dies&das, Reportage, Sage & Schreibe Nr. 23

Das andere Gefängnis

Ein Besuch auf dem Arxhof

Stellen wir uns vor, wir sind im Gefängnis, doch wir sind nicht eingesperrt, der Weg nach draussen ist frei. Jederzeit könnten wir davonlaufen. Würden wir es tun? Kann so etwas überhaupt ein „Gefängnis“ sein, als Strafe für einen Gewalttäter? Und ist das sinnvoll?

In ihrer Schwerpunktfachwoche beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler von Pädagogik, Psychologie und Philosophie (PPP) mit solchen Fragen zum Strafen, und zwar interdisziplinär, in allen drei Fächern. Dazu verweilten wir im Gegensatz zu anderen Schwerpunktfächern in Aarau, was es uns ermöglichte, den Vorträgen mit Experten wie dem ehemaligen Chef der Psychiatrie Königsfelden Herrn Dr. Sachs oder der Jugendanwältin Barbara Gil zu sprechen und von ihnen Geschichten über „Grosimörder“ und „Uzikiller“ zu hören, das alles zu den immer ähnlichen Problemstellungen, die nie eine eindeutige Antwort haben.

Um uns ein Bild am Ort des Geschehens zu machen, reisen wir gegen Ende der Woche ins Baselland, auf den Arxhof, wo strafrechtlich verurteilte Jugendliche untergebracht sind. Für jugendliche Straftäter besteht die Möglichkeit, eine herkömmliche Gefängnisstrafe abzusitzen, oder aber es kann eine sogenannte Massnahme angeordnet werden, wo der Schwerpunkt auf der Betreuung der Person, aus meist schwierigen Verhältnissen, liegt.

Keine Gitter, keine Kuscheljustiz

Es ist ein grauer Morgen, jeden Augenblick könnte es zu regnen beginnen, und gleichwohl ist es idyllisch in diesem abgeschiedenen Tal des Basellands. Einige modernistische Hauswürfel in verschiedenen Farben stehen verstreut neben einem Bauernhof, Maschinen brummen, zwischen den Gebäuden liegt ein Weiher, der, wenn es etwas wärmer wäre, zum Flanieren einladen würde. Nichts deutet darauf hin, dass es sich bei diesen Gebäuden um eine Massnahmeanstalt für jugendliche Straftäter handelt. Keine Gitter, keine Zäune, keine Wachen, Freiheit sozusagen. Uns sind die „schweren Jungs“ angekündigt worden, Mörder sogar. Ich denke, dass es geradesogut ein Naherholungsgebiet für das nahe Basel sein könnte.

Der Leiter des Bereichs „Ausbildung“ und Mitglied der Direktion stellt uns die Massnahmeanstalt vor. 52 junge Verurteilte werden hier untergebracht, sind dabei verpflichtet, ein therapeutisches Programm zu absolvieren, eine Ausbildung in Angriff zu nehmen und werden dabei pädagogisch begleitet. Wer jetzt denkt, das sei Kuscheljustiz, meint der Direktor, der irre sich. Zwar würde kein Gitter die Verurteilten, die hier Bewohner genannt werden, vom Fliehen abhalten, dafür müssen sie sich mit einer viel schwierigeren Frage als der nach einem Ausweg beschäftigen. Wieso sie bleiben.

Denn das Bleiben scheint nicht so idyllisch zu sein, wie mir der erste Anblick vorgaukelt. Der Direktor skizziert uns in seinen Ausführungen ein System der Bevormundung, das mich schwer an die Dystopie aus Roman 1984 von George Orwell erinnert. Jeder Schritt der Bewohner ist verplant, sie arbeiten, in der Schreinerei, der Gärtnerei, dem Forstwesen, sie werden therapiert, eine stetige Konfrontation mit dem eigenen Selbstbild, sie sind immer in der Gruppe (nach Delikten aufgeteilt), es gibt kaum Privatsphäre, Handys werden ausfindig gemacht und entnommen, auch der Ausgang ist durchgeplant.

Der Arxhof sehe zwar nicht aus wie ein Gefängnis, doch in Wirklichkeit sei diese Massnahmeanstalt für die Bewohner eine viel grössere Herausforderung. Im Gefängnis kann man nichts tun, Konflikten aus dem Weg gehen, alleine sein, hier nicht. Uns wird der Gegenentwurf zum gängigen Gefängnis der Verwahrlosung präsentiert, nämlich, wie ich es aufnehme, eine Anstalt der Kontrolle, die in sämtlichen Lebensbereichen des Täters wirkt.

Die Person von der Tat trennen

Das hat seinen Preis. Auf die 52 Bewohner kommen ähnlich viele Stellen. Es gibt Ausbildner, Sozialpädagogen, Therapeuten, und sie alle arbeiten in einem engmaschigen System. „Das ist etwa so, wie wenn Mami und Papi immer mit eurem Chef zusammensitzen und über euch reden würden. Das ist doch cool!“ Der Direktor ist sichtlich bemüht, in einem zynischen Unterton unser Bild des Erholungsgebiets zu verändern. Die Kosten für diese Anstalt müssen schliesslich gerechtfertigt werden.

Hier würde die Person, die oftmals einen schwierigen Hintergrund hat, von der Tat getrennt, um so eine Besserung zu erzielen, die auch der Gesellschaft diene, indem die Person, die die Massnahme auch beendet, ausgebildet sei, wieder in die Gesellschaft integriert werden könne, heisst es. Noch keine Statistik kann diese Behauptung belegen, doch es liegt nahe, dass sie zutrifft.

Nach der Präsentation gehen wir durch die einzelnen Bereiche des Areals. Alles ist friedlich. Die Bewohner sägen, schrauben, bohren. Gewalttätige Auseinandersetzungen gibt es angeblich nur selten, und wenn sei den Bewohnern der Frieden genügend wichtig, so dass sie diese selbst zu schlichten wissen. Es bietet sich mir das Bild von jungen Delinquenten, die daran sind, ihr Leben aus einem neuen Blinkwinkel betrachten zu lernen. Die fünfzig Prozent, die die Massnahme nicht beenden, sehe ich hier nicht.

Auf der Fahrt aus dem abgeschiedenen Tal bin ich seltsam erschlagen. Mein Bild des Strafvollzugs hat eine komplette Wendung vollzogen. Ich frage mich, ob alles stimmt, was uns präsentiert wurde, ob wir unser Bild des Gefängnisses überdenken sollten, oder ob die Wirksamkeit dieses Idylle nur geldfressender Schein ist.

Wieder sind wir bei den Ursprungsfragen unserer Schwerpunktfachwoche angelangt. Was ist eine Strafe? Dieses Kontrollsystem auf dem Arxhof wirkt für mich wie eine Strafe. Wie viel sie uns kosten darf, wie wichtig uns die Täter sein dürfen? Es könnte sein, dass ich völlig anders denken würde, wäre einer der Bewohner, der hier auf scheinbar freiem Fuss lebt, der Mörder eines Bekannten.

Benjamin Bieri, G4L