Immer mehr Menschen sind davon betroffen, viele wissen jedoch nichts von ihrer Erkrankung. Die Rede ist von Bluthochdruck. Als Oberarzt i.V. am Kantonsspital Aarau ist Dr. med. Andreas Schelldorfer täglich mit den Folgen der Krankheit konfrontiert. Wir trafen den Kardiologen zum Gespräch über Ursachen, Risiken und die Tücke einer Krankheit, die man schlicht nicht spürt.
Von Zoé Christen, Sara Lea Küng und Mia Marfurt, G23B
Was genau ist Bluthochdruck?
Bluthochdruck bedeutet, dass ein überhöhter Druck auf die Arterien wirkt, also auf die Gefässe, die Blut vom Herzen wegtransportieren. Gemessen wird er mit einer Blutdruckmanschette, die zwei Werte anzeigt: den systolischen, wenn das Herz sich zusammenzieht, und den diastolischen, wenn es sich entspannt. Gemäss europäischen Richtlinien gilt ein in der Arztpraxis gemessener Wert ab 140 zu 90 als Bluthochdruck.
Welche Risiken birgt die Erkrankung?
Hier hilft ein Beispiel aus dem Alltag zur Veranschaulichung: Stellen Sie sich jemanden vor, der mit einem Gartenschlauch Blumen wässert. Hoher Wasserdruck belastet sowohl den Gartenschlauch wie auch die Blumen. Das lässt sich direkt auf den Bluthochdruck im Körper übertragen. Bei dauerhaft zu hohem Druck können Blutgefässe Schaden nehmen, dadurch wird das Entstehen und das Fortschreiten von Arteriosklerose begünstigt; der Volksmund nennt das auch Arterienverkalkung. Selbst Organe können in Mitleidenschaft gezogen werden. All das kann in einem Schlaganfall, einem Herzinfarkt, in Herzschwäche und Nierenschäden enden. Bei sehr hohem Druck kann es auch zu Hirnblutungen kommen.
Merkt man Bluthochdruck im Alltag?
In aller Regel nicht, und genau das ist das Tückische. Häufig werden erst die Langzeitfolgen bemerkt. Es ist deshalb nicht einfach, Patientinnen und Patienten nach einer Bluthochdruck-Diagnose zu erklären, warum sie täglich Tabletten nehmen sollen für etwas, das sie im täglichen Leben gar nicht einschränkt. Hier liegt eine der grössten Herausforderungen in der Betreuung.
Ist Bluthochdruck heilbar?
Viele Betroffene nehmen die Medikamente ihr Leben lang. Bei starker Gewichtsabnahme – denn Übergewicht ist ein wichtiger Risikofaktor für Bluthochdruck – und konsequenter Umstellung des Lebensstils können die Medikamente im besten Fall irgendwann wieder abgesetzt werden. Grundsätzlich empfehlen wir als Therapie häufig beides: sowohl Lebensstilmassnahmen als auch die Einnahme von Medikamenten, mit dem Ziel eines systolischen Blutdruckwerts von 120-129 mmHg, sofern dies gut vertragen wird.
Warum ist die Krankheit heute so weit verbreitet?
Das ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Die Gesellschaft altert. Mit zunehmendem Alter werden die Gefässe steifer. Dazu kommen Übergewicht, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Rauchen. All das sind Risikofaktoren, die zu erhöhtem Blutdruck führen können. In etwa 90 Prozent der Fälle entsteht Bluthochdruck ohne einen eindeutigen medizinischen Grund; man spricht dann von primärer Hypertonie. Ursache ist meist ein Zusammenspiel von Lebensstil- und Umweltfaktoren sowie genetischen Faktoren. Nur bei etwa zehn Prozent der Betroffenen steckt eine konkrete Erkrankung dahinter, zum Beispiel ein Tumor, der Hormone produziert, oder eine Schilddrüsenüberfunktion.
Wie gross ist der Einfluss der Gene?
30 bis 50 Prozent der Fälle sind genetisch mitbeeinflusst, familiäre Häufungen sind bekannt. Aber es gibt kein einzelnes Gen, das Bluthochdruck direkt verursacht. Der Fokus liegt deshalb auf dem Lebensstil; im Gegensatz zu den Genen lässt er sich verändern. Ein gesunder Alltag kann auch bei genetischer Vorbelastung viel bewirken.
Welche Fortschritte gibt es in der Behandlung?
Interessant sind die sogenannten Polypillen. Das sind Kombinationspräparate mit zwei oder drei Wirkstoffen. Je weniger Tabletten jemand täglich nehmen muss, desto konsequenter hält die Person die Therapie durch. Auch Smartwatches zur Blutdruckmessung haben Potenzial, sind aber aktuell noch nicht ausreichend validiert.

Bild: Noelia Küttel
