2020, Im Fokus, Licht, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 32

Das Licht der Welt erblicken

Kein anderer Beruf hat so viel mit Licht und Schatten zu tun, wie der der Hebammen. Menschen, die einem Kind in eine neue Lebenswelt helfen. Saskia Zulauf, Hebamme im Kantonsspital Aarau, erzählt von ihren Erfahrungen in diesem alten Beruf.

Das Licht der Welt erblicken, sich in einer hellen, unbekannten, kalten Welt wiederfinden. Was für uns wie ein Wunder erscheint, ist für das Kind wohl eher ein Schock. «Ich stelle es mir nicht so angenehm vor, geboren zu werden, den vertrauten Uterus verlassen zu müssen», sagt Saskia Zulauf und lacht. Seit drei Jahren arbeitet die Hebamme nun am Kantonsspital Aarau. Sehr überlegt spricht sie über ihren Beruf. «Das Kind wird mit den Wehen durch das enge Becken geschoben.» In der Welt angekommen, wird es sogleich von einem grellen Licht geblendet. Dieser Moment ist mit der Ausschüttung von Adrenalin und anderen Hormonen verbunden, damit sich die Atmung und der Kreislauf des Kindes an die neuen Lebensbedingungen anpassen können. Vom ersten Moment an reagieren Neugeborene auf Licht. «Die meisten Kinder haben die Augen geschlossen, wenn sie auf die Welt kommen», erzählt die Hebamme. «Es gibt aber auch Kinder, die herumschauen, sobald der Kopf da ist.» Sie ist die erste, die das Menschlein in Empfang nimmt, es abtrocknet und mit ihm spricht. Auch für sie ein Lichtblick. «Als Hebamme erfährt man das Wunder der Geburt jedes Mal neu, und es ist immer etwas sehr Schönes und Einzigartiges.»

Routine und Unerwartetes
Während der Geburt ist die Hebamme die erfahrene Fachperson im Raum. Sie begleitet das Paar in dieser sehr intimen Situation, unterstützt die werdende Mutter medizinisch und umsorgt sie. «Zusammen mit der Frau kämpfen wir», sagt Saskia Zulauf. «Wir achten darauf, dass die Frau genug Energie hat, motivieren sie und geben ihr Rückhalt – und gleichzeitig versuchen wir die Männer zu entlasten und auch ihnen Sicherheit zu geben.» Darüber hinaus bietet sie dem Paar auch psychischen Beistand. Trotz Routine und Erfahrung verläuft jede Geburt anders und erfordert von der Hebamme viel Konzentration. «Man muss die Situation immer unter Kontrolle haben. Manchmal verläuft eine Geburt stressig, manchmal sehr ruhig – immer sehr unterschiedlich. Trotzdem ist es immer wieder etwas Wunderbares», erzählt Saskia Zulauf und strahlt. Die Arbeit im Krankenhaus gibt ihr Sicherheit; Geburtshelfer und Ärzte arbeiten Hand in Hand. Trotzdem liegt eine grosse Verantwortung für Mutter und Kind in den Händen der Hebamme.

Sternenkind – Schatten und Licht
Eine Geburt ist eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod, zwischen Licht und Schatten. Auch heute noch kommt es vor, dass ein Kind im Mutterleib verstirbt. Sogenannte Sternenkinder gehören ebenfalls zum Alltag einer Hebamme. «Solche Kinder sind etwas ganz Besonderes. Sie gehen, bevor sie richtig da waren, und trotzdem sind sie schon ganz fest im Herzen der Eltern», so Saskia Zulauf. Ihr ist wichtig, die Geburt würdevoll zu gestalten und den Eltern die Zeit zu geben, ihr Kind in Empfang zu nehmen und sich von ihm zu verabschieden. Die Hebamme ist bei einer Totgeburt eine wichtige Begleiterin der Eltern und gibt ihnen Halt. «Auch wir als Hebammen dürfen in solchen Situationen trauern und weinen und es dem Paar gegenüber auch zeigen.» Nach einer Totgeburt nimmt sich Saskia Zulauf viel Zeit, um Abschied zu nehmen und das Erlebte zu verarbeiten. Dabei hilft ihr der Gedanke, dass ein Kind nie ohne Grund geht. Man muss seine Entscheidung akzeptieren.

Romantisierte Vorstellungen
«Jedes Kind ist ein Wunder und ist gleich viel wert, ob erwünscht oder nicht. Jedem Kind versucht man einen guten Start zu ermöglichen», betont Saskia Zulauf. Die Geburt ist ein sehr emotionales und intensives Ereignis und ein faszinierender Vorgang. Eine Grenzerfahrung für Mutter und Kind. Oft wird die Geburt jedoch romantisiert und es entstehen falsche Vorstellungen. Viele Frauen stellen sich auf etwas Feierlich – Mystisches ein und kommen dann nicht klar mit der Situation. Man sollte sich bewusst sein, dass eine Geburt eine körperliche und seelische Höchstleistung ist, bei der Frauen an ihre Grenzen kommen und darüber hinauswachsen müssen. Dabei kann es eben auch zu Verletzungen und Komplikationen kommen.

Traumberuf Hebamme
Der Beruf der Hebamme löst in vielen Menschen ein Gefühl der Bewunderung und des Respekts aus. Geburt und Tod, Anfang und Ende – Themen, die jeden von uns sehr beschäftigen. Es ist einer der ältesten Frauenberufe. Das uralte Wissen über die Geburt wurde über Generationen hinweg weitergegeben. Seit Menschengedenken braucht es Menschen, welche die Gebärenden mit viel Erfahrung unterstützen, wenn ein «neuer» Mensch das Licht der Welt erblickt. «Ich bin stolz, Hebamme zu sein. Es ist ein sehr schöner Beruf und fasziniert immer wieder aufs Neue», schwärmt Saskia Zulauf und strahlt.

Der Beruf der Hebamme
Die ältesten Zeugnisse der Hebammenkunst finden sich im 3. Jahrtausend vor Christus. Der Begriff Hebamme kommt aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen und leitet sich ab von «hevan» (heben) und «ana» (Ahnin), bedeutet also so viel wie Grossmutter bzw. alte Frau, die das Neugeborene aufhebt. Hebammen waren Frauen, die ihre eigenen Geburtserfahrungen und ihr Wissen an weitere Generationen weitergaben. Heute ist «Hebamme» ein Hochschulstudium für Frauen und Männer. Der Beruf umfasst neben Geburtshilfe viele weitere Bereiche wie zum Beispiel Schwangerschaftskontrollen und Wochenbettbetreuung.

Von Hannah Mücke, G3L