2020, Im Fokus, Licht, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 32

Mit Blaulicht fahren – ein erhöhtes Risiko

Sobald eine Sirene ertönt oder ein Blaulicht auftaucht, Marcel Klauenbösch ist sich sofort bewusst: «Meine Kollegen haben einen Einsatz.» Seit über 20 Jahren ist der grosse Mann mit dem verschmitzten und warmen Lächeln im Rettungsdienst tätig.

«Egal wo man ist, wir haben maximal drei Minuten zum Ausrücken. Auch wenn das Essen vor der Nase steht.» So sah der Alltag des heute 47-Jährigen aus, bis er 2014 Leiter der Kantonalen Sanität-Notrufzentrale im Kanton Aargau wurde. Das grosse Betongebäude der Kantonspolizei im Aarauer Telli-Quartier ist seit über drei Jahren der neue Hauptsitz der drei Zentralen: Sanität, Feuerwehr und Polizei. Auch wenn seine Zeit als Sanitäter vorbei ist, leistet Marcel Klauenbösch neben seiner Arbeit auch Pikett-Dienst. Wann immer schwerwiegendere Unfälle geschehen, rückt er mit Blaulicht aus und hilft seinen Kollegen vor Ort als Einsatzleiter.

«24/7, 365 Tage sind wir bereit. Wir können nicht sagen: Ruft morgen wieder an.» Mit ruhiger, gelassener Stimme erzählt er entspannt von seinen Zeiten als Rettungssanitäter, auch wenn dieser Lebensabschnitt alles andere als ruhig war. «Das erste Bild, das man von der Einsatzstelle erhält, darf man sich nicht im Kopf festsetzen. Denn wir müssen immer flexibel und am Einsatzort für alles gewappnet sein. Aber klar, man macht sich immer Gedanken.» Das Ziel des Rettungsdienstes bestehe allerdings nicht nur darin, so schnell wie möglich am Unfallort anzukommen, sondern schon während der Blaulichtfahrt den Fokus immer auf die Strasse und die Mitmenschen zu richten. Ein 360-Grad-Blickwinkel helfe, sagt er, das erhöhte Risiko, welches durch das Blaulicht entstehe, zu mindern. «Vollgas geben ist nicht zielführend. Es nützt niemandem, wenn man selbst einen Unfall verursacht und dem Patienten in Not nicht mehr helfen kann.»

Was »Blaulicht fahren» bedeutet
Sobald der Rettungsdienst an einem Einsatzort eintrifft, ist die Patientensicherheit das A und O. Der Fokus liegt ganz auf dem Einsatz selbst, nicht auf dem eigenen emotionalen Befinden. «Man darf nicht die Erwartung haben, alle retten zu können.» Mehr als nur einmal erlebte Marcel Klauenbösch, wie eine Person noch am Einsatzort verstarb und aus den Armen der Familie genommen werden musste. «Wir sind nicht hier, um jemandem ein Pflaster um den Finger zu legen. Wir sind hier, wenn die ganze Hand ab ist», sagt er und schaut aus dem Fenster. Die schlimmsten Unfälle, ergänzt er, seien aber immer die, bei denen die Opfer keine Schuld tragen. Jedoch fügt er hinzu, dass das Sterben, vor allem im Alter, genauso zum Leben gehöre wie der Anfang. «Das ist der natürliche Rhythmus eines Menschen.» Und das gilt auch dann, wenn etwa eine Geburt im Taxi oder während der Fahrt im Rettungswagen geschieht. Solche Momente miterleben zu dürfen, sagt Klauenbösch, sei etwas Aussergewöhnliches. Und auf die Frage, was denn nun «Blaulicht fahren» für ihn bedeute, antwortet er ganz einfach und direkt: «Was beim Blaulichtfahren wichtig ist: Fahre nie schneller, als dein Schutzengel fliegen kann.»

Von Alina Pallikudiyil und Aurora Wildi, G3L