2018, Im Fokus, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 27, Sinn

«Schau, deine Schuhe sind Mittwoch!»

Stell dir vor, der September wäre hellgrün, der Februar eisig-rosa, das «E» gelb, alle 20er Zahlen rötlich und die Melodie der Schulglocke orange. Genau so geht es Victoria Dvořák, einer Schülerin der Alten Kantonsschule Aarau. Wir treffen sie an einem Mittwoch in einem Café. Sie erzählt uns von ihrem Leben als Synästhetikerin und legt uns ihre ungewöhnliche Wahrnehmung offen: die Verknüpfung von Musik, Zahlen und Wörtern mit Farben. 

 

Lächelnd sitzt uns Victoria gegenüber. Sie fällt mit ihrer offenen und energiegeladenen Persönlichkeit auf. Gleich zu Beginn lässt sie uns wissen: «Es ist einfach meine Art, mir Dinge vorzustellen und zu empfinden. Für mich ist es nichts Spezielles. Ich dachte lange, jeder andere sieht und empfindet die Welt ebenfalls so.» Tatsächlich hat Victoria bis vor einem halben Jahr gar nicht gewusst, dass sie Synästhetikerin ist.  

Klangfarben 

Uns interessiert natürlich brennend, wie ihr Geheimnis gelüftet wurde. Sie meint lachend, dass ihr «Klangfarben» schon länger ein Begriff waren. Sie habe sich darunter vorgestellt, dass jeder Klang eine bestimmte Farbe besitze, mehr nicht. Die wahre Bedeutung des Begriffes erfuhr sie erst im Schwerpunktfach Musik, als der Lehrer über Klangfarben sprach und erklärte, dass Klangfarben im einfachsten Sinne die charakteristische Art eines Klanges bezeichneten. Als sie dem Lehrer dann ihre eigene Vorstellung von Klangfarben näherbrachte, meinte dieser begeistert, dass sie Synästhetikerin sei. Schmunzelnd sagt sie: «Ich verstehe bis heute nicht, warum der Lehrer so aus dem Häuschen war.»  

In der Folge setzte sie sich genauer mit dem Thema auseinander, recherchierte im Internet und wurde sich bewusst, dass sie nicht nur Töne und Melodien mit Farben assoziiert, sondern auch Zahlen, teilweise Buchstaben oder sogar ganze Wörter, wie zum Beispiel Wochentage oder Monate. Am intensivsten ist das Farberlebnis aber im Zusammenhang mit Musik; genauer gesagt mit komplexer, anspruchsvoller Livemusik, mit Vorliebe Jazz oder Klassik. Wild gestikulierend erzählt sie, dass die Farben genau bei diesen Musikstücken ein wahres Feuerwerk bilden, von überall her einfliessen und ein buntes, strukturiertes Kunstwerk bilden. Begeistert berichtet uns Victoria von ihrem letzten Livekonzert: «Die Farben waren sehr klar. Die Strukturen variierten jedoch. Als die Violine anfing zu spielen, sah ich von rechts grüne Farbe ins Bild fliessen. Ein Grün, welches ganz leicht die Struktur von Violinsaiten aufwies. Im Vergleich dazu tauchten bei Klaviertönen perlige, abgerundete Strukturen auf.» Im Gegensatz zu diesen lebendigen Bildern stehen beispielsweise Popstücke aus der Konserve. «Da sind die Farben schwach und dumpf», sagt sie. «Ich weiss auch nicht, da kann ich irgendwie nur «zuschauen», und das ist überhaupt nicht interessant für mich. Das könnte der Grund sein, warum ich nicht der grösste Fan von Popmusik bin.»  

Das Raumverstehen 

Trotz der Farbexplosionen, die Victoria uns näherzubringen versucht, können wir uns ihre Impressionen noch nicht genau vorstellen. Sie fügt also hinzu: «Meine Wahrnehmung zu erklären, ist sehr schwierig. So, als ob man jemandem versuchen würde zu erklären, wie man atmet.» Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass sie ihre Wahrnehmungen nicht steuern kann und sich alle Verknüpfung in ihrem Unterbewusstsein abspielen. «Ich habe schon versucht, die Farben zu beeinflussen, aber die wahre Farbe scheint durch und gewinnt schliesslich die Oberhand.» Sie fährt sich durch ihre welligen Haare, rutscht auf dem Stuhl vor und zurück und überlegt lange. «Es fühlt sich an, als ob man in einem weissen Raum steht, und dann füllt sich dieser Raum langsam mit Farben, die von überall hereinfliessen.» Und so müssen wir uns das konkret vorstellen: Unten links befinden sich die dunklen Farben, die dumpfe, tiefe Töne darstellen. Oben rechts befinden sich die hellen, feinen Farben, die beim Hören von hohen Tönen erscheinen. Die Farben strömen in den Raum und bilden einen Teppich. Eine Kombination aus Tönen, einen schnellen Lauf zum Beispiel, nimmt Victoria als Gesamteindruck wahr; daraus ergibt sich dann eine neue Farbe. Ähnlich verhält es sich mit schiefen Tönen: «Wenn jemand falsch singt oder spielt, sind die Farben unrein», beschreibt Victoria mit einem leicht verzogenen Gesicht. Ständig fuchtelt sie wild mit ihren Händen in der Luft, als ob sie versuchte, ihre Beschreibungen visuell zu unterstützen.  

Das Farbenproblem 

Musik und Kunst haben in Victorias Leben schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Als Dreijährige verbrachte sie viele Stunden in einem Atelier, da sie schon immer gerne malte. Mit sieben Jahren fing sie an Klavier zu spielen. Wir fragen sie, ob, zurückblickend, die Synästhesie sich schon in ihrer Kindheit bemerkbar gemacht habe. Mit einem breiten Grinsen erinnert sie sich, dass ihre Schulmäppchen für diverse Fächer bestimmte Farben haben mussten oder dass sie Zahlen von Anfang an in gewissen Farben geschrieben hat. «Es hat mich sonst völlig aus dem Konzept gebracht», lacht Victoria. Auch heute macht sich dies noch bemerkbar. Viktoria runzelt nämlich spontan die Stirn, als wir ihr einen aus kunterbunten Buchstaben bestehenden Text zeigen. «Das stimmt einfach nicht», protestiert sie. «Das «S» ist rot und nicht pink.» Bei einer so reichen Auswahl an Farben möchten wir natürlich gerne wissen, ob sie eine Lieblingsfarbe hat. Ohne nachzudenken antwortet sie: «Ein tiefes Dunkelrosa!»  

Neue Farben 

Zum Schluss lassen wir Victoria Metal hören. Ihrer Aussage zufolge hat sie bisher kaum solche Musik konsumiert. Gespannt setzt sie die Kopfhörer auf, senkt den Kopf und lauscht aufmerksam. Nach einer Weile setzt sie die Kopfhörer ab und schweigt, offensichtlich verblüfft. Auf die Frage, welches Gemälde zustande gekommen sei, erklärt sie, dass sie abgesehen von einem olivgrünen Kasten schwarze und silberne Farbflecke gesehen habe. Ähnliches habe sie noch nie zuvor in einem Musikstück erlebt. 

Wir verlassen gemeinsam den Coffeeshop und sind immer noch überwältigt von der neuen Welt, die wir gerade kennenlernen durften, als Victoria einem Kollegen, der ihr entgegenkommt, zuruft: «Schau, deine Schuhe sind Mittwoch!» 

Was ist Synästhesie?  

Synästhesie ist keine Erkrankung, sondern eine angeborene Besonderheit in der menschlichen Wahrnehmung. Gemäss Definition bezeichnet der Begriff Synästhesie eine Verknüpfung von Sinnesreizen. Etymologisch geht das Wort Synästhesie zurück auf griechisch syn (= zusammen) und aisthesis (= Empfindung). Als Synästhetiker oder Synästhetikerin werden Menschen bezeichnet, bei denen eine solche Sinnesverschmelzung stattfindet. 

Bei der häufigsten Form der Synästhesie nehmen die Betroffenen Gehörtes – wie Sprache, Musik oder Geräusche – unwillkürlich zusammen mit Zweitempfindungen (sog. Photismen) wahr. Bei diesen Photismen kann es sich um Farben, geometrische Formen oder Farbmuster handeln. Den ursprünglichen Auslöser, also den über das Ohr wahrgenommenen Reiz, und die optischen Zweitempfindungen erleben die Betroffenen als Einheit. 

Von Marion Müller und Delia Montagnolo, G3L