Das grösste Organ des menschlichen Körpers verrät vieles über unseren Lebenswandel, über Verletzungen, über das Älterwerden. Und es ist das einzige Organ, das wir nicht nur mit Gesundheit oder Krankheit in Verbindung bringen, sondern auch mit Schönheit. sage&schreibe hat Dr. Malte Schmelter, Facharzt für Dermatologie und Venerologie bei skinmed Lenzburg, zu einem Gespräch über unseren Umgang mit der Haut getroffen.
Von Clara Burkhalter, Zoé Christen und Mia Marfurt, G23B
Als Dermatologe sind Sie täglich mit der Haut unterschiedlichster Personen konfrontiert. Was verbinden Sie ganz allgemein mit dem Begriff «Haut»?
Die Haut ist unser grösstes Organ. Sie ist in gewisser Weise der Spiegel der Seele, denn sie gibt Auskunft über viele physische oder psychische Prozesse. So sind gewisse Erkrankungen direkt auf der Haut sichtbar. Oder: Stress kann Rötungen verursachen, hormonelle Aktivität äussert sich nicht selten in Form von Pickeln.
In vielerlei Hinsicht also lässt sich an der Haut ablesen, wie es einer Person gerade geht.
Verbinden Sie Haut auch mit Lebensspuren?
Durchaus. Insbesondere ab einem gewissen Lebensalter. Die Haut gibt bis zu einem gewissen Grad Auskunft darüber, wie ein Mensch gelebt hat. Hat der Mensch viel Zeit draussen verbracht? Hat er sich immer ausreichend vor übermässiger Sonnenstrahlung geschützt? Hat er geraucht? Spätestens ab etwa 50 Jahren sieht man diese Spuren auf der Haut deutlich.
Da gibt es aber natürlich noch viele andere Arten von Spuren. Zum einen Tattoos, die man sich stechen lässt, welche danach lebenslänglich sichtbar sind. Schnitte, tiefe Schürfwunden oder Brandverletzungen hinterlassen Narben auf der Haut. Am offensichtlichsten aber, und das betrifft jeden von uns, ist der altersbedingte Elastizitätsverlust der Haut. Übermässige UV-Strahlung über einen langen Zeitraum verstärkt die natürliche Hautalterung zusätzlich, weil sie eine irreversible Erschlaffung oder Verfärbung der Haut bewirkt. Diese Spuren sind ziemlich auffällig.
Aber auch das Rauchen hinterlässt über die Jahre deutliche Spuren. Die oberen Hautschichten von Raucherinnen oder Rauchern altern durch eine verschlechterte Durchblutung frühzeitig. Die Haut von rauchenden Menschen enthält zudem weniger Feuchtigkeit, was zur Bildung von kleinen Fältchen beiträgt. Nicht zuletzt bilden sich in der Haut von Raucherinnen und Rauchern öfter Mitesser.
Obwohl in der heutigen Zeit Diversität immer grösser geschrieben wird, besonders im Zusammenhang mit der «Body positivity»-Bewegung, häufen sich ästhetische Eingriffe. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Body positivity ist sehr wichtig, auch in der ästhetischen Medizin. Wenn wir solche Eingriffe durchführen, versuchen wir, die vorhandene natürliche Schönheit stärker zur Geltung zu bringen. Was ich damit meine, lässt sich gut am Beispiel der Lippenunterspritzung erklären. Ich werde einer kleinen und flachen Lippe nie die nach europäischen Vorstellungen perfekte Lippenform à la Angelina Jolie verleihen können; das ist von der Anatomie her schlicht unmöglich. Darum versuchen wir, die vorhandene Form hervorzuheben. Dasselbe gilt beim Alterungsprozess. Viele Patienten und Patientinnen haben Mühe damit, die natürliche Hautalterung zu akzeptieren. Sie wollen sich ihr jugendliches Aussehen bewahren. Sie wünschen sich deshalb, die Erschlaffung der Haut zu verlangsamen. Es geht ihnen darum, ihre natürliche Schönheit zu behalten. Das unterstütze ich vollkommen. Ein Gesicht komplett zu verändern oder ein Gesicht unnatürlich zu verjüngen,das kommt aus ethischen Gründen nicht infrage.
Unterstützen Sie die Behauptung, soziale Medien verstärkten das Bedürfnis, mit einem ästhetischen Eingriff natürliche Alterungsspuren zu beseitigen?
Ja und nein. In den sozialen Medien entstehen ständig neue Hypes. Vor vier bis fünf Jahren etwa gab es beispielsweise den Trend, sich die Lippen unterspritzen zu lassen. Als sich dann auf den sozialen Plattformen die Information verbreitete, Hyaluronsäure könne vom Körper nicht komplett abgebaut werden, bildete sich der Trend wieder zurück.
Ich meine: Einerseits befeuern die sozialen Medien gewisse Behandlungen, andererseits können sie einem auch die Lust darauf nehmen. Generell steigert sich dadurch aber die Awareness in Bezug auf die vorhandenen Möglichkeiten. Die Kontaktaufnahme mit einem Arzt oder einer Ärztin fällt dadurch vielen leichter. Deshalb würde ich nicht generell sagen, dass die sozialen Medien ästhetische Behandlungen ausschliesslich befeuern; zweifellos aber sinkt durch die Diskussion die Hemmschwelle für einen Arztbesuch.
Ist diese Enttabuisierung auch ein Fortschritt?
In Sachen Enttabuisierung sind wir noch nicht weit. Zumindest bei unseren Patientinnen und Patienten ist immer ein möglichst natürliches Ergebnis gewünscht. Niemand soll sehen, dass die Person sich einem Eingriff unterzogen hat. Das Erscheinungsbild soll nur etwas «frischer» wirken.
Ist das ein schweizerisches Phänomen?
Das variiert sehr stark. In südamerikanischen Ländern, den Arabischen Emiraten oder allgemein im Osten soll durchaus gesehen werden, dass man sich einem ästhetischen Eingriff unterzogen hat. Dort gehen diese Eingriffe meistens mit einem gewissen Wohlstand einher und gelten dadurch auch als Statussymbol. Darum präsentiert man ästhetische Anpassungen mit einem gewissen Stolz. In Europa, besonders in der Schweiz,ist, wie gesagt, eher das Gegenteil der Fall.
Nun wieder zurück zu den Spuren. Sehen Sie kritische Aspekte darin, gesunde Spuren auf der Haut zu entfernen?
Gerade die Entfernung von gutartigen Muttermalen ist ein häufiges Thema bei jüngeren Patientinnen. Das ergibt aber keinen Sinn, denn erstens handelt es sich dabei um gutartige Hautveränderungen und zweitens, noch wichtiger: Durch das Rausschneiden bleiben kleine Narben zurück. Diese sind oftmals noch auffälliger als das Muttermal zuvor.
Sie sprechen von Patientinnen. Ist die ästhetische Medizin für Männer kein Thema?
Generell sind 70 bis 80 Prozent der Kundschaft weiblich. Allerdings wächst die Nachfrage nach ästhetischen Eingriffen auch bei männlichen Patienten. Es kommen immer mehr Männer zu uns, und da geht es häufig um verschiedene Arten von Faltenkorrektur.
Ästhetische Medizin wird in der Gesellschaft sehr kontrovers diskutiert. Sehen Sie die kritischen Aspekte hinter Ihrer Arbeit?
Längst nicht jede Konsultation führt zu einem Eingriff. Im Gegenteil, wir weisen viele Wünsche zurück. Eingriffe im Gesicht sind besonders heikel. Jede Korrektur muss zur Person passen, zu ihrer Erscheinung. Zu dick aufgespritzte Lippen etwa stören das Gesamtbild einer Person. So etwas machen wir nicht. Unser Fokus liegt immer auf der Natürlichkeit. Auf der Betonung der bereits vorhandenen eigenen Schönheit.
Klar gibt es auch kritische Punkte. Ästhetische Eingriffe können durchaus süchtig machen. Ich denke da vor allem an Botox. Da intervenieren wir auch gezielt, zum Beispiel wenn ein 18-jähriger Patient alle vier Wochen einen neuen Eingriff wünscht. Da stellt sich dann möglicherweise auch die Frage nach einer körperdysmorphen Störung, die psychologisch behandelt werden sollte. Glücklicherweise sind solche Fälle extrem selten.
Dr. med. Malte Schmelter
Facharzt für Dermatologie und Venerologie
Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Dermatochirurgie und
der Schweizer Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie

Bild: Mia Marfurt
