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Nur ein Wimpernschlag

Von Skyla Rossi


[Bild: Sanne Keller]

I
Ich reisse die Arme hoch, halte sie vor das Gesicht, um mich vor dem nächsten Schlag zu schützen. Seine Knöchel sind bereits blutig, die Haut ist dort aufgeplatzt, wo seine Faust jeweils mein Gesicht fand. Er ist über mir, kniet auf meinen Oberarmen. Abwechselnd mit der linken und rechten Faust schleudert er meinen Kopf wie einen Ball hin und her.
Sein dichtes, russfarbenes Haar ist zerzaust, das Gesicht widerlich verzerrt. Schweiss mischt sich auf seinen Wangen mit dem Blut, das von den wenigen Treffern, die ich landen konnte, aus kleinen Rissen sickert. Seine Augen sind glasig. Obwohl sie keinen Fokus zu finden scheinen, fühlt es sich an, als bohrten sie sich in mich hinein.
Ich bin taub, aber ich sehe seinen Schrei, sehe, wie er den Mund aufreisst, wie der Speichel zwischen Ober- und Unterlippe Fäden zieht.
Seine Faust kommt näher.
Mein Blick verschwimmt. Es wird dunkel. Und wieder hell. Seine Faust ist bereits so nahe an meinem Gesicht, dass ich das Blut auf seinen Knöcheln rieche.
Die Umrisse seiner Fratze werden wieder schärfer. Kantige Wut und Verachtung. Schweiss tropft, brennt auf meinem Gesicht. Mir ist heiss. Und kalt. Liegt Schnee? Im Sommer? Diese Kälte ist so unerträglich heiss.
In dem Moment, da ich seine raue Hand auf dem Gesicht spüre, wird mein Kopf zur Seite geworfen. Ich höre ein knackendes. schwarzes. Geräusch.

II
Ich reisse meine Arme nach vorne im verzweifelten Versuch, etwas zu finden, woran ich mich festhalten könnte – doch ich greife ins Nichts und die Füsse verlieren den Halt auf dem Flachdach.
Die Gestalt, die mir einen Stoss gegeben hat, fällt aus meinem Blickfeld. Die Hochhäuser rund um mich herum werden höher und mächtiger. Paläste aus Glas, gefüllt mit Menschen, die nicht wertschätzen, dass sie dort sein dürfen. Jetzt kippen auch die Wolkenkratzer aus meinem Blickfeld und ich halte mich fest an den weissen Wolken, die den graublauen Himmel durchschwimmen. Nichts als Wolken und Himmel. Wolken. Und Himmel.
Ich spüre, wie ich mich entspanne. Beinahe angenehm, wäre nur nicht dieser eisige Luftzug, der an mir vorbeipfeift.
Dann ein Schrei. Oder sind es mehrere?
Mein Blick verschwimmt. Es wird dunkel. Ich sehe sein Gesicht. Die zu einem schiefen Lachen verzerrte Miene brennt sich ein.
Trotzdem fühle ich mich leicht. Unglaublich leicht.

III
Ich will etwas sagen, doch anstelle von Worten kommen nur warme Luft und ein Röcheln zwischen meinen Lippen hervor.
Ich packe seine Hände hinter mir, reisse, zerre, doch sein Griff lockert sich nicht. Ich kratze seine Haut auf, bis ich etwas Warmes, Feuchtes spüre – doch die Klammer löst sich nicht. Also greife ich an meinen eigenen Hals, versuche die raue, kalte Drahtschlinge zu fassen, die sich dadurch nur noch enger zusammenzieht. Die Haut brennt, da, wo sie aufgerissen ist, spüre ich Blut. Es mischt sich mit dem seinen, das unter meinen Nägeln klebt.
Ich bilde mir ein, die Lungenbläschen platzen zu hören, zu fühlen, wie die Speiseröhre langsam eingedrückt wird.
Der Kopf hämmert. Wie lange geht das nun schon? Mein Blick verschwimmt. Es wird dunkel. Doch es gelingt mir, die tränenden Augen wieder einen Spalt zu öffnen. Das Wohnzimmer sieht aus, als stünde es unter Wasser. Die strengen Muster der zugezogenen Vorhänge sind verwischt, und das Licht der Stehlampe daneben wirft einen schimmernden Nebel über das düstere Zimmer.
Meine Glieder werden müde. Die Beine spüre ich schon gar nicht mehr. Die Finger gleiten kraftlos von meinem Hals. Ich versuche noch einmal zu sprechen, zu bitten, zu betteln, doch es kommt nichts aus mir heraus. Ein dunkler Schatten schleicht sich in mein Sichtfeld. Von mir aus. Ich habe nicht mehr die Kraft, gegen die Ziele anderer anzukämpfen. Ich entspanne mich, und für einen kurzen Augenblick fühlt es sich an, als würde der Druck um meinen Hals gelockert. Dann wird mein Kopf mit einer fast schon unanständigen Sorgfalt auf den kalten Boden gelegt.