Austausch – das bedeutet für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten die Möglichkeit, für ein halbes oder ein ganzes Jahr auszuziehen in die grosse weite Welt. Fünf Austauschschülerinnen und ein Austauschschüler der G23B schreiben exklusiv für sage&schreibe von sichtbaren und unsichtbaren Spuren, denen sie in der Fremde nachgehen – oder die sie selbst hinterlassen.
Von Alyssa Seiler, Peacehaven, East Sussex, England

Wieder stehe ich hier. Wellenrauschen und vereinzelte, leise Vogelrufe umgeben mich, und ich geniesse die Stille. Eine Stille, die ich zu schätzen gelernt habe, seit ich mehrmals wöchentlich herkomme. Mit Blick auf den englischen Kanal fällt mir heute das erste Mal richtig auf, wie sich das Meer seinen Weg gebahnt hat. Nicht nur die Kreidefelsen hinter mir wurden vom Wasser geformt und geschliffen; auch vor mir, wo sich das Wasser wieder zur Ebbe zurückzieht, sehe ich, wie es seine Spuren im Boden hinterlassen hat. Tiefe Kerben, die das Meer ins Material geschliffen hat. Sie werden erst beim Zurückfliessen des Wassers sichtbar.
Sie erinnern mich an die Spuren in mir selbst. Ein Austauschsemester formt und verändert, es hinterlässt Abdrücke zuinnerst, die von aussen kaum wahrnehmbar sind, aber für immer bleiben.
Von Phoebe Grütter, Winfield, Kansas, USA

Das Haus leer, nur noch die Haustiere und ich. Doch da war mal noch jemand anderes im Haus. Eine junge Frau, die kam und ging innerhalb von einem halben Jahr. Eine Frau, die ich zuvor nicht gekannt hatte. Trotzdem sahen wir uns als eine Familie. Eine temporäre Familie. – Eine Familie, die nach dem Abschied nur durch Erinnerungen zurückgebracht werden kann. Da ist zum Beispiel das selbst gemalte Bild, das sie mir zum Geburtstag geschenkt hat, da sind andere Kunstobjekte, die keinen Platz mehr in ihrem Koffer gefunden haben; auch sie bringen die Erinnerungen zurück.
In meinem Haus sind nicht nur Spuren einer anderen Kultur hinterlassen worden, sondern auch die Spuren einer Familie, die wir waren auf Zeit.
Von Carla-Julie Brandenberger, Elne, Frankreich

Und dann, wenn ich da so sitze, nach einem knapp einstündigen Telefongespräch, wieder in meiner Realität, auf dem kleinen Sofa in einem Zimmer, das ich seit einigen Monaten «meines» nenne, in einem Haus, welches jetzt mein Zuhause ist – da merke ich, dass sich etwas verändert hat. Etwas, was ich nur dann noch greifen kann, wenn ich mir die Zeit nehme, mich auf das kleine Sofa in «meinem» Zimmer setze und während einer Stunde versuche, mein aktuelles Leben für diejenigen zusammenzufassen, die es gerade nicht mit mir leben, Versuche, das Gefühl zu vermitteln, das mich begleitet seit ich hier bin. Und merke, dass sich etwas verändert hat.
Denn wie soll ich mich je wieder an meine andere Realität gewöhnen, wenn ich jetzt in einem fremden Zuhause ein kleines Sofa in «meinem» Zimmer habe?
Von Navid Fathi, Victoria, British Columbia, Kanada

Die Kolonialisierung Nordamerikas führte zur Vernichtung vieler indigener Kulturen. Deshalb ist es umso wichtiger, die wenigen Spuren dieser Kulturen, die auch heute noch auftreten, wertzuschätzen und zu bewahren. An der Westküste Kanadas begegnet man den Spuren der indigenen Völker nicht nur in Museen, sondern auch im Alltag. Auf Spaziergängen entlang der Küste entdecke ich Totempfähle und geschnitzte, bunte Figuren. Ortsnamen von Saanich über Esquimalt bis Ucluelet haben ihren Ursprung in Wörtern unterschiedlicher indigener Sprachen. Weiter nördlich, zum Beispiel in Whitehorse, Yukon, werden Hundeschlitten teilweise immer noch als Transportmittel verwendet. Täglich wird den indigenen Völkern Respekt gezeigt, indem man sich bewusst macht, dass man auf ihrem Land lebt. Somit geraten die Völker niemals in Vergessenheit und ihre Spuren werden für immer sichtbar sein.
Von Noelia Küttel, Christchurch, Neuseeland

Ich zeichne die Form der Wellen mit den Fingerspitzen in den Sand. Wie ein Sturm der frei durch die Welt zieht, fegt der Sand über den Strand. Die umgeknickten Bäume und die Wege, die sich durch den Busch schlängeln, zeigt mir, wie wild du bist. Neuseeland, du bist ungezähmt und mystisch, lebendig und frei. So wie ich es bin, seit ich dich kennenlernte. Meine Spuren verewigt in Gräsern, im Sand und in den Wäldern, deine Schönheit verewigt in meinem Herzen. Das Trockengras, das golden glänzt, und der Schnee, der bereits wieder tief in die Täler reicht, vereinigen sich mit dem Grün der Büsche und dem Blau der Flüsse. Abends sitze ich am Feuer mit der Familie, wir löffeln Suppe aus Schalen oder wir schauen Filme. Ich lebe und spüre. Zahllose Erinnerungen werden bleiben, ins Herz gebrannt.
Von Sara Lea Küng, Maroochydore, Sunshine Coast, Australien

Barfuss spür ich den Sand. Warm, lebendig. Jeder Schritt hinterlässt Spuren, flüchtig im Sand, bleibend im Herzen. Australien lebt im Jetzt, ein Tanz mit der Sonne, ein Atemzug mit dem Meer. Ich renne den Strand entlang, als würde die Zeit stillstehen, als gäbe es keine Sorgen und Probleme. Australien ist Freiheit, Lockerheit und Unbeschwertheit. Doch in mir hallt die Schweiz. Vertraute Stimmen. Ich sehe Blicke, die mich verstehen und kennen. Dort liegen andere Spuren. Tiefer, stiller, vertrauter.
Vielleicht braucht es beide Wege. Den vertrauten und sicheren ebenso wie den neuen und mutigen. Und vielleicht sind meine Spuren nicht nur Fussabdrücke, sondern Fragen und Entscheidungen. Ich geh weiter, in zwei Welten, mit offenem Herzen, den Blick nach vorne gerichtet, und mit Wurzeln, die mich halten, ganz gleich, wohin ich geh.
