2026, Bericht, Druck, Im Fokus, Sage & Schreibe Nr. 43

Druckpunkt für Druckpunkt

Druckpunkt für Druckpunkt

Stress, Leistungsdruck, Verspannungen – das gehört für viele längst zum Alltag. Im Studio für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in Aarau legt man den Finger auf die Problempunkte, buchstäblich: Akupressur ist Teil eines komplexen Behandlungssystems traditioneller chinesischer Medizin. Wir wollten wissen, wie Akupressur funktioniert und was der Druck auf die «wunden Punkte» bewirkt.

Von Denny Hofmann und Mirco Manco, G23B

Bild: Noealia Küttel

Es ist ein ruhiger Nachmittag, als wir das TCM-Zentrum betreten. Gedämpftes Licht, es duftet dezent nach Kräutern. Die Therapeutin Célina Bryner ordnet die anstehende Behandlung ein: Neben bekannten Methoden wie Akupunktur, Schröpfen oder Moxa steht heute die Akupressur im Fokus – also das gezielte Drücken bestimmter Punkte am Körper. «Eigentlich ist es das Gleiche wie bei der Akupunktur», sagt sie, «nur ohne Nadeln.»

Die Behandlung

Bevor überhaupt behandelt wird, steht ein ausführliches Gespräch an. Beschwerden, Lebensstil und aktuelle Lebenssituation werden dabei genau erfasst. Erst dann beginnt die eigentliche Behandlung. Die Patientinnen und Patienten liegen meist zuerst auf dem Bauch, später auf dem Rücken. Der ganze Körper wird einbezogen: Rücken, Beine, Arme. Akupressur wird dabei oft mit Massage kombiniert. «Wir arbeiten nicht nur punktuell, sondern ganzheitlich», erklärt Célina Bryner.

Die Wirkung entsteht durch gezielten Druck auf sogenannte Meridiane, also Energie-Leitbahnen im Körper. Mit den Händen werden diese Punkte stimuliert, mal sanft, mal kräftiger. Dabei kommt es vor allem auf das Gefühl an. «Wenn man weiss, wo sich die wichtigen Punkte befinden, kann man eigentlich nichts falsch machen», sagt sie. «Wichtig ist, dass es sich stimmig anfühlt, auch für die Therapeutin.»

Beschwerden und Druck

Die meisten Menschen lassen sich wegen körperlicher Beschwerden mit traditioneller chinesischer Medizin behandeln: Nackenschmerzen, Rückenprobleme, Verspannungen. Doch oft steckt mehr hinter den körperlichen Symptomen. Gerade lang andauernder Stress zeigt sich häufig auch im Körper – in Form von Kopfschmerzen, Schlafproblemen oder innere Unruhe. «Das sehen wir fast täglich», sagt Bryner.

Hier setzt die Akupressur an. Ziel ist es, Blockaden zu lösen und den Energiefluss wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein zentraler Begriff dabei ist das «Qi», die Lebensenergie. Staut sie sich, entstehen Beschwerden. «Wir geben nur den Impuls zur Entspannung», erklärt sie. «Den Rest macht der Körper selbst.»

Einfach, aber wirksam

Manche Druckpunkte lassen sich sogar selbst therapeutisch behandeln. Ein Punkt an der Hand kann beispielsweise bei Kopfschmerzen helfen, ein anderer am Unterarm bei Reiseübelkeit. Für den Alltag bedeutet das: simple Techniken, grosse Wirkung.

Wie sich diese Theorie in der Praxis anfühlt, wollten wir selbst erfahren. sage&schreibe-Redaktor Denny Hofmann unterzog sich im Anschluss an das Gespräch mit Célina Bryner einer ganzheitlichen Akupressurbehandlung.

Bilder: Noelia Küttel

Akupressur – Der Erfahrungsbericht

Im Behandlungsraum riecht es nach diesem typischen Wellnessduft, bei dem man automatisch das Bedürfnis bekommt, leiser zu sprechen. Ruhe. Absolute Ruhe.

Die Therapeutin Célina Bryner erklärt mir noch einmal das Wichtigste: Energieflüsse, Meridiane, Blockaden, Triggerpunkte. Dann beginnt die Akupressurmassage.

Am Anfang fühlt es sich tatsächlich angenehm an. Warme Hände, langsame Bewegungen, entspannende Musik im Hintergrund. Ich denke: Wellness. Ferien. Vielleicht schlafe ich sogar ein.

«Das wird jetzt kurz unangenehm», säuselt die TCM-Therapeutin, und schon scheint sich ihr Daumen langsam in meinen Rücken zu bohren. Kurz unangenehm. Ja, genau – und vor allem unangenehm. In meinem Kopf verabschiedet sich gerade die Wirbelsäule von ihrem bisherigen Leben.

Klar, Akupressur arbeitet mit Druckpunkten. Aber «Druck» scheint hier nicht nur Therapie zu sein, sondern Lebenseinstellung. Immer wieder drückt Célina Bryner punktgenau auf einzelne Stellen meines Rückens. Manche Punkte schmerzen kurz so stark, dass ich innerlich sämtliche Entscheidungen meines Lebens hinterfrage. Besonders krass reagiert ein Punkt zwischen Schulter und Hals. Célina Bryner trifft ihn präzise und entschlossen. Der extreme Schmerz schiesst in meinen linken Arm, und ich lache reflexartig los. Nicht weil es lustig wäre, natürlich nicht, sondern weil mein Körper offenbar beschlossen hat, auf völlige Verwirrung umzuschalten Die Therapeutin aber bleibt ruhig. «Da sitzt viel Spannung», sagt sie trocken.

Gleichzeitig passiert aber etwas Seltsames: Nach jedem dieser Momente fühlt sich der Körper leichter an. Als würde jemand versteckte Knoten lösen, die sich über Monate unbemerkt entwickelt haben.

Aber Célina Bryner ist noch nicht fertig mit mir: Jetzt wird noch geschröpft. Nach dem Fingerdruck nun also Unterdruck. Und zwar richtig.

Die kleinen, erhitzten Gläser, die sogenannten Schröpfköpfe, saugen sich auf der Haut meines Rückens fest, als wollten sie nicht nur die Durchblutung und den Lymphfluss anregen, sondern gleich den ganzen Schulstress aus mir herausziehen. Das Gefühl ist seltsam, kein richtiger Schmerz. Überraschend angenehm.

Nach rund eineinhalb Stunden verlasse ich das Studio. Draussen ist alles wie vorher: Verkehr, Menschen, Lärm. Aber mein Körper fühlt sich irgendwie anders an. Lockerer. Ruhiger. Entspannter. Natürlich sind nicht plötzlich alle Probleme verschwunden; noch immer stehen Prüfungen an. Dennoch: Etwas hat sich gelöst. Druck und Unterdruck. Ja, heute ist ein guter Tag.