntnis? –- Und was ist eigentlich mit dem Kopftuch?
Fatima Musliju, Schülerin einer dritten Klasse an der Alten Kanti und überzeugte Kopftuchträgerin, gibt Auskunft über ihre Überzeugungen, ihre Haltung zu Niqab und Kopftuch und über ihre Erfahrungen im Alltag.
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Larven sind keine Masken!

Einmal im Jahr ist es so weit – jeweils am Montag nach Aschermittwoch beginnen in den Strassen Basels mit dem Morgenstreich um vier Uhr früh die «drey scheenschte Dääg»: die Basler Fasnacht. Obwohl sie auch 2021 der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen ist, haben wir uns auf die Suche nach dem Geheimnis der berühmten Larven gemacht. Weiterlesen

Sonne auf dem Teller

Lichtnahrung bezeichnet verallgemeinernd und vereinfachend eine Ernährungsweise, bei der angeblich die Energie aus Sonnenlicht als Hauptnahrungsquelle dient. Dies ist Bestandteil eines esoterischen Konzeptes, das auch als «Breatharianismus» bezeichnet wird. Breatharianisten glauben, dass aus Licht alle lebensnotwendigen Stoffe gewonnen werden können. In Extremfällen verzichten sie deshalb auf die Aufnahme jeglicher herkömmlicher Nahrung, inklusive Flüssignahrung wie Suppen und Säfte. Weiterlesen

Zimmer 11


Vaters Hand umklammert meine. Er hält sie ungewohnt fest, so dass die zarten Fingerchen meiner Kinderhand fast abgedrückt werden. Die freie Hand folgt der weiss gestrichenen, rauen Wand. Wieder biegen wir um eine Kurve, diesmal wenden wir uns nach rechts und folgen den nummerierten Zimmertüren. Alle diese Türen haben denselben grau glänzenden Knauf, dieselbe weiß lackierte Oberfläche. Unsere Schritte eilen uns voraus, ergießen sich vor uns in den fast menschenleeren Gang und hallen von den kalkweißen Wänden. Vereinzelte Gestalten, in weiße Kittel gehüllt, fließen ruhig wie kleine Rinnsale von einem Zimmer ins nächste. Ansonsten ist es bedrückend still. Wir folgen weiterhin dem immer enger werdenden Flur. Ich weiß, wohin dieser Weg uns führen wird. In meinem Kopf schwappen die Gedanken wie eine dicke Flüssigkeit von der einen Wand zur anderen, klatschen gegen das Innere meines Kopfes, so dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Die Schlinge um meine Hand zieht sich noch enger zusammen und zerrt mich unerbittlich weiter. Da! Hier ist sie! Kalt, ohne Farbe, ohne Gefühl, versperrt sie uns den Weg ins Zimmer. Aha, Zimmer 11. Ich blicke hoch in das Gesicht meines Vaters. Aschfahl, kaum lebendig, schwebt es dort oben. Die Sorgen haben tiefe Falten in sein Gesicht gefressen. Langsam, ganz langsam, löst er den Griff um meine Hand, dreht den Türknauf nach links und stößt sachte die Tür auf. Seufzend gibt sie den Weg ins Zimmer frei. Ganz behutsam, als würden wir über zartflauschige Wolken waten und ihnen ja keine Delle verpassen wollen, treten wir ein. Hinter uns fällt die Tür kaum hörbar ins Schloss. Kühles Mondlicht ist die einzige Lichtquelle in diesem vor Kummer und Schwärze geradezu überquellenden Krankenzimmer. In seinem Schein erkenne ich Trauernde, zwei tuscheln leise zusammen, den Rücken dem Krankenbett zugewandt. Ich weiß, wo dieses Krankenbett steht, rechts in der Ecke des Raumes steht es. Links an der Wand, welche meine Schulter streift, stehen zwei hölzerne Stühle und ein kleiner runder Tisch. Rechts befindet sich das karg eingerichtete Bad, zu welchem die Tür jedoch geschlossen sein wird. Ich bin mir sicher, dass sie geschlossen ist, weil sie immer geschlossen war, wenn wir zu Besuch kamen. Aber vielleicht ist sie es heute ausnahmsweise doch nicht? Ich widerstehe der Versuchung, nachzusehen. Mein Blick klebt nun an der gelblich schimmernden Zimmertapete über dem Ort, wo das Bett steht. Ich will sie nicht sehen! Nicht so! Mein Herz pocht. Und dann auch noch diese Stille, diese alles verwüstende, mich auffressende Stille! Sie ist unerträglich. Gierig steuere ich auf die geschlossene, sauber geputzte Fensterfront zu. Luft ! Der Gedanke an frischen, noch nicht vom Gram weggeatmeten Sauerstoff tobt in meinem Kopf. Doch plötzlich…verweinte Augen, rötlich glänzend, die Lippen zusammengepresst. Ein Mann taumelt auf mich zu, seine Augen klammern sich hilfesuchend an meinen fest, während sich seine wulstigen Finger in das Fleisch meines Oberarmes graben. Doch ich fühle den Schmerz nicht, nicht diesen. Sobald er mich erreicht hat, presst er mich an sich. Mein kleines Gesicht gräbt sich in einen rundlichen Bierbauch. Der raue Stoff des weißen Hemdes streicht über meine Wange. Und da ist sie! Eine einzelne Träne muss sich aus meinem Auge gekämpft haben, denn sie kullert über meine Wange und zerfließt im Stoff. Als der Mann sich schwerfällig von mir löst und sich auf einen der beiden Stühle fallen lässt, spüre ich die Trauer. Sie hatte sich unbemerkt wie ein Tuch über mich und alle hier in diesem Raum gelegt, uns isoliert von aller Freude. Weitere Tränen strömen in unregelmäßigen Abständen über meine Wangen auf den Hals. Benommen wanke ich in Richtung des Betts, um sie zu sehen, mich ein letztes Mal zu verabschieden. Doch während ich mich zu ihr vorkämpfe, ruht mein Blick auf den Sternen draußen am beruhigenden, dunkelblauen Nachthimmel. Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. Dieses Lied, welches sie, wie auch mein Vater, mir zu singen pflegte, fällt mir ein. Die Melodie hallt durch den Raum, umfließt die Silhouetten aller Anwesenden und taucht sie in goldenes Licht. Doch nur für einen kurzen Augenblick. Dann erreiche ich das Totenbett, wo mich Vater auf seinen steifen Schoss hebt. Sein Dasein fängt mich auf, bewahrt mich davor, in der Verlustangst zu ertrinken. Er gibt mir die Kraft, sie anzusehen. Sie liegt auf der geblümten, fein säuberlich gefalteten Bettwäsche. Die kurzen Haare sauber zurückgekämmt, das Kinn mit Hilfe einer Stütze in Position gehalten, ruht sie auf dem Bett. So schön hergerichtet wie sie ist, wirkt sie wie eine Statue. Ich lasse den Blick über ihre blassblau angelaufenen Lippen gleiten und folge ihren unebenen Wölbungen. Ob sie Durst hat? Oder Hunger? Sie muss sicherlich ganz dringend ins Bad! Ist ihr vielleicht kalt? Liegt sie denn auch ganz bestimmt bequem? Die Augen wandern weiter, über den von Adern durchzogenen Hals bis hin zur Brust; sie hebt und senkt sich nicht mehr. Die Luft muss ihre vom Krebs zerfressene Lunge vollständig verlassen haben. Ihre Hände und Arme umrahmen den schmächtigen Oberkörper. Die kraftlosen Beine, in schwarze Hosen gezwängt, stramm gestreckt, hindrapiert. Noch einmal, ein letztes Mal, beginne ich sie von Kopf bis Fuß mit meinen Augen abzutasten, mir jedes Detail ihrer letzten Erscheinung einzuprägen. Die glatte Stirn, die filigranen, mit Perlen geschmückten Ohren, ihren Lieblingspullover. Ein schwarzer Strickpullover aus Baumwolle mit einem eingenähten, weißen Hemdkragen. So zufrieden wie sie hier liegt, mit geschlossenen Augenlidern, befreit von ihrer Erschöpfung, könnte man meinen, dass es einfacher sei, sie gehen zu lassen. Doch in Wahrheit starrt mich das fürchterliche Gesicht des Todes an. Es ist kaum zu ertragen! Ob ich sie noch ein letztes Mal berühren darf? Ehrfürchtig lege ich meine Hand auf die ihre. Sie ist eiskalt! Diese Kälte, die Kälte des Todes, versetzt mir einen Schrecken, jagt über die Fingerspitzen meinen Arm hinauf direkt in das vor Qual und Kummer zu zerbrechen drohende Herz. Ich zucke zurück, nur, um sie dann noch einmal fester zu halten. Ihr ist bloß kalt, ich muss ihre Hand nur kurz wärmen. Warum sagt sie denn nicht, dass sie friert? Erst als mein Vater meinen kleinen Körper sanft hochhebt, löst sich die nun kalte Kinderhand von der ihren. Bevor sich die Tür hinter uns schließt, erhasche ich einen letzten Blick auf den Sternenhimmel. Der Mond ist aufgegangen die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. «Papa, wo ist sie jetzt?», flüstere ich in sein Ohr. Er hält inne, dann hebt er mich auf die andere Seite seiner Hüfte und geht wortlos weiter. Draußen zeigt er auf einen Stern, den hellsten aller Sterne. «Siehst du diesen Stern dort oben? Dort ist sie jetzt.»

Von Sophie Kuse

Verschwörungstheorien III: Warum den Illuminaten bald die Welt gehören könnte

Immer wieder werden die sogenannten Illuminaten für die verschiedensten bizarren Ereignisse verantwortlich gemacht. Die Gruppe, zusammengesetzt aus den einflussreichsten Menschen der Welt, soll nämlich im Untergrund an einer neuen Weltordnung arbeiten. Was steckt tatsächlich hinter dem mutmasslichen Sündenbock für ungewöhnliche Geschehnisse? Weiterlesen

Gespiegelt


«Du hast mein Leben zerstört, Marah. Das werde ich dich nie vergessen lassen!»

Marah weicht vom Spiegel zurück. Ihr Spiegelbild funkelt sie aus kalten, grünen Augen an. Das waldgrüne Kleid schmiegt sich an ihre helle Haut. Sorgfältig streicht sie eine nicht-vorhandene Falte aus dem Kleid. Ihr Gesicht ist blass. Die kastanienbraunen Haare sind zu einem strengen Knoten zurückgebunden. Eine einzelne Haarsträhne sträubt sich widerspenstig, doch erfolglos – Marah streicht sie mit einer schnellen Handbewegung zurück an ihren Platz. Sie mag keine Unordnung. Alles muss absolut perfekt sein – und zwar immer!

Sie wendet sich vom Spiegel ab und begibt sich nach unten. Nolan wartet schon auf sie an der Eingangstür. Er trägt einen dunkelgrünen Anzug, abgestimmt auf ihr Kleid. Alles passt, alles ist perfekt.

Nach einigen Minuten Fahrt kommen sie an ihrem Zielort an. Vor dem majestätischen Gebäude steht eine Limousine neben der nächsten, eine schöner und imposanter als die andere. Mit ihrem Ehemann am Arm stolziert Marah durch das mächtige Eingangstor. Heute sollte sie endlich geehrt werden für all die harten Jahre voller Arbeit, die sie in ihren Beruf gesteckt hat. Nolan strahlt voller Stolz, während er neben der Top-Immobilienmaklerin der Stadt – wenn nicht sogar des Landes – steht. Sie kann alles verkaufen, und sie kann es an jeden verkaufen. Niemand schlägt ihr ein Angebot aus.

Das Telefon klingelt. Marah wendet sich ab und entfernt sich einige Schritte von den anderen. Sie hebt ab.

«Eine Insassin des Ignatium – Staatsgefängnisses versucht Sie zu erreichen. Um anzunehmen, drücken Sie bitte die Eins. Wollen Sie ablehnen, drücken Sie die Nummer Zwei.»

Nein, nicht heute. Sie drückt die Zwei und nimmt das Telefon vom Ohr. Als sie sich wieder gefangen hat, schreitet sie bestimmt zurück zum Gespräch, und zu ihrem Mann.

Doch Marah ist alles andere als gefasst. Ihre Hände zittern kaum merklich, aber sie zittern. Ihre Haut fühlt sich heiss an. Gott, schwitzt sie etwa? Das kann doch jetzt nicht sein! Marah entschuldigt sich und eilt einem Tablett Champagner hinterher. Champagner, der wird sie jetzt beruhigen. Doch nach einer halben Stunde Smalltalk mit einigen Anwesenden ist sie alles andere als gelassen.

Endlich ist es soweit. Ihr Chef führt die versammelte Menge in einen riesigen Saal. Die Wände sind mit einem blutroten Vorhang abgedeckt. Rot – was für eine schreckliche Farbe. Sie bringt so viel…Zerstörung. Marah ist noch immer heiss. Ihre zittrigen Hände klammern sich an ihr bereits viertes Champagnerglas. Dann beginnt die Rede. Es ist eine Laudatio von ihrem Chef, doch sie hört sie gar nicht. Ihr ist heiss. So heiss. Wieso nur? Das passt gar nicht zu ihr. Sie hat immer alles unter Kontrolle. Bei ihr läuft immer alles nach Plan.

Klatschen. Ja, die Leute klatschen. Sie steht in der Mitte des gigantischen Raumes. Nolan lächelt ihr zu und hebt sein Glas in die Höhe. Alle andern tun es ihm gleich. Dann fallen die Vorhänge. Und da sind sie. Spiegel. Aus der Ferne hört sie ihren Chef sagen, dass sie heute nur sich selbst sehen soll. Sie stehe heute im Mittelpunkt, sie habe es sich verdient. Doch Marah sieht nicht sich…sie sieht Naira. Naira ist überall. In welchen Spiegel sie auch schaut, eine Erinnerung starrt zurück.

Die Spiegel kommen näher, immer näher.

Stop!

Vergeblich. Marah streckt ihre Arme von sich, will die Spiegel auf Distanz halten, doch sie halten nicht an. Nein, sie verschlingen sie.

Rauch. Marah erkennt den beissenden Geruch sofort. Wie könnte sie vergessen, wie er riecht…nach allem…. Dann hört Marah sie. Die Schreie. Wie in jener unheilvollen Nacht. Dieses Feuer…es ist so heiss. Aber sie ist an der Gala, da ist kein Feuer. Plötzlich sieht sie Naira. Naira sollte nicht hier sein – nein, sie kann nicht hier sein. Und trotzdem versucht sie, ins Haus zu gelangen. Doch das ist unmöglich. Niemandem im Haus könnte sie mehr helfen.

Nein, Naira, es hat keinen Sinn! Es ist zu spät!

Aber wir müssen doch….

Nein!

Die Sirenen der Feuerwehr sind zu hören. Angst steigt in ihr auf. Marah spürt, wie das Gewicht ihres Rucksacks sie nach unten zieht. Er ist so schwer, sie kann – und will – diese Last, die er mit sich bringt, nicht mehr tragen. Sie lässt ihn fallen.

Die Feuerwehr ist dabei, das Feuer zu löschen. Rettungskräfte gehen ins Haus, um nach den Eltern von Marah und ihrer Zwillingsschwester Naira zu suchen. Doch finden können sie nur noch ihre Körper. Ihre Seelen sowie die Erinnerung an sie werden für immer im Haus sein, in den Spiegeln – das ist zumindest das, was ihre Mutter immer zu sagen pflegte: «Unsere Erinnerungen an diejenigen, die nicht mehr bei uns sind, werden wir nie verlieren, Marah. Wenn wir in einen Spiegel sehen, werden wir uns erinnern, denn wir tragen sie in uns. Für immer.»

Nie glaubte Marah tatsächlich an diese Geschichte, aber an diese unheilvolle Nacht wird sie sich für immer erinnern können. Kein Spiegel wird sie das je vergessen lassen. Denn ihr ganz persönlicher Fluch macht das unmöglich. Wo auch immer sie sich sieht, sieht sie auch ihre Zwillingsschwester, und ihr Anblick wird sie nie vergessen lassen, was sie ihr in dieser Nacht angetan hat.

Die Feuerwehr löscht das Feuer. Sie sind sich sicher, dass es Brandstiftung war. Dann finden sie einen Rucksack. Marah’s Gesicht ist von Tränen aufgeweicht. Eine unscharfe Gestalt fragt sie, ob sie wisse, wem der Rucksack gehöre. Und da ist sie wieder – die Angst.

«Naira.»

Sie spürt, wie ein Arm um sie gelegt wird. Es ist Nolan. Marah klammert sich an ihn. Sie schaut in die Spiegel rund um sich herum. Und dann in die Gesichter der Menschen, die sie erwartungsvoll anschauen.

«Wo warst du?»

«In den Spiegeln.»

«War Naira da?»

«Ja, sie ist immer in den Spiegeln Nolan. Immer.»

«Dann lass sie dort. Lass die Erinnerung an sie in den Spiegeln.»

Sie nickt und richtet sich auf. Mit geradem Rücken steht sie in der Mitte des Saales. All diese Menschen sind ihretwegen hier. All diese Menschen wollen, dass sie etwas sagt. Ihre Hände zittern nicht mehr. Da ist eine Ruhe, die sich über sie selbst, aber auch über den ganzen Saal legt.

Ihre Vergangenheit ist genau das – in der Vergangenheit. Genauso wie ihre Schwester. Dagegen kann sie nichts tun. Jetzt nicht mehr. Diese Geschichte, die sie so lange unterdrückt hat, ist jetzt vorbei. Genauso wie diese Erinnerung. Nie wieder wird sie daran denken. Sie ist am Höhepunkt ihres Lebens und nichts und niemand wird ihr das ruinieren. Erst recht keine Erinnerung oder irgendein Spiegelbild. Das wird sie schlicht und einfach nicht zulassen. Ihr Leben, ihre Kontrolle.

Ihr Blick schweift über die Menschen. Ihre Worte nehmen den ganzen Saal ein. Da ist sie wieder.

Mit einer eleganten Bewegung hebt sie ihr Champagnerglas und alle stossen an. Marah lächelt. Es ist ein aufgesetztes Lächeln, doch das bemerkt niemand. Noch nie hat es jemand bemerkt. Für alle ist es ein perfektes Lächeln. Ein perfektes Lächeln für einen perfekten Abend in einem perfekten Leben.

Von Skyla Rossi

Armenien – Der Krieg und die gleichgültige Welt

Armenien ist mein Heimatland. Es ist eines der ältesten Länder der Welt, mit einer Geschichte, die bereits 3000 vor Christus anfängt. Das heutige Armenien bildet mit etwa 29.7km2 einen sehr kleinen Teil des historischen Armeniens. Wie auch andere Länder hat mein Heimatland in seiner Geschichte Kriege, Gewinne und Verluste erlebt. Weiterlesen

Peace


Dicker schwarzer Edding wasserfest auf fast allen Materialien, auch auf dem Fensterglas der Strassenbahn. Der Junge steckte ihn wieder ein, schulterte seinen Rucksack aufs Neue, wartete genauso lange bis die blecherne Stimme verkünden liess: «Nächster Halt Kunsthaus», kramte dann ein Taschentuch aus einer seiner unzähligen Hosentaschen und liess damit die Träne aus seinem Gesicht verschwinden. Er streckte seinen Rücken durch, schob die letzte seiner widerspenstigen Strähnen unter die alte Mütze seines Vater, starrte noch ein letztes Mal auf seinen Schriftzug und trat mit einem angestrengten Lächeln aus der Strassenbahn auf die wartenden Menschen zu. Er würde das Wochenende schon irgendwie überstehen, wenn er ihnen keine Angriffsfläche bot.

Was hatte der Junge mit der hässlichen Mütze bloss an dieser Scheibe gefunden? Die junge Frau verdrehte die schwarz umrahmten Augen, als sie das mickrige, unsicher wirkende «PEACE» in der unteren Ecke des Fensters sah. Nicht gut genug für meinen Account, dachte sie, stieg ein, zog sich die Kopfhörer wieder über die Ohren und schaltete die gleiche Musik wie immer ein. Das laute Schlagzeug übertönte den leisen Ton der Fussglocke, auf die sie versehentlich trat. Sie drückte weiter auf ihrem Handy herum, staunte über eines der Bilder auf Instagram – «SCHEISS SYSTEM» war dort riesig auf eine Wand geschmiert – und hinterliess ein Herzchen, während sie gedankenverloren mit einer ihrer blonden Strähnen spielte.

Eine ältere Frau rannte auf die Bahn zu, hämmerte hektisch auf den grünen Knopf neben der sich schliessenden Türe. Sie durfte sich nicht schliessen…! Erleichtert stolperte sie die drei Stufen hinauf, drängte eine Jugendliche zur Seite und klammerte sich an einer der Metallstangen im Eingangsbereich fest. Ohne etwas wahrzunehmen starrte sie aus dem Fenster. Sie musste nach Hause aufs Land fahren, einkaufen und kochen. Hätte ihr Chef sie doch bloss nicht so lange im Büro aufgehalten, sie musste rechtzeitig fertig werden, um ihre Kinder zu begrüssen. Sie fasste sich an die Stirn, als ihr klar wurde, dass sie ihre Jacke im Büro vergessen hatte. Sie atmete tief durch und sah auf ihre goldene Armbanduhr, deren Zeiger sich viel zu schnell bewegten. Sie fluchte. Sie musste doch den Zug noch erwischen, warum fuhr die Tram denn so langsam! Sie sprang aus dem Waggon, kümmerte sich nicht darum, dass sie einige Leute anrempelte und rannte mit einem letzten hektischen Blick auf ihr Handgelenk auf die Gleise im Hauptbahnhof zu.

Mit einem leisen Ächzen hievte sich der Mann mit der Aktentasche in der Hand in die Tram. Warum konnten diese Irren nicht einmal aufpassen. Diese Woche war er nun schon drei Mal fast über den Haufen gerannt worden. Mit blitzenden Augen sah er sich um. Schon wieder lag am Boden eine dieser stinkenden Getränkedosen und das Fenster direkt neben ihm war auch schon wieder vollgeschmiert. «PEACE», pah, als ob es das jemals geben würde, das hatte es noch nie gegeben! Er konnte diesen Saustall nicht dulden, suchte verzweifelt nach etwas, was er dagegen tun könnte. Er fand nur einen Kugelschreiber, aber er hatte nicht vor aufzugeben! Wütend versuchte er den Schriftzug zu übermalen, von ein paar Kratzern abgesehen, gelang es ihm jedoch nicht. Er schmetterte den zerbrochenen Plastikkugelscheiber auf den Boden, als er bemerkte, dass er ihn etwas zu sehr strapaziert hatte, kickte nach der Getränkedose am Boden und stieg aus. Innerlich wild fluchend über die respektlose moderne Gesellschaft.

Das kleine Mädchen wartete ein wenig, bis es sicher sein konnte, dass der Anzugträger nicht zurückkommen würde und verliess dann seinen Sitz. Die Strassenbahn fuhr unsanft an, während das Kind sich vor dem Fenster, genau dort, wo zuvor der Mann gestanden hatte, auf die Zehenspitzen stellte und sich die fünf schwarzen Buchstaben ansah. P-E-A-C-E, was das wohl hiess? Vorsichtig kramte es aus seiner Schultasche einen violetten Filzstift und malte eine Blume hinter das Wort. Das Mädchen lächelte, als es aus der Tram stieg. Endlich hatte das Wochenende begonnen.

Von Carla Reuter

Mondlicht

Abnehmend, zunehmend, voll, leer. Der Mond hat viele Gesichter und weckt seit dem Beginn der menschlichen Existenz unsere Neugierde. Es existieren etliche Mythen über den hellsten Himmelskörper am Nachthimmel. Der wohl bekannteste ist der des schlechten Schlafs. Nicht selten wird eine unruhige Nacht auf den vollen Mond geschoben. Auch manche Kritiker, die von unwissenschaftlichen Deutungen sonst nicht viel halten, geben zu, dass sie dann schlechter schlafen. Aber was steckt wirklich dahinter? Weiterlesen

Հայաստան – Պատերազը և անտարբեր աշխարհը

Հայաստանն իմ հայրենիքն է։ Այն աշխարհի ամենահին երկրներից է, որի պատմություը սկսվում է դեռևս մեր թվյարկությունից առաջ երրորդ հազարամյակից։ Ներկայիս Հայաստանը կազմում է պատմական Հայաստանի միայն շատ փոքր մասը, մոտ 29,7 km2։ Մյուս պետությունների նման Հայաստանն էլ պատմության ընթացքում ունեցել է տարբեր պատերազմներ, հաղթանակներ, պարտություններ։ Մեր պատմության ամենատխուր էջը թերևես հայոց ցեղասպանությունն է, որը կազմակերպվեց 20-րդ դարի սկզբին թուրքական իշխանության կողմից և որի ժամանակ կոտորվեցին ավելի քան 1,5մլն հայեր։ Weiterlesen

Von Lichtern und Nachttöpfen

Zu «Licht» ist das meiste schon gesagt. Wenigstens vom literarischen Standpunkt aus. Kein Schriftsteller, von der Zeit auf den Sockel gehoben, der nicht irgendetwas übers Licht gesagt hätte. Seitenweise könnte ich sie hier abfeiern, von Novalis über Mörike bis zu Michael Krüger. Allerdings, selbst wenn schon alles gesagt wurde, sind wir doch, wir Allwissenden, wir Herren dieser Welt, Beherrscher aller Feuer, stets aufs Neue gebannt, wenn Helios, Sohn des Hyperion und der Theia, seine Pferde schirrt und gleissend ins Firmament steigt, auch wenn wir couldn’t say exactly where the night became the day*, um nun doch einen dieser Dichter zu zitieren, wenn auch keinen deutschsprachigen. Unabhängig aber, wie weit sich unsere Spezies von ihrem Urgrund entfernt, sie bleibt doch bis zum heutigen Tag gebannt vom archaischen Schauspiel der Sonnenauf- und -untergänge, zwar weniger als Pendlerhorde abends auf den Bahnhöfen denn als Pauschaltouristen beim Sundowner in der Ägäis. Womöglich eine Alterserscheinung, dass mir der Sonnenaufgang mittlerweile näher liegt als der Untergang. Und so stehe ich frühmorgens immer wieder draussen im Dämmerlicht und harre der Sonne, deren tägliches Rührstück ich freilich nur im Winterhalbjahr bezeugen kann; im Sommer geht sie bekanntlich mitten in der Nacht auf. Weiterlesen

Kleines neues Virus versus grosse Alte Kanti

Als am 13. März nachmittags die Meldung die Runde macht, dass die Schulen ab der kommenden Schulwoche schliessen würden, ertönt in den Gängen der Schulgebäude das Jubelgeschrei der Schülerinnen und Schüler: Ferien! Und dann erst noch auf unbestimmte Zeit! Jeder Gedanke an das für diese «Ferien» verantwortliche Virus und die unabsehbaren Folgen im Gesundheitswesen oder in der Gesellschaft, jeder weiterreichende Gedanke scheint in diesem Moment sekundär. Weiterlesen

Das Abo


Ich starre auf die Rechnung und überfliege erneut die Mitteilung. Offene Rechnung … Bitte begleichen Sie diese innerhalb von 30 Tagen. Mit einer Hand schliesse ich den Briefkasten und mit der anderen taste ich nach dem Schlüssel in meiner Tasche.
Ich hebe den Kopf, als Frau Roths Stimme von der anderen Strassenseite zu mir herüberhallt.
«Was schauen Sie denn so erschrocken, Frau Hauser? Haben Sie etwa ein Gespenst gesehen?»
Ich räuspere mich.
«Nein, nein, alles in Ordnung. Nur die Handyrechnung meines Sohnes – Sie wissen ja, wie Jugendliche sind.» Weiterlesen

Wege zum Erfolg ermöglichen

Der aktuelle Newsletter unserer Schule ist mit «Die Alte hat einen Neuen» überschrieben: Ja, wir haben einen neuen Rektor! Ebenfalls auf der Shortlist für den Titel war: «Die Alte hat eine Neue» – nämlich eine neue Schulleitung. Gleich zu dritt haben wir diesen August in unseren Funktionen in der Schulleitung begonnen. Und ich freue mich, innerhalb der Schulleitung die Wirtschaftsmittelschule und die Informatikmittelschule sowie weitere Ressorts wie etwa die der externen Kommunikation mit zahlreichen Anlässen betreuen zu dürfen. Weiterlesen

Flair im János-Tamás-Haus

Auf dem Parkplatz der Alten Kanti, genauer: vor dem Tamáshaus, steht wie immer eine Honda oder ein ähnlich schwerer Töff. Er ist ein Schauobjekt, das auch an einem warmen Sommernachmittag die Aufmerksamkeit von neugierigen Schülern, nein, nicht von Schülerinnen, auf sich zieht. Gerade hat Petra für heute die letzte Unterrichtsstunde beendet, tritt aus dem János-Tamás-Haus und geht in Richtung ihres Fahrzeugs. Dort angekommen, wird sie mit bewundernden Augenpaaren und folgendem Ausruf empfangen: «Wow, gehört dieser Töff dir?» Der Schüler, welcher zuvor bei Petra Unterricht hatte, ist auch bereits da. «Ihr dürft sie doch nicht duzen, sie ist meine Posaunenlehrerin», platzt es aus ihm heraus. Petra hingegen reagiert mit einem Schmunzeln. – Diese Episode aus den neunziger Jahren passt hervorragend zu Petra Bachmanns Charakter. Ihre Spontanität ist wie eine Blume, die sich öffnet, aber überlegt und aufmerksam, denn sie duftet nur, wenn das Umfeld für Petra stimmt.


[Bild: Sarah Böhler]

Wenn die Posaunistin im János-Tamás-Haus war, dann spürte man es im Nordteil oder im Lehrerzimmer durch die Wände hindurch. Es war nicht ihr «profumo», es war ein freundlicher Blick, ein Lachen oder ein aufgewecktes Wort, welches wie ein fröhlicher Luftzug durch die Räume hallte.

Petra Bachmann, aufgewachsen in Bayern, unterrichtete an der Alten Kantonsschule Aarau während nicht weniger als 35 Jahren Posaune und zeitweise auch Klavier. Bei den Schülerinnen und Schülern erfreute sich Petra mit ihrer fröhlichen, frischen und kommunikativen Art grosser Beliebtheit. Das Resultat dieses motivierenden Unterrichts mit Herzblut und pädagogischem Können kam besonders in den öffentlichen Ensembleauftritten zur Geltung. Das Publikum durfte stets in abwechslungsreiche Klangwelten eintauchen.

Auf die Frage, welches Fach Petra neben ihrem Instrument noch unterrichten möchte, sagt sie spontan: «Sport, da Musik und Bewegung zusammenpassen.»

Als Posaunistin hat Petra eine vielseitige Karriere hinter sich. Sie spielte 30 Jahre lang im Aargauer Sinfonie-Orchester und war im Opernhaus in Zürich als Zuzügerin tätig. Sie absolvierte auch ein Studium in Blasmusikdirektion und dirigierte danach mehrere Jahre eine Brass Band. Zudem spielte sie im Blechbläserquartett AROWE BRASS, u.a. mit dem Trompeter André Wey. Der unterwartete Tod dieses geschätzten Kollegen vor einigen Jahren hat Petra sehr erschüttert. Die Musik hat ihr geholfen, diesen Schmerz zu verarbeiten und mit Hingabe ihren Unterricht fortzusetzen.

Ihrer Wahlheimat Schweiz bleibt sie auch nach der Pensionierung treu: «Meine Lieblingsstadt ist nur ein Städtchen und es heisst Sempach. – Sempach hat Geschichte, Charakter und Charme. Die Menschen sind nett, es ist für mich schnell erreichbar und es liegt am herrlichen Sempachersee, wo es vermutlich schweizweit die schönsten Sonnenuntergänge gibt.»

Wir wünschen Petra für Ihre Zukunft von Herzen alles Gute, vor allem spannende Highlights auf allen Ebenen und Horizonten bei ihren Trekkingvorhaben in den Schweizer Alpen.

Als Kollegin werden wir Petras Ausstrahlung vermissen, aber uns bleibt eine schöne Erinnerung an eine wache und spontane Kollegin.

Unserer Fachschaft gibt Petra übrigens Folgendes auf den Weg: «Haltet zusammen, unterstützt euch und hört euch gegenseitig zu. Seid euch immer bewusst, dass ihr mit eurer Arbeit den Schülerinnen und Schülern etwas vom Schönsten weitergeben dürft: die Liebe zur Musik.»

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Von Esther Flückiger, Klavierlehrerin

«Eine Schule wie vor 25 Jahren – das wäre heute undenkbar»

Zur Pensionierung von Rektor Martin Burkard

Martin Burkard verlässt die Alte Kanti. Nicht weniger als 36 Jahre hat er an der ältesten Kantonsschule der Schweiz gewirkt, anfangs als Lehrer für Deutsch und Latein, während der letzten 22 Jahre hat er die Geschicke der Schule geleitet. Mit Martin Burkards Pensionierung geht eine Ära zu Ende. Versuch einer Bilanz im Gespräch. Weiterlesen

Être und avoir oder Das Wesen der Bildung

Être und avoir? Da denken die meisten wohl zuerst einmal an Lektionen, in denen die beiden Hilfsverben geübt und in allen zu kennenden Tempi und Modi durchkonjugiert werden. Es mag wenig erstaunen, wenn eine Französischlehrerin einen Text im «sage&schreibe» mit den beiden Verben beginnt und diesen sogar noch einen prominenten Platz im Titel des Textes zugesteht: Es sei mir erlaubt, siebzehn Jahre Französischunterricht – und natürlich ganz grundsätzlich die Faszination für mein Fach, die mich immer noch begleitet – in den folgenden Gedanken nicht ganz aussen vor zu lassen. Die Konjugation kann dabei aber für einmal getrost vergessen werden. In den grundsätzlichen Gedanken einer Prorektorin zu Schule und Bildung ist eine weit allgemeinere Warte gefragt. Was also haben sein und haben mit Bildung zu tun? Sehr viel. Weiterlesen

Der Lehrer und die Lücke

Zur Pensionierung von Roland Latscha

Geht einer wie Roland Latscha nach siebenunddreissig Jahren als Deutsch- und Philosophielehrer in den Ruhestand, ist man versucht, auf die Lücke hinzuweisen, die so einer hinterlässt. Dass es sich dabei um eine grosse Lücke handelt, versteht sich von selbst, nicht zuletzt in Anbetracht der ungewöhnlich langen Dienstzeit. Weiterlesen

Kapitän und humorvoller Menschenfreund

«Mein erstes gemeinsames Unternehmen mit Martin Burkard war eine Schulreise. Wir ahnten damals nicht, dass dies der Anfang einer intensiven Zusammenarbeit und herzlichen Freundschaft werden sollte. 14 Jahre später wurde Martin Rektor der AKSA, gerade als MAR 95 umgesetzt werden sollte. Ich wurde als Konrektorin sofort in die politischen und pädagogischen Auseinandersetzungen einbezogen. Wir waren stark gefordert, das Schiff MAR durch die hoch gehenden Wogen zu steuern. Ich erlebte Martin als besonnenen Kapitän, der sich nicht vom Kurs abbringen liess, und war stolz darauf, ihn unterstützen zu dürfen. Martin, es war schön, mit dir zusammen zu arbeiten!»

Silvia Bonati
Deutschlehrerin von 1968-2005
Konrektorin von 1995-2007

«Caesar, Commentarii Belli Gallici, Seneca, Ad Lucilium Epistulae Morales, Vergil, Aeneis – diese drei Bücher sind neben meinem Maturitätszeugnis die einzigen Relikte aus meiner Zeit an der «Alten Kanti» in Aarau. Damit verbunden sind tolle Erinnerungen an den jungen, beliebten und mitreissenden Lateinlehrer Martin Burkard, von dem man schon nach der ersten Lektion wusste, dass er eine grosse Leidenschaft für die Werke von Friedrich Dürrenmatt und den Fussballclub Grasshopper Zürich hegte.»

Andreas Bachmann
Rechtsanwalt
Schüler an der Alten Kanti Aarau von 1984-1988

«Ich habe mit Martin Burkard zwischen 2010 und 2016, während wir als Rektoren den beiden Aarauer Kantonsschulen vorstanden, eng zusammengearbeitet. Ich habe Martin in diesen Jahren als hilfsbereiten und sehr erfahrenen Kollegen, der mir immer wieder zur Seite stand, kennen und schätzen gelernt. Martin war nie belehrend, vielmehr zeigte er mögliche Wege und Herangehensweisen auf, was bei mir zu zahlreichen interessanten und erhellenden Einblicken führte. Ich verdanke Martin Burkard viel.»

Daniel Franz
Rektor Kantonsschule Baden

«Mit Martin Burkard geht ein Rektor in Pension, der sich über Jahrzehnte hinweg mit enormer Hingabe und viel Leidenschaft nicht nur für die Alte Kantonsschule, sondern für den gesamten Mittelschulbereich im Aargau eingesetzt hat. Ich danke Martin Burkard für seine Arbeit, seine Loyalität und seine grossen Verdienste für die Bildung in unserem Kanton und wünsche ihm alles Gute für seinen neuen Lebensabschnitt.»

Regierungsrat Alex Hürzeler
Vorsteher Departement Bildung, Kultur und Sport

«Martin habe ich als blitzgescheit, einsatzfreudig und hilfsbereit kennen gelernt. Als ich ihn anfragte, als Bearbeiter der Umsetzung der MAR Vorgaben ins BKS zu kommen, war er sofort bereit dazu. Viele weitere Eigenschaften Martins traten zutage, er war zuverlässig, führungsstark, zuvorkommend, ziel- und lösungsorientiert, seine Sozialkompetenz und sein Verhandlungsgeschick halfen ihm, kreativ umsetzbare Lösungen zu finden. Zudem war und bleibt er ein humorvoller Menschenfreund. Die Wahl zum Rektor der AKSA war folgerichtig. Beste Wünsche für das neue Leben!»

Bruno Biberstein
ehem. Generalsekretär BKS

Die süsse Verführung der Ablenkung

Aqua. 14:50 Uhr. Weder Motivation noch Aufmerksamkeit sind unter den vielen Schülern, die zur nächsten Lektion schlurfen, zu erkennen. Erschöpft von den vielen Unterrichtsstunden, wünschen sie sich nichts lieber, als nach Hause zu gehen. Aus der Ferne vernehmen einige von ihnen jedoch ein leises: «Pop, plop, pop,…». Gedanklich immer noch nicht ganz anwesend, suchen sie nach dem Ursprung des Geräusches. Doch plötzlich fängt die Nase einen Duft ein. Popcorn! Endlich aus der Trance herausgeholt, wird eruiert, woher dieser Geruch kommt und wer ihn erzeugt. Ist es jemand, den man kennt? Wenn ja, wie stellt man es an, dass man etwas vom Popcorn abbekommt? Aber nein, man kennt die Person natürlich nicht und muss so oder so in die nächste Stunde. Doch der Geruch des Popcorns lässt einen nicht los. Das ganze Gebäude ist davon erfüllt. Auch wenn man schon im Klassenzimmer sitzt, riecht man ihn noch und hört das Poppen der Körner. In den letzten Minuten vor Unterrichtsbeginn kann man an nichts anderes mehr denken. Dann ertönt die Schulglocke. Die Lehrperson beginnt zu sprechen, doch man kann all dem nicht folgen, denn vor lauter Popcorn hat man völlig vergessen, dass man eigentlich noch auf die Toilette hätte gehen müssen. Nach kurzem Hin- und Herrutschen auf dem Stuhl fragt man dann doch lieber, ob man die Toilette aufsuchen dürfe. Unter dem missmutigen Blick der Lehrperson sowie dem Starren aller Mitschüler verlässt man das Zimmer. Auf der Toilette hört man ein Gespräch mit. Über wen oder was sprechen die zwei? Zurück in der Stunde, denkt man an das mitgehörte Gespräch. Haben sie nicht über etwas geredet, wovon man auch schon gehört hat? Da man sowieso müde ist und das Geschwafel der Lehrperson nicht sonderlich interessant zu sein scheint, denkt man lieber über das Gespräch auf der Toilette nach, oder darüber, ob man sich zu Hause nicht auch Popcorn machen könnte. Die Stunde scheint endlos, während man nervös mit dem Stift in der Hand herumspielt, kleine Zeichnungen auf den Rand eines Blattes kritzelt, dem Ticken der Uhr zuhört und den Zeiger beobachtet, wie er langsam über das Zifferblatt kriecht. Die qualvoll lange Stunde geht endlich vorüber, aber mitbekommen hat man nichts. Nun ja. Es ist manchmal halt viel leichter, sich ablenken zu lassen von den eigenen Gedanken, als sich anzustrengen und zuzuhören.

Von Skyla Rossi, G2l

Indigene Visionen und Weltbilder als Alternativen zum europäisch-westlichen Denken

Weltwahrnehmung. Welch eine Vieldeutigkeit schwingt in diesem einen Wort. Wie kaum ein zweites in der deutschen Sprache vermag es sämtliche Ausrichtungen des menschlichen Ingeniums zu umreissen. Jede Meinung, jede Ahnung und Erinnerung, gar jede emotionale Regung ist Weltwahrnehmung, vorausgesetzt man bezieht die Begrifflichkeit Welt auf alles Äussere, das den Menschen umgibt und auf ihn wirkt – so auch die Begegnung mit sich selbst –, und bezeichnet Wahrnehmung als Informationsfluss aller Sinne. Weiterlesen

Ein kleines Abenteuer

Vielleicht war es eine schlechte Idee, Opa aus dem Altersheim zu schmuggeln. Für einen Rückzieher war es nun aber sowieso zu spät. Opa hielt meine Hand und genoss die spätsommerliche Luft. Als die Sonnenstrahlen auf sein faltiges Gesicht fielen, schloss er die silbernen Augen. In der sanften Brise wippte sein fedriges Haar hin und her. Wir schlenderten über den Parkplatz und ich lächelte die anderen Besucher verkrampft an, um nicht aufzufallen. Ich strich mir die blonden Locken aus der Stirn. Bis jetzt lief alles gut. Der blassblaue Trabant stand schief in der Parklücke. Weiterlesen

Auf der Schwelle zur Wirklichkeit

Ein Grollen. Für einige Sekunden ist alles hell. Dann wieder absolute Dunkelheit. Das nächste Grollen. Doch schon bald ist das erstarrende Geräusch verschwunden. Dann lässt sich nur dem Stürmen des Regens lauschen. Auf einmal wird erneut alles hell, der Waldrand blitzt durch das verregnete Fenster. Und abermals das Grollen und das Toben des Regens. Ein Pfeifen. Durch die Latten des kleinen Hauses bläst der Wind. Die Bretter biegen sich. Die Balken ächzen. Hammer und Nägel liegen griffbereit. In drei Decken eingewickelt, mit Mütze und selbst gestrickten Wollsocken an den zitternden Füssen und dem Knistern des Kamins im Hintergrund liegt er in seinem aus Holz gezimmerten Bett. Auf dem Nachttisch eine Tasse qualmender Tee. Die Hütte gleicht eher einer Baracke. Es reicht gerade so für sein Bett. Der kleine Kleiderschrank lässt seine schief hängende Tür bei jeder unvorsichtigen Bewegung fallen. Daneben ein kleiner, gasbetriebener Herd und ein Kamin aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Ein Jäger hatte sich einst die Hütte gebaut. Und irgendwann verlassen. Am Waldrand, abseits der Zivilisation, nicht weit von einem kleinen Teich.
Das Knistern des Feuers ist beinahe verschwunden. Zeit, Holz nachzulegen. Der Kopf als Erstes, gefolgt von Schulter und Bauch, und ganz zum Schluss die Beine werden von der Decke befreit. Ein schneller und gekonnter Armschwung zur Öllampe. Es folgt der Hüftschwung und schon ist er bei den gestapelten Holzscheiten. Ein Paar in die Glut zu werfen genügt und das Feuer ist wieder entfacht. Mit schnellen Schritten und einem finalen Sprung wirft er sich zurück ins Bett.
Drei Schläge. Ruhe. Nochmals. Drei heftige Schläge gegen die Tür. Das verrostete Vorhängeschloss hält die Tür fest. Mit einem Knall landet der Laden des Kleiderschranks auf dem Boden. Der Kopf verschwindet unter der Decke. Dann wieder ein Blitz. Ohne Donner. Ruhe. Ein dunkler Schatten bleibt beim Fenster stehen. Eine Nase, eine Stirn quetschen sich ans Fenster und starren hinein. Sehen sie ihn im Bett liegen? Ganz vorsichtig schaut sein Auge durch eine kleine Luke in der Daunenfestung hindurch. Ein Gesicht. Es kommt ihm sehr bekannt vor. Und dann erkennt er ihn. Sein Vater. Er schaufelt sich frei. Mit einem grossen Satz ist er an der Tür. Dreht den Schlüssel um. Ein leises Quietschen und die Tür steht offen. Er geht hinaus. Grelles Licht. Nichts zu erkennen. Erst nach ein paar Sekunden bekommt er seinen Vater und den Jäger in kurzen Hosen und T-Shirt zu sehen. Hinter ihm brennt immer noch das Feuer im Kamin. Kurzes Gespräch. Beide auf dem Weg zum Teich, zum Angeln. Sie wollten nur kurz Hallo sagen. Verabschiedung. Angeln war noch nie sein Ding. Mit kleinen Schritten und gesenkten Hauptes kehrt er in seine Hütte zurück. Ein kurzes Zögern auf der Türschwelle. Er schaut auf seine Füsse. Nasse Socken. Verwirrt blickt er zurück. Alles trocken. Am Waldrand erkennt er den Wagen des Jägers. Die rote Farbe lässt sich nur noch erahnen. Überdeckt mit grauem Staub. Sein Blick wandert langsam wieder zu den Füssen. Durchnässt. Der Pullover ebenso. Er steckt den Schlüssel zurück ins Schloss und schliesst die Tür ab. Das Feuer im Kamin knistert. Ihm ist kalt.

Von Noah Schönfeld, G2G

Traum oder nicht Traum – das ist Zirkus

Der Vorhang geht auf, die Artisten des «Jour de fête» erwecken die Manege zum Leben und versetzen das Publikum in Staunen. Das Thema der 35. Monti-Inszenierung ist das bunte Treiben eines Jahrmarktes. Der Circus Monti ist bekannt für seine träumerischen und atemberaubenden Vorstellungen mit Artisten aus aller Welt. Sobald die Show beginnt, befinden sich die Zuschauer in einer Traumwelt. Und was ist das für ein Leben, wenn die Lichter gelöscht sind? Wir haben hinter die Kulissen geschaut. Weiterlesen

Gewitter im Kopf

Einem Palast vergangener Tage ähnelnd, so ragte die imposante Basis vor ihm auf.
Sie war Teil eines staatlichen Verbundes, dem Zentrum für Netzwerk-Verarbeitungsstellen.
Die Basis B-213 war natürlich in ihre Umgebung, eine Höhle von enormen Ausmassen, eingebettet, sodass sie wie aus dem Boden gewachsen erschien. Die ganze Grösse der Grotte war nur zu erahnen, denn ihr Rand verlor sich in tiefem Schwarz. Nur gelegentlich konnte man Licht aus angrenzenden Höhlen erblicken. Die Basis befand sich genau in der Mitte des Hohlraums; sie war von überall her sichtbar, so als wollte sie gesehen und bestaunt werden. Weiterlesen

Heute ist ein guter Tag

«Hellblau oder gestreift?» Obwohl ich ihr die Frage nun schon zum dritten Mal stelle, scheint sie deren Inhalt nicht zu begreifen. Oder sie wägt noch ab. Ungeduldig rutsche ich auf dem altmodischen Holzstuhl hin und her, versuche ihrem kritischen Blick standzuhalten. Heute ist eigentlich ein guter Tag – und doch sieht es aus, als ob sie diese wenigen Worte überfordern würden.
Ich erwäge, ihr die Entscheidung abzunehmen und einfach selbst zu wählen – die Verlockung ist gross. Dennoch halte ich ihr stand und warte ab. Ich warte ab, wie mir geraten wurde.
«Sei geduldig, verlange nicht zu viel, mach oft Pausen …» Weiterlesen

Traum

«Mami? Was schreibst du denn übers Träumen?» – «Ja, was denkst denn du, was Träumen ist?» Als Antwort auf meine Frage präsentiert mir meine 6-jährige Tochter kurze Zeit später die zwei folgenden Skizzen mit der Erklärung: «Träumen ist wie Denken – aber beim Träumen schläft man und beim Denken ist man wach.» Weiterlesen

Gedankenbruch

«Lasst mich! Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?» Eine keifende Stimme über-tönte trotz des Lärms, der mittags immer in der Mensa herrschte, alle Gespräche, und als die Besitzerin der Stimme aufstand, waren alle Augen auf sie gerichtet. Ich fand es faszinierend, wie schnell etwa zweihundert Schüler ihre Gespräche einstel-len und eine Aufmerksamkeit zu Tage fördern konnten, wie es wohl nur selten in einer Unterrichtsstunde geschah. «Ihr versteht es nicht, ihr versteht es nicht, und so etwas schimpft sich meine Freunde! Ich werde das verdammte Zeug nicht mehr nehmen, ich kann nicht mehr atmen, es erstickt mich, seid still, seid still!» Die Worte wiederholend stand sie da, die Hände auf ihre Ohren gepresst, bis nicht nur ihre ‹Freunde›, sondern wirklich jedes Lebewesen im Raum schwieg und sie an-starrte. Ihre Miene war verschreckt, angespannt, ihre Augen zuckten hin und her, als ob sie nach einem Fluchtweg aus diesem Hexenkessel von Menschen suchte. Immer mehr schienen ihre Instinkte sie zu beherrschen; dann, auf einmal, verän-derte sich ihr Ausdruck und etwas anderes, mindestens genauso Unkontrolliertes, nahm den Platz der Panik ein. Weiterlesen

«Man hat nur dort Ängste, wo man auch Wünsche hat.»

Peter Fischer ist Fachpsychologe für Psychotherapie in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich, oberhalb des Freud-Institutes. Er empfängt das sage&schreibe-Team, um über Träume und die Traumdeutung zu sprechen, aber auch Einblicke zu geben in die professionelle Auseinandersetzung mit den Botschaften des Unbewussten. Weiterlesen

Die Traumfängerin

Die Luft war kalt und strich um ihre blossen Beine. Neben den müde funkelnden Sternen hing der Mond am Himmel. Unter ihren Füssen knirschten die Blätter, die sich verfärbt hatten und von den Ästen der Bäume gesegelt waren. Die Fenster der Häuser waren dunkel, die gesamte Lilienstrasse schlief; einzig das Licht der Laternen erhellte die Strasse.
In ihrem weissen Kleid tapste die Traumfängerin die Häuser entlang, bis sie vor einem roten Backsteinhaus stehen blieb. Der Briefkasten im Vorgarten stand schief da. Efeu kletterte an der Fassade hoch. Zwei edle Blumentöpfe standen vor den Stufen, die zur Haustür hinaufführten. Weiterlesen

Ihre Freundschaft

Sind Sie zufrieden mit sage&schreibe? Sogar begeistert? – Dann müssen Sie hier weiterlesen!
Zweimal jährlich präsentiert Ihnen die Alte Kanti in sage&schreibe vielfältige thematische Beiträge, verfasst von Schülerinnen und Schülern und von Lehrpersonen aller Fachschaften. Jedes Heft ist ein publizistisches Gemeinschaftswerk, das aus unterschiedlichen Perspektiven vertiefte, immer wieder überraschende Einblicke in den Alltag an der Schule bietet und über den Ententeich hinausblickt.
Wenn Sie dieses Engagement schätzen und gleichzeitig verhindern möchten, dass sage&schreibe dem vom Kanton Aargau verordneten Konzept der papierlosen Schule zum Opfer fällt, freut uns das sehr.
Der Ausdruck Ihrer Freundschaft in Form eines einmaligen oder wiederkehrenden Unterstützungsbeitrags sichert die Finanzierung des Heftes für die Zukunft. – Wie wir uns bei Ihnen revanchieren, verrät der Freundschafts-Flyer.

Die neue Alte Kanti

«Kleider machen Leute» –Schon Gottfried Keller führte uns vor Augen, wie wichtig das Auftreten ist und was passieren kann, wenn die Wirkung nach aussen nicht mit dem Inhalt übereinstimmt.
Auch die Unternehmenswelt hat die Bedeutung eines einprägsamen, positiven Bildes längst erkannt und dabei die Form mithin gar über den Inhalt gestellt. Das kann allerdings nur kurzfristig funktionieren, denn bekanntlich haben ja Lügen kurze Beine; wir ärgern uns schnell, wenn wir nicht das erhalten, was wir versprochen bekommen.
Negative Beispiele mindern jedoch die Bedeutung eines guten Auftritts nicht. Sie fordern uns vielmehr auf, dass wir nach aussen das darstellen, was auch drin ist. Konsistent, offen, ehrlich. Das gilt nicht nur für Unternehmen, sondern gerade auch für Schulen.

Ein Blick zurück
Mit Mandarinen und grünen Äpfeln haben wir 2005 den Auftritt des damals neuen Logos und der neuen Website der Alten Kantonsschule Aarau lanciert. Farblich frisch, neu, für viele überraschend, für einige auch befremdend. Der Auftritt – das Corporate Design (CD), wie man es heute nennt –, wurde von Andrea Gsell, einer ehemaligen Schülerin der Alten Kantonsschule, erfolgreich gestaltet und umgesetzt.
Simone Leuenberger, eigentlich Deutschlehrerin an unserer Schule, baute auf dieser Basis die Website auf. 2006 durften wir für die besonders klar strukturierte und optisch frisch gestaltete Website einen Preis der Weiterbildungszentrale (WBZ) entgegennehmen.
Mit den Jahren zeigte sich immer deutlicher, dass unser elektronischer Auftritt rein technisch bald überholt sein würde und die gestalterischen Trends und technologischen Fortschritte neue Möglichkeiten eröffneten. Im Sommer 2018 beschloss die Schulleitung, eine neue Website und gleichzeitig auch einen neuen Auftritt auf den Weg zu bringen.

Neuer Auftritt und neue Website
Die beiden Projekte wurden zeitgleich gestartet. In der Arbeitsgruppe «Neue Website» mit Cyrill Engeli, Simone Leuenberger, Stefan Märki und Michael Eger beschafften wir uns Informationen zu den Bedürfnissen, um die Ausschreibung für eine neue Website vornehmen zu können. Gleichzeitig holten wir mit Unterstützung des Departements BKS von mehreren Agenturen Offerten für die Gestaltung des neuen Auftritts ein.
für die externe Website samt Aufbau einer neuen internen Website entschieden wir uns für die Firma zeitgeist; für die Gestaltung des neuen Corporate Designsfür die reaktor ag. Bei beiden Agenturen handelt es sich um Aarauer Unternehmen, was die Zusammenarbeit deutlich vereinfachte.
Am Anfang des neuen Auftritts stand ein Workshop mit der Schulleitung, um die Werte der Alten Kantonsschule aufzunehmen und damit sicherzustellen, dass am Ende auch das nach aussen dargestellt wird, was wir sind.
Es zeigte sich gleich: Wir sind die Alte Kanti. Unser Name soll Programm sein, der Name mit der eigens für und mit uns entwickelten Schrift, der Farbe und weiteren grafischen Elementen soll unser Logo sein. Konsistent, offen, ehrlich.
Es folgten die Anwendungen für die verschiedenen Informationsmittel wie Flyer, Drucksachen, Briefe oder auch die Website. Letztere wurde in der Zwischenzeit von der Arbeitsgruppe in Absprache mit der Schulleitung mit Herrn Wegmann von zeitgeist konzeptionell aufbereitet und mit den umfangreichen Bedürfnissen hinsichtlich interne Informationsvermittlung mit schulNetz, Webmail etc. abgestimmt.
Das Resultat der beiden längeren Prozesse liegt nun vor. Und wir meinen: Es kann sich sehen lassen. Nun liegt es an uns, das neue Kleid auch richtig zu tragen.


[Bild: zVg]

Herzlichen Dank!
Für die befruchtende Zusammenarbeit in Form von Gesprächen, Erwägungen, Rückkommensanträgen und Entscheiden danke ich Reto Hell und Marcel Deubelbeiss von reaktor ag sowie Beat Wegmann von zeitgeist ganz herzlich. In diesen Dank schliesse ich Anouk Gyssler ein, welche die Texte neu formuliert hat. Intern danke ich Cyrill Engeli für die grosse Unterstützung, Sonja Pirotta und Michael Bouvard für die wertvollen gestalterischen Inputs und allen weiteren Personen, die sich für das Gelingen der beiden Projekte eingesetzt haben und weiterhin einsetzen werden.

Von Ulrich Salm, Prorektor

musicfactory time

Während Monaten waren die Schülerinnen und Schüler der Schwerpunktfach- und Ergänzungsfachklasse der Neuen sowie der Alten Kantonsschule Aarau damit beschäftigt, ihre eigenen Werke zu komponieren. Am 4. April 2019 kamen diese Werke im Rahmen der musicfactory zur Aufführung. Die ehemalige Emus-Schülerin Michelle Claus führte locker durch den musikalischen Abend. Weiterlesen

Verschwörungstheorien I: Warum die Erde flach ist

Die NASA lügt, und die Mondlandung ist ein Fake – das behaupten die Anhänger der sogenannten Flat Earth Theory, der Theorie der flachen Erde, einer Verschwörungstheorie, die angeblich beweist, dass die Erde in Wahrheit nicht rund, sondern flach ist. Auf den ersten Blick mag dies ziemlich absurd wirken. Es lohnt sich aber durchaus, einige Aspekte genauer zu betrachten. Weiterlesen

Sieben Stücke, die den Abend versüssen

Die Sonne ist kurz davor, den Horizont zu streifen, sodass die reformierte Kirche in Buchs goldenen bestrahlt wird. Die Temperatur sinkt und die letzten Musikerinnen und Musiker betreten den hinteren Teil des Gebäudes, während die Besucher beim Haupteingang warten. Sinfoniekonzert der Alten Kanti. Eine genaue Ahnung von dem, was an diesem 24. März 2019 auf sie zukommt, haben die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht. Das stört sie auch nicht, denn alle sind hier, um sich zu überraschen lassen. > Weiterlesen

Aargauer Mensa-Check I

Für den grossen Aargauer Mensa-Check haben wir alle sechs Mittelschulen im Kanton besucht, mit den Verantwortlichen gesprochen und das Essen vor Ort getestet. Über tausend Gäste gehen in den jeweiligen Mensas täglich ein und aus. Drei bis vier Menüs werden angeboten, darunter mindestens ein vegetarisches. Doch worin unterscheiden sich die Mensas überhaupt?  Für den ersten Teil des Mensa-Checks haben wir die Mensas in Baden, Wohlen und an der Neuen Kantonsschule Aarau auf Herz und Nieren geprüft. Weiterlesen

Die fahrende Sardinenbüchse

«Weg von der Tür!», ruft der Busfahrer missmutig durch die Sprechanlage. «Ich kann nicht losfahren, solange ihr da nicht weggeht!» Unter den Fahrgästen macht sich genervtes Murmeln breit, während drei Schüler verzweifelt versuchen, einen grösseren Abstand zwischen sich und die Tür zu bringen. Nach einigen Sekunden, in denen gedrückt, geschoben und gezwängt wird, ertönt endlich der Motor. Alle Passagiere atmen erleichtert auf. Doch dann senkt sich der Bus auf der Einstiegsseite erneut ab. Ein keuchender Schüler, der offensichtlich direkt vom Sportunterricht kommt, drückt hektisch auf den Knopf, in der Hoffnung, dass sich die Tür erneut öffnet. Und siehe da, der Busfahrer ist gnädig und erweitert die Schar der leidenden Fahrgäste um eine Person. Weiterlesen

Warum Lesen unglücklich macht

Glück ist als Dauerzustand im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen. Diese melancholische Einsicht verdanken wir Sigmund Freud, dem 81-jährigen Hellmuth Karasek und der Firma Ikea. Freud schrieb sie 1930 in Das Unbehagen in der Kultur nieder; der berühmte Literaturkritiker Karasek zitierte sie 2015 in einem Werbespot für Ikea: In einem behaglichen Sessel rezensiert Karasek «das meistverbreitete Buch der Welt», nämlich den Ikea-Katalog. Er liest: «Glück ist, wenn du ein superbequemes Sofabett, ein paar Beistelltische und eine gute Wifi-Verbindung hast». Daraufhin lässt er den Katalog sinken, schaut halb besserwisserisch, halb milde in die Kamera und kontert mit Freud. Weiterlesen

China – 1 Land, 4 Regionen, 4 Küchen

China ist ein Land mit langer Geschichte und Tradition, wenn es ums Essen und um Essgewohnheiten geht. Es gibt viele verschiedene Regeln und Bräuche, wie anständig gegessen wird. Grundsätzlich wird das Essen nicht jedem Einzelnen auf einem eigenen Teller serviert, sondern alles wird auf den Tisch gelegt, sodass jeder das essen kann, was er will. Weiterlesen

Finalis

Grässlich. Einfach grässlich. Endlich habe ich ein passendes Wort für die Kakofonie namens «Babywillstmeinneuesstückhören». Existiert eigentlich Ohrenkrebs? Ich fürchte, schon. Bestimmt gibt es Klänge, welche die Ohrenzellen mutieren lassen. Und am Ende werde ich eine Radio-Therapie in einem spezialisierten Krankenhaus irgendwo in Israel über mich ergehen lassen müssen. – Es regnet wieder. Zum wievielten Mal heute? – Vielleicht bin ich einfach zu altmodisch und checke das moderne Zeug nicht. Ich meine, wenn du mir von deinen musikalischen Reisen erzählst, die nur in deinem Kopf stattfinden, dann wird mir einfach nur übel. Moment – diese Passage kenne ich – die kommt auch in einem anderen Stück vor, nicht? Na ja. Mama hat immer gesagt, das Leben mit einem Musiker sei anstrengend. Sie hatte Recht. Mama hat immer Recht. Ich sollte sie vielleicht mal anrufen und fragen, wie es ihrem Pudel geht. Bono. Schon sein Vorgänger hiess so. Sie wählt immer denselben Namen. Keine Veränderungen – kein Stress. Gutes Motto, Mama. Weiterlesen

Glück und die Sprache der Kunst

Der Künstler Raja Dibeh ist 48 Jahre alt und hat erlebt, was niemand erleben will. Blut, Leid und Krieg hat er in seiner Heimat Syrien tagtäglich gesehen und hautnah erfahren. Vor allem für islamistische Rebellengruppen wie den IS war Raja Dibeh als christlicher Künstler eine Zielscheibe. Deshalb musste er flüchten und lebt nun seit vier Jahren in der Schweiz. Zusammen mit anderen Geflüchteten wohnt er in einer Asylunterkunft in Schupfart. Wir haben ihn nach der Bedeutung von Glück gefragt. Weiterlesen

Glück

Irgendwie haben wir es ja vermutet: Glückserfahrungen haben nicht nur mit Psychologie, sondern auch eine ganze Menge mit Biologie zu tun. Die Zusammenhänge zwischen körperlichen Prozessen und seelischer Empfindung sind ebenso spannend wie komplex – und es zeigt sich: Auch aus biologischer Sicht ist das Glück ein flüchtiges und alles andere als ungefährliches «Geschenk». > Weiterlesen

Weniger lauffe – meh Liftschlüssel

Das tägliche Rennen gegen die Zeit beziehungsweise die eigenen Mitschüler um den letzten freien Tisch im Erdgeschoss des Aquariums. Der leidige Kampf um einen Platz im Lift. Immer kein Kleingeld in der Mensa. – Das muss nicht sein! Der sage&schreibe-Fotowettbewerb «Weniger laufe, mehr Liftschlüssel» macht das Leben an der Alten Kanti lebenswerter. – Vielleicht auch deines!
Weiterlesen

Wunder? Wunder!

„Glauben Sie an Wunder?» Kaum jemand im Umfeld einer Kantonsschule wird diese Frage mit einem uneingeschränkten «Ja» beantworten. Wunder wirken wie ein Relikt aus alten Tagen. Sie erinnern an Aberglaube und Magie. Im Denken unserer Zeit scheinen sie keinen Platz mehr zu haben. Der Gang Jesu auf dem Wasser? – Spontane Heilungen an Wallfahrtsorten? – Eine Madonna, die Blutstropfen weint? – Wundersame Erscheinungen am Himmel? Nein, danke! Weiterlesen

Von Eintretenswahrscheinlichkeiten für das Unglaubliche

Bei einem Kaffee und einem Chai im Barista Shop haben sich der Biologie Stefan Girod (SG) und der Pianist Daniel Woodtli (DW) über einen der ganz grossen Begriffe unterhalten. Im Dialog unternehmen die beiden Lehrer der Alten Kanti Aarau einen ebenso unterhaltenden wie anregenden Gedankenspaziergang – immer im Spannungsfeld zwischen der Macht der Fakten und der Macht des Göttlichen. Weiterlesen

Die Wunderstätte

Schmid Beck im beschaulichen Zunzgen ist eine Feinbäckerei, Konditorei und Chocolaterie der besonderen Sorte, denn sie trägt die herausragende Qualität bereits in ihrem Namen: «echt weltmeisterlich». Um die Genusswelt zu erkunden und der Leidenschaft der Erschaffer auf die Spur zu kommen, sind wir tief in die preisgekrönte Wunderstätte eingetaucht. Weiterlesen

Der Wunderbaum – Fluch und Segen

Tatsächlich: Es gibt einen Baum, aus dem eines der tödlichsten natürlichen Gifte und gleichzeitig ein tagtäglich gebrauchtes Öl gewonnen wird. Vielleicht klingelts bei der einen oder anderen Krimi-Leseratte oder bei faltengeplagten Beautyfans bei den Begriffen Rizin und Rizinusöl. – Was hat es wirklich auf sich mit dem Wunderbaum? Wir haben über die «Giftpflanze des Jahres 2018» recherchiert. Weiterlesen