Das Archiv von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) enthält und bewirtschaftet mehr als 80 Jahre Radio- und Fernsehgeschichte. Markus Gafner, der mit seinem Team zahllose physische und digitale Audio-Schätze hütet, hat sageschreibe durch das einzigartige kulturelle Erbe der Schweiz geführt.
Von Seraina Graber, Laura Schneider und Adriana Vieira Machado, G23B
Eine unscheinbare Treppe führt uns in das Reich von Markus Gafner: das Archiv von SRF. Schwere Metalltüren reihen sich aneinander. Hinter einer dieser Türen befindet sich der Server-Raum. Aktuell sind bereits zirka 90 Prozent der Archiv-Bestände digitalisiert. «Es ist wie ein Gang durch frühere Zeiten», erklärt Markus Gafner, der für das Audio-Archiv verantwortlich zeichnet. «Heute geht man noch alle paar Wochen oder Monate ins Archiv, weil man fast alles in digitaler Form findet. Früher hingegen musste man fast stündlich Kassetten für Sendungen holen.» Der Server-Raum bleibt für uns geschlossen, weil die Luftfeuchtigkeit absolut konstant sein muss. Jedoch zeigt uns Markus Gafner einen der sieben «analogen» Archivräume. Schallplatten, Magnetbänder, DAT-Kassetten, Zeitschriften, Audiomaterial – alles ordentlich und fein säuberlich in Roll-Gestellen aufbewahrt. So, wie man sich ein typisches Archiv eben vorstellt. Das älteste Material, sagt Markus Gafner nicht ohne Stolz, ist fast 100 Jahre alt.
Katalogisierung früher und heute
Es liegen Welten zwischen der Katalogisierung von gestern und heute. Markus Gafner nimmt eine Karteikarte aus einem Gestell. «Dies ist eine Verzeichniskarte für eine Schallplatte», erzählt er. «Auf diesen Karten wurde jeweils das Genre und der Interpret notiert, in diesem Fall: Rock/Pop, Tina Turner.» Und früher – es klingt im Zeitalter von Spotify fast unglaublich – mussten Schallplatten vor Wiedergebrauch wegen möglicher Staubpartikel gewaschen werden. Gafner zeigt uns eine Schallplatte vom Zürcher Sechseläuten aus dem Jahr 1947. «Heute ist doch Sächsilüüte!», sagt er und lacht.
Im Gegensatz zu früher ist die Arbeit von Markus Gafner heute zu 99 Prozent digital. Seine hauptsächliche Tätigkeit findet am Bildschirm statt. Sie besteht zu einem grossen Teil aus Teams-Calls mit Arbeitskolleg(inn)en und der Zusammenarbeit mit Datenspezialisten oder Personen an anderen Schnittstellen im Unternehmen. Auch das Verschlagworten der Bestände – Personennamen, Orte, Themengruppen – geschieht nicht mehr analog, sondern digital.
Das Archiv als digitales Gedächtnis
Archivare sind Mehrkämpfer. Gefragt sind Berufsausbildungen im Archiv- und Bibliotheksbereich, aber auch Abschlüsse in Geschichte, Germanistik oder Geisteswissenschaften. Datenmanagement und Informatik sind ebenfalls wichtige Bereiche und werden durch archivaffine Mitarbeitende in das Team integriert. Gafner ist also nicht allein im SRF-Archiv, ein ganzes Team arbeitet hier zusammen. Aber weshalb betreibt SRF einen solchen Aufwand für etwas, was längst vorbei ist? Worin besteht der Nutzen des Archivs, das gern als digitales Gedächtnis des SRF bezeichnet wird? Gafner erklärt, dass das Archiv ein sogenanntes Produktionsarchiv sei. Das heisst, Journalistinnen und Journalisten wird Material angeboten, das sie für Radio- oder Fernsehbeiträge verwenden können. Gafner ist es zudem ein zentrales Anliegen, dass die Bestände des Archivs öffentlich zugänglich gemacht werden. Deshalb: Je mehr digitalisiert ist, desto leichter lässt sich der Zugang erschliessen. Aber eben – wozu? «Ich finde es sehr spannend» sagt Gafner, «frühere Diskussionen zum Beispiel über das Jugendzentrum Kiff oder den Aarauer Maienzug zu hören. Solche Aufnahmen dienen einerseits zur Unterhaltung, andererseits aber auch zur Bildung, denn solche Beiträge haben einen historischen Wert.» Jetzt ist Gafner in seinem Element: «Archive, also Dokumente aus der Vergangenheit, sind elementar für uns, um aktuelle Thematiken besser einzuordnen zu können. Über Handys hat man vor 20 Jahren ganz anders diskutiert als heute. Mit Hilfe von Archiven lassen sich auch Timelines zu verschiedenen Themen erstellen – und da zeigt sich dann zum Beispiel, dass gewisse Dinge sich wiederholen, etwa in der Mode. Zudem ist es wichtig, die Bestände vor dem Zerfall zu schützen. Bei gewissen Tonträgern beispielsweise ist das Risiko gross, dass sie mit zunehmendem Alter nicht mehr abgespielt werden können. Alles, was wir produzieren, wird zu einem Teil unseres kulturellen Erbes – und das müssen wir bewahren, denn es schafft Identität.»
KI im Archiv
In seinem Büro erzählt Markus Gafner vom Langzeitarchiv, das aus digitalen Magnetbändern besteht. Das Band einer einzigen Kassette ist 800 Meter lang und hat eine Speicherkapazität von 15 Terabyte. Darauf haben 500 Stunden Videomaterial oder 15’000 Stunden Audiomaterial in höchster Qualität Platz. Werden Kassetten aus dem Archiv benötigt, kommt ein sogenannter Tape-Roboter zum Einsatz; der holt das bestellte Tape und liest es ein. Dank dieser Automatisierung steht das Material sehr schnell zur Verfügung.
Bereits seit Jahren arbeiten die Archivare im Digitalisierungsprozess mit künstlicher Intelligenz (KI). Beispielsweise kann durch KI ein Signet gesetzt werden, um bestimmte Stellen in einer Sendung zu finden. Mit den heutigen Möglichkeiten kann die KI auch das Audiomaterial, welches archiviert wird, transkribieren. Dies ist eine grosse Arbeitserleichterung und sehr hilfreich beispielsweise bei Recherchen. Aber wie wird überhaupt entschieden, was archiviert wird? Gafner sagt: «Aufgrund der heutigen Speicher-Möglichkeiten selektioniert man nicht mehr so stark wie früher. Klar ist: Die Eigenproduktionen von SRF werden lückenlos archiviert. Allein das benötigt viel Zeit und Ressourcen.
Vergangenheit und Zukunft
Alles sehr rückwärtsgewandt also. Und welche Rolle spielt hier die Zukunft? Die Antwort von Markus Gafner überrascht und verblüfft: «Wir archivieren für die Zukunft. In dieser schnelllebigen Zeit ist der Blick zurück sehr wichtig, weil wir daraus Rückschlüsse auf die Zukunft ziehen können. Insofern ist unsere Arbeit enorm zukunftsgerichtet.»
Gafners Augen funkeln. Kein Zweifel, er ist auch nach Jahren im Beruf noch immer fasziniert von seiner Arbeit als Archivar. Noch vor acht Jahren spielte er selbst Bänder ein und digitalisierte Schallplatten, heute wird die Digitalisierung von externen Firmen übernommen.
Und sein Resümee? «Archivieren hat bei manchen das Image von «Man geht einfach mal Sachen in den Keller stellen. Aber ein wenig komplizierter – und spannender – ist die ganze Sache eben schon.»


Bilder: Denny Hofmann
Markus Gafner studierte Allgemeine Geschichte, Philosophie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Zürich. 2024 machte er, ebenfalls an der Universität Zürich, einen CAS-Abschluss in Datenmanagement und Informationstechnologien.
Link zum SRF Archiv
