2026, Kultur, Rollen, Sage & Schreibe Nr. 42

Möwenflug

Von Livia Reichart

Ich schaue aufs Meer hinaus. Wuchtige Wellen, die auf die Küste einschlagen. Die Luft ist kalt. Schneidend. Hier sassen wir, du und ich. Vom Krieg erzähltest du. Ich sitze im Sand. Er ist weich. Warm. Die Bomben, die Flammen, die Schreie. Jedes Detail erwähntest du, und zugleich fürchtetest du, du würdest deine Enkelin mit den schrecklichen Geschichten erschrecken.
Ich war nie verängstigt. Doch als ich Bilder von deinem zerschossenen Haus sah, bekam ich Angst. Was, wenn uns das Gleiche passiert, irgendwann, so viele Jahre später? Jetzt höre ich das Säuseln der Grashalme und das wilde Rauschen der Wellen. Zwei Möwen, die wenige Meter neben mir sitzen, fliegen auf, schweben über die schaumigen Wellen davon.
Ich möchte so eine Möwe sein. Ich möchte zu den Wolken fliegen, die Welt von oben beobachten. Frei – und ohne Angst vor dem Krieg. Ich möchte frei sein, so frei wie diese Möwen. Und ich würde zu dir fliegen. Zurück in die alten Tage, als du Feuer machtest im Herd und Suppe kochtest für mich.
Ein Donner. Ich zucke zusammen. Wie klingt die Explosion einer Granate?
Ich lege den Kopf in den Nacken. Der Wind wird stärker. Das Rauschen des Meeres, und das Kreischen der Möwen. Ich atme aus. Und sauge die klare Luft wieder in mich hinein. Ich spüre, dass du neben mir sitzt. Du riechst nach Feuer und Rauch. Ich fahre mit den Fingern durch den Sand, balle die Hände zu Fäusten, und lasse die feinen Körner zwischen den Fingern hindurchrieseln. Regen? Ich öffne die Augen und strecke die Hand aus. Tatsächlich. Ein Tropfen klatscht auf meine Stirn. Wieder zucke ich zusammen. Ich seh dich. Dort vorne, am Horizont, dort stehst du. Und diesmal bist du es wirklich. Du lebst! Ich stehe auf, renne auf dich zu. Der Regen wird immer stärker. Der Donner grölt, der Wind heult, die Wellen schlagen krachend gegen die Klippen. Wo bist du? Ich kann dich nicht mehr sehen. – Warte auf mich. Ich komme! Immer schneller renne ich, doch du bist weg, und mit jedem Schritt werden meine Kräfte weniger. Ich bleibe stehen. sinke auf den Boden, in den kalten Sand, sinke tiefer und tiefer. Ich schreie.
Mein Atem wird langsamer, ruhiger. Ich schliesse die Augen, denke an die Möwen, die Wolken, die Freiheit. Dann höre ich auf zu atmen. Es fühlt sich gut an. Ich lasse los, und jetzt fühle ich die Flügel, ich schwebe, ich fliege. Dir nach.

Hier liest Livia Reichart ihren Text: