2026, Aktuelles, Druck, Im Fokus, Interview, Sage & Schreibe Nr. 43

‹Ihr seid stark!›

Leistungsdruck und Schulstress gehören seit geraumer Zeit zu den grössten psychischen Belastungen der Schweizer Jugend. Und die Jugendstudie von Pro Juventute zeigt: Der Druck nimmt weiter zu. Sind heutige Jugendliche also weniger resilient gegenüber Druck als frühere Generationen? Oder hat sich die gesellschaftliche Realität stark verändert? Nicole Platel, Direktorin von Pro Juventute, erläutert, welche Faktoren den Druck ver-stärken, welche Jugendlichen besonders betroffen sind und warum es so wichtig ist, über mentale (Über-)Belastungen zu sprechen.

Von Adriana Vieira Machado und Phoebe Grütter, G23B

Gleich zu Beginn bringt es Nicole Platel, Direktorin von Pro Juventute, auf den Punkt: Die Schule gilt als wichtigs-ter Stress- und Druckfaktor von Jugendlichen. Dies zeigt die aktuelle Jugendstudie von Pro Juventute. Hinzu kommen Zukunftsängste, Sorgen um die finanzielle Situation sowie Ängste im Zusammenhang mit globalen Krisen und gesellschaftlichen Entwicklungen. «Besonders ältere Jugendliche», präzisiert Platel, «beschäftigen sich stark mit Fragen wie: Finde ich später einen guten Beruf? oder Wird meine Zukunft finanziell sicher sein?»

Wenn der Druck problematisch wird

Druck wird dann zu einem ernsthaften Problem, wenn er das Leben stark einschränkt. Ein gewisses Mass an Leistungsdruck dient der Motivation, setzt Energie frei und hilft uns, unsere Ziele zu erreichen. «Problematisch aber», sagt Platel, «wird es spätestens dann, wenn Jugendliche nicht mehr schlafen können, ständig Angst haben, sich zurückziehen oder nicht mehr zur Schule gehen wollen.» Solche Veränderungen gelten als Warnsignale, auf die Eltern, Freunde oder Lehrpersonen achten sollten. Auch Aussagen wie: «Ich möchte eigentlich nicht mehr hier sein» müssen unbedingt von Beginn an ernst genommen werden. Nicole Platel betont: «Solche Sätze sind nicht einfach dahergesagt. Das sind relevante Warnsignale. Deshalb ist es wichtig, den Jugendlichen aufmerksam zuzuhören, auch selbst das Gespräch zu suchen – und keinesfalls sofort zu urteilen.»

Der Unterschied zwischen den Generationen

Auf die Frage, ob Jugendliche heute tatsächlich mehr Druck erlebten oder einfach weniger resilient seien als frühere Generationen, hält Nicole Platel grundsätzlich fest, dass man die heutige Realität nicht mit jener früherer Jahre vergleichen könne. Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, welche sie mit zahlreichen neuen Herausforderungen konfrontiert. «Die meisten Jugendlichen sind über die sozialen Medien permanent mit der ganzen Welt vernetzt, müssen mit neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz klarkommen. Fake News und Deepfakes sind auch für die Erwachsenen riesige neue Herausforderungen. All das führt zu zusätzlichem Druck, dem die heutigen Jugendlichen ausgesetzt sind.» Im Umgang damit sieht Platel aber auch positive Aspekte: Im Vergleich zu früher, hält sie fest, gehen Jugendliche heute offener mit ihren Belastungen um, was auch dazu führt, dass sie häufiger Hilfe in Anspruch nehmen. Es ist noch nicht lange her, dass Probleme dieser Art gesellschaftlich tabuisiert waren, weshalb sie von Jugendlichen wie Erwachsenen allzu oft verdrängt oder heruntergespielt wurden. Heute, stellt Platel fest, ist es eher möglich, über psychischen Druck und über belastende Situationen zu reden. «Und deshalb», folgert sie, «ist es falsch zu behaupten, die heutige Generation sei weniger belastbar. Die Welt hat sich unglaublich schnell verändert in den letzten Jahren. In der Auseinandersetzung mit den neuen Herausforderungen können sich die Jugendlichen also nicht an Erfahrungen früherer Generationen orientieren.»

Die Rolle von Alter und Geschlecht

Das Alter spielt bei der Wahrnehmung von Druck eine wesentliche Rolle. In jüngeren Jahren steht vor allem die Schule im Mittelpunkt, später verschiebt sich der Druck stärker in Richtung Zukunftsangst. Der Umgang mit Druck kann zwar erlernt werden, doch längst nicht allen Jugendlichen gelingt das. So erstaunt es nicht, sagt Platel, dass auch viele Erwachsene unter permanenter Überforderung leiden, was sich nicht zuletzt in der wachsenden Zahl von Depressions- oder Burnout-Diagnosen zeigt.
Auch zwischen den Geschlechtern sieht man Unterschiede. Nicole Platel verweist auf die Pro Juventute Jugendstudie 2026, die zeigt, dass sich junge Frauen stärker unter Druck fühlen als junge Männer. Sie nehmen gesellschaftliche Erwartungen, Schönheitsideale und Sexismus stärker wahr. Gleichzeitig richten junge Frauen den Druck beziehungsweise die Symptome von Druck häufiger gegen sich selbst, während junge Männer sie eher nach aussen tragen. Dies zeigt sich etwa in Bezug auf Aggressionen und den Umgang damit. Auffällig ist überdies die Tatsache, dass junge Männer insgesamt weniger offen über ihre Probleme reden und es ihnen schwerer fällt, Hilfe zu holen. «Trotz allem», betont Nicole Platel, «lässt sich festhalten, dass es den meisten Jugendlichen grundsätzlich gut geht – unabhängig von Alter und Geschlecht. Über 80 Prozent geben an, insgesamt durchaus zufrieden zu sein, und viele haben zudem gute Beziehungen zu ihren Familien und Freunden, die sie stützen.»

Der soziale Hintergrund

Die Jugendstudie von Pro Juventute zeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund psychisch stärker belastet sind. Nicole Platel führt aus: «Jugendliche mit zwei Elternteilen mit Migrationshintergrund erleben durchschnittlich mehr Stress und Druck als Jugendliche mit einem oder beiden Elternteilen schweizerischer Herkunft. Diskriminierungserfahrungen oder Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche sind keine Seltenheit.» Platel vermutet zudem, dass auch unterschiedliche Erwartungen eine Rolle spielen könnten: So könne es für Jugendliche belastend sein, unterschiedlichen Erwartungen zuhause, in der Schule und in der Gesellschaft gerecht werden zu müssen. «Was mich aber noch mehr überrascht hat, ist die Tatsache, dass bereits ein schweizerischer Elternteil einen deutlichen Unterschied bezüglich Druckerfahrungen machen kann.» Die genauen Gründe dafür seien komplex und noch nicht wirklich erforscht.

Zum Glück melden sich viele junge Menschen»

In der ganzen Diskussion positiv hervorgehoben werden kann die zunehmende Aufmerksamkeit für die Thematik der mentalen Gesundheit gerade von Jugendlichen. «Diesbezüglich hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Psychische Probleme sind heute weniger stark tabuisiert und Jugendliche trauen sich eher, über ihre Gefühle zu sprechen. Nicht wenige tun dies sogar öffentlich im Internet oder in den sozialen Medien.» Nicht zum ersten Mal ist zu spüren, dass Nicole Platel beeindruckt ist von der heutigen Jugend. «Die Jungen sind vielleicht sogar mutiger als früher. Und vor allem haben sie immer öfter den Mut zu reden. – Reden ist sicher etwas vom Wichtigsten in diesem Zusammenhang, denn ein frühes Gespräch kann die schwerwiegenden Krankheitsfolgen von Druck verhindern.» So passt es ins Bild, dass niederschwellige Angebote wie die Pro-Juventute-Notrufnummer 147 für Kinder und Jugendliche immer häufiger genutzt werden. Über die Notrufnummer 147 melden sich gemäss Platel jährlich über 50’000 junge Menschen per Telefon, E-Mail oder WhatsApp – und es werden immer mehr. «Zum Glück», sagt Nicole Platel abschliessend, «melden sich viele junge Menschen. So können wir früh intervenieren.» Und eine Botschaft hat Frau Platel noch für die Jugendlichen: «Ihr seid stark. Ja, auch wenn es schwierig ist – ihr habt eine Stärke in euch, die weit trägt.»


Bild: Vitus Le Bourgeois