2025, Im Fokus, Interview, Sage & Schreibe Nr.41, Spuren

Was bleibt, wenn die Gäste gehen

Wenn die Gäste gehen, fängt ihre Arbeit erst an. Zimmer, in denen eben noch fremde Leben stattfanden, werden zurückgesetzt. Neue Bettwäsche, neue Handtücher, alles sauber machen. Doch nicht alle Spuren sind so eifach zu beseitigen. Eine Reinigungskraft erzählt von ihrer Arbeit im Hotel. Wie sie wegmacht, was andere hinterlassen. Tag für Tag.

Von Clara Burkhalter, Zoé Christen und Mia Marfurt, G23B

Frau A., die ihren Namen hier nicht lesen möchte, ist Reinigungskraft in einem Aargauer Hotel. Wir treffen sie in einem Café. Sie begrüsst uns mit einem warmen Lächeln. Ihre Stimme ist ruhig, ihr Auftreten selbstbewusst. Seit zwei Jahren beseitigt Frau A. die Spuren anderer.
«Die Spuren der Gäste sind überall», erzählt sie. «Ein bisschen eklig schon, ja. Es ist ganz anders, als wenn man seine eigenen Spuren beseitigt.»

Was bleibt zurück, wenn jemand geht?
Manchmal trifft sie nur ein unordentliches Bett und Handtücher auf dem Boden an. Manchmal braucht die Reinigung innere Überwindung. Sie erzählt, wie sie einmal ein Zimmer voller Blut fand. Das Waschbecken, das Bett, der Boden, überall war Blut. Da habe sie sich schon Gedanken gemacht. «Was ist passiert? Geht es allen gut? Liegt da noch jemand im Whirlpool?»
In den meisten Fällen, sagt sie, schaltet sie einfach ab. «Ich denke mir nichts, ich mache meinen Job. Alles andere ist mir egal.»
Müssen die Gäste für Schäden aufkommen? Blut lässt sich ja oft nur schwer oder gar nicht entfernen. Das sei eine heikle Sache, erklärt Frau A. «Wir müssen aufpassen, dass wir den Gästen nicht zu nahe treten, wir wissen ja nie, was genau passiert ist.» Sie erzählt von einem Fall, der sie besonders herausgefordert hat. Ein Gast hatte sich mehrmals übergeben und auf den Teppichboden uriniert, sodass der Teppich ausgetauscht werden musste. Sie verzieht unmerklich das Gesicht und macht gleichzeitig klar, dass man sich auch in solchen Situationen nichts anmerken lassen dürfe.

«Ja, ich erfahre vieles über die Gäste. Ich bekomme ungewollt einen Einblick in ihre Privatsphäre.» Kleidung, Parfum, Medikamente, Verpackungen, manchmal auch Drogen und Alkohol. Daran erkennt sie den Wohlstand der Gäste, ihre Gesundheit oder ihr Suchtverhalten. «Oft sieht man auch, ob jemand regelmässig reist. Werden die Schränke benützt oder wird aus dem Koffer genommen, was es gerade braucht? Liegen Kleider und persönliche Gegenstände im ganzen Zimmer herum oder wird alles ordentlich platziert?»

Frau A. hat gelernt, die Gäste kennenzulernen, ohne sie zu treffen. Wie ordentlich sie sind, welche Produkte im Bad stehen, wie es im Zimmer riecht. «Meine Erfahrung zeigt: Gäste mit eher schmalem Portemonnaie hinterlassen ihr Zimmer oft anständig, ordentlich. Die Reichen? Eher weniger.»

Wenn es besonders wird
Natürlich gibt es auch die Spezialfälle. Zimmernischen, Betten, Duschen, Wände, die zu Toiletten werden. Einmal, sagt sie, wurde in ihren Putzeimer gepinkelt, den sie über Mittag im Flur stehen liess. «Manche Menschen sind einfach eklig. Ich finde regelmässig Kot in der Dusche oder dem Bett. Manche malen sogar mit Kot an die Wände im Bad.» Denkt sie, dass eine bestimmte Absicht hinter solchem Verhalten steckt? «In den meisten Fällen wohl nicht», sagt Frau A., «aber manche lassen teure Verpackungen liegen, als wollten sie zeigen, dass sie viel Geld haben. Manchmal hinterlassen Gäste auch Telefonnummern auf Zetteln. Aber niemand ruft an.» Und versucht sie sich manchmal ein Bild von den Menschen hinter den Spuren zu machen? «In extremen Fällen schon. Da war der Fall mit dem Blut, zum Beispiel. Aber in der Regel vermeide ich es, mir die Menschen vorzustellen. Ich ziehe keine Linie zwischen Ekel und Professionalität. Ich mache sauber. Ich mache meinen Job. »

Und nach getaner Arbeit stempelt sie aus. Auch im Kopf. Zuhause denkt Frau A. nicht über ihre Arbeit nach. Die Spuren ihrer Gäste verfolgen sie nicht bis in die eigenen vier Wände. «Das sind zwei Welten», sagt sie. «Für die eine bin ich beruflich, für die andere privat zuständig. Und in beiden mache ich den Unterschied.»

Und jetzt lacht sie.


Bild: Aldin Mehdi