2018, Alte Kanti, Menschen, Porträt, Sage & Schreibe Nr. 27, Verabschiedung

Martin fliegt davon

Nach über dreissig Jahren Schuldienst verlässt Martin Jordi die Alte Kantonsschule. Ein ewiger Zauberlehr-ling, der nicht geht, sondern fliegt – angetrieben von der unstillbaren Neugier auf unbekannte Welten.

Ein Blick entlang der Ostfassade des Paul-Karrer-Hauses nach oben macht deutlich, wie prägend Martin Jordi für das Schulbild noch immer ist. Zu des Architekten Leidwesen weit herum sichtbar prangt im Fenster des sechsten Stocks ein Bücherregal. Neben dem Gehölz des Anstosses hat sein Besitzer Martin Jordi während über 30 Jahren Unterrichtsentwürfe angefertigt, Berechnungen von Quanteneffekten oder Fachschaftsbudgets, Eddy-AKSA-Dynamos, Sitzungstraktandenlisten und -protokolle, Praktikantenbeurteilungen, musikgesteuerte Diaschaltungen, Vorträge, Stellungnahmen als Fachschafts- oder Konferenzausschuss- oder sonsti-gen Ämtern Vorsitzender, Skitouren- und Schulreiseplanungen und vieles mehr. Denn da gibt es zahlreiche weitere Skizzen und Konturen im bunten AKSA-Gemälde, denen Martin Jordi bei der Umsetzung Leben eingehaucht hat – sei es mit der Zeit vorauseilenden digitalen oder mit laut rätschenden analogen Hilfsmitteln oder einfach mit der seinem Berner Wesen eigenen liebenswürdigen Art.

Dabei beschränkte sich Martins Wirkungsradius bei weitem nicht auf das Schulzimmer. Der vollbärtige Physiker mit dem dank jährlicher Schülergeschenke fast unerschöpflichen Vorrat an stereotypen T-Shirts tauchte überall auf: Von Lehrersport, Theateraufführung, Immersionsquiz, Forschungsbühne oder Albertas Runde bis zur Kantibar – es gab kaum einen schulischen Anlass, den er nicht als Gast oder Gastgeber beehrte, so dass sich Begegnungen und Erlebnisse mit Martin in manch persönlicher Erinnerung rund um die Alte Kanti einbrannten. Bilder wie jenes, in dem Martin am Besuchstag in der Sternwarte einer ehrfürchtigen Gästeschar mit grosser Begeisterung Sonnenflecken vorführt, selbstverständlich mit eigens eingerichteter musikalischer Untermalung («Space Oddity» von David Bowie). Eine Szene, die für mich beispielhaft Martins ansteckenden Enthusiasmus für fast alles, was er anpackt, widerspiegelt und seine ehrliche Empathie für alle menschlichen Wesen im Schulbetrieb (die zuweilen auch auf alternde gegenständliche Exponate überschwappt) und die einem promovierten Forscher eigene unstillbare Neugier illustriert, deren Grenzen mit den speläologischen Tiefen und stellaren Höhen seiner Fachgebiete noch lange nicht erreicht sind und die ihn nun zu neuen Aben-teuern führt. Auf Martins letztem Schultagebuch prangt nämlich ein kleiner Zauberlehrling – bereit zum Wegflug, wie der Eigentümer sein Selbstbildnis erklärt.

Für diese Reise, das Erkunden neuer, schulfreier Welten wünsche ich dir – auch im Namen der Fachschaft Physik – alles Gute, und ich danke dir, dass du auf deinem Weg auch unsere kleine Welt erforscht hast.

Von Ursula Keller, Physik- und Mathematiklehrerin