2025, Alte Kanti, Menschen, Sage & Schreibe Nr.41

Die Kunst des Balancierens

Verabschiedung von Jürg Hoerner

Von Daniela Faller, Fachschaftsvorsteherin Wirtschaft und Recht

Im Zimmer 17 im Einsteinhaus unterrichtet seit 28 Jahren ein Künstler: Jürg Hoerners Kunst ist von hohem gesellschaftlichem Wert, denn er balanciert. Er wägt ab, er findet den Ausgleich zwischen ganz unterschiedlichen Menschen, Ansprüchen und Fachgebieten.
So versteht Jürg Hoerner das Unterrichten – als die Kunst des immer wieder gelingenden Balanceakts. Darin hat er es zur Meisterschaft gebracht.

Vielleicht war es auch ein Balanceakt, der Jürg an die Alte Kanti führte: Zwar wohnte er in Bülach, beheimatet und verwurzelt aber war er in Binningen; Aarau, die geografische Mitte, schien also als Arbeitsort die logische Wahl zu sein. Dabei sah es zu Beginn von Jürgs beruflicher Karriere noch gar nicht so aus, als würde er je in Aarau und an einem Gymnasium unterrichten. Wegen des frühen Tods seiner Eltern und der damit verbundenen finanziellen Unsicherheit erwies sich Jürgs Entscheidung für eine KV-Lehre als solide Basis. Er bildete sich berufsbegleitend immer weiter und studierte schliesslich an der ETH Kulturingenieur. Zu so einer techniklastigen Ausbildung brauchte einer wie Jürg naturgemäss einen Ausgleich. Er fand ihn im Studium der Wirtschaftswissenschaften und im Aufbau eines eigenen Beratungsunternehmen für IT-Fragen, in dem er auch nach seiner Anstellung als Lehrer für Wirtschaft und Recht an der Alte Kanti tätig blieb. Die perfekte Balance.

Dass der Spagat ein enger Verwandter der Balance ist, würde Jürg bestimmt einräumen. Aber das beeindruckte ihn nicht sonderlich. So gelang denn auch der Ausgleich zwischen Schule und Privatwirtschaft, und davon profitierte nicht zuletzt die ganze Fachschaft. Jürg ermöglichte uns immer wieder spannende und wertvolle Einblicke ins Berufsleben ausserhalb der Mauern dieser Schule.
Wie gesagt: Spagat und Balance, Flexibilität und innere Ruhe, das sind Eigenschaften beziehungsweise Fähigkeiten, die Jürg auszeichnen. Er unterrichtete leidenschaftlich alle Gefässe, die diese Schule zu bieten hat. Während unzähliger Jahre war er auch stellvertretender Fachschaftsvorsitzender, arbeitete in vielen Arbeitsgruppen und immer wieder an Reformen mit. In seiner Funktion als ICT-Verantwortlicher der Fachschaft Wirtschaft ist er zudem vielen als Mister Moodle bekannt. Seine Passion für komplexe IT-Lösungen findet ihren Ausgleich in der Faszination für Team-Management-Systeme, die zum Ziel haben, Menschen in gruppendynamischen Prozessen besser zu verstehen. Wie gut er dies beherrscht, belegen seine zahllosen Coachings von Miniunternehmen, von denen im Lauf von siebzehn Jahren nicht wenige als Sieger aus dem Rennen gingen.

Jürg, der Künstler oder «kreative Innovator», wie er sich selber nennen würde, der eigentlich ein Workaholic ist? Mitnichten! Die Familie und die Natur tragen wesentlich zu Jürgs innerer Balance bei. Er ist begeisterter Reiter, liebt ausgedehnte Spaziergänge mit seinem Hund und ist ein passionierter Vater, Ehemann – und Tänzer. Jürg tanzt für sein Leben gern, eine Leidenschaft, die ihm sicher auch zugutekam beim traditionellen Besuch der Tanz- und Benimmschule Elmayr auf seinen elf (!) Schwerpunktfachreisen nach Wien.

Fein ausbalanciert war auch Jürgs Verhältnis zu seinen Schülerinnen und Schülern. So sprach er sie zwar immer mit Nachnamen an, die vermeintliche Distanz überwand er aber spielend (und spielerisch) und war als menschenorientierter und fürsorglicher Lehrer sehr beliebt. Fragt man nach Wörtern, die Jürg beschreiben, werden am häufigsten Fairness und Toleranz genannt – Begriffe, die Jürgs Talent für Ausgleich und Balance unterstreichen.
Mit Jürg verlässt ein Lehrer die Alte Kanti, der stets für andere da war und dessen positives, ausgleichendes Wesen oft die nötige Ruhe in den hektischen Alltag brachte.
Lieber Jürg, für das und noch vieles mehr werden wir dich sehr vermissen.


Bild: Denny Hofmann