2026, Alte Kanti, Druck, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 43

Musikalisches Charisma

In memoriam Tomas Dratva (1968-2025)

Von Nathalie Laesser Zweifel, Klavierlehrerin

Sein verschmitztes Lächeln, wenn ihm ein überraschender oder interessanter Gedanke kam. Das passionierte Mitsingen, wenn wir zusammen an zwei Flügeln für ein Konzert probten. Eine tiefe Menschlichkeit, wenn es um Lebensfragen ging. Die sprühende Begeisterung, wenn wir über die tschechische Eishockeymannschaft sprachen. Der Respekt, den er seinen Schülerinnen und Schülern ebenso wie den Kolleginnen und Kollegen entgegenbrachte. Der Schalk in den Augen, die vor dem Konzertauftritt hinter der Bühne gute Laune verbreiteten. Die Offenheit, für die junge Generation und auch für neue pädagogische Ansätze. Die Virtuosität, die seinem Spiel eine Dringlichkeit und Durchdrungenheit gab. Der tiefe Respekt, den er in seiner täglichen Arbeit den Komponistinnen und Komponisten und ihren Werken zollte: Das war Tomas.
Meine persönlichen Erinnerungen an Tomas widerspiegeln, wie stark er durch seine Persönlichkeit das Umfeld prägte, wie alles im Dialog mit der Musik stand, die von tiefer Emotion und geistiger Durchdringung lebte. Wer Tomas spielen hörte, spürte, wie er seinen Werken eine ganz eigene, charismatische Stimme verlieh. Sein Spiel war wie sein Wesen: präzise, leidenschaftlich und stets auf der Suche nach dem richtigen Ton.

So hat es Tomas meisterhaft verstanden, Pachelbels „Hexachordum Apollinis“ auf einem modernen Flügel zu spielen und dabei den Klang eines Cembalos zu suggerieren. Ich erinnere mich an die Hauptprobe kurz vor der CD-Aufnahme, als ich das fast einstündige Werk anhören durfte und wir uns anschliessend lange darüber unterhielten, wie man es fingertechnisch fertigbringt, einen modernen Flügel wie ein historisches Instrument klingen zu lassen: viel Klangrecherche, viel Zeit und ganz viel Passion. Faszination fürs Detail, für Genauigkeit, für die historische Annäherung und klangliche Variabilität. Und dies mit einer Dringlichkeit, die ihm keine Ruhe liess, bis er fand, wonach er gesucht hatte.

Wenn nötig, sogar nachts. Als er in der Villa Wahnfried auf Richard Wagners Flügel die «Années de pèlerinage» von Franz Liszt einspielen durfte, das Haus tagsüber aber für die Öffentlichkeit zugänglich war, mussten die CD-Aufnahmen halt zu später Stunde stattfinden. Von der geisterhaften nächtlichen Atmosphäre hat mir Tomas oft erzählt, wie sie ihn inspiriert habe, um beim Spiel die Geschichte zum Leben zu erwecken.

Als engagierten Pädagogen durfte ich Tomas bereits als Schülerin im Klavierduo-Unterricht erleben. Er gab weit mehr als nur Wissen und Fertigkeiten weiter. Mit Geduld und einer unerschöpflichen Begeisterung für die Musik verstand er es, uns junge Menschen zu formen und uns neugierig zu machen für ungewohnte Lösungsansätze: unkonventionelle Fingerbewegungen und Artikulationen – die einen überraschenden Klang hervorzauberten. Er forderte viel, doch er tat dies immer mit einer Zugewandtheit, die uns Schülerinnen und Schülern das nötige Vertrauen schenkte. Für viele war er nicht nur ein Lehrer, sondern ein prägendes Vorbild.

In den vielen Jahren, die ich inzwischen im Kollegium mitarbeite, war Tomas immer ein Fels in der Brandung: Nach 17 Jahren Fachschaftsleitung konnte ihn so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen: Jeder neuen Herausforderung stand er mit offenen Ohren und kritischem Denken gegenüber.

Tomas prägte die Atmosphäre unserer Fachschaft und unserer Schule durch sein Charisma und eine gelebte Menschlichkeit, die sich in jedem Gespräch und jeder Zusammenarbeit offenbarte. Seine Verbundenheit mit der Alten Kanti war stark, sein Rat war gewichtig, seine Hilfsbereitschaft selbstverständlich. Seine Begeisterung hat in vielen von uns einen Funken entzündet, den wir weiter in uns tragen werden.

Tomas Dratva starb am 11. Oktober 2025 unerwartet an den Folgen einer Operation.