Kultur, Sage & Schreibe Nr. 25

Sich mit Worten verstehen – oder besser ohne?

Theater@49 verblüfft das Publikum mit Gilles Dyreks Komödie „Venedig im Schnee“

Haben Sie sich jemals gefragt, was sich im 4. Stock des Einstein-Gebäudes befindet? Vielleicht wussten Sie von der Lehrerbibliothek oder dem Konferenzraum? Doch haben Sie schon einmal etwas vom Theaterraum mit der Quadratzahl 49 an Anzahl Plätzen gehört? Wenn nicht, dann haben Sie etwas verpasst, im Besonderen das letztens aufgeführte Stück „Venedig im Schnee“ unter der Regie von Heinz Schmid und gespielt von den talentierten Schauspielerinnen und Schauspieler mit Namen Michel von Känel, Thomas Waldmeier, Jessica Zybach und Delia Berner. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie besuchten die Alte Kanti; und das ist auch das Markenzeichen der Gruppe Theater@49, all ihre Mitglieder sind Ehemalige der Schule. Die Premiere des Stückes „Venedig im Schnee“ fand am 15. Februar 2017 statt. In der Folge kam es zu einer Reihe weiterer Aufführungen bis in den März.

49

Eine Treppe, zwei Treppen, drei usw., bis es keine Treppe mehr gibt, und ich vor der schweren Holztür stehe, die von Heinz Schmid bewacht wird. Ich nenne ihm meinen Namen, und er hakt mich auf seiner Reservationsliste ab. Ich betrete den Raum, in dem bereits ein aufgeregtes Geflüster zu hören ist. Die Spannung ist auf alle Plätze gleichmässig verteilt, denn alle 49 sind besetzt. Wir sind nun also vollzählig, und ein jeder versucht, aus der Kulisse schlau zu werden. Wir sitzen dort, wo man die Bühne erwarten würde: etwas erhöht, und das Ganze erinnert an eine Arena. Vor uns in der Mitte des Raumes befindet sich eine grosse, weisse Platte, etwas in Schräglage, so dass das Publikum einen perfekten Blick darauf hat.


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Jetzt ist sie noch unschuldig leer, doch wie wir später sehen werden, zeichnen die Schauspieler darauf Teller und Gläser sowie das dazugehörige Essen und Trinken. Hinter dieser als Esstisch getarnten Schreibtafel sind einige Stapel mit Kisten zu sehen. Sie stehen so vor der Wand, dass das Dahinter nicht mehr sichtbar ist – wichtig für das grosse Finale –, zudem ist in der hinteren linken Ecke eine Kartontafel mit der Aufschrift „Küche“ an der Decke, auf der rechten Seite eine Tafel, die das „Schlafzimmer“ anzeigt. Die Kulisse ist schlicht, praktisch, lenkt nicht mit irritierenden Farben vom eigentlichen Spektakel – dem Schauspiel – ab.

Kennen Sie Chouwenisch?

Nur vier Personen sind auf der Bühne zu sehen: Zwei Pärchen, das eine, das offensichtlich perfekt und überglücklich ist und bald heiraten wird, das andere, das bereits genervt auf der Bühne erscheint. Der Grund dafür ist, dass die Frau namens Patricia einen anderen Mann getroffen hat und ihrem Freund Christophe – um ihn eifersüchtig zu machen – erzählt, sie wisse noch nicht, wie es weitergehen werde mit eben diesem fremden Mann. Christophe ist verärgert, zudem sind sie wegen ihres Streits zu spät bei seinem ehemaligen Kollegen Jean-Luc und dessen Verlobten Nathalie angekommen. Die beiden Männer kennen sich von der Zeit an der Uni, und Jean-Luc fand ein Treffen eine gute Idee. Doch das sorglose Paar scheint besonders der angespannten Patricia vor Augen zu führen, dass es bei ihr nicht so läuft, wie es eigentlich sollte.

Ausserdem wollte sie nie mit auf den Besuch bei Jean-Luc. Sie beschliesst, kein Wort zu sagen, und bald denkt sich Nathalie, dass Patricia womöglich ihre Sprache, nämlich Französisch, nicht verstehe. Dieses Missverständnis kommt Patricia gerade recht, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen: Sie erfindet eine Sprache, genannt Chouwenisch, die man angeblich in einem kleinen Land des ehemaligen Jugoslawiens spricht. Mit Händen und Füssen versuchen sich die beiden Duos zu verständigen, doch als das Traumpaar sich plötzlich dazu entschliesst, Patricia so einiges aus der Wohnung zu schenken, wie zum Beispiel den alte Fernseher, damit sie diesen ihren armen Verwandten bringen kann, wird es Christophe doch sehr unangenehm.

Er versucht, seinem Uni-Kollegen und dessen baldiger Ehefrau zu erklären, was es mit dem Chouwenisch auf sich hat – dass es nämlich nur ein Spass sei, und Patricia Französisch perfekt verstehe. Doch Jean-Luc und Nathalie bleiben in ihrer naiven Welt, glauben ihm nicht und möchten stattdessen Patricia ein sehr persönliches Erinnerungsstück in die Hände drücken: die Kugel, die „Venedig im Schnee“ zeigt. Dann aber zögert das Traumpaar doch und zieht sich für ein Gespräch unter vier Augen in die Küche zurück.

Das Blatt wendet sich

Bei dieser Gelegenheit kommen andere Reizthemen zur Sprache. Zum Beispiel, dass Jean-Luc nur auf seine Mutter höre, und er viel mehr Gäste auf die Hochzeit eingeladen habe als Nathalie. Auf der „anderen Seite“ bessert sich hingegen die Stimmung: Patricia und Christophe haben sich beide mit dem Spiel abgefunden, und er stellt ihr sogar einen Heiratsantrag in Aussicht, falls sie es schaffe, die Schneekugel doch noch aus den Fingern ihrer Freunde zu bekommen.
Tatsächlich hält Patricia kurz darauf das schwere Glas in den Händen. Dummerweise aber verplappert sie sich, und das ehemalige Traumpaar erkennt also, dass alles eine Lüge war. Christophe und seine Zukünftige fliehen (mit der halben Wohnung im Gepäck) und lassen ein verdutztes Gastgeber-Paar zurück. Das Stück endet mit dem Zusammensturz der Umzugskisten, und es wird der Blick auf ein projiziertes Fenster frei, durch das der Eifelturm zu sehen ist.

Janina L. Pasinelli, G3A