Der Kostümfundus des Opernhauses Zürich umfasst rund 80’000 Kostüme und Accessoires. Die Kostümdirektorin Verena Giesbert hat sage&schreibe in die zauberhafte Welt der Kostüme eingeführt.
Von Phoebe Grütter und Adriana Vieira Machado, G23B
Von aussen sieht der Kostümfundus des Opernhauses Zürich in Oerlikon wie ein gewöhnliches Lagerhaus aus. Nur die Lastwagen, die das Opernhaus-Logo zeigen, verraten, dass dieses Lagerhaus mehr ist, als man vermutet. Michael Krüger, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, führt uns durch mehrere Türen und Treppen in den Keller des Lagerhauses. Dort treffen wir Verena Giesbert, die schon auf uns wartet. Die Reise durch eine traumhafte Welt beginnt. Wir sehen unzählige Kleiderstangen mit Kostümen aller Art. Verena Giesbert erklärt: «Die Kostüme, die sich in diesem Teil befinden, können von Schulen oder auch Privatpersonen gegen eine Gebühr ausgeliehen werden.»
Grosse Ordnung auf kleinem Raum
«Hier Ordnung zu halten und die Übersicht zu bewahren, ist unglaublich wichtig, aber nicht ganz einfach», sagt Gisbert. Jedes der rund 80’000 Kostümteile gehört an einen ganz bestimmten Platz; nur so lässt sich im Fundus überhaupt etwas innert nützlicher Frist finden. Zur Ordnung gehört auch die strikte Trennung in Kostüme von Produktionen, die immer wieder aufgenommen werden, und in solche, die nicht mehr gespielt werden. Während wir durch die engen Gänge zwischen den Stangen gehen, weist Verena Giesbert mit dem Finger auf eines der Kleider: «Bei diesem Stück hier sieht man sehr gut, dass mehrere Schichten von Stoff verarbeitet worden sind, stellenweise sogar verstärkt mit Metallstäbchen. Diese Gerüste, wenn man so will, stabilisieren das Ganze, damit das obere Kleid das untere nicht zusammendrückt. Das macht es natürlich auch sehr schwer.» Das beträchtliche Gewicht wird je nach Schnitt des Kleides mithilfe von Hosenträgern gewissermassen verringert. Wenn beispielsweise der Ausschnitt dies nicht erlaubt, wird eine sogenannte Hüftpasse gebraucht.
Wir gehen weiter zu einer kleinen, unscheinbaren Kammer. «Die Schatzkammer», sagt Verena Giesbert. «Hier befinden sich unzählige Kostüme, die berühmte Sängerinnen und Sänger getragen haben.» Die Kostüme sind dabei nach der «Produktionsart» geordnet, Opernkleider hier, Ballettkleider dort. Auch diese Kostüme, wie auch zugehöriger Schmuck oder Schuhe, sind säuberlich auf Kleiderstangen aufgereiht.
Kostüm und Rolle
Die Wahl des passenden Kostüms für eine Rolle wird in der Regel im Rahmen eines künstlerischen Prozesses zwischen der Regie, der Kostümabteilung und dem Kostümbildner beziehungsweise der Kostümbildnerin getroffen. Die Kostüme sind immer abhängig von der Inszenierung: Wird eine Verdi-Oper in einem 19.-Jahrhundert-Setting inszeniert? Oder wird der Stoff in die heutige Zeit transponiert? Solche künstlerischen Entscheidungen in Bezug auf die Interpretation eines musikalischen Werkes wirken sich direkt auf die Art der Kostüme aus.
Der Regisseur oder die Regisseurin haben allerdings längst nicht immer auf Anhieb eine konkrete Vorstellung davon, wie die Kostüme – insbesondere die der Solistinnen und Solisten – in Schnitt und Design aussehen sollen. Deshalb beginnt der Entwicklungsprozess oft beim Kostümbildner oder der Kostümbildnerin. Sie entwickeln Ideen, Skizzen und Entwürfe, die dann mit der Regie besprochen werden, bis man ein Kleid gefunden hat, das nicht nur zur Rolle, sondern auch zur Inszenierung des Stücks passt.
Verena Giesbert ergänzt: «Gerne vergisst man, dass zu einem Kostüm neben der Kleidung auch Accessoires wie Schuhe, Schmuck, Kopfbedeckung oder sogar Masken gehören. Auch diese müssen im Entwicklungsprozess berücksichtigt werden.» Und der Akteur, die Akteurin? Sind sie an diesem Prozess beteiligt? «Nicht selten», sagt Giesbert, «haben die Künstler/-innen durchaus eigene Kostümierungs-Ideen. Ihre Vorlieben oder Wünsche sind aber kein ausschlaggebendes Kriterium, wobei natürlich durchaus darauf geachtet wird, dass sie sich in ihren Kostümen wohlfühlen.» Kann sich also eine Sängerin mit ihrem Hut nicht der Rolle angemessen bewegen, wird eine Alternative gesucht. Oft wird das dann in-house von den entsprechenden Berufsleuten angepasst. Allerdings gibt es solche spezifischen Berufe wie etwa Schneider, Hutmacherin oder Schuster in der heutigen Arbeitswelt immer weniger; umso wichtiger, dass der Kostümfundus nach wie vor auf ihre Handwerkskunst zurückgreifen kann.
Vom Kostümfundus zum Vorstellungsfundus
Je nach Grösse der Produktion müssen die Kostüme früher oder später in den Vorstellungsfundus, der sich im Opernhaus in Zürich befindet. Der Zeitpunkt variiert dabei zwischen vier und acht Wochen vor der Premiere der Produktion, wobei es natürlich jederzeit möglich sein muss, kurzfristige Anpassungen vorzunehmen. Im Vorstellungsfundus dürfen sich nur diejenigen Kostümproduktionen befinden, die aktuell für die Vorstellungen gebraucht werden. Verena Giesbert begründet: «Es ist wenig Platz im Vorstellungsfundus, aber es gibt unglaublich viel Material auf kleinem Raum.» Sie schmunzelt. Dann fährt sie fort: «Ich weiss, wovon ich rede. Denn vor ein paar Jahren passierte das, was nicht passieren darf: Ausgerechnet am Abend der Premiere, nachdem wir die Flure im Vorstellungsfundus noch kurzfristig aufgeräumt hatten, fehlten zwei Ständer mit Premieren-Kostümen. Nach langem, verzweifeltem Suchen kam jemand auf die Idee, die Kostüme seien vielleicht versehentlich wieder in den Kostümfundus in Oerlikon gebracht worden. Ich bin dann mit der Chordirektionsassistentin in ihrem Privatwagen zurück zum Kostümfundus gefahren – und tatsächlich fanden wir die ‹verlorenen› Kostüme, und zwar rechtzeitig. So konnte die Premiere glücklicherweise wie geplant stattfinden».
Wiederverwendung und Austausch der Kostüme
Der Kostümfundus bewahrt viele Kostüme über lange Zeit auf. Dies hat einen grossen archivarischen Wert, führt aber auch dazu, dass der freie Platz immer knapper wird. Aus diesem Grund werden teilweise ganze Produktionen samt den Kostümen an andere Theater verkauft. Das schafft nicht nur Platz, sondern bringt auch Einnahmen. Alle zwei bis drei Jahre gibt es zudem einen grossen Kostümverkauf, bei dem auch Privatpersonen Kostüme kaufen können.
Schliesslich gibt es ein Netzwerk von Kostümschaffenden im deutschsprachigen Raum, die untereinander gezielt Kostüme verkaufen und vermitteln. Weggeworfen wird im Kostümfundus möglichst wenig. «Im Wegschmeissen sind wir nicht gut», meint Verena Giesbert, denn sie ist davon überzeugt: «Das kann man fast alles, auch viele Jahre später, noch einmal gebrauchen.» Kostüme werden teilweise auch von anderen Produktionen wiederverwendet. Das heisst, dass nicht alle Kostüme ausschliesslich an eine bestimmte Rolle gebunden sind. Insbesondere Kostümbildner/-innen, die gerne mit bereits bestehendem Fundus-Material arbeiten, suchen sich immer wieder alte Kostüme aus, um sie ihren Vorstellungen entsprechend anzupassen. «Leider kommt die Wiederverwendung von Kostümen nicht so oft vor, wie man es sich wünschen würde», sagt Verena Giesbert, «da die Vorstellungen der Regie in vielen Fällen dann eben doch sehr konkret sind und keine Spielräume offenlassen.»
Verena Giesbert hält inne, als suche sie nach einem abschliessenden Satz. «Zusammengefasst heisst das also», sagt sie schliesslich, «nicht nur Tänzerinnen oder Schauspieler, sondern auch Kostüme können mehr als eine Rolle einnehmen.» Dann geht sie vor, Richtung Ausgang. Und wir sind froh, müssen wir den Weg zwischen den unzähligen Ständern des Kostümfundus nicht selbst suchen.

Bild: Balian Wark

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