2019, Im Fokus, Menschen, Reportage, Startbeitrag, Traum

„Träume sind Freunde“

Das Leben ist eine Reise, die uns verändert. Und die die Wünsche, die Sehnsüchte? Verändern sie sich mit? Hören wir gar irgendwann auf zu träumen? – Antworten auf diese Fragen hat die 86-jährige Annelies Hubler.

Einige träumen von einem roten Glitzer-Fahrrad, andere von einem gut bezahlten Job und wiederum andere von Gesundheit und ewiger Liebe. Es gibt so vieles im Leben, wofür es sich zu träumen lohnt. Für viele ist ein Traum also ein sehnlicher Wunsch, meist die Zukunft betreffend.
Da Träume und Wünsche also zukunftsgerichtet sind, stellt sich die Frage, inwiefern Träume sich mit zunehmender Lebenserfahrung und abnehmender Lebenserwartung verändern. Träumt man im Alter überhaupt noch? Und wenn ja: wovon?
Dieser Frage gehe ich nach. Ich befinde mich im Alterszentrum Fislisbach, im Wintergarten der Cafeteria. Die Fenster sind leicht beschlagen, denn es ist ein kühler Tag anfangs Oktober. Mir gegenüber sitzt Annelies Hubler, eine adrette, gepflegte Dame, welche mir freundlich zulächelt. Annelies Hubler ist 86 Jahre alt und lebt nun schon seit fünfeinhalb Jahren im Alterszentrum Fislisbach. Sie hat sich zu einem Interview mit mir bereit erklärt, und zusammen werden wir der Frage des Träumens im Alter auf den Grund gehen.
Meine erste Frage scheint simpel zu sein: «Was ist Ihre Definition vom Traum?», frage ich Frau Hubler und erkläre, dass ich damit einen Wunsch meine und keinen Nachttraum. Sie hält einen Moment inne und setzt dann zur Rede an: «Zuerst unterscheidet man da einige Arten von Träumen», sagt sie. «Da gibt es persönliche Träume, gemeinsame Träume und ganz logisch auch allgemeine Träume wie zum Beispiel den Weltfrieden.»
Zusätzlich merkt sie an, dass Träume nicht bloss Wünsche seien, sondern viel eher etwas Surreales. Ein Traum sei voller Emotionen, fast so, als wäre er nicht von hier, und unterscheide sich somit klar vom Wunsch. Ich nicke, verstehe jedoch noch nicht ganz, was Frau Hubler damit meint.
Persönliche Träume habe sie unzählige gehabt – und auch ausgelebt. Sie erzählt, dass sie sich sehr für Kunst und Kultur interessiere und viele aussergewöhnliche Dinge autodidaktisch erlernt habe, unter anderem die japanische Sprache und Kultur, wie z.B. das japanische Tuschezeichnen. Sie faltet ihre Hände und merkt etwas ernüchtert an: «Schade nur, dass ich das heute niemandem mehr weitergeben kann.» Dies sei eben die Kehrseite der erfüllten persönlichen Träume, sagt sie. Es sei niemand mehr da, mit dem sie ihre Träume und Leidenschaften teilen könne.
Welcher denn ihr allergrösster Traum gewesen sei, möchte ich von Frau Hubler erfahren. Wie aus der Pistole geschossen kommt darauf die Antwort: «Das Wissen über Kunst, Literatur und Musik zu erweitern. Ich habe mich immer sehr für Sprachen, Bildung und Kultur interessiert. » Dabei fällt mir auf, wie sehr ich all dies als selbstverständlich erachte. Aber offenbar war dies früher anders, die Auseinandersetzung mit Kultur gerade für Frauen eben keine Selbstverständlichkeit. Als Nachkriegskind habe sie selbst erfahren, erklärt sie weiter, dass diese wichtigen und wertvollen Errungenschaften im Krieg völlig untergegangen seien: «man dürstete nach weitgreifender Bildung». Hierzu fügt sie ein Zitat aus Dantes «Göttlicher Komödie» an: «Fatti non foste a viver come bruti, ma per seguir virtute e canoscenza», rezitiert sie – und fügt gleich die Übersetzung an: «Ihr sollt nicht wie Tiere leben, sondern der Tugend und dem Wissen folgen.» Wieder einmal mehr fällt mir auf, wie sehr Träume abhängig sind von den Umständen.
Sie fährt fort, dass sie das grosse Glück gehabt habe, ihren Mann zu treffen, und ihre Träume mit ihm zu teilen, den Weg des Lernens, welcher zu Wissen führt, mit ihm gemeinsam zu gehen. «Wissen zu teilen, zu erweitern und mit ihm klassische Musik zu erleben, war für mich etwas vom Allerschönsten», erklärt Frau Hubler.
Nach dem Schwelgen in Erinnerungen frage ich sie, was denn gegenwärtig ihr grösster Traum sei. Sie geht kurz in sich, ihr sonst so wacher Blick schweift für einen Moment an mir vorbei ins Leere, dann beginnt sie jedoch zu lächeln und sagt: «Wenn ich einmal nicht mehr hier bin, wenn meine Seele weit ihre Flügel spannt, ist es mein Traum, den Geist meines Mannes wieder zu treffen. Ja, das ist mein ganz grosser Traum. Dort können wir uns dann endlich wieder austauschen über die Erkenntnisse, welche wir gesammelt haben – ich in meinem langen und er in seinem leider eher kurzen Leben.» Sie schaut etwas apathisch aus dem Fenster, lächelt dann jedoch; so sei es eben mit den Träumen. «Sie sind surreale Begleiter, die ohne zu fragen plötzlich auftauchen. Träume sind keine Wünsche, nein, sie sind Freunde. Freunde, welche einen durch das ganze Leben begleiten und immer wieder anspornen, Neues zu erreichen.» Endlich verstehe ich, was Frau Hubler vorher meinte, als sie sagte, Träume seien etwas Surreales. Ja, denke ich, das ergibt unglaublich viel Sinn.
Sie fügt an, sie wisse, dass das Ganze etwas kompliziert klinge. Träumen sei jedoch als 86-Jährige anders als in der Jugend. Ihre vergangenen Träume mitsamt den Erinnerungen und Erkenntnissen, welche sie daraus geschöpft und gesammelt habe, würden ihr heute zu einem friedlichen und auch vollständigen Leben verhelfen.
Zeit für meine letzte Frage. Ob sich das Träumen im Alter von dem in der Jugend unterscheidet? Annelies Hubler überlegt kurz, sagt dann aber, dass es tatsächlich einen grossen Unterschied gibt. In jungen Jahren sei man viel zu sehr auf die Zukunft versessen. «Doch im Alter muss man sich erst umschauen, sich überlegen, was schon da ist, was man schon alles hat. Es sind Sternschnuppen der Erkenntnis. Und wenn dann ein Traum erscheint – Wunsch und Hoffnung zugleich – dann heisst es, sich bescheiden und gelassen bleiben», sagt sie. «Das Leben glücklich zu Ende leben.»
Ich merke an, wie wenig das doch sei. Sie lächelt mich an und antwortet: «Genauso sollte es auch sein. – Vielleicht leben wir ja schon unseren Traum, und vielleicht ist es nicht immer das Ziel, die Träume vollständig zu verwirklichen aber sie sollen uns Ansporn sein, das Leben ganz auszuschöpfen und das Grosse und Ganze nie aus den Augen zu verlieren.» Mit den Fingern trommelt sie aufs geblümte Tischtuch wie jemand, der alles gesagt hat.
Ich verabschiede mich, und nachdenklich, aber zufrieden, verlasse ich das Alterszentrum. Während ich zur Bushaltestelle spaziere, erkenne ich erst, wie viele Träume um mich herumschwirren.

Von Naima Schahab, G2L