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Rollenbilder im Wandel der Zeit

Die gesellschaftlichen Rollenbilder von Frauen und Männern haben sich in den letzten Jahrzehnten markant verändert. Warum löst Gleichberechtigung heute neue Verunsicherungen aus? Und weshalb verschieben sich die Konfliktlinien zunehmend weg von starren Geschlechtermustern? – sage&schreibe hat beim renommierten Soziologen, Alters- und Generationenforscher François Höpflinger nachgefragt.

Von Seraina Graber, Yumiko Huguenin-Dumittan und Alyssa Seiler, G23B

François Höpflinger empfängt uns bei sich zuhause in Horgen. Nach einer herzlichen Begrüssung geht es gleich zur Sache: Die Schweiz habe vergleichsweise lange an traditionellen Rollenbildern festgehalten, sagt Höpflinger. Das Frauenstimmrecht wurde erst 1971 eingeführt, die partnerschaftliche Ehe gar erst 1988. Bis dahin benötigten Frauen die Zustimmung ihres Ehemannes, wenn sie erwerbstätig sein wollten. Das klassische Modell war eindeutig: Der Mann sorgte für das Einkommen, die Frau für Haushalt, Kinder und soziale Beziehungen. «Die berühmten drei K – Küche, Kirche, Kinder», folgert Höpflinger. In Frankreich oder Schweden waren Frauen dagegen deutlich früher und häufiger berufstätig. Dass dieses Modell in der Schweiz so lange Bestand hatte, lag auch am Wohlstand: Ein einzelnes Einkommen reichte oft aus, um eine Familie zu ernähren. In den letzten 30 bis 40 Jahren habe sich diese Realität jedoch radikal gewandelt. Heute sind in vielen Haushalten zwei Einkommen notwendig – ein Umstand, der die traditionellen Rollen zunehmend unter Druck setzt. «Nicht zuletzt deshalb», sagt Höpflinger, «sind die Rollenbilder heute weniger klar definiert als früher.»

Erziehung in der kleinen Familie
Auch in der Erziehung zeigt sich dieser Wandel. Während früher autoritäre Erziehungsstile dominierten und Kinder anstandslos zu gehorchen hatten, entscheiden sie heute in vielen Familien bereits früh mit – zum Beispiel über Alltägliches wie das Essen oder die Kleidung. Da man heute weniger Kinder habe als früher, sagt Höpflinger, investierten die Eltern mehr in die Kinder, «finanziell, zeitlich und emotional». Zudem ändere sich aufgrund der kleineren Familien die soziale Struktur: Man habe seine Grosseltern länger, dafür weniger Onkel und Tanten und Cousinen und Cousins. Kinderreiche Familien sind in der Schweiz sehr selten geworden. Darin spiegelt sich ein Wertewandel in unserer Einschätzung der Familiensituation: «Lange Zeit galten enge, private Familienverhältnisse als positiv, heute ist das anders. Wenn man nur wenige Kontakte nach aussen pflegt, hat das negative Auswirkungen», erläutert Höpflinger. Auch sonst habe sich viel verändert in der Wahrnehmung von Beziehungen – und zwar zum Guten. So habe noch in den 1970er-Jahren in der Ausbildung von Sozialarbeitenden gegolten: «Ein Telefongespräch von mehr als 20 Minuten ist ein zuverlässiger Hinweis auf depressive Symptome», schmunzelt er.

Wenn traditionelle Rollen moderne Lebenswelten blockieren
In vielen Ländern und Kulturen bestehen noch heute stark traditionell geprägte Rollenvorstellungen. Doch sie geraten zunehmend in Konflikt mit modernen Arbeits- und Lebensbedingungen. In Südkorea etwa führen starre Geschlechterrollen dazu, dass viele junge Frauen auf soziale Freiheit setzen und auf Ehe und Kinder verzichten. «Moderne Lebenswelten», sagt Höpflinger, «lassen sich mit alten Struktur- und Zuständigkeitsmodellen von Familie kaum mehr vereinbaren.»

Verunsicherte Männer, selbstbewusste Frauen
Und wie ist das nun mit den Männern und Frauen? Laut Höpflinger hat die moderne Hirnforschung gezeigt, dass es überraschend wenige hirnorganische Unterschiede zwischen den Kategorien weiblich und männlich gibt. Die hirnphysiologischen Differenzen seien innerhalb der Geschlechter-Kategorien insgesamt gar grösser. Die körperliche Leistungsfähigkeit sei einer der wenigen Bereiche, in dem die Trennung der Geschlechter nach wie vor offensichtlich sei. Gleichzeitig würden auch hier frühere Männerdomänen wie das Schwingen oder Kampfsportarten zunehmend von Frauen erobert.

Das Selbstbewusstsein von Frauen scheint also zu wachsen. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Männer. Höpflinger sagt: «Während Frauen im Bildungsbereich stark aufgeholt haben – in vielen Mittel- und Hochschulen sind sie heute sogar in der Mehrheit – geraten Männer teilweise in eine defensive Position. Was selbstbewusste Weiblichkeit ist, das weiss man. Aber was selbstbewusste Männlichkeit in einer Gesellschaft mit starken Frauen bedeutet, weiss niemand so genau.» Diese Unsicherheit und Orientierungslosigkeit zeige sich besonders bei bildungsfernen jungen Männern, die häufiger durch Gewalt oder soziale Probleme auffallen.

Gleichberechtigung und traditionelles Familienmodell
Zwar ist Gleichberechtigung gesellschaftlich längst breit akzeptiert, doch in der Alltagsrealität bleibt sie oft unvollständig. So helfen Männer heute zwar mehr mit bei der Erziehung und im Haushalt – organisieren müssen den Familienalltag jedoch nach wie vor mehrheitlich die Frauen. Auch in Bezug auf die Einkommenssituation zeigen sich in der jüngsten Zeit keine wesentlichen Verschiebungen: Das Modell etwa, bei dem beide Elternteile gleich viel arbeiten, hat sich kaum durchgesetzt. Am weitesten verbreitet ist gemäss Höpflinger noch immer das Modell, das ein hohes Erwerbspensum des Mannes und allenfalls Teilzeitarbeit der Frau vorsieht. Besonders in ländlichen Regionen halte sich hartnäckig die Vorstellung, es schade Kindern, wenn Mütter arbeiten. Dabei sei es aus Sicht der Forschung für Kinder letztlich zweitrangig, ob Mutter, Vater oder Grosseltern die Betreuung übernähmen; entscheidend sei einzig eine stabile Bezugsperson. Problematisch werde es dort, wo Kinder emotional allein gelassen oder in gewalttätige Verhältnisse hineingeboren würden. Insgesamt, sagt Höpflinger, seien die Familienverhältnisse in der Schweiz jedoch stabiler als oft angenommen: Während früher viele minderjährige Kinder von Scheidungen betroffen waren, betrifft dies heute häufiger erwachsene Kinder. Dies hat nicht selten damit zu tun, dass nach dem Auszug der Kinder die Paarbeziehung neu definiert werden muss. Alles in allem sei die Familie in der Schweiz in vielen Bereichen noch relativ traditionell, so Höpflinger.

Neue Konfliktlinien
Die grossen gesellschaftlichen Spannungen verlaufen laut Höpflinger heute weniger zwischen Frauen und Männern als zwischen Stadt und Land, Arm und Reich sowie entlang von Bildungshorizonten. Interessant ist auch der Wandel bei Partnerschaften: Während Scheidungen früher häufiger bei gut gebildeten Frauen vorkamen, lassen sich heute zunehmend Frauen mit niedrigerem Bildungsniveau scheiden. Konstant geblieben ist hingegen, dass Frauen meist einen etwas älteren Partner wählen. Allerdings hat sich auch die Partnersuche verändert: Viele Beziehungen beginnen im virtuellen Raum. Nicht unbedingt eine gute Grundlage für langfristige Beziehungen, meint Höpflinger, denn: «Die digitale Partnersuche erleichtert zwar das Kennenlernen, fördert aber auch die Fixierung auf kurzfristige Gemeinsamkeiten.»

Die Familie bleibt
Trotz aller Veränderungen in Bezug auf die Rollenbilder bleibt der Wunsch nach Familie stabil. Höpflinger erzählt vom Besuch einer Ausstellung im Landesmuseum in Zürich: «Kinder aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen hatten Familienzeichnungen gemacht. Auffällig war dabei: Schweizer Kinder zeichneten meist kleine Familien, Kinder aus arabischen Ländern hingegen grosse. Die Kleinfamilie scheint also in der Schweiz die Norm zu sein – doch auch alternative Familienformen sind gesellschaftlich akzeptiert.»
Der gesellschaftliche Wandel, so viel ist klar, ist in vollem Gange – aber er bleibt unvollständig, widersprüchlich und voller neuer Herausforderungen. François Höpflinger bringt es abschliessend auf den Punkt: «Der gesellschaftliche Diskurs über Rollenbilder hat sich wohl stärker und schneller verändert als die gelebte Wirklichkeit.»


Bild: Vitus Le Bourgeois