2017, Im Fokus, Luft, Reportage, Sage & Schreibe Nr. 26

Wo die Luft gemacht wird

Zum Schneiden dicke Luft nach einer Doppelstunde Physik? Tagelanger Gestank nach chemischen Experimenten? Unerträgliche Hitze im Sommer? Nicht im Paul-Karrer-Haus der Alten Kanti. Denn hier sorgt eine ausgeklügelte Heizungs-und Belüftungsanlage für ein neutrales Klima – wenigstens in Bezug auf die Luft. Eine begleitete Entdeckungsreise ins klimatische Herz des Gebäudes.

Paul-Karrer-Haus – fünf vor Zwei. Wir sind mit Beat Spillmann und Pascal Auf der Maur vom Hausdienst der Alten Kantonsschule Aarau verabredet. Sie werden uns zeigen, wie das Haus mit der vielen dicken Denkluft der Schülerinnen und Schüler umgeht. Ein letzter Check, ob wir alles dabeihaben, dann kommen die beiden auch schon. Wir werden freundlich begrüsst und begeben uns gleich an einen Ort, zu dem Schülerinnen und Schüler normalerweise keinen Zutritt haben: den Technik-Raum des Paul-Karrer-Hauses. Da liegt unter anderem das Lüftungssystem verborgen, das für die frische und jederzeit kühle Luft im Haus sorgt.

Beim Betreten der Räume fällt uns die Wärme auf. Ebenso der Lärm der Maschinen, von denen einige beindruckende Masse aufweisen und einigermassen geheimnisvoll aussehen. Zum Glück sind Herr Auf der Maur und Herr Spillmann vom Fach und beginnen ganz von vorn: Hier unten befindet sich nicht nur das Lüftungssystem des Paul-Karrer-Hauses, sondern auch die Heizungsübergabestation für alle Gebäude des Schulgeländes. Dazu noch Luftschutzkeller und diverse Lagerräume. Auch von der Lüftungsanlage müsste eigentlich im Plural gesprochen werden. Während nämlich die Hauptanlage alle Schulräume im Paul-Karrer-Haus mit frischer Luft versorgt, dienen verschiedene kleinere Anlagen zur Belüftung des Erdgeschosses, der Toiletten oder der Nebenräume.

Rauchalarm in den Schulzimmern
«Der Luftumwälzungsprozess beginnt damit, dass zahlreiche Ventilatoren Aussenluft ansaugen», erklärt Spillmann. Der Lüftungseingang befindet sich auf dem Vorplatz des Paul-Karrer-Hauses, liegt leicht erhöht, von Sträuchern geschützt, damit sich keine Personen auf das Gitter setzen.

Dazu gebe es eine witzige Geschichte, sagt Beat Spillmann. Und natürlich wollen wir sie hören. Die Sträucher, erzählt er, seien auch deshalb gepflanzt worden, weil die Schülerinnen und Schüler dort früher regelmässig gesessen und geraucht hätten. Der Ventilator habe diese wenig appetitliche Luft natürlich angesogen und den Rauchgeruch im ganzen Gebäude verteilt. Schmunzelnd fügt Spillmann an, ein wenig schade sei es schon, dass die Schüler sich dort nicht mehr aufhalten könnten; immerhin habe man jeweils ein kleines Vermögen gemacht, wenn das darunterliegende Auffangbecken für Regenwasser gesäubert wurde. Den Schülerinnen, sagt er, sei nämlich oft Kleingeld aus den Taschen gefallen. «Da kamen so 20 bis 30 Franken im Jahr zusammen. Für unsere Kaffeekasse.»

Weitere Bilder finden Sie in unserer GALERIE.

Umweltfreundliche und kostengünstige Wärme
Zurück zum Theoretischen. Bevor die Luft in den Kreislauf eintritt, wird sie gefiltert. Die Filter werden jährlich gewechselt, um saubere Luft zu garantieren. Nach dem Filtern gibt es zwei Optionen: Entweder wird die Luft mit Hilfe der Kältemaschine gekühlt, oder sie wird erwärmt. Die Wärme wird von den Industriellen Betrieben Aarau als Fernwärme bereitgestellt.
Das war nicht immer so. Bis im Jahr 2016 nämlich wurde eine Ölheizung für den gesamten Wärmebedarf eingesetzt. «Fernwärme», erläutert Beat Spillmann, «ist zwar umweltfreundlicher, leider aber noch nicht kostengünstiger. – Beim Hinausblasen der verbrauchten Luft aus dem Gebäude wird ihr die Wärme oder die Kälte entzogen und wiederverwendet. Damit kann der Energieverbrauch reduziert werden. Dieser Vorgang geschieht über einen Wärmetauscher.»

Im nächsten Schritt wird die Luft mit Hilfe eines sogenannten Wabensystems befeuchtet. Dabei geben Sprühdüsen kleinste Wassertropfen an die Luft ab, um die Luftfeuchtigkeit konstant auf 45% bis 48% zu halten. Das für diesen Vorgang benötigte Wasser wird vorher entkalkt und entmineralisiert, damit die feinen Sprühdrüsen nicht verstopfen. In zwei Hauptkanälen mit diversen Abgängen zu den Stockwerken wird die Luft nach oben transportiert und in die verschiedenen Zimmer verteilt. Gleichzeitig wird die verbrauchte Luft abgesaugt und aus dem Gebäude geblasen.

«Im Zug der Renovation in den Jahren 1999 und 2000», erklärt Pascal Auf der Maur, «wurde das 1969 eingeweihte Gebäude komplett saniert. Dazu zählte auch das Ersetzen der alten Lüftungsanlage durch eine dem aktuellen Stand der Technik entsprechende neue Anlage.» Schon damals war vorgegeben, dass die neue Anlage gewisse Energievorschriften zu erfüllen habe; so durfte zum Beispiel der maximale Unterschied zwischen Innen- und Aussentemperatur im Sommer nicht mehr als 5° Celsius betragen. Wurden draussen also 30° Celsius gemessen, durfte im Innern des Gebäudes auf höchstens 25° Celsius runtergekühlt werden. «Daher konnte man eigentlich nur von einer Temperatur-Erträglichkeits-Anlage sprechen», ergänzt Spillmann mit einem Schmunzeln.

Grenzwerte, Durchschnittwerte, Peaks
Im Sommer werden jeweils am Morgen zwei Rauchabzüge im 7. OG des Hauses eingeschaltet; die sollten eigentlich im Brandfall den Rauch nach draussen befördern, doch während Hitzeperioden dienen sie dazu, einen Sog zu generieren, der die kühle Morgenluft ins Gebäude hinein- und die warme Luft hinausbläst. So wird die Temperatur in der Eingangshalle und im Treppenhaus noch angenehmer – und auch frischer. Das sei auch nötig, sagt Auf der Maur. «Die CO2-Werte müssen unbedingt eingehalten werden. Schweizweit gilt ein Kohlenstoffdioxid-Grenzwert von maximal 1’500 ppm (1), gemessen über eine längere Zeitspanne. Aber diesbezüglich sind wir gut unterwegs mit unserer Anlage.» Tatsächlich zeigen Messungen, dass der Durchschnittswert im Paul-Karrer-Haus bei belegten Klassenzimmern zwischen 600 und 1000 ppm liegt, also weit unter dem vorgeschriebenen Grenzwert. Wir sind erstaunt. Mit unserer Wahrnehmung jedenfalls deckt sich das nicht zu hundert Prozent. Wir haken nach. Keine Grenzwertüberschreitungen? Keine Ausreisser nach oben? Pascal Auf der Maur überlegt. «Entscheidend ist der Durchschnitt, und der ist top. Aber ja, es kommt schon mal vor, dass es Ausschläge gibt. – Das sind sogenannte Peaks», ergänzt er. «Also das Gröbste, was wir je gemessen haben, waren gut 1’500 ppm.»

Ein Hauch von Abenteuer
Nach all den theoretischen Ausführungen nimmt unser Ausflug in die Innereien des Paul-Karrer-Hauses eine unerwartete Wende. Das Angebot, den Verbindungsgang zwischen den Gebäuden zu besichtigen, können wir unmöglich ablehnen. In diesem Gang befinden sich einerseits Leitungen, die den Wärmeaustausch vom Paul-Karrer-Haus in die anderen Gebäude ermöglichen, andererseits dient der Gang auch als Notausgang. Falls man im Keller gefangen sein sollte. Und dann geht’s los. Über eine lange, für Unterhaltsdienste bereitgestellte Leiter gelangen wir alle sicher in den erhöhten Verbindungsgang. Es ist ziemlich eng und düster hier. Und schon fällt unser Blick auf einen grossen, knallrot auf die Wand gemalten Schriftzug: «Notausgang». Wir fühlen uns wie in einer schlechten Episode von «American Horror Story», in der man in jedem Moment mit dem Unmöglichen und Undenkbaren rechnen muss. Nach ein paar Metern treten wir glücklicherweise wieder den Rückweg an. Der Abstieg stellt sich dann aber als unerwartet schwierig heraus. Die Leiter wackelt um einiges mehr als vorher, wir spüren den Puls im Hals. Entsprechend sind wir heilfroh, Augenblicke später wieder sicheren Boden unter den Füssen zu haben.

Nachdem wir uns von unseren kompetenten Technik-Guides verabschiedet haben, schauen wir uns an und sind ziemlich sicher, dass wir dasselbe denken: Eine interessante und sehr lehrreiche Expedition war das. Aber diese 1500 ppm: Entweder ist der Grenzwert für gute Luft in Schulzimmern zu hoch angesetzt, vor allem im Sommer, oder unsere Nasen sind zu empfindlich. Aber das ist ein anderes Thema. Vielleicht für ein anderes Mal.

(1) ppm steht für engl. «parts per million». Mit diesem Mass werden Teilchenkonzentrationen im Millionstelbereich bezeichnet.

Von Marion Müller, G3L