Im Sommer 2025 rückte die Europameisterschaft den Fussball der Frauen ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Euphorie auf den Tribünen, die sich in den Medien widerspiegelte, machte sichtbar, was jahrzehntelang im Schatten gestanden hatte. sage&schreibe hat die ehemalige Torhüterin und heutige Trainerin Elly Trachsel zum Gespräch getroffen, eine, die den Schweizer Frauenfussball seit knapp 50 Jahren aus nächster Nähe erlebt. Sie berichtet von ihren persönlichen Erlebnissen, ordnet bisherige Entwicklungen ein und richtet den Blick optimistisch in die Zukunft.
Von Zoé Christen und Mia Marfurt
Wir treffen Elly Trachsel in der Nähe des Basler St. Jakobspark. Die Trainerin einer Juniorinnenmannschaft des FC Concordia Basel begrüsst uns herzlich – und beginnt gleich zu erzählen. Ihre Augen leuchten, als sie sich den Beginn ihrer Karriere in Erinnerung ruft. 1979, sagt sie, habe sie mit ihrer Zwillingsschwester angefangen Fussball zu spielen. Zu dieser Zeit gab es erst sehr wenige Frauenteams, geschweige denn Juniorinnen. Fussball war eine Männerdomäne, es war schwierig, als Frau sportlich Karriere zu machen. Auch ambitionierten Teams fehlten die für den Erfolg nötigen Rahmenbedingungen.
Elly Trachsel wollte das ändern – und gründete 1985 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester und der späteren Schiedsrichterin Vroni Schluchter die erste Frauenmannschaft des FC Concordia Basel. «Auch in diesem Verein gab es natürlich Männer, die fanden, das gehe gar nicht.» Sie schmunzelt. «Aber wir haben uns durchgesetzt.»
Fünfzehn war sie damals. Die Jüngste im Team war elf. Und sie mussten gegen 35-Jährige spielen. Eine Riesenherausforderung. Elly Trachsel erzählt, wie schwierig es war, überhaupt Frauen zum Fussball zu bringen und vor allem auch Jüngere zu motivieren, zumal viele Eltern damals noch immer dagegen waren, ihre Töchter Fussball spielen zu lassen.
Die gesellschaftlichen Rollenbilder
Die gesellschaftlichen Rollenbilder haben sich in den letzten Jahren zwar stark verändert, doch im Fussball vollzieht sich dieser Wandel nicht ganz so schnell. Nationen wie die USA oder Schweden fördern den Frauenfussball mittlerweile medial und finanziell, die Schweiz hingegen hinkt diesen Entwicklungen etwas hinterher. Trotz grosser Erfolge, wie der EM im letzten Sommer, gibt es auch heute noch Männer in wichtigen Gremien, die eine konsequente Professionalisierung und Förderung des Frauenfussballs nicht gutheissen.
Trotzdem hat sich einiges getan, der Frauenfussball ist stark gewachsen. Während Trachsels Aktiv-Karriere gab es in einem Team Frauen jeden Alters. Heute gibt es Altersklassen, und beim FC Concordia Basel gibt es bereits fünf Frauenteams. Die Nachfrage wachse weiter, sagt Trachsel, man müsse Anfragen von Mädchen auch zurückweisen, weil es in den Juniorinnenteams schlicht keine freien Plätze mehr gebe.
Rollenwechsel
Und der Weg von Elly Trachsel? Nach der erfolgreichen Karriere als Torfrau wechselte sie vom Spielfeld auf die Bank der Trainerin. Ein Rollenwechsel der ihr anfangs nicht leichtfiel. «Als Spielerin bist du in einer Gruppe, und du weisst, wie man untereinander funktioniert. Dann geht man auf die andere Seite und muss plötzlich einer Spielerin, mit der man jahrelang zusammengespielt hat, sagen, was sie tun soll. Denn du als Trainerin bist nun dafür zuständig, dass die Dynamik auf dem Platz stimmt, dass die Laufwege funktionieren und dass die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Spielerinnen ein richtiges Team bilden. Das ist eine grosse Herausforderung und braucht viel Kraft und Nerven.» All diese Mechanismen hat Trachsel längst im Griff. Und noch immer brennt sie dafür, die Mädchen auf und neben dem Platz zu fördern.
Der Hype um die Europameisterschaft
Und die EM? Die Euphorie im vergangenen Sommer? «Der Hype, den nach der EM alle erwartet haben, war doch eher bescheiden», sagt Trachsel. Der Fussballverband habe zwar einige Projekte angestossen, die brauchten aber Zeit, um Fuss zu fassen. Das sei überall gleich, ob bei den kleinen Jungs oder den aktiven Frauen.
Sie erinnert sich daran, wie sie in den 90er-Jahren noch um jede Spielerin hatten kämpfen müssen – bis dann 1999 die WM im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Danach hätten sich die Vereine vor Anmeldungen kaum noch retten können. Einen solchen Andrang habe es nach der EM letzten Sommer nicht gegeben. Elly Trachsel meint, der Zugang zu Frauenvereinen sei heute eben offener, Anmeldungen gebe es laufend, weshalb der Einfluss eines Grossereignisses weniger Wirkung zeige.
Trachsel ist sogar froh darüber: «Es ist toll, wenn die Mädchen kommen, nur: Wir können sie aus Kapazitätsgründen nicht aufnehmen.» In anderen Vereinen sehe es aber anders aus; da gebe es noch viele freie Plätze für Spielerinnen.
Die Frauen und die Männer
Auf Kritik am Frauenfussball reagiert Elly Trachsel selbstbewusst. «Ich finde, wir sollten so bleiben, wie wir sind. Das macht ja den Charme des Frauenfussballs aus. Wir müssen nicht so werden wie die Männer. Absolut nicht!» Sie findet es schade, dass sich, vor allem im Männerfussball, so vieles ums Geld dreht, auch wenn sie sich durchaus eine Professionalisierung des Frauenfussballs wünscht. Auch die Frauen sollten anständige Gehälter beziehen, aber dass man im Männerfussball so viel Wert auf den «Preis» eines Spielers legt und astronomische Löhne bezahlt, findet sie übertrieben. «Kein Spieler kann so hohe Erwartungen erfüllen», sagt sie. «Das hat doch nichts mehr mit Fussball zu tun.» Wenn das Geld nicht über allem stehe, könne man mehr Spass am Sport haben. «Das unterscheidet den Frauen- vom Männerfussball. Wir leben den Sport so, wie es bei den Männern nicht mehr möglich ist.»
Überhaupt findet sie, man solle die Frauen nicht gegen die Männer ausspielen, wie es oft auf den Tribünen oder in den Medien getan werde. «Es geht nicht darum, überall Frauen mit Männern zu vergleichen, sondern darum, einander zu akzeptieren und Spass zu haben.»
Die Zukunft des Schweizer Fussballs
Abschliessend fragen wir Elly Trachsel, wie sie sich das Leben einer Fussballerin in der Schweiz in 20 Jahren vorstelle. Die Frage bringt sie zum Schmunzeln. «Ich hoffe, bis dahin kann eine gute Spielerin vom Sport leben. Das würde ich gern noch erleben, dass eine Spielerin in der Schweiz sagt: ‹Ich kann mir dank meines Sports locker ein gutes Leben leisten.› » Trachsel hält dieses Szenario für realistisch. Sie ist sich aber auch bewusst, dass es ein schwieriger Weg werden wird. Denn auch hier hängt alles vom Geld ab: Jedes Spielerinnen-Gehalt muss finanziert werden, und wenn eine Spielerin sich nicht zu hundert Prozent auf den Sport konzentrieren kann, hat sie nicht die Möglichkeit, sich konsequent weiterzuentwickeln.
Elly Trachsel verlässt sich aber nicht auf die Hoffnung, dass der Verband mit seinen Projekten dranbleibt und der Frauenfussball so weiterhin wachsen kann. Sie ist selbst vielfältig engagiert, Sie ist selbst vielfältig engagiert, tauscht sich regelmässig mit Trainerinnen und Trainern sowie Funktionärinnen und Funktionären bezüglich Verbesserungsmöglichkeiten aus. Und vieles geht ihr zu langsam: «Auch wenn wir ein reiches Land sind, kriegen wir es in gewissen Bereichen nicht hin, vorwärts zu machen und die benötigte Unterstützung zu gewährleisten. Trotzdem bin ich sicher, dass der Frauenfussball am Ende gewinnt.»

Bild: Clara Burkhalter
