Ein Leben in zwei Welten: Michel von Känel ist Bezirksschullehrer und Dragqueen. Zwei Rollen, die er mit beeindruckender Selbstverständlichkeit lebt. sageschreibe hat er Einblick gegeben in sein doppeltes Leben.
Von Carla Brandenberger und Mia Marfurt, G23B
Bezirksschule Aarau, dritter Stock: Weisses Licht flutet das Klassenzimmer, in dem Michel von Känel Textiles Werken unterrichtet. Ein junger, braunhaariger Mann in Sneakers und Rollkragenpullover. Das ist der eine Michel von Känel; der andere heisst «Paprika». Sie lebt auf der Bühne, aufwändig geschminkt, in selbstgemachten Kostümen. Unterschiedliche Welten, für von Känel aber eng miteinander verknüpft: «Drag ist eine Rolle», sagt er, «Lehrer zu sein aber auch.»
Heute wechselt er mühelos und genussvoll die Rolle. Angefangen hatte alles in der Theatergruppe des Gymnasiums. Im Spiel mit Rollen und Identitäten auf der Bühne wurde er sich nach und nach seiner Queerness bewusst. Erst nach dem Schulabschluss allerdings fand er in Zürich eine Community, die ihn auch bei seinem Comingout unterstützte. In dieser Zeit fand er auch zum Drag. «Drag war für mich auch ein wenig Kleinstadtrebellion», sagt er rückblickend. Früher sei er immer einer der braven, angepassten Schüler gewesen. Der Drag habe es ihm ermöglicht, auszubrechen aus diesem System – und ihm geholfen, seine Feminität zu akzeptieren. «Etwas, wofür man als Junge oft angefeindet wird, ist auf der Drag-Bühne erlaubt», sagt er, «man wird sogar dafür gefeiert. Das ist extrem empowernd.»
Empowerment
Das ist es denn auch, was ihn heute antreibt: Jugendlichen solches Empowerment zu ermöglichen. So sieht er seine beiden Rollen als Lehrer und Dragqueen zunehmend als Einheit. Auch als Michel von Känel verbreitet er heute seine Botschaft, «damit man merkt, dass hinter den Kunstfiguren auf der Bühne Menschen wie du und ich stecken».
Im Schulalltag geht er deshalb offen mit seiner Rolle als Dragqueen um, stellt diese Seite seiner Persönlichkeit als das vor, was sie für ihn ist: ein Hobby. Die Reaktionen, sagt er, fielen meist nüchtern aus. «Am Ende bist du in der Schule der Lehrer, der die Noten gibt.» Dass die Normalität, die von Känel in seinem Umfeld erlebt, zur Selbstverständlichkeit wird – dafür setzt er sich ein. «Dadurch, dass ich mich ganz klar positioniere, kann ich auch mein Bild in der Öffentlichkeit steuern. Es kann niemand ein falsches Bild von mir erschaffen.»
Queerness und Gesellschaft
Queere Selbstbestimmung ist heute als gesellschaftliches Thema sehr präsent. Insbesondere Jugendliche sind heute aufgeklärter, und es ist ein offeneres Gespräch über Identität möglich. «Es ist einfach mehr Verständnis für solche Themen da», sagt von Känel. «Andererseits finde ich es schwierig, wenn Existenzen politisch diskutiert werden und es darum geht, wer Recht bekommt und wer nicht.» In dieser politischen Diskussion sieht er denn auch eine neue Schwierigkeit. Zu seiner Zeit sei das Thema nicht politisch aufgeladen gewesen, man habe einfach gar nicht drüber gesprochen. Jetzt redeten plötzlich alle darüber und alle hätten eine starke Meinung dazu.
Und was ist von Känels Botschaft? «Ich setze mich dafür ein, dass die Identität eines Menschen kein Politikum mehr ist.» Neugierig sein und offenbleiben. Mehr verlangt von Känel nicht von der Gesellschaft. Einander zuhören, ins Gespräch kommen und eine offenere Fehlerkultur haben, auch wenn diese natürlich ihre Grenzen hat, wie er selbst betont. «Es müsste doch eigentlich wie in der Schule sein», sagt er schmunzelnd. «Ab und zu mal wieder ein Buch aufschlagen, einfach zugeben, dass man sich mit einem Thema noch nicht auskennt, und sich einlesen.»

Bild: Carla Brandenberger
