Einst ein berühmter Schriftsteller in Afghanistan, dann zur Flucht gezwungen. Azizullah Ima hat sich mit seiner Familie im Kanton Aargau ein zweites Leben aufgebaut. Geholfen haben ihm dabei eine grosse innere Kraft – und die Literatur.
Von Seraina Graber, Laura Schneider und Adriana Vieira Machado, G23B
Wir betreten eine modern eingerichtete Wohnung und werden herzlich und mit einem liebevollen Lächeln begrüsst von einem älteren, dunkelhaarigen Mann. Der grosse Kamin im Wohnzimmer springt sofort ins Auge, die Sonne scheint in die Küche, die durch eine Stufe vom Wohnzimmer abgetrennt ist. Wenig später sitzt Ima uns gegenüber auf einem weissen Sessel, seine sanfte, sonore Stimme hallt durch den Raum, während er erzählt.
Azizullah Ima, 1963 in der afghanischen Provinz Pandschir geboren, erlebt in seinen jungen Jahren den Einmarsch der Sowjetunion 1979 und die Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban 1996. Im Bürgerkrieg, welcher der Herrschaft der Taliban vorausging, wird Ima schwer verletzt. Als er mit einem Freund nach Hause geht, geschieht der schreckliche Angriff. Eine Rakete trifft die beiden und andere auf offener Strasse. Als er die Augen wieder öffnet, sieht er lauter tote Menschen. «Ich dachte, ich sei auch tot», sagt Azizullah Ima, «aber ich lag im Grab von anderen. Und vor allem: Mein Freund war auch unter den Toten.» Drei Monate lang liegt Ima im Spital. Die Ärzte sind sich sicher, dass er sterben wird. Unzählige Operationen, viele ohne Narkose, muss er über sich ergehen lassen. Jeder einzelne Schnitt, jeder Einstich schmerzt. Entgegen allen Erwartungen überlebt Ima den Anschlag. «Ja, es ist ein Wunder, dass ich noch lebe.» Und während er das sagt, begreifen wir, dass der Körper zwar wieder gesund ist, die Spuren im Inneren aber für immer bleiben werden. Die Narben jedoch wird Ima sein ganzes Leben mit sich tragen.
Die menschenverachtende Herrschaft der Taliban
«Die Taliban – das war das Ende für die Freiheit unserer Gesellschaft und insbesondere der Frauen», erzählt Ima. «Unter der Herrschaft der Islamisten hatten Tiere mehr Rechte als Frauen.»
Er kann sich noch genau an den Tag erinnern, an dem die Taliban kamen. Am 26. September 1996 übernehmen die Taliban die Hauptstadt Kabul. Nun schwebt er ein weiteres Mal in Lebensgefahr, denn er scheut sich nicht, als Chefredakteur einer Kabuler Tageszeitung kritisch über die radikalen, frauenfeindlichen Machthaber zu schreiben. Ima gelingt schliesslich die Flucht in den Norden Afghanistans – zusammen mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern.Er scheut sich weiterhin nicht, als Chefredakteur einer Kabuler Tageszeitung kritisch über die radikalen, frauenfeindlichen Machthaber zu schreiben. Vorübergehend muss er sich von seiner Familie trennen, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Nach insgesamt drei Jahren Odyssee aber kommen alle gemeinsam tatsächlich in einem freien Land an.
«Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens», sagt Ima. «Wir wussten nicht, wohin die Reise ging. Als wir kurz vor der Jahrtausendwende aus dem Auto des Schleppers aussteigen konnten, fragte ich ihn: ‹Wo sind wir?› Er sagte: ‹In der Schweiz.› Es war ein Glück für uns.»
Ima und seine Frau bauten sich hier ein zweites Leben auf. Der erfolgreiche Schriftsteller wird in Baden Kioskbetreiber. Es ist ein hartes Leben – und nach einer Hirnblutung entscheidet sich die Familie dazu, dass Ima als Hausmann arbeitet und seine Frau berufstätig wird.
Resilienz – das Wort ist aktuell in Mode. Am Leben von Azizullah Ima zeigt sich, was es wirklich bedeutet. Er ist immer stark geblieben. Hat immer weitergeschrieben. Das ist sein Lebenselixier, die Arbeit an und mit der Sprache. Und das Schreiben – ausschliesslich auf Persisch – ist für ihn auch ein Werkzeug der Verarbeitung. «Das Schreiben gibt mir Zuversicht, weiterzumachen», sagt er. Und sein Durchhaltewille wird auch literarisch belohnt, wenn Ende August im Zürcher Rotpunktverlag sein erstes Buch in deutscher Übersetzung erscheint.

Bild: Aldin Mehdi
