Jäger kennen die regionale Natur mit all ihren Tieren und Pflanzen, sie erhalten die Biodiversität und schützen den Lebensraum der Tiere. Sie regulieren aber auch ihre Population. Wir haben uns zusammen mit Dr. Rainer Klöti, bis vor Kurzem Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins, auf Spurensuche gemacht
Von Luca Bützberger und Mirco Manco, G23B
«Die Jagd beinhaltet viele unterschiedliche Aufgaben. Das Töten eines Tieres ist nur ein ganz kleiner Teil davon», sagt der ehemalige Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins Jagd Aargau. Dass er damit Recht hat, erfahren wir an einem Morgen im Mai: Um fünf in der Früh sitzen wir auf dem Hochsitz im Wald in Schinznach – und warten. Vor uns eine Wiese, im Hintergrund das Unterholz. Ein paar Vögel fliegen vorbei. Wild? Fehlanzeige. Auch das Warten gehöre zur Jagd, sagt Klöti. Und eine Erfolgsgarantie gebe es natürlich erst recht nicht. Hier oben sollten wir auch nicht zu laut miteinander reden. Also still und ruhig weiterwarten. – Aber weil man manchmal tatsächlich vergebens wartet, kapitulieren wir nach zwei Stunden und fahren stattdessen nach Villnachern in ein Café. Zeit für die wichtigen Fragen zur Jagd.
Worin bestehen denn die zentralen Aufgaben eines Jägers oder einer Jägerin?
Das Jagdgesetz nennt fünf Hauptaufgaben – das Erlegen von Tieren ist dabei nur gerade Punkt fünf. Das Wichtigste ist, den Bestand der Wildtiere zu schützen und ihren Lebensraum zu erhalten. Wir setzen uns für Biodiversität ein, damit sich die Tiere natürlich und gesund entwickeln können. Das Zweite ist, dass man den Bestand regulieren muss, und zwar auf den ortsüblichen Umfang. Das heisst, die Zahl der Tiere soll immer so hoch sein, dass sie sich selbst reproduzieren können, dass also der Bestand nicht gefährdet ist. Auf der anderen Seite dürfen aber auch die vom Wild verursachten Schäden im Wald und in der Landwirtschaft nicht zu gross sein. Drittens müssen die einheimischen Tiere geschützt werden vor einwandernden Tieren. Man nennt diese exotischen Tiere Neozoen. Verschiedene Vogelarten, beispielsweise, oder der Waschbär. Wir haben die Aufgabe, Neozoen weitgehend aus unserem Lebensraum zu entfernen. Eine weitere Aufgabe besteht darin, den Gemeinden und den Förstern regelmässig den aktuellen Wildtierbestand mitzuteilen.
Nicht unwichtig ist übrigens die Jagdaufsicht. Allein auf der Strecke von der Badi Villnachern bis nach Schinznach werden pro Jahr vier bis sechs Rehe oder Wildschweine angefahren. Diese Tiere sind oft nicht tot, sondern flüchten sich schwer verletzt in den Wald. Wir müssen dann ausrücken und die Tiere suchen – mit Hund und Nachtsichtgerät. Das ist sehr aufwändig.
Hinterlässt diese Arbeit auch Spuren bei Ihnen, da ja ein Teil davon trotzdem das Töten von Tieren ist?
Also, ein Tier zu töten, beschert einem wahrlich keinen Lustgewinn. Ich bin halt schon als Kind mit meinem Vater jagen gegangen. Auch mein Grossvater war Jäger. Es ist, wie wenn man auf dem Bauernhof aufwächst, etwas Natürliches, man hinterfragt das Töten gar nicht. Ich werde oft darauf angesprochen, und ich kann wirklich nachvollziehen, dass manche das nie tun würden. Aber es ist nun mal eine der Aufgaben des Jägers. In diesem Sinn heisst Töten auch, Verantwortung zu übernehmen. Und zu dieser Verantwortung gehört, das Tier nach den Regeln der Kunst zu töten. Bist du nicht in einer Position, die dies erlaubt, dann schiesst du nicht. Aber klar, das Töten macht schon etwas mit einem. Wir pflegen deshalb auch ein Ritual: Wenn wir ein Tier erlegt haben, legen wir ihm ein Zweiglein in den Mund. Zudem spiele ich eine kurze Melodie auf meinem Jagdhörnchen. Das hat etwas Animistisches, auch viele indigene Völker kennen solche Rituale, mit denen man dem Tier, das man getötet hat, Respekt entgegenbringt und sich in gewisser Weise auch entschuldigt.
Aber man tötet ja nicht um des Tötens willen. Regulation des Bestands sicherstellen, Schäden vermeiden, etwa von Wildschweinen – darum geht es in erster Linie. Das Töten hat einen Zweck und einen übergeordneten Nutzen. Deshalb verwerte ich die gemachte Beute ohne schlechtes Gewissen. Ich meine, man darf die Jagd nicht auf das Töten von Tieren reduzieren. Die Jagd beinhaltet so viel mehr, und das fasziniert mich. Letztlich hat der Jäger oder die Jägerin auch eine gesellschaftliche Aufgabe.
Gibt es menschliche Spuren im Lebensraum der Tiere, welche die Tiere oder die Natur gefährden?
Ja, Littering ist ein grosses Problem. Alles, was achtlos weggeschmissen wird, Zigarettenstummel und so weiter. Wir müssen den Lebensraum der Tiere respektieren. Dazu gehört auch, auf das natürliche Verhalten der Tiere Rücksicht zu nehmen. Ich mag es ja auch nicht, wenn irgendjemand ungefragt um zwei Uhr morgens zu mir ins Zimmer kommt und schaut, was ich da so mache. Auch die Tiere brauchen Räume, örtliche und zeitliche, wo sie nicht dauernd gestört oder bedroht werden.
Und die Spuren von Tieren?
Grundsätzlich sind Tierspuren für die Jagd gar nicht so relevant. Bei der Ansitzjagd etwa wartet man auf dem Hochsitz, bis ein Tier vorbeikommt. Bei der Pirschjagd schleicht man sich an das Tier heran. Spuren sind aber auch hier nicht zentral für die Jagd, da das Tier oft schon längst wieder weg ist, wenn man seine Spur entdeckt. Dennoch ist das Spurenlesen Bestandteil der Jagdausbildung. Da lernt man zum Beispiel verschiedene Spuren zu unterscheiden. Hufabdrücke, Pfoten, Vogelfüsse. Dann gibt es auch die sogenannten Frassspuren. Viele Wildtiere sind nämlich sehr selektive Fresser. Sie mögen junge Triebe und Blätter. Wenn ein Tier ein paar Ästlein an- oder abgeknabbert hat, sieht das aber nur das geübte Auge. Bei den Wildschweinen ist das ganz anders. Wo sie unterwegs waren, sieht nichts mehr aus wie vorher. Alles ist richtiggehend umgegraben, das sind massive Zerstörungen, nicht selten von Ackerland.
Ganz besonders achten wir auf die Wildwechsel, zum Beispiel von Rehen. Die erkennt man an abgefegten Büschen oder geschälten Baumstämmen. Wenn wir sorgfältig auf die Spuren von Wildtieren achten, können wir ziemlich genau sagen, wie sie sich wann im Wald bewegen.
Rainer Klöti schaut auf die Uhr. Er muss los. Zu erzählen hätte er noch viel – über Vorurteile und die Viefalt der Aufgaben eines Jägers, über die Eigenarten und Lebensweisen verschiedener Wildtiere.
Und über das Warten.


Bilder: Yumiko Huguenin-Dumittan
Rainer Klöti (*1954), ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. 1978 machte er die Jagdprüfung, von 2012 bis Anfang 2025 war er Präsident von ‹Jagd Aargau›, dem Aargauischen Jagdschutzverein. Klöti promovierte 1982 in Zürich zum Dr. med. und war bis vor Kurzem als Rheumatologe tätig. Er war Gründungsmitglied und langjähriger Verwaltungsrat des Medizinischen Zentrums Brugg, Präsident des Ärztevereins Bezirk Brugg und von 2001 bis 2010 FDP-Grossrat.
