2026, Aktuelles, Im Fokus, Interview, Rollen, Sage & Schreibe Nr. 42

Wie Worte zu Menschen werden

Im Schauspiel dreht sich alles um Rollen. In diesem Zusammenhang gibt es zwei besonders interessante Perspektiven: die der Person, die die Rollen entwirft, und die der Person, die in diese Rollen schlüpft. Der Drehbuchautor Lorenz Langenegger und die Schauspielerin Anna Pieri Zuercher geben Einblicke in die Herausforderungen und die Faszination ihrer Arbeit für den Zürcher «Tatort».

Von Carla Brandenberger und Zoé Christen, G23B

Interview mit Lorenz Langenegger

Als Romanautor kennen Sie sich mit dem Entwickeln von Figuren aus. Worin unterscheidet sich das Gestalten einer Figur für einen Film?

Wie ich Figuren entwickle, hat in erster Linie mit der Arbeitsweise in den verschiedenen Formaten zu tun. In einem Roman mache ich mich selbst auf die Suche und nähere mich den Figuren und Geschichten in einem monate-, manchmal jahrelangen Schreibprozess an. Im Theater beschäftigen sich die Leute während den Proben einige Wochen intensiv mit meinem Text; damit das bis zur Premiere interessant bleibt, müssen die Figuren Geheimnisse in sich tragen. Beim Film stehen dutzende Leute auf dem Set, die Zeit ist immer knapp, Szenen werden wild durcheinander gedreht. Das führt dazu, dass Figuren, Situationen und Dialoge prägnant sein müssen.

Wie nah muss oder darf ein Drehbuchautor seinen Figuren sein?
Um meine Figuren zu verstehen und sie aus sich selbst heraus überzeugend reden und handeln zu lassen, muss ich ihnen nahe sein, egal wie weit weg sie von mir sind. Bei einem Tatort kann es passieren, dass ich einem Mörder näher komme, als mir lieb ist, wenn ich plötzlich merke, wie ich seine Handlungen ganz normal und logisch finde.

Worauf kommt es bei einem (guten) Plot an?
Im Allgemeinen kann ich das nicht beantworten, nur im Speziellen. Ein guter Plot für einen Tatort ist etwas anderes als ein guter Plot für ein Theaterstück oder einen Roman. Es gibt die klassische Dramaturgie, die schon Aristoteles in seiner Poetik beschrieb. Sie funktioniert bis heute. Sie trifft anscheinend etwas in uns Menschen, was sich seither nicht verändert hat. Ein Plot sollte in sich stimmig sein. Aber was stimmig ist, kann man erst wissen, wenn man die Geschichte und das Format kennt, in dem man sie erzählen will.

Wie wichtig sind Regieanweisungen in einem Drehbuch? – Und wie verbindlich sind sie für den Regisseur?
Ich schreibe ganz selten Regieanweisungen. In ein Drehbuch gehören eigentlich nur Dialoge und Handlungen. Um Missverständnisse zu vermeiden, kann man einem Dialog die Sprechhaltung hinzufügen. Es macht einen Unterschied, ob Isabelle Grandjean «mais non» genervt oder verliebt sagt. Autor und Regisseur reden vor dem Dreh über alle Details des Drehbuchs, weil am Set so wenig Zeit ist. Meistens gibt es dann noch eine letzte Überarbeitung des Drehbuchs, die Regiefassung. In Theaterstücken schreibe ich manchmal Regieanweisungen, die sollen aber den Raum öffnen und nicht Handlungsanweisungen sein. Am Anfang einer Szene heisst es dann zum Beispiel: Mika steht unter der Tür und weiss nicht weiter. Conny sitzt auf einem Stuhl und weiss nicht wie.

Bei Serien wie dem «Tatort» sind die Ermittlerinnen in jeder Folge dieselben. – Wie wichtig ist es, dass sich die Figuren entwickeln?
Wie Stefan Brunner und ich den Tatort Zürich entwickelten, haben wir uns die Regel gesetzt, dass die Figuren immer die gleichen bleiben. Innerhalb der 90 Minuten eines Films können sie alles in Frage stellen, ihre Leben auf den Kopf stellen, am Ende aber sind sie wieder am gleichen Punkt wie am Anfang. Dieses vergebliche Bemühen, jemand anders zu werden, hat ja auch etwas Tröstliches. Wir sind, wer wir sind, und können uns nicht entkommen. Gleichzeitig darf das natürlich keine Ausrede sein. Wir müssen trotzdem ständig versuchen, bessere Menschen zu werden. Und das machen auch die Ermittlerinnen.


Bild: Copyright ERDT

*1980 in Zürich, ist ein vielfach ausgezeichneter Romancier, Theater- und Drehbuchautor.
Zusammen mit Stefan Brunner hat er den Zürcher «Tatort» entwickelt. Nach den ersten beiden Fällen für das Ermittlerinnen-Duo Grandjean/Ott haben sie auch die Drehbücher für «Von Affen und Menschen» und «Fährmann» geschrieben. Langenegger lebt in Zürich und Wien. Jüngste Publikationen: Was man jetzt noch tun kann, Roman, Verlag Jung und Jung, 2022, und Julian und Birke, Jugendroman, Atlantis Verlag, 2024.

Interview mit Anna Pieri Zuercher

Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich eine Rolle aneignen? Und wie merken Sie, dass Sie ihr gewachsen sind?

Wenn ich eine Rolle erarbeite, lese ich den Text zuerst einmal komplett durch und notiere alles, was mir auffällt: Bilder, Emotionen, Stellen, die mich berühren, oder die ich dramaturgisch interessant finde, aber auch das, was ich nicht verstehe oder was sich für mich nicht organisch anfühlt. Der erste Eindruck ist sehr wichtig. Danach analysiere ich jede Szene: Wo steht die Figur, welche inneren und äußeren Konflikte hat sie, wie entwickelt sich der Bogen der Figur? Es ist zunächst ein intellektueller Prozess, der mir hilft, eine Art geografische Karte des Charakters zu erstellen. Anschliessend beginne ich, in jede Szenen hineinzugehen und die Geschichte emotional von innen zu durchlaufen. Schliesslich lerne ich den Text. Ich muss genug verstehen und fühlen, um später am Set loslassen zu können, sodass der Charakter übernehmen darf.

Fällt es leichter, eine Figur zu spielen, die einem persönlich nah ist? Oder ist Identifikation hinderlich?
Ich finde, es ist vor allem leichter, eine gut geschriebene Figur zu spielen. Ob sie mir ähnlich ist oder nicht, macht wenig Unterschied. Schwieriger sind Figuren, die nicht organisch sind, keine Konflikte haben oder nicht klar definiert sind. Eine komplexe Rolle verlangt einfach Präzision und Neugier. Aber das liebe ich.

Wie viel von Ihnen selbst steckt schliesslich in einer Figur?
Es steckt immer ein Teil von mir darin. Mein Körper, meine Stimme, meine Erinnerungen, das alles sind Materialien, die ich nicht auslöschen kann. Aber all das muss der Fiktion dienen. Es geht weniger darum, «mich im Charakter» zu sehen, sondern eher darum, dass «der Charakter durch mich» gestaltet wird. Ich bin das Instrument, und jedes Instrument klingt anders. Man könnte dieselbe Rolle zehn Schauspielerinnen geben und man bekäme zehn völlig unterschiedliche Variationen, weil jedes Instrument anders resoniert.

Im Tatort ist Ihre Rolle ziemlich klar definiert. Inwiefern können Sie sich in Bezug auf die Ausgestaltung der Rolle dennoch einbringen?>
Die Figur existiert nun seit sechs Jahren, und sie hat sich entwickelt, ihr gelebtes Leben hinterlässt eine Spur in ihr. Einerseits durch die verschiedenen Drehbücher; wir haben inzwischen zwölf Fälle gedreht. In jedem Drehbuch gibt es eine neue Farbe von Isabelle, auch wenn sie im Kern dieselbe bleibt. Am spannendsten finde ich die Drehbücher, in denen ich eine neue Facette von ihr zeigen kann. Ich denke zum Beispiel an Von Affen und Menschen, wo man eine eher kindliche und lustige Seite von ihr sieht, oder an Fährmann, wo ihre Verletzlichkeit zum Vorschein kommt. Beide Drehbücher stammen von Lorenz Langenegger und Stefan Brunner. Und natürlich bin da auch ich: Nach all der Zeit leben wir irgendwie miteinander, heute steckt mehr von mir in ihr als noch vor sechs Jahren.

Wie schnell lässt sich nach einem Drehtag die verkörperte Rolle wieder ablegen? Gibt es diesbezüglich bestimmte Rituale?
Die Drehtage sind sehr lang und intensiv. Es gibt viel Adrenalin, viel Konzentration, man verbraucht enorm viel Energie. Wenn ich nach Hause komme, arbeite ich meistens noch die Szenen für den nächsten Tag durch, Wir drehen nicht in der Reihenfolge der Szenen, deshalb muss man den Weg der Figur immer ganz klar vor Augen haben. Dann esse ich etwas und schlafe. Die Erholung zwischen zwei Drehtagen ist sehr wichtig. Nach einem Dreh braucht es eine Weile, bis man wieder ein Gefühl von Normalität findet. Man ist ziemlich erschöpft, es ist tatsächlich sehr sportlich. Was mir am meisten hilft, ist meine Familie, mein Zuhause, das Zurückkehren zu mir selbst. Das ist für mich am effektivsten.


Bild: Copyright Olivier Allard

*1979 in Biel, ist eine vielfach ausgezeichnete, international tätige Schauspielerin und Pianistin. Sie wechselt zwischen Film, Fernsehen, Theater und Musik hin und her. Aktuell entwickelt sie mehrere Schreib- und Regieprojekte. Ihr Kurzfilm «Cherubs» wird derzeit auf internationalen Festivals gezeigt, u.a. in Neuchâtel, Tallinn und Málaga. Zudem arbeitet sie derzeit an ihrem ersten Spielfilm. Seit 2019 verkörpert Zürcher im Schweizer «Tatort» die Ermittlerin Isabelle Grandjean. In dieser Rolle wird sie zweimal pro Jahr von rund 10 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern gesehen.