Von Michael Schraner, Prorektor und Musiklehrer
Im vergangenen Dezember erlebte ich im KKL einen fast schon metaphysischen Moment: Christopher Nolans Interstellar auf der Leinwand, davor ein grossbesetztes Sinfonieorchester, das die Filmmusik live spielt. Und dann die Themen, die im Film verhandelt werden: Die Menschheit steht kurz vor ihrer Auslöschung durch Klimawandel und Nahrungsmangel, als ein mysteriöser Riss im Raum-Zeit-Gewebe entdeckt wird, der eine Chance zum Überleben verheisst. Der ehemalige NASA-Pilot Cooper wird mit einem Forscherteam auf eine Mission durch das Wurmloch in ein anderes Sonnensystem geschickt, um nach neuen Lebensräumen zu suchen. Dafür lässt er seine Kinder auf der Erde zurück. Glaube, Liebe, Hoffnung. Aber nicht als Glaubenssatz wie beim Apostel Paulus, sondern als Handlungsprinzip. Im Film handelt Cooper, weil Nicht-Handeln für ihn keine Option ist. Grosses Kino halt.
Spielt die Motivation eine Rolle, wenn man handelt? Für die Figur von Cooper wurde mit der ganz grossen Kelle angerichtet, geht es doch um die Rettung der Menschheit. Meine eigene Motivation kocht da auf deutlich kleinerer Flamme. Wenn ich jedoch den kleinen Kosmos meines Tuns an der Alte Kanti mit den Erschütterungen des Weltgeschehens abgleiche, legt sich bisweilen ein feiner Hauch von Absurdität über jene hehren Ziele, die auf unserer Kanti-Fahne stehen – nicht weil sie falsch wären, sondern weil der Anspruch so hoch ist, und weil sie doch eigentlich so selbstverständlich sein sollten, nicht nur im schulischen Kontext: professionell, verantwortungsbewusst, nachhaltig und attraktiv.
Apropos Absurdität: In meiner Kantiklasse lasen wir allerlei Existentialisten. Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus hatte es mir besonders angetan. Sisyphos verrät im antiken Mythos göttliche Geheimnisse, täuscht sogar den Tod und muss als Strafe bis in alle Ewigkeit – was für eine verdammt lange Zeit! – einen Felsblock einen Hang hinaufrollen, wobei dieser Fels kurz vor dem Gipfel immer wieder zurückstürzt. Camus interessiert nicht, warum Sisyphos bestraft wurde, sondern wie er mit der Strafe lebt. Sisyphos wird so zum Sinnbild des Menschen, der das Absurde akzeptiert, der revoltiert, indem er weitermacht und dadurch Würde findet. Camus meint, wir müssten uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Und zwar nicht dann, wenn er den Stein bergan schiebt, sondern dann, wenn er hangabwärts geht, dem Stein hinterher, Zeit zum Nachdenken hat – und sich seiner Lage bewusst ist. Da komme ich mit Camus nicht mehr klar: Meine Zweifel melden sich immer dann besonders laut, wenn ich gerade keinen Stein vor mir habe, den ich rolle oder sogar zu behauen meine.
Dennoch frage ich mich immer wieder, inwieweit man sich seine Rollen aussuchen kann. Oder bleibt am Ende nur die Entscheidung, wie man sie spielt? Manche Rollen be-kommt man wohl früh zugewiesen, lange bevor klar ist, ob sie zu einem passen – und vielleicht merkt man erst im Nachhinein, wie stark sie das eigene Handeln geprägt haben. Jedenfalls bin ich der Überzeugung, dass sich Rollen gestalten lassen.
«Wer mit allzu einfachen Antworten auf komplexe Fragen hausieren geht, ist mir suspekt.»
Literatur war für mich lange ein Ort, wo Rollen, Möglichkeiten und Absurditäten verhandelt wurden, ohne dass es meine eigenen sein mussten. In den letzten Jahren aber habe ich das Versinken in Romane verlernt. Ob das eine Konsequenz von Familiengründung, gutbürgerlicher Scholle mit Haus und Garten sowie einem hohen Arbeitspensum ist – weggelächelt mit einem «leider keine Zeit mehr» – oder ob ich mittlerweile schlicht die Anstrengung scheue, mich in eine Geschichte hineinzulesen, wo doch so viele Erzählungen mundgerecht in Serien serviert werden? So oder so: Seit vergangenem März steht Jonas Lüschers Verzauberte Vorbestimmung ungelesen in meinem Regal. Ob ich diesen Roman je lesen werde, weiss ich nicht. Aber ich musste ihn kaufen, denn der mehrfache Literaturpreisträger Lüscher begegnet mir seit seinem Erstling immer wieder in Debatten und Gesprächen. Ich höre aufmerksam zu, wenn er spricht.
In einem Interview erläuterte er einmal, worin er die besondere Stärke von Literatur sieht – ja von Erzählung überhaupt, also auch von Filmen, Serien: Sie kümmere sich um das Einzelne, Besondere und Zufällige. Erst im Nebeneinander solcher Einzelschicksale werde Gegenwart und Geschichte zu einem vollständigeren, konkreten Bild. Eine rein mathematische, quantitative Beschreibung eines Problems hingegen betrachte den Mittelwert, das Allgemeine als das Reale. Das Einzelne, Besondere und Zufällige werde dadurch zu einer vernachlässigbaren Nebensache.
Vielleicht denke ich gerade jetzt darüber nach, wie sich Rollen verändern – und wie ich mich in ihnen verändere –, weil sich auch meine berufliche Rolle verschoben hat. An der Alten Kanti unterrichte ich seit 23 Jahren, mit dem Kantichor arbeite ich seit 10 Jahren, seit vergangenem August bin ich auch als Prorektor tätig. Ich freue mich darüber, dass ich meine angestammten Berufe als Lehrer und Musiker weiter ausüben kann – ich möchte den täglichen Kontakt und Austausch mit den Schülerinnen und Schülern nicht missen. Gleichzeitig erlerne ich einen neuen Beruf. Dies alles an einem Ort, der mir etwas bedeutet. An einem Ort, der mich selbst als Schüler geprägt hat. Nicht die historischen Gebäude, nicht die Geschichte der Schule – es waren Menschen mit Haltungen und Ideen, die mich geprägt haben.
«Meine Zweifel melden sich immer dann besonders laut, wenn ich gerade keinen Stein vor mir habe, den ich rolle oder sogar zu behauen meine.»
Meine neue Rolle fordert mich. Viele Fäden sind gespannt, überschneiden oder verheddern sich. Rollenwechsel erfolgen oft abrupt: zwischen Prorektor, Lehrer, Musiker, Vater und Partner liegt manchmal nur eine einzige Tür. Besonders anspruchsvoll wird es immer dann, wenn die Türen zwar ins Schloss gefallen sind, aber der Kopf nicht mitkommt. Wenn die Rollen schneller wechseln, als ich sie sortieren kann.
Mein Hauptressort Informations- und Kommunikationstechnologie könnte für sich genommen ein Vollzeitberuf sein, gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, in denen wir den Kern von Lernen und Lehren neu definieren müssen. Die Auseinandersetzung mit Fragen, auf die es keine einfa-
chen Antworten gibt, verleiht meiner Tätigkeit einen Sinn. Das Fragen an und für sich ist essenziell. Wer mit allzu einfachen Antworten auf komplexe Fragen hausieren geht, ist mir suspekt. Der Spagat zwischen langfristigen Plänen und dem unvermeidlichen Flickwerk von Alltagsproblemen ist gross. Am Systemischen feilen und gleichzeitig wach bleiben für das Einzelne, Besondere und Zufällige – diese Spannung ist mir Antrieb und Anstrengung zugleich.
«Jedenfalls bin ich der Überzeugung, dass sich Rollen gestalten lassen.»
Vielleicht liegt es an den abrupten Wechseln der letzten Monate, dass mir eine Szene aus Interstellar nicht aus dem Kopf geht: Auf der Leinwand im KKL überwältigt mich der Übergang von der Andockszene der Endurance bis zum Eintritt in Gargantua schon nur visuell. Auf der Bühne davor spielen das gross besetzte Sinfonieorchester und die Orgel. Musikalisch maximale Spannung bei minimaler Bewegung: ein Klangfeld, in dem sich eine innere Melodiestimme in kleinen Intervallen bewegt, während die Aussenstimmen wie eingefroren stehen bleiben. Das Zeitempfinden ist gedehnt. Zunächst ist da nur ein Orgelton. Dann nehmen Dichte und Lautstärke zu, die Klangfülle wird durch Synthesizer und Streicher erweitert. Es gibt keine heroische Auflösung, keine Bruckner- oder Mahler-Finale. Die Musik steigert sich unaufhaltsam – und bricht dann unvermittelt ab.

Bild: zVg
