Aktuelles, Startbeitrag

Druck, gedruckt

Notizen aus dem Leben einer Illustratorin

Von Anna Deér, Lehrerin für Bildnerisches Gestalten und Illustratorin

Der Anfang einer Illustration ist meist unspektakulär: Graphit auf Papier. Ein erster Druck der Bleistiftspitze auf eine weisse Fläche. Ein erster Eindruck. Vielleicht sogar: eine Vision.
Danach beginnt das Sandwich.
Zwischen erster Idee und gedrucktem Endprodukt liegt jene zähe Mittelschicht, die in der Kreativbranche gerne verniedlichend «Pingpong» genannt wird. Das klingt sportlich und leichtfüssig, ist aber oft vor allem eines: kräftezehrend. Denn plötzlich sitzen sie alle mit am Tisch – Kommunikationsabteilungen, Kuratorinnen, Projektleiterinnen, Marketingmenschen, Personen aus «der Chefetage», die «nur ganz kurz etwas anmerken» möchten. Alle haben Vorstellungen. Alle haben Meinungen. Und alle schauen auf dasselbe Bild. Oder zumindest glauben sie das.
Meine Aufgabe als Illustratorin besteht allerdings nicht bloss darin, hübsche Bilder zu zeichnen. Ich übersetze Ideen in visuelle Sprache. Ich liefere Atmosphären, Stimmungen, einen sogenannten «Look and Feel» – also eine Ahnung davon, wie sich ein Projekt später anfühlen könnte, noch bevor es überhaupt existiert. Das kann himmlisch sein. Im besten Fall entsteht ein gemeinsamer Flow: Alle ziehen am selben Strick, jemand schreibt Oooh!!! in die Feedbackmail, man freut sich gemeinsam über pinke Krokodile und fliegende Kreuzfahrtschiffe, und am Ende wird etwas besser, als ich es allein je hätte erfinden können.
Oder aber: Murks.

Und dann beginnt das grosse Nachjustieren. Die Figur hinten links braucht plötzlich ein anderes T-Shirt. Der Vogel auf dem Ast ist leider kein Himalaya-Bartlaubsänger mehr, sondern ein Rotkehlchen – allerdings bitte mit gelber Brust. Ob das möglich wäre? Natürlich wäre das möglich. Fast alles ist möglich. Genau das ist ja das Problem. Manchmal kippt ein Auftrag auch mitten im Pro-zess komplett. Erst heisst es: «Wir bräuchten vielleicht drei kleine Illustrationen.» Zwei Wochen später sind es zehn. Juhu! Mehr Arbeit! Und unmittelbar danach: Uff. Habe ich überhaupt Zeit dafür? Schaffe ich das bis Freitag? Bis heute Abend? Bis vor fünf Minuten?

Viele Illustrationsaufträge bewegen sich in absurden Zeitdimensionen. Manche Projekte entstehen über Monate hinweg. Für einen Auftraggeber habe ich letztes Jahr historische Figuren für eine komplette Signaletik gezeichnet: Römerinnen und Römer mit recherchierten Gewändern, Werkzeugen, Schmuck, Sandalenriemen, Fibeln, Rocksäumen – jedes Detail historisch korrekt. Ich arbeitete mich durch Quellenmaterial, Bildarchive und Stofffalten wie andere Menschen durch Steuererklärungen. Das Projekt hatte ein riesiges Budget, unendlich viele Arbeitsstunden und am Ende: nichts. Von einem Tag auf den anderen wurde alles gestoppt. Bezahlt wurde ich glücklicherweise trotzdem. Aber gedruckt wurde nie etwas. Tausende Stunden Arbeit verschwanden irgendwo zwischen Serverordnern und Sitzungszimmern.
Im Idealfall aber landet die Zeichnung am Schluss gedruckt auf Papier. Oder Karton. Oder Stoff. Oder Bronzeplatten. Für den Zoo wurden einmal feinste Liniengeflechte – ein Arealplan des Tiergartens – auf Spezialfolie gedruckt und anschliessend millimeterge-nau auf Metall appliziert – mit einer Präzision, als würde jemand eine Herzoperation durchführen. Faszinierend! Oder: Bald zieren meine gezeichneten Schweizerklischees – Heidi, Geissenpeter, Kapellbrücke, Pilatus, wahrscheinlich fehlt nur noch ein Alphorn spielendes Murmeltier – irgendwelche Geschirrtücher und Fondue-Caquelons für japanische Touristinnen. Auch das gehört zum Beruf. Anspruchsvolle Aufträge wechseln sich mit seichteren Aufgaben ab.

Und dann gibt es noch den ganz anderen Druck: den technischen.
Denn irgendwo zwischen Atelier und Druckerei beginnt eine Parallelwelt aus Farbprofilen, DPI-Zahlen, Grammaturen, Be-schnittzugaben, Pantonefächern und PDFs mit kryptischen Namen wie FINAL_final_definitiv2. Über die Jahre eignet man sich Schleichwege an. Sammelt Erfahrungswerte. Speichert Telefonnummern von Menschen, die sich tatsächlich auskennen. Fähige Druckerinnen und Polygrafen sind Gold wert. Wirklich. Denn eine gute Illustration, schlecht gedruckt, fühlt sich ungefähr so an wie ein grandios gekochtes Nachtessen, das jemand anschliessend in der Mikrowelle verbrennt.
Als Illustratorin kommt man also mit mannigfaltigen Arten von Druck in Berührung: mit dem physischen Druck der Hand auf Papier (keine Illustrationslaufbahn ohne Sehnenscheidenentzündung!), mit Druckmaschinen, mit zeitlichem und manchmal auch finanziellem Druck (O-Ton Onkel Willibald am Geburtstag vom Grosi: «Das isch aber es cheibe brotloses Metier! Chasch vo dem läbe?» – Ja, man kann.) und mit Erwartungsdruck – dem von aussen und dem inneren.
Aber vielleicht ebenso wichtig ist das Gegenteil von all dem: das Loslassen.
Ideen verwerfen. Skizzen übermalen. Sich vom Zufall irritieren und inspierieren lassen. Materialien ernst nehmen. Nicht jede gute Idee bis zum bitteren Ende verteidigen. «Kill your darlings», sagten sie uns in der Ausbildung immer. Aber es stimmt – manchmal entsteht das beste Bild genau dort, wo der Druck kurz nachlässt. Wo plötzlich Raum entsteht für etwas Spielerisches. Für Leich-tigkeit vielleicht. Oder Flow, wie Mihály Csíkszentmihályi, der Typ mit dem schwer aussprechbaren Namen diesen nicht minder schwer erklärbaren Zustand genannt hat, in dem einem das Zeitgefühl abhanden kommt und die Arbeit beinahe mühelos wird.

Dann kratzt der Bleistift aufgeregt übers Papier, die Hand bewegt sich wie von selbst – und für einen Moment fühlt sich selbst der Druck genau richtig an.

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