2026, Druck, Im Fokus, Interview, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 43

‹Das Wetter ist keine exakte Wissenschaft›

Sonne im Hochdruckgebiet – Regen im Tiefdruckgebiet. Drucklagen bestimmen unser Wetter. Aber wie kommt das genau zustande, und wie werden Wettervorhersagen gemacht? – Wir sind mit Simon Eschle, einem der Meteorologen von Schweizer Radio und Fernsehen SRF auf das wohl berühmteste Dach der Schweiz gestiegen und haben nachgefragt.

Von Lynn Chakaï, Yumiko Huguenin-Dumittan und Alyssa Seiler, G23B

Schon beim Aufstieg aufs Meteo-Dach erzählt Simon Eschle von der Herausforderung, das Wetter im Freien zu präsen-tieren. Und wenig später ist uns klar, was er meint: Es gibt viele Geräusche, Verkehr, Flugzeuge – und hier oben ist man völlig ungeschützt. Wenn es regnet, hilft nur der Schirm, auch bei Wind und Kälte muss gesendet werden.

Hoch- und Tiefdruck

Heute haben wir Wetterglück, und Simon Eschle erklärt entspannt die beiden wichtigsten Wetterlagen: «In der Meteorologie sind die Hochdruck- und die Tiefdrucklage die beiden wichtigsten. Im Fall einer Hochdrucklage sinkt Luft ab. Die Luft wird komprimiert, also zusammengedrückt, und erwärmt sich dabei. Das Resultat ist schönes, meist sonniges Wetter. Bei der Tiefdrucklage ist es genau umgekehrt: Der niedrige Luftdruck bewirkt, dass die Luft aufsteigt. Sie dehnt sich aus und kühlt ab. Der Wasserdampf kondensiert und bildet Wolken, was dann oft zu Niederschlag führt.» Durch diese Lagen wird im Wesentlichen unser Wetter bestimmt. Eschle erwähnt aber noch eine dritte – die Flachdrucklage. Bei dieser Lage, erklärt er, sei nicht ganz klar, ob ein Tief oder ein Hoch vorliege, da die Luftdruckunterschiede grossflächig sehr gering seien. «Klar ist aber», sagt er und schmunzelt, «dass Hochdruckgebiete im Sommer meist für stabiles, trockenes und sonniges Wetter sorgen, während Tiefdruckgebiete häufiger Wolken, Niederschläge oder Gewitter mit sich bringen.»

Ein Wechsel aus Hoch und Tief

Und wie entstehen diese verschiedenen Drucklagen? Eschle führt aus, dass die Entstehung von Hoch- und Tief-druckgebieten direkt mit der Sonneneinstrahlung zusammenhängt. Da die Erde nicht überall gleich stark erwärmt wird, entstehen Temperaturunterschiede, die wiederum zu Druckunterschieden in der Atmosphäre führen. «Die Luft versucht ständig, diese Unterschiede auszugleichen», ergänzt Eschle. «Dabei bewegt sie sich von Hoch- zu Tiefdruckgebieten, wir sprechen von globaler Luftzirkulation. Wo Luft aufsteigt, entstehen Tiefdruckgebiete mit Wolken und Niederschlag. Sinkt sie ab, bildet sich ein Hochdruckgebiet und somit tendenziell sonniges Wetter, das oft längere Zeit anhält.» Besonders bekannt, weil immer wieder in den Wettervorhersagen erwähnt, sind das Azorenhoch und das Islandtief. Diese Druckgebiete treten regelmässig auf und beeinflussen das Wetter in Europa stark. Die Begriffe Schweiz-hoch oder Schweiztief, sagt Eschle, seien dagegen kaum gerechtfertigt, da solche kleinräumigen Druckgebiete zu selten und zu wenig ausgeprägt aufträten.

Das Wetter und der Klimawandel

Das Gespräch in luftiger Höhe verlagert sich von eher kurzfristigen Wetterphänomenen zum Klima und zu langfristigen Entwicklungen. Hoch- und Tiefdruckgebiete sind ein wichtiger Bestandteil des Klimasystems, da sie Wärme und Luftmassen rund um die Erde transportieren. Welchen Einfluss hat nun der Klimawandel auf diese Drucksysteme und damit auf das Wetter der Zukunft? Simon Eschle runzelt die Stirn. «Das ist leider sehr schwer vorherzusagen. Klar ist jedoch, dass Wetterextreme künftig häufiger und intensiver auftreten dürften. Länger andauernde Hochdruckphasen könnten intensivere Hitzewellen auslösen, während Tiefdruckgebiete heftigere Niederschläge oder kräftigere Gewitter bringen. Gebietsweise erleben wir das ja schon heute, gerade in diesem Hitzesommer 2026. Solch extreme Verhältnisse werden sicher häufiger werden.»

Wenn man den Föhn spürt

Die direkten Auswirkungen des Luftdrucks und seiner Schwankungen auf unseren Körper sind laut Eschle wissenschaftlich noch nicht abschliessend geklärt. «Der Föhn ist aber offenbar ein wichtiges Thema für die Bevölkerung. Wir bekommen diesbezüglich viele Anfragen.» Und dann erklärt er genau, was es mit dem Föhn auf sich hat. «Bei starkem Föhn gibt es einen Druckunterschied von etwa 10-15 Hektopascal. Die Faustregel besagt, dass der Luftdruck in tiefen Lagen pro acht Höhenmeter um etwa ein Hektopascal zunimmt. Nach dieser Rechnung müsste bereits eine Skiliftfahrt mit 200 Höhenmetern einen deutlich grösseren Einfluss auf den Körper haben als ein Föhnereignis. Das heisst», fasst Eschle zusammen, «es ist relativ unwahrscheinlich, dass die Druckschwankungen beim Föhn wirklich körperliche Symptome verursachen, obwohl das viele Menschen so empfinden. Vielleicht sind auch die Medien nicht unschuldig an diesen individuellen Wahrnehmungen, weil der Föhn immer wieder thematisiert wird.» Abschliessend lässt sich die Frage also nicht klären. Das Wetterphänomen ist noch zu wenig genau erforscht.

Die Wettermodelle und ihre Grenzen

Als Moderator präsentiert Simon Eschle für die Schweizerinnen und Schweizer die Wettervorhersagen. Die Modelle sind heute viel präziser als früher, für viele aber noch immer nicht präzise genug. Eschle ist sich der Diskrepanz zwischen öffentlicher Erwartungshaltung und Technik bewusst. «Das Wetter lässt sich trotz immer besserer Technik nur begrenzt berechnen», sagt er und erklärt dies mit dem sogenannten Schmetterlingseffekt: «Bereits kleinste Veränderungen bei uns können grosse Auswirkungen auf das Wetter an einem anderen Ort der Welt haben. Dadurch sind die Wettermodelle trotz grosser Fortschritte nie vollständig exakt. Die technischen Möglichkeiten haben sich aber in den letzten Jahren stark entwickelt. Wettersatelliten, leistungsfähige Computer und künstliche Intelligenz ermöglichen heute deutlich genauere Prognosen als früher.» Eschle vergleicht die Entwicklung mit einer Kamera: Früher hätten Wettermodelle nur wenige Pixel gehabt, heute sei das Bild deutlich schärfer, auch wenn noch immer nicht alles perfekt vorhergesagt werden könne. Druck von aussen
Genau das aber wünscht sich die Öffentlichkeit – auch von den SRF-Meteorologen. Menschen planen Ferien, Reisen oder Freizeitaktivitäten aufgrund von Wetterprognosen und verlassen sich auf deren Genauigkeit. Weil diese Genauigkeit aber eben nicht gewährleistet werden kann, ist das Meteo-Team von SRF mit konkreten Prognosen zurückhaltend. «Wir vermeiden absolute Aussagen», sagt Eschle, «denn man weiss nie genau, was das Wetter macht. Also sind wir vorsichtig.» Dies gilt besonders bei Extremwetter; in solchen Situationen ist eine sorgfältige Kommunikation zentral. Einerseits soll gewarnt werden, andererseits aber darf keine Panik ausgelöst werden. Ein schwieriger Spagat. Und Eschle gibt offen zu, dass man als SRF-Meteorologe auch mit Kritik leben muss. «Das gehört zu unserem Alltag dazu. Vor allem im Sommer treffen häufig Nachrichten von verärgerten Zuschauer(inne)n ein. Entweder hat es nicht geregnet, oder es hat geregnet. Entweder waren wir zu optimistisch oder zu pessimistisch. Jedenfalls war die Prognose falsch.» Und wenn dann die Rückmeldungen des Publikums kommen, häufig während der Grillsaison, braucht es ein dickes Fell. «Leider gibt es immer wieder auch Beschimpfungen», sagt Eschle, «Aussagen wie Ihr seid unfähig oder Ihr könnt nichts gehören noch zu den netteren.» Natürlich seien falsche Prognosen frustrierend, räumt er ein, aber wir müssen nun mal alle akzeptieren: Das Wetter ist keine exakte Wissenschaft.»


Bild: Vitus Le Bourgeois

Simon Eschle

hat an der Universität Zürich Geographie und an der ETH Zürich Atmosphärenwissenschaften studiert. Seit Juni 2022 arbeitet er als Meteorologe im Team von SRF Meteo.