Wie kann man sich die Arbeit als Kampfjet-Pilot vorstellen? Welche Kräfte wirken im Cockpit einer F/A-18 Hornet, und mit welchen Drucksituationen muss man umgehen können? Wir haben Marc Zimmerli, Oberstleutnant und Pilot im Luftwaffenstab der Schweizer Armee, zum Gespräch getroffen.
Von Lynn Chakaï und Alyssa Seiler, G23B
Kaum steht die Verbindung, füllt Marc Zimmerlis Gesicht den Bildschirm aus, und er begrüsst uns herzlich. Er hat eben sein Flugtraining beendet; dies ist auch der Grund, weshalb wir uns auf FaceTime für das Interview treffen. So sitzen wir in einem der Gruppenräume der Alten Kanti Aarau und er in einem Büro des Militärflugplatzes Payerne. Heute hat er einen Trainingsflug absolviert, den Umgang mit den extremen G-Kräften geübt, um mit der Beschleunigungskraft des Kampfjets nach zehn Wochen am Boden wieder umge-hen zu können. «Wenn diese Kräfte wirken», erklärt Zim-merli, «wird das Blut sozusagen schwerer, die Muskeln müs-sen stark angespannt werden. Je öfter man fliegt, desto we-niger muss man pressen, wie wir sagen. Es ist, wie wenn man die Rumpfmuskeln anspannt, um einen roten Kopf zu be-kommen.» Das regelmässige Training bewirkt, dass diese Pressarbeit automatisiert wird. Überhaupt werden in den Trainings viele Situationen geübt, denen ein Kampfjet-Pilot gewachsen sein muss. Vieles trainieren wir auch im Simu-lator; das alles ist heute sehr realitätsnah und simuliert fast perfekt die Abläufe und Situationen in der Luft.
Zwischen Routine und Anspannung
Auf die Frage, wie er mit dem psychischen Druck um-geht, antwortet Zimmerli, er sei vor den Flügen unterschied-lich stark angespannt. Bei Manövern beispielsweise, die er schon länger nicht mehr gemacht habe, sei er schon nervös. «Das ist zwar meistens nichts Ernstes», fährt er fort. «Viel-leicht ein unvorhergesehenes Ausweichmanöver. Aber klar, anspruchsvoll ist bei dieser Geschwindigkeit in der Luft ei-gentlich alles. Fehler sollte man nicht machen.» Früher, als Jugendlicher, hatte er durchaus Mühe, mit Druck umzugehen. Während der Ausbildung zum Kampfjet-Pilo-ten vor 22 Jahren lernte er nach und nach, kritische Situa-tionen erfolgreich zu managen. Jetzt aber, da er älter werde, nehme der Druck spürbar wieder zu. Die Reaktionszeit nehme generell mit dem Alter ab. Allerdings sei er sich des-sen bewusst, versuche heikle Momente noch besser zu an-tizipieren. «Aber da sind manchmal auch Gedanken, auf die man gerne verzichten würde», sagt das ehemalige Mitglied der weltberühmten Patrouille Suisse. «Ein Triebwerksausfall etwa wäre fatal – oder die sogenannte Rapid Compression, also ein plötzlicher Druckabfall, bei dem der künstlich er-zeugte Druckausgleich plötzlich aussetzt. «Nach zwei, drei Sekunden bist du wie beduselt», erklärt Zimmerli. «Ohne Sauerstoffmaske würde man da in Ohnmacht fallen.»
Wenn die Uhr tickt
Marc Zimmerlis Arbeit besteht aus Entscheidungen, welche höchste Präzision und schnelles Handeln erfordern. Und das Risiko fliegt immer mit. Bei einem Pikett-Einsatz muss er innerhalb einer Viertelstunde in der Luft sein. Das sei schon sehr stressig, Piloten müssten ihr Zeitmanagement im Griff haben, sagt er und schmunzelt. Normalerweise wird mit ausführlichen Briefings vor den Einsätzen Druck aus den Situationen genommen. Das unterstützt die mentale Vorbereitung. «Ganz allgemein kann man sagen: In der Flie-gerei sind natürlich rationales Handeln und Sachlichkeit wichtig; manchmal hilft aber auch Bauchgefühl. Oder ein-fach der gesunde Menschenverstand.»
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Bild: zVg
