2018, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 28, Sport

Mit allen Wassern gewaschen

Sie trainiert im eisigen Winter, sie trainiert in der Gluthitze des Sommers – Hauptsache, die Kanutin Naemi Brändle ist in ihrem Element: dem Wasser! Sie fährt an Weltcups, ist Elite Schweizermeisterin und hat eine Weltmeisterschaftsmedaille geholt: Mit nur 17 Jahren hat die junge Sportlerin bereits erreicht, wovon andere nur träumen!

Kanuslalom ist für Naemi Brändle mehr als nur ein Hobby. Es ist eine Leidenschaft, für die sie ihr Leben vor drei Jahren auf den Kopf gestellt hat. Sie liess ihre Familie in Schaffhausen zurück und zog nach Aarau. Denn die Sportkanti bietet ihr das ideale Umfeld, auch während der Schulzeit intensiv zu trainieren. Ein grosser Schritt, den sie da gemacht hat, aber bereuen tut sie es auf keinen Fall. Im Gegenteil, sie meint: «Klar war es nicht leicht, von zu Hause wegzugehen. Aber es war für mich von Anfang an klar: Ich will diesen Sport machen, und dafür tue ich, was ich tun muss.» Die Medaillen, die Brändle an ihren Wettkämpfen sammelt, geben ihr Recht: Mitte Juli hat sie sich den dritten Platz auf dem Podest der Weltmeisterschaft erkämpft. Nun möchte sie sich nächstes Jahr für die Olympiade in Tokyo qualifizieren.

Im Moment ist an das Training für diese Qualifikation jedoch nicht zu denken: Anfang August hat sie sich das Bein gebrochen – ein harter Schlag! «Es ist genau Mitte Saison beim Ballspielen mit Freunden passiert. Noch zwei Weltcups und die Europameisterschaft wären angestanden, wo ich viel Erfahrung hätte sammeln können und Podest-Chancen gehabt hätte.» Trotzdem lässt sich die Sportlerin nicht unterkriegen: «Ich bleibe positiv und optimistisch. Ein Beinbruch ist etwas, das wieder verheilt!» Tatsächlich soll die erfolgreiche Sportlerin schon bald das Training im Wasser wieder aufnehmen können.

Ob Winter oder Sommer – Naemi Brändle ist eine Outdoor-Sportlerin und trainiert in offenen Gewässern wie Wildwasser und Kanälen, meistens in Zürich. Dort lernt sie all die Fähigkeiten, welche sie an Wettkämpfen unter Beweis stellen muss.

Eine der Herausforderungen liegt darin, dass die Kanuten sich nicht auf den Lauf vorbereiten können. Wenn Brändle am Wettkampf lospaddelt, fährt sie den Parcours zum allerersten Mal. Es gilt, den Slalom möglichst schnell zu absolvieren und dabei kein Tor auszulassen! Das Berühren der Tore hat Strafsekunden zur Folge.

Naemi Brändle ist fasziniert, die eigene Kraft mit derjenigen des wilden Wassers zu kombinieren und das Kanu durch die Fluten zu steuern. Es geht darum, die Strömung des Wassers gekonnt auszunutzen und die eigene Kraft richtig einzusetzen, das Tor korrekt anzufahren, das Paddel zum richtigen Zeitpunkt in die Fluten zu stecken und das Heck des Bootes unter den Stangen durchzudrücken.

Weil wir in der Schweiz kaum geeignete Kanäle zum Trainieren haben, ist Brändle rund 120 Tage im Jahr in Trainingslagern im Ausland. Das kostet eine Menge Geld. Deshalb ist sie auf Sponsoren angewiesen. «Eine Saison kostet mich durchschnittlich 27’000 Franken», sagt sie. «Trainingslager, Wettkämpfe und Ausrüstung sind die Haupt-Ausgabeposten.»

Das nächste grosse Ziel, auf das es sich vorzubereiten gilt, ist die Olympia-Qualifikation. Die Konkurrenz ist vor allem international, aber Naemi Braendle kennt die meisten ihrer Kontrahentinnen. «Wettkampf hin oder her: In dieser Sportart sind alle miteinander befreundet. Wir sind wie eine grosse Familie», schwärmt sie.

Es ist der sympathischen Sportlerin zu wünschen, dass ihre Verletzung möglichst schnell ausheilt, damit sie die Olympia-Qualifikation mit dem nötigen Elan angehen kann!
In diesem Sinn: See you in Tokyo!

Von Nadine Girod, G4L