Ein vollbesetzter Theater-Saal, vier Wissenschaftler/-innen und eine Moderatorin. Dies sind die Eckdaten des «Science Jam», seit 2019 gemeinsam veranstaltet von der Bühne Aarau und der Alten Kanti. sage&schreibe wollte wissen, wie sich aktuellste Forschung aus unterschiedlichsten Bereichen humorvoll und allgemeinverständlich auf der Bühne präsentieren lässt.
Von Denny Hofmann, Mirco Manco und Mike Nunziata, G23B
Die Alte Reithalle in Aarau füllte sich bereits vor Veranstaltungsbeginn. Überraschend viel junges Publikum, eine offene und lockere Stimmung, die Vorfreude auf einen ungewöhnlichen Abend war spürbar. Dass hier und heute keine staubtrockene wissenschaftliche Vortragsreihe zu erwarten war, machte Manon Wohlgemuth, die langjährige Moderatorin des «Science Jam», in ihrer erfrischenden Begrüssung von Anfang an klar.
Der Abend, an dem die Wissenschaft Spass machte
Anne Sophie Biesalski startete den Abend mit «Mindcraft Neuroedition» und lieferte eine faszinierende Präsentation darüber, wie Videospiele – sogenannte «Educational Games» – eingesetzt werden können, um das Erlernen äusserst komplexer Themenbereiche der Neurologie zu erleichtern. Sie erklärte anschaulich, welche neurologischen Prozesse in unserem Gehirn beim «Gamen» ablaufen und inwiefern moderne Game-Technologie im medizinisch-psychologischen Bereich eine durchaus heilende Wirkung entfalten kann. Das war fachlich spannend und gleichzeitig so nachvollziehbar, dass niemand im Saal den Faden verlor.
Dann folgte Alexander Lammers mit seinem Vortrag über soziale Spinnen aus Namibia. Seine Performance führte uns in die faszinierende Welt der Spinnen und zeigte, wie sie uns im Kampf gegen die gefürchteten Antibiotikaresistenzen helfen könnten. Lammers erzählte packend von der Feldforschung in der Kalahari-Wüste, von handballgrossen Spinnennetzen und davon, wie diese Tiere möglicherweise zur nächsten Generation lebensrettender Antibiotika beitragen können. Lammers Leidenschaft für Biochemie war greifbar, sein inneres Feuer für die Forschung spürbar, das Publikum war gefesselt.
Jan Häusser brachte dann Psychologie ins Spiel. Sein Slam trug den Titel «Sprichwörtlich psychologisch oder Macht sauer eigentlich lustig?» Häuser analysierte alltägliche Redewendungen aus psychologischer Perspektive. Er zeigte, welche unbewussten Prozesse hinter unseren liebsten Ausdrücken stecken und warum Sprache so viel über unsere Wahrnehmung verrät. Häuser war lustig, nahm das Publikum mit in sein Forschungsgebiet und animierte es, über eigene Gedankenmuster nachzudenken.
Christoph Abels schloss den Abend mit «Kernschmelze der Demokratie». Sein überaus aktueller gesellschafspolitischer Beitrag hob sich von den anderen ab, weil er auf besondere Weise nachdenklich machte. Abels behandelte so ernsthafte Fragen wie: Auf welche Weise beeinflussen psychologische Faktoren politische Entwicklungen? Wann geraten demokratische Strukturen unter Druck? Abels legte es weniger auf Entertainment an, dafür umso mehr darauf, das Publikum zum kritischen Nachdenken über Politik zu bringen – ohne dabei die Hoffnung zu verlieren. Geradezu wohltuend waren deshalb seine Wortspiele, mit denen er den Saal zum Lachen brachte.
Der Abend, der nachwirkt
Was diesen Abend insgesamt so besonders gemacht hat, war die mutige Kombination aus vier unterschiedlichen Forscher(inne)n, vier verschiedenen Forschungsbereichen und vier unterschiedlichen Herangehensweisen. Jede Performance zeugte nicht nur von herausragender fachlicher Kompetenz, sondern auch von echter Freude am Verstehen und Vermitteln. Da gab es keine anbiedernden Witze, keine aufgesetzten Gesichter. Der Humor entstand natürlich, aus der Sache heraus. Und Manon Wohlgemuth, gelernte Germanistin und Lehrerin an der Alten Kanti, hielt die Fäden jederzeit humorvoll und kompetent in der Hand.
Nach einer Stunde, als alles vorbei war, hatte das Publikum so richtig Lust, zuhause tiefer einzutauchen in die spannenden Themen.

Bild: Aldin Mehdi
Kurzinterview mit Manon Wohlgemuth

Bild: zVg
Modernste Wissenschaft auf einer Theaterbühne, dazu humorvoll und unterhaltsam präsentiert – passt das überhaupt zusammen?
Für mich stellt sich vielmehr die Frage, warum Wissenschaft nicht grundsätzlich so aufbereitet wird. Sie geht uns alle an und prägt – zugespitzt formuliert – die Zukunft der Menschheit. Wissenschaftskommunikation ist zentral, um Forschungsergebnisse sichtbar und verständlich zu machen. Viele Erkenntnisse entstehen über Jahre hinweg im kleinen Kreis und bleiben dennoch weitgehend unbeachtet. Deshalb: Wissenschaft muss nicht zwingend auf die Theaterbühne, sollte aber so vermittelt werden können, dass auch die Laiin und der Laie sie verstehen.
Wie wählen Sie die Forschenden aus?
Die Recherche ist einer der zeitaufwändigsten Teile der Vorbereitung eines Science Jams. Über die Jahre habe ich dafür verschiedene Kriterien entwickelt. Besonders wichtig sind mir eine fachliche Vielfalt, die Aktualität der Forschungsthemen sowie die Slam-Erfahrung der Forschenden. Zudem achte ich auf eine ausgewogene Vertretung verschiedener (meist deutschsprachiger) Länder und darauf, nicht nur männliche Slammys auf die Bühne zu bringen – was sich ehrlich gesagt oft als grösste Herausforderung erweist.
Wie wichtig ist Ihre Rolle als Moderatorin?
Ich verstehe meine Rolle als Moderatorin als verbindendes Element zwischen den einzelnen Slams. Sie schafft einen Rahmen, gibt dem Format Struktur und – neben Namen und Logo – auch ein Gesicht.
Kurzinterview mit Prof. Dr. Jan Häusser

Bild: zVg
Prof. Dr. Jan Häusser
Universität Giessen
Fachrichtung Psychologie
Sind Sie auf der Bühne Wissenschaftler oder Unterhalter?
Optimalerweise immer beides. Ich versuche zwar, den wissenschaftlichen Inhalt rüberzubringen, aber auf eine Art und Weise, die Spass macht. Weil ich glaube, dass Lernen besser funktioniert, wenn das Publikum Freude am Zuhören hat. – Ich halte die Trennung zwischen Wissenschaft und Unterhaltung für eine künstliche. Denn gutes und erfolgreiches Lehren war schon immer eine gute Mischung aus beidem.
Wie viel Reduktion erträgt ein komplexes Thema?
Es ist immer schwierig, da die richtige Balance zu finden. Viele Wissenschaftler scheuen sich davor, rauszugehen und zu sagen, worüber sie genau forschen. Sie meinen, das sei so kompliziert, das lasse sich nicht erklären. Aber ein Science Slam zeigt wunderbar, dass man fast jedes Thema verständlich erklären kann – erst recht in der Psychologie, wo es immer um den Menschen geht. Da kann sich jeder wiederfinden.
Inwiefern ist Ihnen junges Publikum wichtig?
Das ist mir sehr wichtig. Deswegen freut es mich auch, dass heute so viele Junge hier sind. Die Jungen wollen noch so viel von der Welt wissen. Und dann mache ich ein Angebot und hoffe, dass es ankommt. Das ist das Grossartige an diesen Science Jams, dass man junge Menschen wissenschaftlich und unterhaltend zugleich in einer Phase erreichen kann, in der sie noch offen und neugierig sind.
