2025, Alte Kanti, Menschen, Sage & Schreibe Nr.41

Stundenplaner, Englischlehrer, Denker

Verabschiedung von Hans-Jürg Suter

Von Dr. Andreas Hunziker, Rektor

Dass die Erstellung des Stundenplans der Alten Kanti seit Jahren eng verknüpft ist mit einem Campari Soda, habe ich erst vor wenigen Jahren erfahren. Wie eine Befreiung musste es sich jeweils für Hans-Jürg anfühlen, wenn er sich, nach Wochen intensivsten Tüftelns in seiner Stundenplanklausur, zum erfolgreichen Abschluss Stephan Eichers Version des Mundart-Klassikers von «Taxi» gönnte:
Ich stelle mir Hans-Jürg vor, wie er den Blick von seinem Arbeitstisch in Amden, seinem Rückzugsort, über den Walensee schweifen lässt: Wit unger mir ligt s Wulchemeer / Dr Ventilator summet liislig /
Es isch als gäb’s mi nüme meh. Er stellt die Musik lauter und gönnt sich, einigermassen erschöpft, aber befriedigt vom neuen Stundenplan, einen Campari Soda. Vielleicht war jeweils alles ganz anders, aber meine Fiktion würde zweifellos gut zu Hans-Jürg passen, den nicht nur das genaue, zuverlässige Arbeiten auszeichnete, sondern auch die Fähigkeit zu geniessen.

Der vielseitig Engagierte
Fakt ist, dass Hans-Jürg am 29. April 1960 in Aarau geboren wurde. Nach dem Abschluss der Matura Typus B studierte er Anglistik und Germanistik an der Universität Zürich. Während seines Studiums verbrachte er anderthalb Jahre in Yorkshire und Northumberland. Nach Abschluss des Studiums war er als Assistent für englische Linguistik an der Universität Zürich tätig und unterrichtete gleichzeitig Englisch an der Kantonsschule Hottingen in Zürich. Seine Dissertation widmete er der Hochzeitsberichterstattung in englischen Lokalzeitungen.
1992 entschied er sich, sein Theoriewissen über das Heiraten praktisch anzuwenden – und heiratete Bettina Ansel. Gemeinsam haben sie zwei Kinder, Nina und Linus.
Im Jahr der Heirat begann Hans-Jürg Suter an der Alten Kanti Aarau zu unterrichten. 2003 übernahm er zusätzlich das Amt des Stundenplaners, ab 2014 war er Teil der Schulleitung. In diesem Gremium war er auch zuständig für die Pflege und Weiterentwicklung des Immersionslehrgangs. Auch von seinem ausgeprägten sozialen Engagement durfte die Schule über die Jahre profitieren. So setzte er sich immer wieder für Minderheiten an unserer Schule ein, beispielsweise für Flüchtlinge oder als Bindeglied der Schulleitung für die LGBTQ+-Gruppe der Schule. Auch sein ausgeprägtes stilistisches Knowhow stellte Hans-Jürg der Schule zur Verfügung – nicht zuletzt ich als Rektor staunte mehr als einmal über seine klugen Lektorate, wie er wichtigen Texten mit ein paar kleinen Anpassungen den nötigen Feinschliff gab. Besonderes Augenmerk richtete er dabei auf unnötige Redundanzen und maximale Knappheit.

Kulturmensch und Autor
Viele Jahre lang verantwortete Hans-Jürg die Koordination von sämtlichen kulturellen Anlässen der Alten Kanti. Für ihn war es Ehrensache, an möglichst vielen Konzerten, Theateraufführungen, Lesungen oder beim Science Jam als Zuschauer dabei zu sein und auch im Kantichor mitzusingen. Seine Liebe für die Kultur zeigte sich aber auch in der Konzeption und Organisation von Ausstellungen oder in vielen kleinen Interventionen, die den Schulalltag von uns allen auf witzige und geistreiche Weise auflockerten. Überhaupt ist die die Kultur ein wichtiger Wegbegleiter von Hans-Jürg. Regelmässig ist er in der Oper, im Schauspielhaus oder auch mal in der Hamburger Elbphilharmonie anzutreffen. Dass er leidenschaftlich Cembalo spielt, ist vermutlich vielen nicht bekannt. Und dass er ein herausragender, wortgewaltiger Lyriker ist, verschweigt er, wo immer möglich, obwohl seine englischen Gedichte ein grosses Publikum verdient hätten. Out of the chaos heisst der umfangreiche, in kleiner Auflage gedruckte Band. Auch wenn das lyrische Ich nicht mit dem Autor gleichgesetzt werden darf, scheint es da und dort offensichtlich, dass auch konkrete Erlebnisse in literarisch verwandelter Form Eingang in seine Texte gefunden haben. – Im Gedicht «Tuesday, English Lit» etwa geht es um den Englischunterricht. Das Gedicht skiziiert eindrücklich, wie die Ereignisse des 11. September 2001 (s)eine Literaturstunde unterbrechen – und wie trotz des schrecklichen Attentats auf die New Yorker Twin Towers der Unterricht bei uns und das Leben überhaupt einfach weitergeht:

Monday morning we do grammar.
Tuesday, English Lit.
At 8.46 a.m. a plane
flies into a tower in New York.
At 9.03 another plane,
another tower.

Friday we have oral expression.
We talk about it in class,
struggling for words.
Then it’s the weekend.
Monday morning we do grammar.
Tuesday, English lit.

Scheinbar unverdächtige Gedichttitel geben eine weitere Leidenschaft von Hans-Jürg preis: «Cycling, autumn» oder «Cycling, Lanzarote»: Mehrmals pro Woche schwang sich Hans-Jürg auf sein Rennvelo; oft fuhr er ähnliche Runden, beispielsweise bis zuhinterst und zuoberst ins Ruedertal, vorbei am ehemaligen Schulhaus Schiltwald mit dem Literatur gewordenen Friedhof. Dass diese Routenwahl eine Referenz an unseren ehemaligen Schüler, den berühmten Schriftsteller Hermann Burger und seinen Roman «Schilten» war, ist jedenfallls nicht auszuschliessen. Manchmal gab es bei seinen Ausfahrten allerdings Zwischenfälle, auf die er gern verzichtet hätte. So wurde er etwa unverschuldet von einem Auto angefahren oder von einer feindseligen Wespe gestochen. Solche Unwägbarkeiten werden ihn aber mit Sicherheit nicht davon abhalten, auch als Neu-Pensionär seine Runden zu drehen.

«Family matters»
Nicht weniger als vier Gedichte in «Out of the chaos» sind seinem vor einigen Jahren verstorbenen Hund «Jack» gewidmet. Treppe rauf, Treppe runter, so trug er am Ende den Altersschwachen im Haus herum. Im berührenden Gedicht «Carrying Jack» trägt ihn das lyrische Ich ein letztes Mal die Treppe runter, hinaus in den Garten:

I carry you down
into the garden and
set you down softly

as I used to
for so many days
when you were alive


and let you go.

Seit Kurzem allerdings erfreut und erfüllt ihn der Welpe «Murphy», mit dem er den Start ins Rentnerleben angeht.
Hans-Jürg ist ein Familienmensch und schätzt die Geselligkeit – «Family matters» heisst denn auch ein fünfteiliger Zyklus im Gedichtband. Gerne bekocht er die ganze Familie mit Aargauer Spezialitäten oder Eintöpfen. In der Schulleitung erlebten wir Hans-Jürgs Geselligkeit nicht selten beim traditionellen Freitagsapéro, aber auch während unserer Schulleitungsklausuren. Dort staunten wir immer wieder über seine kulinarischen «Vorlieben»: möglichst wenig Grünzeug!
Um Kultur im weiteren Sinn ging es auch bei Hans-Jürgs leidenschaftlichem Engagement als Leiter der Gruppe Leitsätze. Damit Schulkultur nicht nur behauptet, sondern auch gelebt wird, braucht es immer wieder ein Sichtbarmachen der Werte, mit denen sich die Alte Kanti indentifiziert, sei es mit konkreten Aktionen, sei es mit wehenden Flaggen vor dem Einsteinhaus. Professionalität, Verantwortungsbewusstsein, Nachhaltigkeit, Attraktivität – für diese Grundwerte hat sich Hans-Jürg aus Überzeugung eingesetzt.

Der Reisende
Das Reisen war für Hans-Jürg immer wichtig. Horizonterweiterungen. «Travel diary», so betitelt er in seinem Gedichtband Texte über Motive und Erlebnisse in Collioure, Prag, Finnland, Neufundland und vielen weiteren Orten und Ländern. Oft zog es ihn in den Norden, nach England, Schottland, nach Hamburg oder, oft im Herbst, nach Föhr an die Nordsee. Ich bin gespannt, von wo seine erste Postkarte nach seiner Pensionierung kommt.

Der Lehrende
Das Unterrichten war für Hans-Jürg bis am Schluss seiner Lehrtätigkeit eine grosse Leidenschaft. Mit Begeisterung vermittelte er seinen Schülerinnen und Schülern nicht nur die englische Sprache, sondern auch Literatur, Linguistik und Kultur. Nie hätte er sich vorstellen können, den Unterricht zugunsten von konzeptionellen Schreibtischarbeiten ganz aufzugeben.

Lieber Hans-Jürg, ganz herzlichen Dank für deinen grossen, 33 Jahre langen und bis zuletzt unermüdlichen Einsatz zugunsten der Alten Kanti. Ich wünsche dir die notwendige Musse und viel Freude bei deinem Start ins Rentnerleben.


Bild: Aldin Mehdi