Einhundert Einsendungen aus der ganzen Deutschschweiz zum Thema «Galgenvogel», sechs Finalistinnen, drei Preisträgerinnen und ein prall gefülltes Aargauer Literaturhaus Lenzburg. Dies die Eckdaten des im April 2025 zum dritten Mal verliehenen «Wedekind-Preis für junge Literatur». sage&schreibe hat den Literaturhausleiter und eine Jurorin zum Literaturpreis befragt.
Von Andreas Neeser, Redaktionsleitung
Cédric Weidmann, 2025 wurde der Wedekind-Preis zum dritten Mal verliehen. Wie fällt Ihr Zwischenfazit als Literaturhausleiter und Co-Ausrichter des Preises aus?
Der Wedekindpreis hat sich inzwischen als Schreibwettbewerb etabliert. Der einzigartige Ablauf – mit öffentlicher Juryierung, zwei Altersklassen, Publikumspreis und thematischen Vorgaben – hat sich bewährt. Die wachsende Zahl der Einsendungen und die gut besuchten Finallesungen zeigen, dass es so einen Literaturpreis braucht.
Der Wedekind-Preis ist der einzige Schweizer Literaturpreis für Jugendliche, der mit einem stattlichen Preisgeld dotiert ist. – Lässt sich das durch die Qualität der Texte rechtfertigen?
Literatur hat kein Preisschild, aber lange, intensive Schreibarbeit verdient öffentliche Anerkennung – vielleicht gerade bei jungen Menschen. Tatsächlich zeigt sich in den Texten, dass viel Arbeit und Kreativität in ihre Umsetzung geflossen sind. Auch dieses Mal waren alle Finalistinnen-Texte preiswürdig.
Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie für den Literaturpreis?
Der Wedekind-Preis muss noch bekannter werden und besser zeigen, dass es hier nicht nur um neue, junge Schweizer Literatur geht, sondern auch um Literaturkritik. Da die Final-Texte öffentlich von einer professionellen Jury diskutiert werden, sind die Finallesungen gerade auch für Lehrpersonen aufsschlussreich: Wie kommt ein Texturteil zustande? Wie spricht man über Stärken und Schwächen eines Textes? Das sind sehr spannende Gespräche.

Bild: Literaturhaus
Barbara Schibli, welche Kriterien sind für Sie als Autorin bei der Beurteilung von jungen Texten zentral?
Fantasie und Originalität in Bezug auf thematische Aspekte und ihre Umsetzung. Also: keine Klischees hinsichtlich des Plots, der Figuren und der Formulierungen. Wichtig sind auch Experimentierlust und das Aufscheinen eines künstlerischen Gestaltungswillens. Grundsätzlich geht es immer um dieselben Fragen: Löst der Text beim Lesen etwas in mir aus? Trifft er mich emotional? Bringt er Denkprozesse in Gang?
Wo zeigen sich Unterschiede zwischen jungen und erwachsenen literarischen Texten?
Es gibt nicht die jungen und die erwachsenen literarischen Texte. In der Tendenz schreiben Jugendliche vielleicht enger ihrer Lebenswelt und unmittelbaren Erfahrung entlang. Typisch ist wohl auch eine grosse Emotionalität und Dringlichkeit. Sprachlich zeigt sich oft ein Experimentieren mit verschiedenen Stilen und Stilmitteln innerhalb eines Textes.
Sind öffentliche Diskussionen über Texte von Jugendlichen sinnvoll?
Ich finde Diskussionen über Texte grundsätzlich sehr wichtig. Sie schärfen das literarische Bewusstsein. Öffentliche Textgespräche erhöhen zudem die Sichtbarkeit der literarischen Auseinandersetzung. Gerade für Jugendliche ist es wichtig, mit ihren Texten gesehen zu werden und kritisches, bestärkendes Feedback zu bekommen. Denn das bedeutet ja auch, dass sie ernstgenommen werden.

Die Preisträgerinnen 2025
Kategorie 15-17 Jahre: Joelle Gedeon, Kriens
Kategorie: 18-20 Jahre: Marie-Jo Stubbe, Zürich
Publikumspreis: Yara Isaak, Fehraltorf
Der mit insgesamt CHF 2’500.– dotierte «Wedekind-Preis für junge Literatur» ist ein Engagement der Alten Kanti Aarau und des Aargauer Literaturhauses Lenzburg. Der Preis wird unterstützt von der Beisheim Stiftung.
Die Jury 2025: Barbara Schibli, Autorin und Gymnasiallehrerin, René Frauchiger, Autor und Leiter Werkstätten Aargauer Literaturhaus, Alice Gabathuler, Autorin und Verlegerin

