Von Martina Pederiva
Grace war in der Küche. Der Braten brutzelte vor sich hin, während sie sich gedankenverloren den gewölbten Bauch streichelte. Sie gähnte, stützte sich auf die Spüle.
Die Haustür wurde geöffnet. Einige Sekunden später betrat ihr Mann die Küche.
«Hallo Schatz», begrüsste er sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
«Hallo», hörte sie sich sagen. Mechanisch.
«Haben wir noch ein Bier im Kühlschrank?»
Sie nickte, während sie mit der Gabel in einer der Pfannen stocherte. Er wartete einen Moment, öffnete dann selbst den Kühlschrank und nahm eine Flasche Bier heraus.
«Du solltest dringend Nachschub besorgen.»
Ja, das sollte sie. Zum wievielten Mal diese Woche?
Sie seufzte. Schaute hinaus in Nachbars Garten, wo die Kleine mit seinem Hündchen spielte.
Anfangs hatte er überhaupt nicht getrunken. Dann, vor sechs Monaten, hatte es angefangen. Zuerst eine Flasche, dann zwei. Es waren immer mehr geworden. – Als würdest du versuchen, die Hülle deines Körpers mit Bier zu füllen. Als könnte der Alkohol die Leere füllen, die dein Bruder hinterlassen hat. Dein Bruder. Ein wundervoller Mensch, der das Leben noch vor sich hatte. Zwei Autos und ein bisschen Regen haben genügt, es ihm zu entreissen. Vier schlitternde Reifen. Ein betrunkener Fahrer. Zwei Leben weniger. Seines. Und ja: deines.
Sie prüfte die Temperatur des Bratens, goss Sauce nach. – Wie lange habe ich versucht, dich zu retten. Doch da war immer diese Wand zwischen uns. Du hattest dich im Schmerz eingemauert.
«Schatz, kannst du das glauben? Die Aktien für Nestlé steigen! Wer hätte das gedacht.» Er hatte sich angewöhnt, die Fernsehnachrichten oder Fussballspiele aus dem Wohnzimmer zu kommentieren. Abschottung, Rückzug. – Du sprichst mit mir, aber du meinst mich nicht. Für dich gibt es niemanden. Nur den Schmerz, in dem du Tag für Tag ein bisschen mehr ertrinkst. Ein See ohne Grund.
Und ich stehe am Ufer, brenne – und sehe zu, wie du uns beide zerstörst.
«Die Goldminen gehen übrigens durch die Decke. Ich habe es immer gesagt. Kaufen, kaufen, habe ich gesagt. Heute haben wir in der Firma die Million geknackt. Kannst du dir das vorstellen?»
Ja, das kann ich mir vorstellen. Du warst schon immer erfolgreich. Du und dein Team. – Du und ich? Gewiss, du hast mir jeden Wunsch erfüllt. Anfangs auch das, was man nicht kaufen kann, Liebe, Aufmerksamkeit, die kleinen Dinge. Lange habe ich es ignorieren, verdrängen können, dass deine Jungs wichtiger sind. Oder der Erfolg. Doch jetzt ertrinkst du. Und ich brenne – vor Verzweiflung.
Sie holte die Teller aus dem Schrank, legte sie auf den Tisch. Währenddessen warf sie einen Blick ins Wohnzimmer. Er schaute immer noch gebannt auf den Bildschirm, in der einen Hand die Fernbedienung, in der anderen die Flasche.
Du willst es nicht anders.
Und ich kann nicht anders.
Es muss ein Ende haben.
Denn mein Jetzt ist unsereVergangenheit. Das eine ist das andere. Und beides ist nichts. Wie soll ich da eine Zukunft sehen?
Um ihren Mund zuckte etwas, sie massierte mit einer Hand den Bauch.
«Schatz?! Du sagst nichts!»
«Alles gut. Mir ist nur ein wenig übel. Du weisst ja.»
Sie umfasste ihren Bauch mit beiden Händen. Noch drei Monate – und du wirst zu uns stossen. Was wirst du vorfinden? Verwüstung. Ich will das nicht. Aber ich weiss nicht, ob ich die Kraft habe, es zu verhindern. Was brennt, wird Asche. Irgendwann.
«Alles gut», sagte sie noch einmal. Er hörte sie nicht.
«Schatz, wann ist das Essen fertig?»
Sie richtete sich auf, wischte sich etwas aus dem Gesicht.
«In einer Minute.»
«Und noch ein Bier!»
«Klar, Schatz», sagte sie und öffnete den Kühlschrank.
