2017, Im Fokus, Luft, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 26

Das Spiel mit der Luft

Luft ist Leben. Und wenn sie über unsere Stimmbänder streicht, können wir sogar Laute erzeugen, verbal miteinander kommunizieren. – Und beim Spielen eines Blasinstrumentes? Was spielt die Luft da für eine Rolle? Die beiden Klarinettisten Thomas Hunziker und Julian Remund geben Auskunft.

Wenn wir reden, denken wir gar nicht daran, ein- und ausatmen zu müssen, und wir brauchen uns nicht um die Stimmbänder zu kümmern, denn alles funktioniert ganz automatisch. Ganz anders beim Klarinettenspiel. Hier wird die Luft gebraucht, um das Holzblatt am Mundstück zum Schwingen zu bringen und dem Instrument Töne zu entlocken. Weil es in erster Linie um das Instrument geht, wird die physiologische Bedeutung der Luft zweitrangig. Luft also nicht als Lebenselixier oder Kommunikationshilfe, sondern zum Spiel. Setzt dies den Körper nicht unter Stress?

Wir haben nachgefragt bei zweien, die es wissen müssen: Der eine ist Julian Remund, Schüler der AKSA und vor kurzem als Klarinettist aufgenommen in das Spitzenförderungsprogramm Musik des Kantons Aargau, der andere ist Thomas Hunziker, weit herum gefragter Klarinettist und Lehrer von Julian.

Lufthaushalt als Selbstverständlichkeit
Während des Klarinettenunterrichts mit Julian erklärt Thomas Hunziker: «Der Lufthaushalt ist auch beim Spielen eines Blasinstrumentes eine völlige Selbstverständlichkeit. Wir beschäftigen uns überhaupt nicht aktiv damit. Während des Spiels nehmen wir so viel Luft auf, wie der Körper braucht. Es ist wie beim Reden: Man atmet ein, ohne dass man bewusst daran denkt. Einfach mit dem Unterschied, dass das Ausatmen durch das Instrument hindurch geschieht.»

Trotzdem, meint Julian, habe er manchmal das Gefühl, beim Spielen keine Luft mehr zu haben. Es fühle sich an, als laufe er einen Berg hoch. Man verlangt dem Körper also einiges ab beim Spielen, und je nach Passage ist das Atmen eben doch unregelmässiger als beim Sprechen. «Dann geht es darum, möglichst schnell wieder in einen natürlichen Atemrhythmus zu kommen», sagt Julian, «daran arbeite ich.»

Entspannt zur Höchstleistung
Ist es von Vorteil, als Bläser oder Bläserin ein grosses Lungenvolumen zu haben? – Ein bewusstes diesbezügliches Training gebe es nicht, meint der junge Musiker. Das Lungenvolumen passe sich automatisch den Bedürfnissen an. Allein das regelmässige Üben genüge, um die Lungen entsprechend zu trainieren. Dass sich dabei, ähnlich wie beim Sport, ein Trainingseffekt einstelle, merke man, wenn man während der Ferien für längere Zeit nicht gespielt habe. Dann brauche es eine gewisse Zeit, bis sich das ganze Atmungssystem wieder angepasst habe. «Als Musiker arbeitet man ein Leben lang daran, ein stabiles Luftkissen zu haben», erklärt er. «Beim Spielen aber nimmt man es nicht mehr wahr. Je selbstverständlicher die Luftzirkulation für einen Bläser wird, desto besser», sagt er und sieht seinen Lehrer an. «Genau», sagt Hunziker. «Wenn du bereits das Einatmen als einen entspannenden Vorgang erlebst, hast du alles im Griff. So wird nämlich der gesamte Atemzyklus während des Spielens als natürlich erlebt. Du kommst kaum in Atemnot und kannst dich ganz auf die Finger und auf das Ausgestalten des Stückes konzentrieren. Klar, lange Passagen sind eine Herausforderung,  weil sie das Luftholen anspruchsvoll machen. Umso wichtiger ist es, danach schnellstmöglich wieder zum regelmässigen Atemzyklus zurückzufinden.»

Julian Remund: Claude Crousier, Brouillasse & Broussaille

Thomas Hunziker: Othmar Schoeck, Sonate für Bassklarinette und Klavier (am Klavier: Tomas Dratva)

Das Spiel mit der Luft – für den Lehrer und den Schüler eine Leidenschaft. Und eine Kunst, in der es sich mit jedem Atemzug weiter zu perfektionieren gilt. Oder anders gesagt: Wer als Bläser vorne mit dabei sein will, braucht einen langen Atem.

Von Nadine Girod und Antonia Schmid, G3L