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Vom illegalen Schmierer zum Streetart-Künstler

Der amerikanische Spielfilm «Wild Style!» erzählt die Geschichte eines Graffiti-Künstlers. Der Erfolg dieses Films führte auch in der Schweiz zu einem Boom der illegalen Graffiti-Kunst. sage&schreibe hat Pirmin Breu getroffen, einen Sprayer der ersten Stunde, der heute ganz legal Graffitis gestaltet.

Von Mirco Manco und Balian Wark, G23B

Schon als Jugendlicher war der 1972 in Baden geborene und in Muri aufgewachsene Künstler Pirmin Breu von Graffitis fasziniert. Zusammen mit Freunden streifte er nachts umher, suchte an abgelegenen Orten Wände, die sich fürs Besprayen eigneten. Mit der Zeit wurden die Graffitis besser, und so beschlossen die Jugendlichen aus Muri, auch das Dorf zu «verschönern». Breu, den wir in seinem bunten, anregenden Atelier treffen, erinnert sich: «Das illegale Sprayen wirkte wie eine Droge, man befand sich in einem ständigen Adrenalinrausch.» Die Bewohner waren jedoch alles andere als begeistert, und so kam es, dass Breu ein Jahr später bereits 14 Anzeigen am Hals hatte. Dies führte zu einer unerwarteten Hausdurchsuchung der Polizei. Für viele war er damals der «Schmierer von Muri», er wurde zusammen mit seinen Eltern über Jahre beleidigt und beschimpft für sein Tun. Die Schweizer Medien verursachten zusätzlichen Wirbel, berichteten auf allen möglichen Plattformen von den 14 Anzeigen des jungen Murianers. Gewisse Betroffene verhielten sich verständnisvoll, sagt er, andere hätten ihn am liebsten im Gefängnis gesehen. Ernsthafte Konsequenzen aber hatten seine Aktivitäten letztlich nicht.

Vom Schmierer zum Künstler
Die mediale Aufmerksamkeit immerhin hatte auch ihr Gutes. Denn Pirmin Breu kam so zu seinen ersten richtigen Aufträgen – etwa von Radio 24. Der Schmierer von Muri war nun mit seiner Kunst in der Legalität angekommen. Auch das erregte Aufsehen – vor allem in der illegalen Szene, die ihn als Verräter kritisierte. Für Breu aber war der eingeschlagene Weg der richtige. Und er war erfolgreich: So konnte er zum Beispiel Flugzeuge der Pilatus Flugzeugwerke besprühen oder später für die Band Pink Floyd einen Teil des Bühnenbildes der Europatour gestalten. Seiner Initiative ist es auch zu verdanken, dass Muri den Sprayerinnen und Sprayern eine Unterführung zur Verfügung stellte, wo das Sprayen bis heute erlaubt ist.
Da Breus eigentlicher Beruf, Schriftenmaler, nach und nach vom Computer überflüssig gemacht wurde, entschied er sich, den Schritt in die Selbständigkeit als Künstler zu wagen, im Rucksack eine fundierte Ausbildung, die es ihm ermöglicht hatte, sich schon früh intensiv mit Schriften zu beschäftigen und eigene Schriftstile zu entwickeln.
Breu beschloss, den Ursprung der Graffitis zu erforschen – und reiste in die USA. Als Künstler hatte er es allerdings schwer, da die Graffiti-Szene in den USA noch immer mit Kriminalität, Gangs und Drogen in Verbindung gebracht wurde. So kehrte er nach einem Jahr wieder in die Schweiz zurück, kümmerte sich um neue Aufträge und etablierte sich im Schweizer Kunstbetrieb.

Der Schlüssel zum Erfolg
Wie aber geht man denn vor beim Sprayen? Breu schmunzelt. «Eine gute Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg. Gerade bei illegalen Arbeiten muss alles exakt geplant und berechnet werden, sodass man vor Ort blitzschnell arbeiten kann und auf alles gefasst ist.» Eine minutiöse Planung sei aber überhaupt wichtig. So macht er für jede Auftragsarbeit detaillierte Skizzen mit verschiedenen Kostenstufen, sodass die Kundschaft genau weiss, wie viel Kunst sie für wie viel Geld bekommt. «Das hat sich bewährt», sagt Breu. «Ich habe fast nur zufriedene Kunden.» Und noch etwas sei wichtig, wenn man in der Kunstszene erfolgreich sein wolle: ein persönliches Markenzeichen. In seinem Fall ist dies ein Strichmännchen mit einem ovalen Kopf ohne Gesicht. «Das schafft Wiedererkennung», erklärt Breu. «Und das ist zentral.»
Breu ist einer, der es geschafft hat. Er lebt von seiner Kunst und hat sich die individuelle Freiheit erarbeitet. Seine Anfänge in der Illegalität sieht er heute kritisch. «Illegal zu sprayen ist eine Faszination, aber wenn man sieht und erlebt, was dies für Folgen mit sich bringt, ist es das nicht wert.»


Bild: Georg Hemme-Unger