2021, Aktuelles, Das zweite Gesicht, Im Fokus, Interview, Sage & Schreibe Nr. 33

«Ich empfinde den Niqab für mich persönlich nicht als nötig»

Das Thema Verschleierung war schon immer Brennstoff für angeregte Auseinandersetzungen, und gerade seit der Abstimmung über das Verhüllungsverbot im März 2021 steht insbesondere der Niqab im Mittelpunkt der Diskussion. Maske? Erniedrigende Verhüllung? Oder religiöses Bekenntnis? –- Und was ist eigentlich mit dem Kopftuch?
Fatima Musliju, Schülerin einer dritten Klasse an der Alten Kanti und überzeugte Kopftuchträgerin, gibt Auskunft über ihre Überzeugungen, ihre Haltung zu Niqab und Kopftuch und über ihre Erfahrungen im Alltag.

Von Amina Colombo und Anna Lisa Lüthy, G2A

sage&schreibe: Warum trägst du ein Kopftuch?
Fatima Musliju: Aus religiöser Überzeugung.

Was bedeutet das Kopftuch für dich?
Der Hijab ist ein Teil meiner Identität. Er gehört zu mir und er ist typisch für mich – wie für andere vielleicht rote Haare.

Seit wann trägst du ein Kopftuch?
Seit der ersten Kanti. – Das war damals eine Art doppelter Neuanfang: neue Schule, neues Bekenntnis. Inzwischen würde ich es freiwillig nicht mehr ablegen.

Gibt es Leute, die dir gegenüber Vorurteile haben, und wenn ja, welche?
Viele denken, dass ich sehr verschlossen sei und dass man es mit mir nicht lustig haben könne. Sie denken, mein Vater habe mich gezwungen, ein Kopftuch zu tragen, was bei mir gar nicht der Fall war. Mein Vater hat mir damals sogar davon abgeraten, ein Kopftuch zu tragen. Ein weiteres Vorurteil ist, dass ich wegen meines Kopftuchs keinen Sport mache – dabei spiele ich leidenschaftlich Handball. Mit anderen Worten: Das Kopftuch hindert mich an gar nichts. Ich gehe raus, spreche mit Jungs. Ich bin ganz normal, ich trage halt einfach ein Kopftuch.

Hast du dich aufgrund deines Kopftuchs schon einmal diskriminiert oder benachteiligt gefühlt?
Manchmal wird man halt angestarrt. Inzwischen fällt es mir aber gar nicht mehr so auf. Je nach dem was politisch gerade aktuell ist oder was in den News steht, kommt es häufiger vor. Ein konkretes Beispiel ist, dass man denkt, ich spreche kein Schweizerdeutsch. Als ich einmal beim Arzt war, hat er mir die Resultate der Untersuchung auf Hochdeutsch mitgeteilt. Kopftuch heisst also offenbar: fehlende Sprachkompetenz.

In letzter Zeit war das Thema Niqab ja sehr präsent. Wie denkst du als Kopftuchträgerin über den Niqab, der das ganze Gesicht einer Person verhüllt?
Der Niqab ist mehr eine Tradition als eine religiöse Pflicht. In arabischen Ländern tragen ihn Männer und Frauen, um sich z. B. vor Sand und der Sonne zu schützen. Selber trage ich ihn nicht; ich empfinde den Niqab für mich persönlich nicht als nötig. Denn ich bin glücklich,
einem Gegenüber mein Gesicht zeigen zu können.*

Viele Frauen tragen den Niqab aber nicht freiwillig.
Ja, wenn Frauen gezwungen werden einen Niqab zu tragen, dann ist das für mich etwas anderes. Das finde ich schlimm. Die Entscheidung, einen Niqab zu tragen, muss unbedingt aus freiem Willen geschehen. Sonst ist es genau so eine Unterdrückung, wie wenn man jemandem verbietet, einen Niqab zu tragen. Aber wenn die Frau dies freiwillig tut, dann ist es ihr gutes Recht. – Ich sage nur: Leben und leben lassen.

Was hältst du von der Verhüllungsinitiative und dem Resultat der Abstimmung?
Man will die Frauen befreien, indem man ihnen verbietet zu tragen, was sie möchten. Das ist schwer nachvollziehbar. Wie will man die Rechte einer Frau schützen, wenn man sie indirekt dazu zwingt, sich auszuziehen?
Ich meine, gerade in Zeiten von Corona sind wir Kopftuchträgerinnen doch auch Niqabträgerinnen. Aber ob nun mit Kopftuch oder ohne, ob Niqabträgerin oder nicht – am Ende sollten wir nicht vergessen, dass wir alle einfach
nur Menschen sind.

* Anmerkung: Dass Fatima während des Interviews nicht fotografiert werden wollte, hat nichts mit ihrer religiösen Überzeugung, sondern mit persönlichen Gründen zu tun.