2026, Aktuelles, Bericht, Im Fokus, Rollen, Sage & Schreibe Nr. 42

„Ich finde, das ist Kunst“

Sie treffen sich vorwiegend in der Nacht auf Parkplätzen und posieren mit ihren getunten Autos. Nicht selten fallen sie durch laut aufheulende Motoren und riskante Fahrmanöver negativ auf und verärgern die Anwohnerinnen und Anwohner. sage&schreibe hat sich auf die Suche nach sogenannten Autoposern gemacht, um der zweifelhaften Faszination auf die Spur zu kommen.

Von Georg Hemme-Unger, G23B

Die Spurensuche beginnt auf Parkplätzen, die in der Autoposer-Szene als Hotspots gelten: Würenlos, Baden und Bremgarten. Da haben sich an Tankstellen über die Jahre nächtliche Treffpunkte etabliert, wobei insbesondere die Anlage beim sogenannten Fressbalken in Würenlos immer wieder in den Medien auftaucht wegen des störenden Verhaltens der Autofans.

Schnell zeigte sich, dass es nicht einfach sein würde, mit der Community in Kontakt zu kommen. Die Autoliebhaber waren allesamt sehr zurückhaltend, nur wenige waren offen für ein Gespräch, in einem Magazin zitiert werden wollte keiner. Während die einen vor allem die Gesellschaft Gleichgesinnter suchen, geht es anderen in erster Linie um einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit.

Die kurzen, oberflächlichen Begegnungen machten deutlich, dass die Poser-Szene nicht zuletzt aufgrund von Auseinandersetzungen mit der Polizei und wegen der häufigen Ruhestörungsklagen von Anwohnerinnen und Anwohnern eine weitgehend geschlossene Community ist.

Ruhestörung und Lärmbelästigung
An einer Tankstelle in Hendschiken lässt sich Marco S. in ein weitergehendes Gespräch verwickeln. Marco S. möchte anonym bleiben, räumt aber ein, sich insbesondere der Problematik der Ruhestörung und Lärmbelästigung bewusst zu sein. In Wohngebieten zu posen findet er nicht angebracht. Doch dann schiebt er nach: «Aber gleich die Polizei rufen, finde ich natürlich auch nicht das Richtige.» Weiter erklärt er, persönlich halte er sich nicht oft in Wohngebieten auf, sondern eher vor Raststätten oder bei Tankstellen. «Denn da wohnt oder schläft ja dann niemand.»
Viele Gemeinden und Raststätten bemühen sich mittlerweile intensiv, Autoposer von bekannten Treffpunkten fernzuhalten, beispielsweise, indem Parkzeiten begrenzt oder Parkgebühren erhoben werden. Zudem verstärkt die Polizei an den bekannten Hotspots ihre Präsenz.

Das Auto als Mittel der Selbstverwirklichung
Marco S. verweist in diesem Zusammenhang auf häufige Missverständnisse. Sie lebten ja nur ihr Hobby aus, sagt er, doch anders als bei Partys oder Grillfesten würden sich die Anwohner/-innen gleich beschweren. Die Frage, die ihm Raum steht, liesse sich wohl so formulieren: Wo verläuft die Grenze zwischen der Leidenschaft für Autos und der Belästigung der Nachbarschaft? «Nicht jede Mechanikerin, die gern an ihrem Auto rumschraubt und das Resultat präsentiert, ist eine störende Poserin», sagt Marco S. «Schliesslich kann man sich in der Arbeit an einem Auto auch verwirklichen. Ein Auto, das die Handschrift des Besitzers oder der Besitzerin trägt und auch so klingt – ich finde, das ist Kunst.»


Bild: Aldin Mehdi