2026, Aktuelles, dies&das, Kolumne, Sage & Schreibe Nr. 43

Dankbarkeit

Von Lars Goetz, G24G

«Sei dankbar für das, was du hast!» Eine oft gehörte Ermahnung. Doch je öfter ich diesen Satz höre, desto schwerer fällt es mir, echte Dankbarkeit zu empfinden.
Mir scheint, dass Dankbarkeit in unserer Gesellschaft zu stark mit Moral verbunden wird. Es ist schon fast eine Pflicht, dauernd und für alles dankbar zu sein. Dankbarkeit sollte aber nicht auf dem Druck anderer oder auf moralischen Werten aufbauen. Man muss nicht für alles, das einem guttut, Dankbarkeit empfinden. Vielmehr sollte man sie spontan spüren; dann ist sie echt. Wenn ich dankbar bin, teile ich dieses Gefühl auch gern mit anderen Menschen – nicht aus Pflicht, sondern weil es sich richtig anfühlt und mich mit anderen Menschen verbindet.
Dankbar ist man für Gutes, das einem widerfährt. Ich bin beispielsweise dankbar dafür, dass ich noch so viel Zeit mit meinem besten Kollegen aus der Primarschulzeit verbringen kann, obwohl wir uns nach der Oberstufe für zwei völlig unterschiedliche Wege entschieden haben. Das sage ich ihm auch sehr gerne, und das tut gut. Es erfüllt mich mit Freude, wenn ich meine Dankbarkeit mit ihm teile. Ich bin davon überzeugt, dass wahre Dankbarkeit nicht auf Zwang basieren darf, sondern auf ehrlicher Empfindung. Deshalb ist der moralisierende Satz vom Anfang unbedingt anzupassen: Zwinge dich nicht zur Dankbarkeit, empfinde sie, wenn sie da ist – und teile sie!