2018, Im Fokus, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 27, Sinn

Freddy Nock: Sinnfindung und das Seil

Viele Leute fürchten sich davor, über einen Baumstamm zu gehen; Freddy Nock hat das Balancieren, noch dazu in schwindelerregenden Höhen, zu seinem Beruf gemacht. Bei einem Besuch des Artisten zu Hause in Uerkheim haben wir einen Einblick in seine Arbeit erhalten – und von seinem neusten Projekt erfahren, das alles andere in den Schatten stellen wird.

Schon als kleiner Junge träumte er von verrückten Sachen. Freddy Nock, der am 10. Dezember 1964 in die Zirkusfamilie Nock hineingeboren wurde, zeigte schon in frühen Jahren seine Begabungen in der Akrobatik. Mit nur vier Jahren startete er seine akrobatischen Versuche auf dem Seil und später in seiner Paradedisziplin: dem Hochseil.
Als Zirkuskind war seine Kindheit aufregend und glücklich, erzählt er uns. Er bekam nicht nur die Unterstützung und die Liebe seiner Eltern, sondern der ganzen Zirkusfamilie zu spüren. Bis heute hat er mit manchen von ihnen noch Kontakt. Was aber leider zu kurz kam, war laut Nock die schulische Bildung. Einer der Gründe, weshalb er sesshaft geworden ist und nicht mehr ständig herumreist; er möchte seinen Kindern eine möglichst gute Grundbildung ermöglichen. Das, sagt er, werde in der heutigen Zeit auch für Extremsportler immer wichtiger.
Die ersten dreissig Jahre waren geprägt von Reisen als Zirkusartist in Manegen auf der ganzen Welt. Er machte Halt bei renommierten Zirkussen wie Royal oder Knie und hielt dort waghalsige Show-Acts ab. 1998 aber liess Freddy Nock das Zirkusdasein hinter sich und machte als Extremsportler Furore. Mittlerweile hält er unglaubliche 22 Weltrekorde als Soloartist und Extremsportler. Eine wahre Meisterleistung vollbrachte er 2011, als er in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich «7 Rekorde in 7 Tagen» aufstellte. Einen der Rekorde realisierte er in 3’000 Metern Höhe, dort balancierte er auf einem Tragseil der Gletscherbahn 995 Meter weit zum Gipfel der Zugspitze. Nächste Rekorde umfassten Strecken von bis zu 3’540 Metern und einer Steigung von bis zu 38 Grad. Für Freddy Nock ist jedoch jeder seiner Rekorde etwas ganz Spezielles. Er schätzt jeden einzelnen und ist stets motiviert, eine neue Herausforderung zu meistern.
Als sein grösstes Vorbild nennt er Bruce Lee, den legendären sinoamerikanischen Kampfkünstler. Von ihm hat er vieles gelernt. Lange hat er seine Techniken studiert, abgewandelt und in den Hochseillauf übernommen. Zum Beispiel sagte Lee einmal: «Sei wie eine Katze, bewege dich wie sie. Schnell und geschmeidig.» Mit solchen Gedanken im Hinterkopf trainiert er täglich mehrere Stunden für anstehende Events oder neue Rekorde, denn wenn es so weit ist, darf er sich keine Fehler erlauben. Darüber hinaus investiert er viel Zeit in die Planung seiner Projekte, geht täglich joggen, um sich fit zu halten oder balanciert über sein Trainingsseil im Emmental.
Erfolgsfaktor Nummer eins für Freddy Nock ist das personelle Umfeld, davon ist er überzeugt. «Um etwas zu erreichen, braucht man gute Leute um sich herum, auf die man sich verlassen kann und die an einen glauben. Somit hat man einen klaren Kopf und kann sich voll auf seine Aufgabe konzentrieren.»
Ein weiterer Erfolgsfaktor, das würde er so natürlich nicht sagen, denn dafür ist er zu bescheiden, ist sicherlich seine starke Persönlichkeit. Einen vertieften Eindruck davon haben wir während eines ausführlichen Gesprächs bekommen.

Inwiefern erleben Sie Ihre Künste auf dem Hochseil als sinnvoll?

«Mit Balance, mit Körperbeherrschung kann man heute im Leben sehr viel erreichen. Die Rekorde stelle ich nur für mich auf; aber dank meiner Balanceschule bin ich in der Lage, von meinem Können und Wissen etwas an die Kinder, die ich dort trainiere, weiterzugeben.
Mein Vorbild Bruce Lee macht Kampfsport. Ist das sinnvoll? Man kann sagen, Kampfsport heisse, Leute zu verprügeln oder sonstwie gewalttätig zu sein. Aber eigentlich wird Kampfsport ja als Selbstverteidigung gelehrt, was sinnvoll ist. Und was mich betrifft: Meine Fähigkeiten gebe ich an Kinder weiter, die so beweglicher und zugleich sicherer werden im Leben; oder wenn ich eine Show oder einen Weltrekord mache, haben die Leute etwas Spektakuläres zu sehen, und phänomenale Bilder gehen um die ganze Welt.Wenn du Mut hast im Leben und deine Ziele verfolgst, ist alles, was du machst, für dich sinnvoll.»

Welcher war ihr kritischster Moment auf einem Hochseil? Sind Sie schon einmal fast hinuntergestürzt?

«Noch ganz am Anfang, im Alter von 23 Jahren, hatte ich beim Zirkus Royal einen Absturz. Für drei Monate bin ich danach mit gebrochenen Handgelenken ausgefallen. Es gab auch sonst immer wieder kritische Situationen. Bisher hat mich jedoch ein Engel beschützt, und ich bin zum Glück noch hier.»

Welche Herausforderungen haben Sie für die Zukunft geplant?

«Mein nächster Rekord soll im Jahr 2019 stattfinden. Ich werde auf einer 20 Meter langen Stange in 10´000 Metern Höhe unter einem Luftballon balancieren; vielleicht fahre ich auch noch mit dem Fahrrad über diese Stange. Momentan trainiere ich dafür auf meiner 15-Meter-Stange hier in Uerkheim.»

Welche Sinne brauchen Sie, um Ihre Kunststücke zu vollführen? – Und was geht genau in Ihnen vor?

«Der wichtigste aller Sinne ist für mich wohl das Sehen; mit geschlossenen Augen zu balancieren, ist beinahe unmöglich. – Was auf dem Seil in mir passiert? Das ist eine gute Frage. Ich weiss es selbst nicht. Aber ich werde es bald wissen: Um genauer herauszufinden, welche Hormone, wie zum Beispiel Adrenalin, ausgeschüttet werden, bedarf es fachmännischer Analysen; deshalb werden mich einige Professoren der Universität Zürich zu meinem nächsten Rekord begleiten. Wenn ich dann mehr weiss, erzähle ich es euch.»

Haben Sie das Gefühl, einer Ihrer Sinne sei speziell ausgeprägt? Vielleicht der Gleichgewichtssinn?

«Ich denke schon, ja. Sicher der Sehsinn. Beim Autofahren kann man das gut sehen. Ich habe ein sehr gutes Auge und kann mein Umfeld sowie die Entfernung sehr gut einschätzen. Wenn ich zum Beispiel auf der Autobahn fahre, kann ich mit einem Auge die Strasse beobachten und mit dem anderen meine Mitfahrer. Denen wird dann ziemlich unwohl. (Er lacht). Natürlich auch mein Gleichgewichtssinn, klar. Denn mit einer Balancierstange als Hilfsmittel kann ich sogar mit geschlossenen Augen über ein Seil laufen.»


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Haben Sie einen Ratschlag für uns junge Erwachsene?

«Mehr als einen: Wenn du ein Ziel vor dir hast, musst du es sehen und es erreichen. Dabei darfst du dich nicht von anderen beeinflussen lassen, sondern du muss dir treu bleiben. Ich bin überzeugt, jeder von uns hat ein Talent, das unbedingt gefördert werden muss. Wenn ich mir dann dieses Talents bewusst bin, gibt es nur Eines, das zählt: Glaube an dich und höre nie auf, an dich zu glauben.»

Von Pascal Meier und Nicolas Studer, G3L