Von Stefan Läderach
«von unterwegs gesendet in entsprechender kürze und orthographie – sent from the road – where the pavement ends – please excuse brevity and spelling»
Dieser Satz, am Ende so mancher E-Mail von Hannes Giger zu lesen, lässt schon einige der zahlreichen Facetten des nicht nur an der Alten Kanti sehr geschätzten Musikers anklingen. Dass er Lehrer für Kontrabass war, verriet bereits der Absender seiner elektronischen Nachrichten: lowfrequency@gmx.ch. Es waren die tiefsten Töne, die Hannes als Kontrabassist zum Konzert unserer bunten Truppe im János Tamás-Haus beitrug.
Hannes Giger muss tatsächlich ständig unterwegs gewesen sein zwischen den Arbeitsorten in Brugg, Frick, Aarau, Baden, Olten – oder als Zuzüger bei diversen Orchestern, von Chur über Basel bis nach Dresden. Und doch kamen seine elektronischen Antworten meist sehr speditiv, eben schon von unterwegs, worunter brevity and spelling übrigens kaum je zu leiden hatten.
On the road war Hannes während seines gesamten Arbeitslebens, im übertragenen Sinn ebenso wie geografisch, mit Fahrrad, Mini oder ÖV, wobei die Wahl des Verkehrsmittels nicht zuletzt davon abhing, ob nur der Bogen oder auch das Instrument mitkommen musste. Das Studium führte ihn nach der Matura an der Alten Kanti Aarau von Basel über Genf in die USA, wo er in diversen Ensembles und Jazzbands mitspielte. Seither ist Hannes in ungefähr jedem Musikstil zuhause, in welchem sein Instrument gebraucht wird: Jazz, Bluegrass, Klezmer und Schweizer Volksmusik sind ihm alle ebenso lieb und vertraut wie die Welt der klassischen Musik. Entsprechend war es ihm als Instrumentallehrer wichtig, seinen Schülerinnen und Schülern all diese Musikrichtungen ebenfalls näherzubringen und sie zum Experimentieren zu animieren.
Seine Anstellung an der Alten Kanti im Jahr 2014 nach rund drei Jahrzehnten eines vielfältigen Berufslebens hat Hannes wie eine Heimkehr nach langer Reise erlebt: Da war der altvertraute Ort, aber alle Gesichter waren ebenso neu wie die Rolle als Lehrer an der Kantonsschule. Hannes genoss es, nun auch auf dieser Stufe zu unterrichten (später dann auch in Wettingen und Olten) – intelligente und motivierte Schüler/-innen, mit welchen er auf Augenhöhe sprechen und arbeiten konnte und die sich von ihm gerne auch etwas aus ihrer Komfortzone holen liessen.
Hannes Gigers Schülerinnen und Schüler waren wenige, aber immer von entscheidender Bedeutung für jedes Konzert des Kantiorchesters. Stets animierte er sie, aktiv und loyal im Kantiorchester mitzuwirken, wofür er in den tiefsten und höchsten Tönen zu loben ist. Und wenn es gelegentlich The Master Himself brauchte, war er auch dafür zu haben. Dass seine Kontrabassist(inn)en auffallend oft überdurchschnittlich versiert waren, hatte er in der Regel sich selbst zu verdanken, da er die meisten von ihnen bereits an einer der verschiedenen Musikschulen von Beginn an unterrichtet und sozusagen an die Alte Kanti mitgebracht hatte. Sein pädagogisches Hauptanliegen ging aber über die Kantizeit hinaus (und was wäre denn sonst das Hauptmerkmal eines guten Lehrers?), wollte er doch seinen Schülerinnen und Schülern das Rüstzeug mitgeben, um sich in ihrem späteren Leben, auf der freien musikalischen Wildbahn, mit Freude und Können weiter zu betätigen.
Hannes war ein sehr geduldiger Lehrer, der aber keineswegs passiv unterrichtete – im Gegenteil: seine Schülerinnen und Schüler spürten stets seine Leidenschaft für den Bass und die Musik sowie seinen Willen, sie fortwährend zu fördern. Nebst dem Kontrabassspielen, den Übungstechniken und den zahlreichen Stücken, die sie im Kontrabassunterricht bei Hannes erarbeiteten, lernten sie zudem, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.
Es fällt nicht leicht, sich Hannes nun plötzlich retired statt on the road vorzustellen – aber es ist wohl auch nicht nötig, da er als Kontrabassist gewiss weiterhin auf den verschiedensten Wegen und Stegen unterwegs sein wird, sei es mit, sei es ohne pavement.
